Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 41

Marcin

„Und darum ist jetzt unser Zeitpunkt, um zuzuschlagen!“

„Offener Kampf gegen die städtischen Milizen? Das ist der Grund, warum wir nicht mehr dich angreifen sollen?“ Der Hauptmann links von ihm lächelte spöttisch. „Da musst du dir schon was besseres einfallen lassen, um einen Friedensvertrag auszuhandeln.“

Marcin schnaubte. Er war im achten Bezirk und traf sich mit den Hauptleuten der ehrbaren Diebe. Es gab hier drei verschiedene Banden, die ohne klare Vorherrschaft ums Territorium stritten. Gerade setzten sie Marcins Leuten empfindlich zu – neue Hauptleute wurden immer getestet. Die ersten Wochen hielten nur die durch, die wirklich zu dem Job taugten.

„Es geht mir doch nicht allein um Frieden mit euch, im Gegenteil. Ich drücke mich nicht vor einem Kampf. Nein, es geht um Krieg mit den richtigen Leuten. Die Diebe hier in Lagon haben lang genug damit verbracht, sich untereinander zu bekriegen, und einen wichtigen Punkt vergessen – nicht wir nehmen uns gegenseitig das Geschäft weg. Wer sind die reichsten Männer der Stadt?“

„Naja, direkt hinter der Loge kommen die Magister, die sich selbst bereichern.“

„Genau, alles was wir können, ist den Verzweifelten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Denen, die ihre Sorgen mit Brocken und Weib stillen wollen, denen, die zu uns kommen, um Gefallen einzufordern. Denen, die ihre Steuern, ihre Miete, ihre Rechnungen eh schon nicht bezahlen können. Und warum? Weil die Magister sich alles unter den Nagel reißen! Wir bekommen doch nur die kümmerlichen Reste vom Kuchen.“

„Kuchen, Mann, Kuchen wäre absolut nicht schlecht!!“ grölte Tarek, der Hauptmann ganz rechts, im Brockenrausch. Er war der jüngste von ihnen, noch keine zwanzig, aber anscheinend brutal genug, um sich neben den anderen zu behaupten. Er räkelte sich auf seinem Stuhl und starrte glasig auf den Tisch, der in der Mitte stand. Auf dem Tisch lag eine selbstgezeichnete Karte des achten Bezirks.

Khan, der Hauptmann in der Mitte, ein grober Mann Anfang zwanzig, mit mehrfach gebrochener Nase, fragte: „Und wie reißen wir uns den Rest vom Kuchen unter die Nase, alter Mann? Willst du sie einfach überreden, es dir zu geben? Willst du es gegen deine grauen Haare tauschen?“ Tarek brach in seinem Rausch in ein grollendes Gelächter aus. Marcin lachte gezwungen mit.

„Nein, wir fangen einfach an, diesen Bezirk offen selbst zu regieren! Steuern sind doch nur ultimative Schutzgelderpressung. Und die Steuereinnahmen bekommt die Regierung, richtig? Dann werden wir eben unsere eigene Regierung! Gründen wir unsere eigene Republik auf dem Boden des achten Bezirks! Wo wir nach unseren Gesetzen leben – nach unseren Gebräuchen, und ohne dass uns irgendein anderer in unsere diebischen Belange hineinpfuscht. Ihr haltet den Bezirk doch schon seit Jahren am laufen, ihr wisst doch, wie man regiert, den Leuten zuhört und so, Gericht hält, und vor allem wie man ihre Kohle abgreift. Nur wenn wir sagen, wir sind die neue Regierung des achten Bezirks, können wir uns alle Steuereinnahmen nehmen, nicht nur den Teil, den die Milizen übrig lassen.“

„Und diese Steu – Verdammt, Mitch, warum benutzt der immer so lange Wörter?“ der rechte Hauptmann rammte seinen Dolch in den Tisch. „Verdammt, Mark, oder wie du heißt – wenn du nochmal lange Wörter benutzt, rasier ich dir die grauen Haare damit weg.“

Mitch, der Hauptmann links von Marcin, war mit Mitte zwanzig der älteste der drei. Und auch der intelligenteste: „Und wie stellst du dir das bitte vor? Der Rat Lagons stellt die Magister, und ich glaube, das würden die auch gerne so beibehalten! Ich meine, die Milizen im achten sind zwar scheiße, aber das können die sich nicht bieten lassen, was ist, wenn die mit den Vier Divisionen kommen? So viele Männer haben wir auch nicht.“

„Ach, unser Freund Marcin hier erschreckt sie mit seinen Altersflecken! Schaut her, wie ich nicht mehr gerade pissen kann!“ Khan imitierte einen alten Mann und tat so, als würde er in hohem Bogen quer durch den Raum pissen, er erntete schallendes Gelächter von seinen Kollegen.

„Ganz einfach – habt ihr schon einmal was von Guerillataktik gehört? Immer wenn irgendwo drei, vier Soldaten unterwegs sind, stechen wir die schnell ab und verstecken uns in einem der Häuser, tun so, als wären wir normale Bürger. Und wenn ihnen das zu bunt wird, und sie die große Division ins Feld schicken wollen, haben sie keinen mehr zum angreifen – jeder könnte der Feind sein, und die können ja nicht den ganzen Bezirk abschlachten. Und die Bürger sind ja jetzt schon auf unserer Seite. Die haben auch keinen Bock mehr, Steuern an Lagon zu zahlen. Wir Diebe regieren hier doch schon seit Ewigkeiten. Wir halten Gericht und helfen den Armen. Das heißt, wir können auf die Unterstützung der Leute zählen. Die können uns jederzeit verstecken, wenn die Armee anrückt. Und sie können die ja nicht einfach hier stehen lassen – die ganze Division über Wochen hinweg hier zu stationieren, in ständiger Gefahr? Das kostet, das ist denen viel zu teuer. Wir beziehen das Magistergebäude einfach, sagen den Leuten, sie sollen die Steuern zu uns bringen, wir sind der neue Magister! Und bis die Armee auftaucht, sind wir wieder in unseren Verstecken, zusammen mit den Steuereinnahmen.“

„Steu-nahmen? Ist das dasselbe oder was anderes wie das Wort vorhin?“ Tarek blickte ihn misstrauisch an – konnte aber vor den anderen nicht zugeben, dass er den Rest des Plans auch nicht ganz verstand.

„Ist ja gut, mit dem Kuchen! Wir sind wieder in unseren Verstecken, zusammen mit dem Kuchen.“

Mitch hakte nach: „Du sprichst von ‘wir’ – was meinst du damit, Marcin? Du willst der vierte Clan im achten Bezirk werden? Du kriegst nichts von unserem Kuchen ab.“

„Nein, Mitch, ich habe viel größere Pläne – warum sollten wir uns mit dem achten Bezirk begnügen? Nachdem wir den achten unter Kontrolle haben, ist natürlich der siebte dran. Ich helfe euch erst beim achten, wer weiß, ob ihr das alleine hinkriegt. Und dann nehmen wir uns den siebten vor, und teilen die Steuereinnahmen aus beiden Bezirken durch vier! Aber wir können das nur schaffen, wenn wir zusammenarbeiten.“

„Und genau unser Bezirk soll zuerst dran kommen? Da wittere ich doch etwas. Warum nehmen wir nicht erst den siebten auseinander und lassen das Risiko bei dir?“

„Wie dir vielleicht aufgefallen ist, habt ihr bereits keinen Magister mehr. Das klingt doch nach einfacherer Arbeit, nicht? Eine Sache weniger, um die wir uns kümmern müssen. Der achte Bezirk ist bereits destabilisiert“ – wütender Aufschrei des rechten Hauptmanns, aber der mittlere hielt ihn zurück – „und wir können hier einfach in die Halle marschieren und unseren Staat ausrufen. Vielleicht noch ein paar Vorbereitungen, wir brauchen Informationsplakate, von wegen ‘gebt eure Steuern uns, wir sind die neuen Magister’ und Plakate mit den neuen Gesetzen, die wir noch erlassen müssen. Und dann können wir praktisch losregieren! Unsere ersten Gesetze sollten in die Richtung gehen: es ist nicht mehr verboten, offen Waffen zu tragen, Brocken zu nehmen, und Prostitution wird erlaubt, solange sie in Bordellen stattfindet, die sich eine Lizenz bei uns kaufen. Ansonsten hat jeder Dieb mit Mütze polizeiliche Befugnisse. Und was euch noch so an Gesetzen einfällt! Ich würde sagen, wenn das eine Republik der Diebe werden soll, stimmen wir vier immer über neue Gesetze ab. Auf dass goldene Zeiten anbrechen! Die Steuereinnahmen sind ja gar nicht mal das Beste – wir wären verdammte Staatsmänner! Schluss die Zeiten, in denen man als Dieb beschimpft wurde – Magister klingt schon nach einer schöneren Beleidigung, oder?“

„Pff, und wer ist dann der Magister? Wenn ich hier genau hinsehe, sind wir vier Leute, und es gibt nur einen Magister pro Bezirk. Du willst sicher der Magister des siebten werden…“

„Nein, viel besser – wir sind alle vier gleichberechtigte Magister. Über alles stimmen wir ab, und jeder hat eine Stimme, die gleichviel wert ist. So ist keiner benachteiligt.“

Mitch grunzte zufrieden. „Also ich finde den Plan gut, Jungs. Marcin mag ein alter Sack sein, aber umso mehr Kuchen bleibt für uns, sollte er in Rente gehen! Außerdem ist er… clever.“

Khan und Tarek stimmten ebenfalls zu. Sie stießen mit Wein auf ihr neues Bündnis an. „Dann lass uns mal losgehen, schauen wir uns unseren neuen Arbeitsplatz doch mal an!“ Mitch schnappte sich seinen Mantel.

„Verdammt, hast du gerade Arbeit gesagt!? Wenn ich gewusst hätte, dass das auf Arbeit hinausläuft, wäre ich nicht Dieb geworden!“ Doch Tareks Einwurf war nicht ernstgemeint.

Marcin kam plötzlich ein Gedanke. Er sprach Tarek an: „Ach Leute, wo wir gerade so schön beisammen sitzen, ich habe gehört, du hast in einem deiner Bordelle ein Mädchen namens Magda… ich interessiere mich für sie, kann ich sie dir nicht vielleicht abkaufen?“

Der Dieb lachte und klopfte ihm brüderlich auf die Schulter. „Magda? Die kannst du haben. Achtzig Flammlinge? Weiß nicht, was du an der findest, ihre besten Jahre hat die sowieso schon hinter sich – ach ja, du bist ja auch schon so ein alter Sack!“

Das Versteck, in dem sie sich getroffen hatten, war nur ein paar Straßen vom Ratsgebäude entfernt. Sie plauderten ein bisschen über Gesetze, die sie erlassen könnten, und wie sie sich die Gunst des Volkes erhalten könnten – öffentliche Partys, ohne die Beschränkungen der normalen städtischen Feste gehörten zu den besseren Vorschlägen.

Sie hatten keine gesonderte Eskorte dabei, immerhin waren sie die mächtigsten Diebe der zwei Bezirke – und ein jeder in der Bevölkerung würde ihnen grundsätzlich helfen, in der Gewissheit, dass sie sich in ihrer Diebesehre erkenntlich zeigen würden.

Und sie begegneten auf ihrem Weg auch nicht einmal einer Miliz – erst, als sie auf den Platz vor dem Ratsgebäude traten. Irgendjemand hatte hier die Hölle losgetreten – die letzten Tage war die Gegend hier noch vollkommen ausgestorben gewesen. Ohne Magister gab es keinen Grund, sich hier aufzuhalten, und kein Geld, um Soldaten zu bezahlen. Doch nun wimmelte der Platz vor dem Gebäude von Soldaten; es waren die schlecht ausgerüsteten Milizen des achten Bezirks, aber immerhin hatten sie sich alle auf einem Fleck versammelt. Marcin stutzte. Am Eingang des Amtsgebäudes entdeckte er Thorn zwischen den Milizionären.

Anscheinend hat Thorn schon seinen Dienst angetreten, dachte er. Um so besser, dann kann ich einen Kampf provozieren, in dem ich dann überhaupt jemandem in den Rücken fallen kann.

Die vier Diebe drängten sich sofort in eine Seitengasse und nahmen ihre Mützen ab.

„An das Mützenabnehmen müsst ihr euch auch etwas mehr gewöhnen“, sagte Marcin. „Nun, jetzt haben wir einen guten Grund, die Guerillataktik mal auszuprobieren. Meine Freunde, wie kann man eine vertraute Umgebung wie diese hier nutzen, um eine große Streitmacht zu zersplittern und einzeln anzugreifen?“

„In dem Haus da wohnt meine Tante“, meldete sich Khan zu Wort. „Und dort drüben, dem Mann habe ich mal ein Alibi verschafft.“

Marcin lächelte. „Wunderbar – also dürften sie nichts dagegen haben, wenn wir Bogenschützen auf die Dächer stellen, richtig? Diese Milizionäre haben nur Speere – die sind praktisch für einen eins gegen eins-Kampf, aber mit einem Bogen kann ein Milizionär nichts anfangen, die helfen nicht gegen einzelne Verbrecher. Beschuss, gerade von oben, haben sie also nichts entgegenzusetzen. Dann platzieren wir auf dem Platz noch eine Menge unserer Leute in Zivil, die nur darauf warten, den Milizionären, die von den Bogenschützen abgelenkt werden, einen Dolch in den Rücken zu stoßen und dann schnell zu verschwinden.“

Khan war begeistert. „Mann, Mitch, der Typ ist echt clever! So gefallen mir Kämpfe! Die werden keine Ahnung haben, was auf sie zukommt, Mann! Das könnte echt öfter so laufen.“

Mitch grinste verschwörerisch. „Also, in Ordnung, dann gehen alle, und sammeln ihre Leute und rüsten sie aus. Marcin, kannst du Bögen auftreiben? Hier im achten sind derzeit keine zu bekommen, und das war ja dein Plan. Wir stellen noch eine Eingreiftruppe mit Schwert und Schild zusammen, die aus den Häusern stürmen, sobald unsere ‚Zivilisten‘ aufgeflogen sind, und die dann den Rest aufräumen sowie die anderen aus der Gefahrenzone holen. Marcin führt die Bogenschützen, du“, hier deutete er auf Tarek, „machst die Zivilisten, Khan führt die Eingreiftruppe an. Ich selbst behalte den Überblick und koordiniere die Angriffe vom Dach aus.“

Der jüngste Hauptmann grinste. „Oh ja, direkt am Ort des Gemetzels, so habe ich es am liebsten!“

Marcin hingegen schaute ernst. „Alles klar, ich brauche etwa einen Tag, um die Bogenschützen zusammenzustellen. Stellt einen Spion hierhin, der uns informiert, falls sich an der Lage etwas ändert, oder der Bescheid sagt, wenn sie morgen nicht mehr da sind. Ihr kümmert euch um die Bewaffnung und Anweisung eurer Leute, und schickt einen zu den Häusern, von denen wir die Dächer brauchen. Wir treffen uns morgen in dem Versteck hier in der Nähe, und zwar, bevor unsere Leute ihre Positionen einnehmen. Einverstanden?“ Alle drei stimmten zu und gingen in unterschiedliche Richtungen davon. Tarek rief er nach: „und bring Magda mit, ja?“

Marcin selbst machte sich auf den Weg zurück in den siebten Bezirk, während in seinem Kopf ein Plan Gestalt annahm. Und kaum war er in seinem Hauptversteck, schickte er einen Boten zum Waffenhändler und einen zu Hakun.

Author: Nami

Nami is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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