Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 39

Marcin

Es war gar nicht so schwer gewesen, Hakun aufzufinden. Immerhin war er ein offizielles Ratsmitglied. Es war eine willkommene Abwechslung gewesen, einmal einen Verhandlungspartner nicht erst zwei Wochen beschatten zu müssen, bis man sicher sein konnte, wo der günstigste Ort für ein Treffen war.

Marcin konnte ihn einfach an seinem verdammten Arbeitsplatz besuchen – dort konnte Hakun es nicht riskieren, ihn plötzlich ermorden zu lassen. Er würde sich anhören müssen, was Marcin ihm zu sagen hatte.

Und so wartete Marcin einfach mitten auf dem Vorplatz des Rathauses auf Hakun, der demnächst von einer der Ratssitzungen kommen musste. Es waren nicht allzu viele Menschen da an diesem frühen Nachmittag. Am Rathausplatz befanden sich nicht die üblichen Geschäfte, Cafés und luxuriösen Saunen wie im sonstigen zweiten Bezirk, sondern nur ein paar langweilige bürokratische Institutionen. Banken, Geldwechselstuben und Spielhöllen – die in der Nähe ihrer reichsten Kunden besonders gut gedeihten. Im zweiten Bezirk wurde das Glücksspiel nicht von den ehrbaren Dieben, sondern von den Milizen kontrolliert.

Natürlich hatte er Rückendeckung für den Notfall mitgenommen. Fünf seiner besten Leute standen in der Nähe, lasen sich irgendwelche Aufschriftstafeln vor hohen, grauen Gebäuden durch und wirkten unauffällig. Zwei davon entdeckte er nicht einmal selbst. Und für den absoluten Notfall war auch noch Varg in der Nähe. Er hatte ein paar Borpulver bereit, falls es wirklich brenzlig werden würde.

Da sah er Hakun das Rathaus verlassen, ganz ohne Eskorte – Hakun pflegte, seinen Ruf für sich arbeiten zu lassen. Hakun wirkte nicht einmal besonders groß, was auch dadurch unterstützt wurde, dass er ein wenig gebückt ging. Er hatte einen feinen, aber unauffälligen Anzug an, der so ziemlich überhaupt keine Ausstrahlung hatte – der Meisterspion hatte in all den Jahren die Fähigkeit perfektioniert, niemandem zu genau aufzufallen. Selbst seine perfekt frisierten Haare konnten sich nicht entscheiden, ob sie braun oder blond waren.

Marcins Augen entging das nicht – er wusste allerdings auch, nach wem er suchen musste. Wenn Hakun ihm einmal auf der Straße aufgelauert hätte, hätte Marcin ihn wohl unter keinen Umständen rechtzeitig bemerkt. Heute war das aber nicht das Problem – also ging er einfach auf ihn zu und sprach ihn an.

„Hakun – ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt, aber wir haben ein paar Dinge zu bereden.“

Hakun hielt in seinem zielstrebigen Gang inne und drehte den Kopf leicht zu Marcin, wie beiläufig: „Nach meiner Uhr ist es halb acht, mein Herr. Ihr sucht eine gute Sauna? Ihr solltet dringend mal die von Mr Becket besuchen, am Wolkenfelden-Platz. Gerade gegen Abend sind sie besonders vorzüglich.“

Es war noch lange nicht halb acht. Hakun spielte wohl auf die Uhrzeit an, um die er sich gerne mit Marcin in der Sauna treffen wollte. Darauf wollte Marcin sich aber nicht einlassen. „Nein danke, mein Herr. Mein Cousin hatte in einer Sauna einmal einen schrecklichen Unfall, ich fürchte, ich fühle mich hier draußen sicherer. Ich würde allerdings sehr gerne mit Euch über die aktuelle Politik diskutieren. Das sollte auch in einem Cafe hier an einem der Außentische möglich sein, wo die Luft ein wenig frischer ist und man gut und frei atmen kann.“

Marcin erwiderte die adelige Anrede. Seinen Informationen nach kam Hakun keineswegs aus dem Adel – stattdessen hatte er sich von ganz unten hochgearbeitet, mit Vorsicht und Skrupellosigkeit. Doch offensichtlich sehnte er sich nach den Privilegien, die sogar der alte Adel selbst aufgegeben hatte. Das Spiel spielte Marcin gerne mit.

Hakun runzelte die Stirn. „Na gut, aktuelle Politik ist ja zufällig mein Tagesgeschäft, und ich habe doch immer ein Ohr offen für die Bedürfnisse meiner ehrlichen und rechtschaffenen Bürger. Welches Thema interessiert Euch denn besonders?“ Hakun steuerte auf das einzige Cafe zu, das am Rathausplatz einen Platz hatte finden können – der Besitzer war ein Cousin des Verantwortlichen beim Bebauungsamt gewesen.

„Die Situation mit der Kriminalität macht mir Sorgen. Ich habe Freunde im achten Bezirk. Sie sind besorgt über die Ermordung des Magisters… und sehen darin ein Zeichen für die ausufernden Aktivitäten der ehrbaren Diebe. Es scheint, als hätte die Stadt die Situation dort immer weniger unter Kontrolle. Die dort ansässigen Diebe beginnen bereits, ihre Finger nach anderen Bezirken auszustrecken. Besonders im siebten Bezirk muss man Angst haben, dass diese Unholde einem auflauern. Sie entziehen sich jeder Kontrolle und planen sogar, demnächst selbst einen Magister zu stellen – notfalls mit einem gewaltsamen Putsch. So müssten sie nicht mehr fürchten, dass die Milizen der Stadt Lagon ihnen die Geschäfte kaputt machen. Findet Ihr diese Situation akzeptabel?“

Hakun sah ihn gleichgültig an. „Und inwiefern befindet Ihr Euch in der Stellung, diese Gefahr auszuräumen? Oder hofft Ihr einzig auf die Hilfe der Stadt? Ihr wisst, wir können uns nicht um die Sorgen aller Bürger kümmern. Die Bedürfnisse der Rechtschaffensten haben naturgemäß Vorrang.“

Marcin grinste. „Oder meint Ihr nicht die der Reichsten? Nun, ich habe nicht vor, das Problem mit Geld aus dem Weg zu räumen. Ich setze auf gezielten Verrat. Und dieser Verrat wird Euch einige Vorteile bringen.“

Ein leichtes Lächeln blitzte kurz durch Hakuns gleichgültige Miene, er sah definitiv einen talentierten Mann vor sich. Hakun mochte Talent. „Erläutert mir, was Ihr meint.“

„Wenn ein ambitionierter junger Mann es satt hat, denselben Weg zu gehen, wie die meisten Diebe – nämlich den, nach einer schnellen und kurzen Karriere ebenso schnell in den ewigen Ruhestand einzutreten – dann überlegt er sich, in welcher Branche man es mit diesen Talenten ebenso weit bringen kann. Nun, warum haben gerade die besten Diebe so eine kurze Lebensspanne? Weil sie die Kontrolle verlieren. Nun, Hakun, Ihr seid doch ein Meister, wenn es darum geht, die Situation unter Kontrolle zu halten… und ich habe ein Interesse daran, dass das ein intelligenter und gut informierter Mann wie Ihr tut.“

Hakun hob die Augenbrauen. „Erst redet Ihr über Verrat und jetzt über Kontrolle. Ich komme langsam zu dem Schluss, dass das hier zu einem Date auswächst. Leider teile ich wohl keine einzige Eurer sexuellen Vorlieben. Keine.“

Marcin wurde schlagartig rot. Plötzlich wurde ihm klar, was es bedeutete, dem bestinformiertesten Mann der Stadt gegenüberzusitzen. Doch er fasste sich und fuhr fort. Er nahm sich vor, die Sprache etwas weniger blumig zu gestalten. „Nun, wenn die drei Hauptleute im achten Bezirk außer Kontrolle geraten, dann sollte man rechtzeitig jemanden dort platzieren, der die Gefahr im Keim erstickt. Ich glaube, wenn ich sie anstachle, einen eigenen Staat im achten Bezirk zu errichten, dann kann ich sie davon abhalten, sich mit mir zu beschäftigen. Stattdessen richte ich ihre Kräfte auf den neuen Magister. Der wird es zweifelsohne schwer haben. Nur, dass dieser Magister besser informiert sein wird, und eine Attacke ganz gut abwehren kann – während die drei Putschisten plötzlich merken, wie ihnen jemand in den Rücken fällt. Und schon sind die Clans des siebten und achten Bezirks unter meiner und damit unter Eurer Kontrolle.“

Hakun lächelte. „Mir scheint es, Marcin, Ihr verstehen Euer Handwerk. Nur verstehe ich nicht, wieso Ihr mir das erzählt. Ich wüsste nicht, inwiefern Euer Machtzuwachs meine Interessen bedient… im Gegenteil, das war ziemlich töricht. Immerhin wisst Ihr, wie es den Dieben ergeht, die zu erfolgreich sind.“

„Nun, Ihr wärt nicht mein größtes Problem, sollte ich diesen Schritt wagen. Diebe überall in Lagon wären aufgeschreckt, wenn ich ihren alten Traum von einem Staat der Diebe mit den Füßen trete. Viele verstehen nicht, wieso solch ein Staat nicht funktionieren würde. Außerdem würden sie sich schon ziemlich vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ich solch einen Verrat begehe. Ihr kennt vielleicht unser kompliziertes Ehrgefühl. Und deswegen brauche ich Euren Schutz – dafür, dass Ihr mit einem Schlag die Kontrolle über den größten Diebesclan der Stadt hättet. Und nebenbei klären wir den Mord an einem Magister auf.“

„Und führt auch direkt Urteil und Strafe aus, nehme ich an.“

„In der Tat. Nun, es ist in Eurem Interesse, Stabilität in der Stadt zu gewährleisten. Ihr sollt die allgemeine öffentliche Sicherheit hochhalten, besonders in den höheren Bezirken. Ich kann ihnen folgendes Zugeständnis machen: meine Bande wird in Zukunft darauf achten, dass unsere Wombats eine spezielle Ernährung bekommen, sodass das Brocken, das wir den Leuten andrehen, nicht mehr so aggressiv macht wie die derzeitigen Mischungen. Zusätzlich versprechen wir, unsere Verdienstquellen auf Verbrechen zu beschränken, die Euren reichen Freunden nicht schaden. Das macht diese Stadt zu einem erheblich sichereren Ort. Besonders die zwei Problemviertel sieben und acht. Deswegen, wegen Euren tatsächlichen politischen Zielen, lohnt es sich für Euch, mich zu unterstützen.“

Hakun blickte ein bisschen müde drein, aber das war nur Verhandlungstaktik. Marcin konnte sehen, dass ihn die Vorstellung anregte. „Ich habe auch jetzt schon Diebe unter meiner Kontrolle. Warum sollte ich ausgerechnet Euch die Chance geben, so mächtig zu werden? Die derzeitigen Clans im achten sind wenigstens unfähig.“

Marcin beugte sich vor und lächelte verschwörerisch. „Natürlich, aber was für ein Werkzeug hättet Ihr lieber? Diese Jungspunde, die allesamt keine zweiundzwanzig werden, nur auf Drogen sind und meistens noch nicht mal lesen können, oder einen erfahrenen Mann wie mich, der Ihnen auch zuverlässig die Kontrolle über zwei vollkommen verwahrloste Bezirke geben kann? Ich weiß, dass Ihr bereits mit einem von ihnen zusammenarbeitet – und sein Attentäter war ja nicht besonders erfolgreich. Solche Fehler von Untergebenen können Euch eines Tages das Leben kosten. Ein weniger vorsichtiger Mann als ich hätte sich vielleicht rächen wollen. Ich kann Euch garantieren, dass meinen Leuten so etwas nicht passiert. Außerdem habe ich einen Vorteil, den Ihr unter all Eurer Abgebrühtheit zu schätzen wisst – ich bin ein guter Mensch. Ich mag ein professioneller Krimineller sein, doch ich bin keiner der blutrünstigen Junkies, die derzeit den achten Bezirk in der Hand halten. Wenn in dieser Stadt tatsächlich eines Tages Stabilität und Sicherheit herrschen soll, dann braucht Ihr Leute wie mich – die verstehen, das so etwas dem Geschäft viel mehr nützt als das Chaos. Alles in allem – so schnell findet Ihr keinen anderen, der all diese Vorzüge in sich vereint. Wie findet Ihr den Vorschlag jetzt? Nicht zu vergessen – Ihr müsst nicht einmal etwas dafür tun.“

Hakun lächelte herablassend und stand auf. „Beweist mir erst einmal, dass Ihr etwas taugt. Zieht Euren Plan durch – ich werde Euch nicht stören. Lasst mich wissen, wann die Revolte stattfinden soll, ich leite das an den jeweiligen Magister weiter. Aber glaubt bloß nicht, dass ich Euch irgendwie zur Hilfe eile, wenn Ihr Euch verrechnet und Euer Plan auffliegt. Außerdem habe ich nie von Euch gehört, wenn Ihr mit einem Gesetzeshüter aneinandergeratet. Ich wünsche Euch dennoch viel Glück – ich schätze Eure professionelle Art. Macht was draus.“

Author: Nami

Nami is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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