Gegen das Wir

Ein kleiner Denkanstoß zum Repräsentationsprinzip – was maßen wir uns an, wenn wir für andere sprechen?

M steht an einem Redner*innenpult. Es trägt einen blauen Hut.

Ich will nichts repräsentieren. Dafür bin ich mir zu wichtig.

Wenn du für jemanden sprichst, nimmst du ihr die Stimme weg, und dir die Identität. Sie wird stumm, aber nur, wenn du zu ihr wirst – sonst wird sie sich ganz schnell beschweren.

Wir reden so schnell von Gruppen, aber meinen immer nur eine Einzelne. Aber die Einzelne, an die wir denken, wenn wir von einer Gruppe reden – weder gibt es sie, noch ist sie in der Gruppe drin.

Eine Gruppe ist das, was zwischen Menschen gesagt wird, und was sie nicht sagen müssen. Das Gegenteil einer Gruppe ist nicht eine andere Gruppe, sondern was die Menschen sich nicht trauen zu sagen.

Wenn jemand sagt “ich spreche für die Gruppe”, dann wird sie scheitern.

  • Sie wird versuchen zusammenzufassem, was zwischen den Menschen gesagt wurde. Aber es waren viele Menschen, und sie ist nur eine. Deswegen wird sie nur weniger sagen können.
  • Was in der Gruppe nicht gesagt werden musste, wird sie nicht sagen können. Sie wird keine Worte dafür finden.
  • Das schlimmste aber ist das, was sich die Menschen in der Gruppe nicht zu sagen trauen. Sie wird darauf angesprochen werden, weil außerhalb der Gruppe traut man sich, es zu sagen.

Heute sind wir die Öffentlichkeit gewohnt, aber sie ist keine Gruppe – denn Gruppen sind nie größer als vielleicht 200 Menschen. In der Öffentlichkeit können wir nicht miteinander reden. Immer wenn mich jemand hört, wird er mich falsch verstehen. Denn ich bin nicht ich.

Wenn ich mir anmaße, für dich zu sprechen, dann nimm mir das Wort, und sprich für dich selbst. Erst dadurch wirst du zu jemandem. Zu jemand falschem, aber irgendjemand muss man ja sein.

Aber bitte, lass uns miteinander reden.


Der Text ist schon etwas älter. Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass ich an diesem Anspruch regelmäßig scheitere. Wie man am Titelbild sieht.

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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