Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 40

Thorn

„Deshalb schlage ich euch diesen talentierten Mann als neuen Magister für Bezirk acht vor. Er hat schon früher Verwaltungsaufgaben beim Orden übernommen, als er noch diesen Weg beschritt. Doch die weltlichen Freuden waren ihm wohl wichtiger.“

Arghan erntete vereinzeltes Gelächter.

„Außerdem ist er der einzige Kandidat, den ich für geeignet genug halte, um den achten Bezirk zu führen. Auf der Position zu überleben ist nicht einfach, wie man an Magister Darns tragischem Tod sehen konnte. Die Diebe werden ein immer größeres Problem. Doch mein Freund Thorn Hartlingen hat beim Orden einige interessante Verhörmethoden kennengelernt und auch schon selbst Brockenlabore ausgehoben. Ich denke, ihr könnt meine Wahl nachvollziehen, Freunde.“

Es störte Thorn, dass Arghan ihn nicht als „Thorn von Hartlingen“ vorstellte. Doch Arghan kannte die Umgangsformen im Rat besser als er, also fügte er sich. Und so geschickt, wie Arghan ihn anpreiste, konnte er sich echt nicht beschweren.

Thorn stand in dem Raum, den er schon insgeheim als seinen künftigen Arbeitsplatz betrachtete – der Ratshalle. Der Rat Lagons tagte gerade, um die Nachfolge von Alliser Darn zu bestimmen, dem tragisch verschiedenen Magister. Mit Abscheu betrachtete Thorn die aufgedunsenen Gesichter der mächtigsten – und fettgefressensten – Männer Lagons. Er nahm sich vor, eine strenge Diät einzuhalten, wenn er erst einmal auf einem dieser Sessel seinen Platz hatte.

Der Rat bestand ausschließlich aus Männern. Die Sessel waren im Halbkreis angeordnet, die Mitte war tiefergelegt. Dort standen die Bewerber auf das Magisteramt, wie sie dem Rat vorgeführt wurden. Der Patrizier saß in ihrem Rücken, dem Rat gegenüber, und hatte alles im Blick. Thorn spürte bereits seinen Blick im Nacken.

Er hoffte nur, dass der Patrizier seine Gedanken, Pläne, Träume und ehrgeizigen Ziele nicht aus seinem Kopf herauslesen konnte – er hätte wohl den Raum nicht mehr lebend verlassen. Er konnte sich nur darauf konzentrieren, gefasst, fokussiert, und vor allem knallhart zu wirken.

Die Blicke des Rates ruhten auf Thorn. Manche beunruhigten ihn mehr als andere – er wollte gar nicht wissen, was Hakun in ihm sah. Der Gedanke, was Hakun vielleicht über ihn wusste, vielleicht aber auch nicht, störte Thorn ungemein.

So alt und faul wie sie in ihren Sesseln saßen, musste Thorn sich hüten, sie nicht zu unterschätzen. Sie alle standen zwischen ihm und seinem Weg zur Macht. Einige hatten sich diesen Sitz hart erkämpft – Ratssitze wurden auf Lebenszeit vergeben. Und trotzdem war ein Sitz im Rat kein Posten, auf dem man sich gemütlich ausruhen konnte.

Bis vor zwölf Jahren war das noch anders gewesen. Bis die Loge der Innovativen Eliten die Abschaffung der Adelsprivilegien durchgesetzt hatte, entsandten die Adelsfamilien je ein Familienmitglied in den Rat. Neben dem Sitz des Ratsinquisitors natürlich, der schon immer vom Großinquisitor besetzt wurde.

Seit der Rat nicht mehr nur den Adligen vorbehalten war, wählte der Rat seine Neumitglieder selbst, nicht mehr die Familien. Dadurch konnte die Loge auch nichtadlige Aufklärer in den Rat bringen.

Nun war der Rat beunruhigt durch den jüngsten Mord. Magister Darn war nicht irgendein anonymer Toter – wer es wagte, einen Magister zu töten, würde auch vor einem Ratsmitglied nicht halt machen. Die Lage geriet außer Kontrolle. Sie wussten, nur ein harter Mann konnte den achten Bezirk unter seine Kontrolle bringen. Der Stadtteil sollte keinen Tag länger im Chaos versinken.

Besonders hart musste er nicht wirken neben seinem einzigen Mitbewerber: ein Bürokrat Ende fünfzig stand neben ihm. Er hatte kurze, dicke Beine, aber dünne Finger – Thorn erkannte den Schreibtischtäter auf einen Blick. Seine letzten Haare hatte er gewissenhaft über die Lücken gekämmt. Das täuschte natürlich niemanden.

Thorn verachtete solche Leute zutiefst – wie alle, die ihm im Weg standen. Doch unterschätzen wollte er ihn lieber auch nicht. Vielleicht hatte er über die Jahre im öffentlichen Dienst genug Feinde angesammelt, dass der Rat ihn einfach nur in einen sicheren Tod schicken wollte. Naiv genug schien er zu sein.

„Soso, ein ehemaliger Inquisitor? Mir war nicht bekannt, dass der Orden seine Leute gehen lässt, nur weil sie weltlichen Freuden nachgehen wollen. Ich dachte immer, diese Leute werden dann befördert und nicht entlassen.“

Der Einwurf kam von einem kräftigen Mann mit Farbe im Gesicht. Für ein Ratsmitglied sah er ungewöhnlich gesund aus, auch wenn er völlig kahl war. Arghan wollte zu einer Antwort ansetzen, doch Ratsinquisitor Callen stand mit wehender roter Robe auf und fuhr dazwischen. Callen war ein älterer Mann mit ebenso wenig Haaren, aber dafür wesentlich mehr Gewicht.

„Allerdings, den Orden hat er bereits enttäuscht, ich stelle mich gegen seine Wahl. Hartlingen ist definitiv nicht vertrauenswürdig!“

Arghan grinste spöttisch. „Ach, was hat er denn bitte getan? Der Rat hätte gerne Aufklärung über seine sogenannten Taten. Callen?“

Callen verzog das Gesicht. „Ich kann darüber keine Auskunft geben, das ist eine Orden-interne Geschichte. Hartlingen ist jedoch kein akzeptabler Kandidat, er hätte damals lieber gleich hingerichtet werden sollen.“

„Ach ja?“ Arghan schnaubte. „Oder Ihr wollt uns die Auskunft nicht geben, weil sie keinen Grund liefert, warum Thorn als Magister ungeeignet wäre. Oder Hakun, könnt Ihr uns vielleicht den Grund nennen, warum unser Bewerber den Orden verlassen musste? Ihr seid doch immer so gut informiert.“

Hakun meldete sich im Rat so gut wie nie zu Wort, soweit Thorn gehört hatte. Er trug einen unauffälligen Anzug, und obwohl er kaum an der Sitzung teilnahm, beobachtete er alle im Saal sehr genau. Doch als Arghan ihn ansprach, lehnte Hakun sich belustigt in seinen Sessel zurück und verneinte. „Ich will doch Callens Bedürfnis nach Diskretion nicht stören.“

Callen wich dem Angriff aus: „Vielleicht sollten wir uns erst einmal Herman, den anderen Bewerber anhören, der keine solchen Lücken in seinem Lebenslauf hat? Er hat außerdem viel mehr Erfahrung in der Verwaltung und kennt auch die weltlichen Gesetze, nicht nur die geistlichen wie Hartlingen.“

Dann begann er, den Bürokraten nach Lebenslauf und Fähigkeiten zu befragen, und Thorns Interesse schweifte ab. Diesem absolut nichtssagenden Idioten zuzuhören war einfach unmöglich. Herman erzählte irgendetwas über Vorschriften beim Viehhandel. Die hatte er sich bereits in seiner Kindheit im elften Bezirk überlegt. Weil die Beamtenstellung ihn von der harten Arbeit befreit hatte, glaubte er, dadurch zu höherem bestimmt zu sein.

Der merkt nicht einmal, wie ihn das disqualifiziert. Für einen höheren Posten braucht man eine dubiose Vergangenheit wie ich. Der arbeitet jahrelang im öffentlichen Dienst und hat immer noch nicht verstanden, dass man Dreck am Stecken haben muss, um mächtig zu werden? Ich habe mich geirrt – dieser Nichtsnutz hat hier keine Feinde. Der ist nicht gefährlich genug, um sich Feinde zu schaffen. Sein Glück, dass man fürs langweilen so selten den Löffel abgeben muss. Warum also will er einen Magisterposten, auf dem er keine zwei Tage überleben würde?

Seine Tirade war fertig, und Callen merkte bereits, dass sein Gegenbewerber nicht besonders gut ausgewählt war. Man sah in seinem Gesicht, dass er schon selbst zweifelte, ob Thorn nicht der bessere Kandidat wäre. Aber natürlich ging es hier nur vordergründig um die Eignung für den Posten – wichtig war nur, wer mehr seiner Freunde und Verbündeten in einflussreiche Positionen hieven konnte.

Thorn ergriff selbst das Wort.

„Meine Herren Ratsmitglieder – Das kann nicht Euer Ernst sein, dass dieser gewissenhafte und fleißige Mann für einen so riskanten Posten wie das Magisteramt verschwendet werden soll. Er hat eine natürliche Begabung fürs Verwalten – sich schon so jung Vorschriften auszudenken, mein Herr, Ihr habt meine Achtung.“

Er machte eine Kunstpause, damit sie seine ungewöhnliche Argumentationsweise würdigen konnten.

„Aber um seine gute Arbeit zu leisten, dazu hätte er im achten Bezirk nicht mal eine Gelegenheit. Dieser Bezirk hat ganz andere Probleme. Die Leute halten sich dort sowieso nicht an die Vorschriften. Die einzigen Gesetze, die dort durchgesetzt werden, sind die Gesetze der Diebe.“

Damit sie sich für den harten Mann entscheiden, muss ich die Angst vor den Dieben schüren.

„Seine Kompetenzen wären an solch einem Ort fürs erste verschwendet. Ganz abgesehen von Gefahr für Leib und Seele – der Bezirk ist frühestens in einem halben Jahr soweit, dass die Leute sich an eine Herrschaft mit festen Regeln und fester Hand gewöhnt haben. Gebt mir die Chance, diesen Bezirk zurückzueroben, und dann kann unser Freund Herman hier seine Reformen einführen. Dann soll er seine fortgeschrittenern Verwaltungstechniken anwenden, die ich zugegebenermaßen nie gelernt habe.“

Thorn mochte es nicht, seine Schwächen zu zeigen – aber wenn er selbst welche nannte, konnte er sich wenigstens aussuchen, welche seiner Makel in den Vordergrund traten.

„Erst müssen wir das Kriminalitätsproblem in den Griff bekommen. Darns Ermordung war doch nur ein vorhersehbarer Punkt in einer viel zu lange verleugneten Entwicklung! Ich habe die Diebe in meiner Zeit beim Orden bereits vielfach bekämpft. Ich kenne das Problem, ich kenne ihre Strukturen, ihre Organisation, ich weiß wo ich ansetzen muss. Aufgrund der mangelnden Steuereinnahmen hat der Bezirk kaum eigene Milizen. Die paar, die es gibt, sind miserabel bewaffnet. Das heißt, man kann die Diebe nur mit gezielten, kleinen Aktionen ausheben – nicht mit groß angelegten Kontrollen und öffentlicher Präsenz der Miliz.“

Arghan sah ihn bewundernd an. Anscheinend kommt es gut an, einen Anschein an Kompetenz zu wahren.

„All diese Dinge beherrsche ich. Beim Orden war ich für diese Dinge verantwortlich. Ich verspreche euch, meine Herren, in einem halben Jahr habe ich den Bezirk so weit, dass seine fortgeschrittene Wirtschafts- und Finanzpolitik funktionieren wird. Und dann können wir endlich etwas Wachstum in einem Bezirk erwarten – dass die Steuergelder dann endlich in die Stadtkassen fließen, statt in die der Diebe, muss ich ja wohl nicht erwähnen, oder?“

Thorn hatte während der Rede keine Pausen für möglichen Applaus gemacht, doch jetzt applaudierten einige der Ratsmitglieder. Steuereinnahmen kommen immer gut, dachte Thorn.

Sein Mitbewerber starrte ihn nach dieser Rede mit großen Augen an. „Meint Ihr wirklich, dass das Kriminalitätsproblem so schlimm ist? Meine Herren, in diesem Fall würde ich meine Bewerbung fürs erste auf Eis legen. Ich überlasse diesem Mann das Feld – ich glaube, er ist fürs erste die bessere Wahl. Ich werde mich in einem halben Jahr nochmal bewerben. Viel Glück wünsche ich Euch!“

Ratsinquisitor Callen legte sich die Hände vors Gesicht und rieb sich verzweifelt die Stirn. Der Patrizier ernannte Thorn zum neuen Magister von Bezirk acht und schloss die Sitzung. Die letzten Formalien wurden von den Bürokraten abgehandelt. Die Leute erhoben sich und schoben sich langsam in Richtung Ausgang.

Thorn wollte sich gerade Arghan zuwenden, da klopfte ihm Hakun auf die Schulter.

„Guten Morgen. Ich bin Hakun, vielleicht habt Ihr von mir gehört. Ich habe gehört, wir werden in Zukunft öfter miteinander zu tun haben. Ich wollte mich nur kurz persönlich vorstellen.“ Hakun grinste säuerlich. „Viel Erfolg!“

Als Hakun weiterging, musste Thorn unwillkürlich aufatmen.

Author: Nami

Nami is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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