Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 42

Thorn

Sein neues Büro war ziemlich verstaubt. Thorn hatte die Gerichtshalle bis jetzt noch nicht benutzt, seine Leute hatten das Blut immer noch nicht weggekriegt. Und wenn jemand tatsächlich mal etwas von ihm wollte, dann würde er den Weg zu seinem Büro sicher auch finden.

Bis jetzt war das allerdings noch nicht passiert. Thorn hatte die drei Stunden, die er sein Amt nun innehatte, damit verbracht, ein paar Akten durchzusehen und die Schatzkammer zu betrachten. Die war immerhin nicht vollkommen leer. Darn hatte wohl keine Gelegenheit mehr gehabt, auch das restliche Geld aus dem Fenster zu werfen.

Mal sehen, wen ich damit alles bestechen kann.

Während er gerade die Karte des Bezirks studierte, um sich einzuprägen, wo er eine Revolte gut würde abwehren können, klopfte es an der Tür.

„Herein!“

Ein herkömmlicher Beamter, der ihm völlig unbekannt war, betrat sein Büro respektvoll. „Hallo, ich bringe Euch die Kopien der Sterbeverzeichnisse der letzten fünf Jahre, damit sie die Toten aus den Steuerunterlagen löschen können. Aber denkt gar nicht erst daran, ein paar Tote hinzuzufügen, wie gesagt, das sind nur die Kopien, und auch die Steuern von angeblich Toten gehören in die Staatskasse.“ Er zwinkerte ihm zu, legte die Unterlagen auf den Tisch und drehte sich in Richtung Tür. Kurz bevor er ging, sagte er: „Ach ja, und ihr seid ja neu, ein Freund hat einen Brief zwischen die Seiten gesteckt. Ihr dürftet ihn besser kennen als ich.“ mit diesen Worten verließ er das Büro.

Thorn ahnte Böses, als er den Brief fand und öffnete.

„Morgen im Lauf des Tages wird eine Revolte der ehrbaren Diebe im achten Bezirk stattfinden. Es wird einen direkten Angriff auf Euer Amt geben. Stationiert Eure Miliz außerhalb des Gebäudes, aber haltet im Innern Schilde bereit. Wenn auf den Dächern Bogenschützen zu schießen anfangen, sollte die Hälfte Eurer Leute nach innen gehen und die Schilde holen, und der Rest auf die Passanten auf dem Platz einstechen, das sind allesamt verkleidete Diebe. Eure Leute sollten so schnell wie möglich mit Schilden ausgerüstet werden, dürfen aber nicht ins Innere des Amts fliehen. Dann wird eine bewaffnete Bande von Dieben angreifen, während der Pfeilbeschuss weitergeht. Sobald diese Bande sie angreift, bildet einen Schildwall und haltet die Diebe auf Abstand, das hat die Miliz in der Akademie gelernt, keine Sorge. Das wird die letzte Welle. Und macht keine Anstalten, die Bogenschützen auszuschalten, das sind unsere Leute. Gebt diese Instruktionen erst an Eure Leute weiter, wenn sie Soldat 11 und 26 in Eurem Kerker untergebracht haben, die schulden dem Diebeshauptmann Mitch noch einen Gefallen.“

Der Brief war mit einem ‘H’ unterschrieben. Thorn seufzte.

Man kann Marcin zumindest nicht vorwerfen, dass er trödelt. Aber dass er einfach über meinen Kopf hinweg darüber entscheidet, wann und wo die Revolte stattfindet, ist inakzeptabel. Ich muss ihm wohl mal klar machen, wer hier das Sagen hat. Aber erst musste er wohl seine Miliz auf den morgigen Tag einstimmen. Er ließ den Feldwebel in sein Büro rufen.

„Feldwebel?“

„Sir, Angetreten!“

„Ich habe einen beunruhigenden Spionagebericht erhalten. Hier, lesen Sie.“ Thorn gab ihm den Brief. Der Feldwebel hielt ihn unschlüssig in den Händen. „Sie können doch lesen, Feldwebel?“

„Sir, Ich kann vierundvierzig Liegestütze am Stück und habe mal den Speer von Soldat 4 mit einer Hand zerbrochen!“

Thorn vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Das darf, das darf einfach nicht wahr sein.

„Bringen Sie mir einen ihrer Leute, der lesen kann, aber, zuhören, nicht Soldat 11 oder 26, verstanden? Lesen ja, 11 oder 26 nein. Verstanden?“

„Sir, Magister, Sir!“

„Wegtreten.“ Thorn liebte dieses Wort jetzt schon.

Wenig später stand ein ziemlich junger Soldat vor ihm, seine graue Weste war ihm ein Stück zu groß, und es sah aus, als hätte er seinen Speer unten etwa fünfzehn Zentimeter abgesägt. Aber er sah zumindest ein wenig sympathischer aus, und sein Blick war nicht so leer wie der seines Vorgesetzten.

„Sir, Sie brauchen jemanden, der lesen kann?“

„Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“

„Soldat 13 ist mein Name.“

„In Ordnung. Sie haben eine Schule besucht? Haben Sie auch etwas Ahnung von Taktik?“

„Ja, ich bin bei der Offiziersprüfung durchgefallen, weil ich das Wetttrinken nicht bestanden habe, aber ich habe sowohl einen regulären Schulabschluss als auch die Offiziersschule besucht.“

„Wetttrinken? Wollen Sie mir sagen, dass Trinkfestigkeit eine notwendige Fähigkeit von Offizieren sein muss? Was ist mit dieser Stadt nur los? Kein Wunder, dass die Diebe hier die Straßen kontrollieren und ein religiöser Orden, der sich gegen aufgeklärte Bildung stellt, für die Schulen verantwortlich ist.“

„Sir, Magister, Trinkfestigkeit ist essenziell für einen Offizier! Ein Offizier, der nach einer Flasche Soldatenfusel nicht mehr kommandieren kann, ist ungeeignet, auf dem Schlachtfeld einen klaren Kopf zu bewahren.“

„Nein, hier läuft das ab heute anders. Ihr seid die Miliz des achten Bezirks und mir persönlich unterstellt. Sie sind hiermit zum Kommandeur der Miliz des achten Bezirks ernannt, ich werde das gleich noch vor Ihren Leuten wiederholen. Der Feldwebel 1 sei Ihr Adjutant. Und jetzt lesen Sie diesen Brief durch.“

Der Soldat lief vor Freude rot an. „Meinen Sie das ernst, Magister, Sir? Ich werde Sie nicht enttäuschen, Sir!“ und ergriff den Brief. Als er ihn gelesen hatte, war sein freudiger Gesichtsausdruck jedoch einer konzentrierten Miene gewichen. „Erschreckend, finden Sie nicht, dass gute Spionage den Ausgang einer Schlacht viel eher entscheiden kann als das Können des Kommandeurs oder der Soldaten… Nun, ich werde das beherzigen und sofort eine Verteidigung bereitstellen, sowie die beiden Spitzel wegsperren.“

„Nein, nein, das geht zu schnell – die dürfen nicht ahnen, dass wir wissen, was los ist. Für heute schickst du alle nach Hause bis auf fünf Leute, 11 und 26 schickst du auch nach Hause. Dann gehst du mit drei Soldaten los und kaufst Schilde für alle, außerhalb des achten Bezirks, achtundzwanzig müssten das dann sein, ohne 11 und 26. die schaffst du nachts ins Innere. Und morgen früh dann lässt du die beiden Spitzel wegsperren, ohne dass die Diebe Verdacht schöpfen, aber lass sie leben, wir brauchen die noch eines Tages. Dann gibst du dem Rest deiner Leute die Instruktionen für die Schlacht weiter.“

„Sir, Magister, Sir!“

„Ich bin zuversichtlich, dass du einiges hierbei lernst, viel Erfolg bei deinem ersten Kommando, ich denke, du hast noch einiges vor dir. Wegtreten.“

Author: Nami

Nami is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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