1 Wirklichkeit der #Fantasie

Die Macht der Ideen über die Welt der Körper war schon immer ein großes Thema in der #Philosophie. Jahrhundertelang hielten grauhaarige Männer die Idee als die dominante Kraft hinter allem hoch.

Kein Wunder, dass man sie nicht ernst nahm – jede*r Bäuer*in rechnete sich aus, dass sier sofort behaupten würde, Äcker würden die ganze Welt bestimmen, und die Schäfer*innen sicher die Schafe für das höchste hielten.

Für die breite Masse fing der Siegeszug der Ideen erst mit den bahnbrechenden Erfindungen der zwanziger Jahre an. Ohne anfassbar zu sein, konnten die meisten Menschen mit Konzepten wie dem Virtuellen, dem Gedachten, der Vorstellung an sich nicht viel anfangen.

Erst als die Augmentierte-Realität-Brille (#ARBrille) auf den #Markt (gepriesen sei er) gebracht wurde, und für die Durchschnitts-Konsument*innen erschwinglich wurde, bekamen Ideen, Konzepte, Abstraktionen eine Gestalt. Seitdem sind auch für Nicht-Philosoph*innen Dinge wie „die Idee an sich“ oder #Dialektik nicht nur Black Boxes, sondern etwas, womit man in den Channels der Jugend gespielt hat.

Wo mensch solche Konzepte früher noch aus Texten gewann, die von 2D-Bildschirmen abgelesen wurden, machte die ARBrille alles zu einem Bildschirm, und ermöglichte es uns, Hologramme von allem zu denken, in vierdimensionale Formen zu pressen und in unser tägliches Leben einzugliedern. Durch die ARBrille sahen wir nicht nur den materiellen Teil der Welt, sondern auch die digitale Ebene, in der wir alles visualisieren konnten, was unsere #Fantasie hergab.

Viele verschiedene Wege, mit der neuen Ebene der Realität umzugehen, sind daraus erwachsen. Einige begannen sofort, dass selbstdarstellerische Element der Technik zu nutzen und entwarfen Kleidung, die je nach Blickwinkel, Stimmung, #Sponsor, Wetter anders aussah.

Andere legten Wert darauf, die Welt durch ihren eigenen Filter zu betrachten, und ließen sich die Welt so darstellen, wie sie sie am liebsten hätten. Apps, die die Städte in Dschungel verwandelten, oder sämtliche Passant*innen wie Orks erscheinen ließen, eroberten die Rankings.

Die #Companies bauten die virtuelle Ebene sofort in ihre Produktionsprozesse ein; Design bekam eine völlig neue Bedeutung, als die Ideen für Prototypen bereits im Team visualisiert werden konnten. In den Creative Studios der AAA-Companys wurden die, die am intuitivsten mit den ARBrillen umgehen konnten, zu den Schöpfern der neuen Welt.

Die Hauptanwendung der ARBrillen liegt natürlich woanders. Die Bilder, die die Augmentierte Realität perfektioniert haben, und den Großteil der digitalen Ebene ausmachen, sind die Memes, die die #Werbung, auch als #Kunst bezeichnet, ausmachen.

Die gesellschaftskritischen Stimmen, die zu Beginn noch eine Sphäre der autonomen Kunst forderten, wurden bald von den Demonstrationen der #proVerwertung-Bewegung übermannt, die das Recht auf Selbstverwertung forderten.

Die damaligen Künstler*innen betonten ihre Freiheit vehement, doch als klar wurde, dass die meisten von ihnen bereits für die Werbeindustrie arbeiteten, wurde ihre Forderung nach Autonomie immer lächerlicher. Die #wertloseHeuchler-Kampagne gab der autonomen #Kunst dann den Rest, und kostenlose #Kunst wurde mit dem Aesthetic Competition Agreement endgültig als wettbewerbsstörend verboten.

So ist Kunst/Werbung heute das bestimmende Merkmal der AR. Jede*r ist nun 24/7 von #Kunst umgeben. Nie war eine solche Dichte an Ästhetik erreicht wie im neoliberalen Zeitalter, in der jede*r sich an dem allgemeinen Schauen beteiligt, und so den Kreislauf der Verwertung (gelobt sei sie) aufrechterhält.

Was für ein Wandel liegt diesen Entwicklungen jedoch zu Grunde? Was bestimmt das Medium, dass unsere Lebenswelt formt?

Ein wesentliches Merkmal ist, dass #Fantasie und Wissen miteinander verschwommen sind. Als die Gesamtbevölkerung, und nicht nur ein elitärer Kreis an Akademiker*innen, Zugang zu abstrakten Konzepten wie kontextabhängiger Wahrheit und höherer Mathematik erhielt, einfach indem sie sich als Haushaltsgegenstände in ihren Alltag eingliederten, als die Philosoph*innen ihren Wettbewerbsvorteil im Gebiet der #Philosophie nicht mehr mithilfe von komplizierter Sprache aufrecht erhalten konnten, begannen sich auch die Ziele der gemeinhin als #Philosophie bezeichneten Tätigkeit zu verschieben.

Ziel ist heute nicht mehr, zu ergründen „was ist“, sondern vielmehr, was „sein könnte“. Als die Ideen endgültig begannen, die Sphäre der Körper zu überlappen, begann die #Fantasie ihre Dominanz über 1 Wirklichkeit zu realisieren.

Es geht dabei nicht darum, das „sein könnte“ wahrzumachen – jedenfalls nicht im alten Sinn der utopischen Ideologien. Viel mehr hat nun jede*r selbst die Möglichkeit, die Welt so zu sehen, wie sier will. Damit wird das „sein könnte“ wahr, oder zumindest zu 1 Wirklichkeit.

Auch ich wundere mich immer noch, wenn ich merke, dass man die ARObjects nicht im Spiegel sieht, und zucke zusammen, wenn jemand durch eine der Projektionen läuft, die nur ich gerade sehe.

In solchen Momenten wird einem immer ein bisschen klar, dass die eigene Wahrnehmung nur 1 Wirklichkeit abbildet – doch war es nicht immer so? Auch vor der ARBrille haben sich die Leute darüber gewundert, was für andere verletzend wirken kann, und % Paare wunderten sich, wenn dier andere ein Problem ganz anders als sier selbst sah.

Was aber ist das tatsächliche Wesen der ARBrille, um eine antiquierte Frage zu stellen?

Der reine, destillierte Zweck der ARBrille ist es, uns eine Realität zu zeigen, die immer schon da war. Die virtuelle Ebene visualisiert die Sphäre der Konnotation, was wir über die Körper denken, und macht unsere Ideen wahr und gibt uns die Macht über sie.

Die Welt ist unsere Version davon, so wie wir sie uns konfiguriert haben. Unsere #Fantasie obsiegt über die Tatsachen, und wird damit zum bestimmenden Faktor der Welt, bestimmt sogar über die Objektivität der Mathematik.

#Fantasie ist der Trumpf der Menschheit, nicht in Abgrenzung zum Tier, sondern zur Maschine. #Fantasie ist der neue Humanismus, der die KI erzittern lässt. #Fantasie steht sogar über Preis und Wert; denn sie ermöglicht 1 Wirklichkeit erst.

Diesen Essay habe ich am 30.6.2036 für unser “Philosophie des Alltags”-Seminar geschrieben.
Historische Perspektive: 2036, mit allen historischen Entwicklungen seitdem.
Literarischer Duktus: 2036, um die Lesegewohnheit der heutigen zu strapazieren.
Philosophischer Anspruch: 2016, wo klare Definitionen regieren. Wo die Ideen das Gefängnis des Kopfes und der Wörter noch nicht verlassen haben, sich aber vom Körper unabhängig glauben.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *