Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 38

Dania

Sie hatte ihn schon von weitem kommen sehen. Wenn Marcin sie in ihrem kleinen Trainingscamp besuchte, bemühte er sich, die unscheinbarste Kutsche zu wählen, die er finden konnte – das war wohl einer seiner kleinen Ticks. Wenn man nicht nach so etwas Ausschau hielt, würde das wohl auch funktionieren, aber Dania war langsam dabei, zu begreifen, was sie wissen musste und worauf sie achten musste.

Na, dann überzeugen wir ihn mal von meinem Lernfortschritt, dachte sie.

Einen Dieb zu überraschen, speziell einen wie Marcin, der einen jahrelangen Erfahrungsvorsprung hatte, war ein Ding der Unmöglichkeit – nur dass das Dania noch nie jemand gesagt hatte.

Sie saß gerade oben in der Hütte mit dem geheimen Keller, als sie seinen Wagen erspähte. Er war noch etwa hundertfünfzig Meter von der kleinen Siedlung entfernt war. Wenn sie in seinen Rücken kommen wollte, musste sie sich beeilen. Sie kletterte aus dem hinteren Fenster der Hütte, und huschte hinter den anliegenden Hütten vorbei.

Als sie um eine Ecke lugte, erkannte sie Marcin, wie er am Dorfeingang die Kutsche stehen ließ. Der Kutscher sollte wohl nicht unbedingt sehen, in welches Haus er ging. Wenn er zu Fuß durch die Siedlung ging, musste er erst über den Versammlungsplatz – eine freie Fläche, von Arbeiterhütten umrahmt – dann zwischen zwei von den Hütten durch, noch einen kleinen Feldweg entlang, bis er bei dem Haus mit dem Keller wäre. Wenn er die Gasse zwischen den zwei Baracken passierte, wäre er am ehesten in einer bedrängten Situation.

Dania schickte sich an, eine der beiden Baracken hochzuklettern. Sie waren nicht besonders groß und nicht besonders gut gebaut. Es gab lauter Löcher in der Wand, in denen ihre Füße halt fanden. Und auch wenn Dania nicht besonders gut klettern konnte, hier kam sie ohne Probleme hoch.

Als sie etwas ausgelaugt oben angekommen war, sah sie sich um – Marcin war nicht mehr allzu weit von der Gasse entfernt, nur noch ein paar Meter. Die Baracke, auf der sie stand, hatte ein Flachdach. Sie schlich sich Stück für Stück an den Rand heran.

Nicht entdeckt werden!

Marcin sah nicht nach oben. In der Mitte wäre die beste Gelegenheit. Sie setzte noch einen Fuß näher an den Abgrund. Auf ihn springen, Messer an die Kehle. Sie zog die Klinge hervor. Zwei Meter noch, einer…

Sie sprang, doch sie konnte sich das Geschrei nicht verkneifen. Im selben Moment merkte sie, wie dumm das war – doch reflexartig öffnete sie den Mund, und ein einzelner, wütender Schrei verließ ihre Kehle. Marcin hechtete zur Seite, ohne überhaupt nach oben zu schauen. Sie sah nicht, wie er sein Schwert zog, doch plötzlich hatte er es in der Hand, nicht allzu groß, doch gefährlich scharf.

Sie schaffte es irgendwie, halbwegs sauber zu landen, zumindest verletzte sie sich nicht. Doch aufrichten konnte sie sich nicht. Marcins Klinge an ihrer Kehle flüsterte ihr zu, jetzt lieber keine schnellen Bewegungen zu machen.

„Das Schreien solltest du beim nächsten Mal weglassen“, sagte Marcin, „doch ich bewundere deine Ambition.“

Nicht ein kleines Stückchen Stolz schwingt in deiner Stimme mit? Arschloch.

Er zog das Schwert weg und steckte es wieder ein. „Aber nett, dass du mir bereits entgegenkommst, wir können es auch gleich hier besprechen – ich habe einen Auftrag für dich.“


Dania war schon eine ganze Weile nicht mehr im achten Bezirk gewesen. Sie hatte noch nie so viel Zeit am Stück außerhalb der Slums verbracht, jetzt wo sie wochenlang mit Varg und Joran gelernt hatte. Die vielen anderen Landschaften, die sie auf der Fahrt gesehen hatte – auf dem Weg vom siebten in den elften Bezirk war sie immerhin bewusstlos gewesen, oder auf Drogen, genau wusste sie das nicht mehr. Seit sie in der kleinen Siedlung wohnte, hatte sie kein Brocken mehr genommen.

Dass sie nun endlich etwas zu tun hatte, war ein sehr guter Ersatz für den ständigen Durst nach Brocken. Wie hat Marcin es genannt? Beschäftigungs-Therapie? Seltsames Wort, so viele Silben.

Sie wusste auch nicht, was Varg dazu sagen würde, wenn sie bei seinen Trainingsstunden auf Brocken wäre… die Regeln seines Ordens ließen so etwas bestimmt nicht zu. Was war, wenn sie ihn einmal verletzte, weil sie ihre Kraft wieder nicht einschätzen konnte?

Doch gerade, wo sie auf diesem Platz stand, wieder einmal ihre alte Arbeitskleidung trug, nur um herumzustehen und das Haus zu beobachten, was vor ihr lag, ergriff sie die Sehnsucht wieder. Das war so langweilig… Marcin hatte ihr gesagt, sie sollte hier warten und auf alle achten, die ein- und ausgingen, und wie viele Wachen das Gebäude hatte.

Eine kleine Dosis Brocken würde jetzt viel besser zu meiner Verkleidung passen…

Sie überlegte sich, schnell eine Nase zu nehmen, von der Notration, die sie in ihrem Ausschnitt versteckt hatte, doch da sah sie einen Inquisitor die Straße heraufkommen. Er hatte kurze braune Haare, die etwas heller als seine Robe waren. Gerade so, dass es farblich nicht zusammen passte. Er schien Ende dreißig zu sein.

Sie verwarf den Gedanken an Brocken fürs Erste. Sie hatte Glück, wenn er sie nicht bereits reinigte, weil sie eine dreckige Nutte war.

Sein abfälliger Blick streifte sie kurz, doch er schien nicht in der Laune zu sein, jemanden abzufackeln. Die meisten Inquisitoren taten das nur, wenn sie einen besonders schlechten Tag hatten. Er ging einfach nur in das Gebäude hinein.

Laut Marcin war es das Amtsgebäude von Magister Darn, dem Magister des achten Bezirks. Dania hatte ihn noch nie gesehen, auch wenn sie schon ein paar Sachen gehört hatte, hauptsächlich von Stepanie. Nun stand sie hier und fragte sich, woran sie den Magister bitteschön erkennen sollte.

Die quälende Langeweile nagte an ihr, und sie schielte schon intensiver in ihren Ausschnitt als noch vor ein paar Minuten. Sie war wohl für diese Observationsarbeit nicht gemacht – ihre Spionageansätze waren immer um einiges direkter. Direktheit war ihre Spezialität.

Sie stand bereits seit heute früh vor diesem Gebäude, noch bevor es offiziell geöffnet hatte. Sie versuchte sich zu merken, wie viele bewaffnete Leute hinein- und wie viele wieder hinausgegangen waren. Wenn sie richtig zählte, waren gerade fünf Bewaffnete in dem Amt. Darn hielt wohl gerade Gericht. Normale Angehörige der Miliz waren da, um den Magister zu beschützen. Im Zweifelsfall setzten sie seine Gesetze durch, und was noch viel wichtiger war, sie trieben seine Steuern ein.

Die Milizen im achten Bezirk hatten allerdings nicht mehr viel zu tun, seit Darn an der Macht war. Er war einer der wenigen Magister, die den Bezirk tatsächlich gestalteten, statt einfach die Bewohner zugunsten ihres persönlichen Reichtums auszubluten. Alliser Darn verwendete die Steuereinnahmen, um Spielplätze und Suppenküchen für die Armen zu bauen. Wieso wird so jemand Magister?

Während sie so sinnierte, sah sie, dass der Inquisitor das Amt wieder verließ. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht gebessert. Anscheinend waren noch mehr Leute nicht besonders glücklich mit Alliser Darns Arbeit.

Dania fasste sich ein Herz. Wenn sie nicht bald in die Gänge kam, würde sie ohne Zweifel entweder vor Langeweile sterben oder doch noch eine Dosis einschmeißen. Dass der Inquisitor jetzt keine Gefahr mehr war, machte ihr die Knie schwach… doch sie besann sich.

Wenn ich jetzt eine Dosis nehme, kann ich den offensiven Ansatz vollkommen vergessen.

Verschiedene Ideen kamen ihr – und eine hatte es ihr ganz besonders angetan. So konnte sie sich das Innere des Amts einmal ansehen, und gleichzeitig ihr Opfer identifizieren. Und für den Notfall hatte Joran ihr noch ein paar Bor-Mischungen mitgegeben, jedenfalls soweit er schon in der Lage gewesen war, welche zusammenzumischen.

Sie verzog einen der Träger ihres Kleides und zerzauste sich die Haare, sodass sie ziemlich mitgenommen aussah. Sie verschmierte noch ihren Lippenstift und ihre Wimperntusche, sodass es aussah, als hätte sie geweint. Dann ging sie auf das Amt zu und betrat es, völlig aufgelöst.

Sie trat in einen offenen Raum ein, länglich und relativ kunstvoll ausgestaltet. Darns Vorgänger hatte ihre Steuereinnahmen wohl lieber hier reingesteckt als in die Bedürfnisse der Armen. Am hinteren Ende stand auf einem kleinen Podest ein Stuhl, auf dem ein junger, blonder und ziemlich hässlicher Mann saß. Neben ihm standen zwei Milizionäre, drei weitere standen an den Wänden und schauten ernst drein.

Sonst war der Raum leer, viele Leute kamen nicht, um von Magister Alliser Darn regiert zu werden. Immerhin gab es im achten Bezirk gleich drei Clans der ehrbaren Diebe, die genauso gerne für das Recht ihrer Bittsteller sorgten.

Der auf dem Stuhl ist wahrscheinlich Magister Darn, dachte Dania. Der ist ja nicht gerade mit viel Schönheit gesegnet worden… mal sehen, was das für eine Auswirkung auf meine Ausrede hat.

„Verehrter Magister, helfen Sie mir!“ schluchzte sie vollkommen aufgelöst, während sie auf ihn zu stolperte. Es darf nicht verdächtig wirken, dass ich hier ohne Grund hineinkomme. „Mir wurde etwas angetan!“

„Sprich, Frau. Was ist passiert?“ Ein gütiges Lächeln füllte sein Gesicht.

„Ein finsterer Schuft hat mich vergewaltigt! Dachte wohl, er kann das bei Frauen wie mir einfach tun, das Schwein. Und ich habe niemanden, an den ich mich wenden kann!“

In Ordnung, gleich wird er mich wegschicken. Ist ja nicht sein Job, das Geld einer freien Hure einzutreiben.

„Du arme Frau! Wie sah er denn aus?“

„Ähm… schwarze – Haare?“ Dania war verwirrt, wieso ihn das interessierte.

„Eine Schande, dass eine Frau an vielen Stellen Lagons immer noch nicht normal über die Straße gehen kann, ohne dass irgendein chauvinistischer Macker einen belästigt. Hier, ich schicke Ihnen zwei meiner Männer mit, um die Sache zu klären. Für Verbrecher dieser Art habe ich eine ganz besondere Zelle reserviert!“

Mist.

„Vielen, ergebensten Dank, mein Magister, das weiß ich zu schätzen! Ich hoffe wir finden das Schwein!“ Dania fluchte innerlich. Sie war immer noch verwirrt, dass er sie gesiezt hatte. Hatte sie zu dick aufgetragen? Alles, was sie wollte, war einen Blick in das Amt zu werfen, ob man hier vielleicht zuschlagen könnte! Und jetzt steckte sie tief in der Scheiße. Wie sollte sie bitteschön die zwei Soldaten los werden?

Sie verließ das Amt, die zwei Soldaten folgten ihr. Beide hatten die typische Uniform der Milizen an, eine graue Weste mit dem Wappen ihres Bezirks. Sie trugen Speere, auf die man sich bequem aufstützen konnte, wenn man irgendwo Wache stand, und einen kleinen Dolch am Gürtel. Schwerter konnten sich die meisten Magister für ihre Wachen nicht leisten, höchstens für die Offiziere.

Der Kleinere von beiden schien der Wortführer zu sein. „Also, meine Dame, wo hat sich der Vorfall denn zugetragen? Können Sie den Mann vielleicht wiedererkennen, wie finden wir ihn? Haben Sie eine genauere Beschreibung?“

Dania war verwirrt, dass sie als Dame angesprochen wurde. „Ähm, folgen Sie mir einfach, ich kenne den Straßennamen nicht genau. Aber das finde ich wieder.“

Dania ging einfach in eine zufällige Richtung. Sie kannte sich überhaupt nicht aus im achten Bezirk und hatte keine Ahnung, wie sie aus dem Schlamassel wieder herauskommen sollte. Sie lief irgendwelche Gassen auf und ab. Es kamen ihr nicht einmal schwarzhaarige Menschen entgegen, die sie hätte beschuldigen können. Jetzt hatte sie zumindest eine leere Gasse gefunden. Sie fasste einen Entschluss.

„Da hinten, da war es!“ sagte sie und blieb stehen. Die beiden Milizionäre gingen an ihr vorbei und in Richtung der Stelle, an die sie gezeigt hatte, der größere voran. Als der kleinere an ihr vorüber war, zog sie ihre versteckte Klinge hervor, hielt dem Mann vor ihr blitzschnell den Mund zu und zog die Klinge über seine Kehle. Mit einem Gurgeln spuckte er Blut gegen ihre Finger, er begann zu zucken und vor Schreck ließ sie ihn los. Er hustete, doch das Geräusch ertrank in seinem Hals, der sich mit Blut füllte. Was jedoch durchaus ein Geräusch machte, war sein schwerer Körper, als er auf dem Boden aufprallte. Der größere der beiden drehte sich blitzartig um.

Scheiße. Gut, dass ich die ganzen letzten Tage mit Kampftraining für genau solche Situationen verbracht habe.

Der Milizionär sah nicht so erfahren aus, er war ziemlich jung, und in der Miliz hatte man nicht ganz so viele Gelegenheiten wie bei den Dieben, sein Kampfgeschick unter Beweis zu stellen. Mit den Milizen legte sich meistens keiner an, einfach, weil es keinen Grund dafür gab. Es lohnte sich nicht einmal, sie zu überfallen, da sie genauso wenig Geld wie alle anderen, und miserable Waffen hatten.

Aber sein Speer hatte erheblich mehr Reichweite als Danias kleiner Dolch. Er stach mit einem wütenden Schrei in ihre Richtung.

Sie wich schnell zurück. Mit dem Dolch zu parieren hatte keinen Sinn, und zur Seite ausweichen war in der engen Gasse fast unmöglich. Der Soldat kämpfte ohne genauen Plan, sondern nur mit der Wut über seinen toten Kameraden, und der Gewissheit, dass er die effektivere Waffe hatte.

Verdammt, Dania, fange dich mal wieder, so was hast du doch geübt. Achte auf seine Augen!

Doch ihr Gegner stieß mal hierhin, mal dorthin, und sie musste ständig reagieren. Vor allem kam sie nicht an die Pulver in ihrem Ausschnitt heran, weil sie sich ständig bewegen musste.

Ein Hieb traf beinahe ihren Arm, doch sie konnte ihn mit dem Dolch in eine andere Richtung leiten, vorbei an ihr, weg von ihr. Er riss den Speer zurück und ging weiter vorwärts, stieß weiter nach ihr.

Dania erkannte, dass sie irgendetwas zwischen sich und ihn bringen musste. Von den offenen Straßen musste sie sich fernhalten, zu groß war die Gefahr, dass er Verstärkung bekam. Aber eine Ecke weiter zu flüchten würde noch niemanden alarmieren.

Sie stürzte zurück, der Milizionär immer kurz hinter ihr. Eins ums andere entkam sie nur knapp den Speerstößen, energisch setzte er nach, Hass in den Augen. Da war die rettende Ecke da, genauso wie sein Stoß, unter dem sie sich schon durchducken musste. Blitzschnell sprang sie hinter die Ecke. Dania sah nur noch, wie sein Speer an ihr vorbeisauste. Das war die Gelegenheit zuzugreifen. Sie fasste den Speer am Schaft und bevor er ihn wieder einziehen konnte, zog sie ihn zu sich und drosch ihn gegen die massive Hausecke, einmal, zweimal, dreimal.

Der minderwertige Schaft zerbrach bereits beim vierten Aufprall. Nun war seine Reichweite weg. Sie sprang wieder um die Ecke, und noch bevor er seinen Dolch ziehen konnte, versenkte sie ihr Messer immer wieder in seiner Brust, bis auch er definitiv tot war.

Bin ich bereit für einen noch offensiveren Ansatz? Ach, was soll´s, ich riskier´s. Ich weiß ja jetzt, wie er tickt, das kann ich bestimmt gegen ihn ausspielen.

Dass sie ein bisschen Blut abbekommen hatte, war für diesen Plan gar nicht so schlecht, das würde ihrer Geschichte Glaubwürdigkeit verleihen. Sie ging zurück zur Behörde des Magisters. Niemand, dem sie begegnete, wunderte sich offensichtlich darüber, dass sie Blut an den Händen und in ihrem Ausschnitt hatte, aber es traute sich auch keiner, zu genau hinzuschauen. Die meisten Bewohner Lagons hatten verstanden, wie gefährlich das war.

Etwa einen Block, bevor sie da war, begann sie zu rennen, und so kam sie ziemlich außer Atem bei Darn an.

„Magister, helft mir, sie waren plötzlich überall… eure Männer sind tot… der Mann war einer der ehrbaren Diebe! Und sie sind nun auf dem Weg hierher! Die schrecken vor gar nichts zurück…“ sie keuchte noch ein bisschen effektiver, um ihre Verfassung zu unterstreichen.

Alarmiert gingen zwei der Milizionäre zum Eingang, um nach draußen zu schauen. Einer blieb bei ihrem Herrn stehen. Der sah auch ziemlich beunruhigt aus. Für Sicherheit zu sorgen hatte noch nie zu Darns Kernkompetenzen gehört. Er pflegte die Philosophie, dass keiner Grund hatte, einen anzugreifen, wenn man die Leute glücklich machte und ihnen zuhörte. Dass diese Blauäugigkeit ihm nun zum Verhängnis werden könnte, erschütterte ihn zutiefst – er selbst war gar nicht durchtrieben genug, um auf so einen Gedanken zu kommen.

Geschweige denn war er durchtrieben genug, um Danias List zu durchschauen. Und als sie nun schluchzend auf ihn zuging, stand er auf, um ihr gütig Trost zu spenden und sie zu umarmen, während seine Männer für ihre Sicherheit sorgen würden. Dem Offizier, der noch bei ihm stand, rief er zu, er solle für Verstärkung sorgen, und sie sollten den Eingang solange verbarrikadieren, bis sich die Lage normalisiert hatte. Der Offizier drehte sich um, ging mit zum Eingang und bellte Befehle. Einer der Soldaten rannte nach draußen.

Darn legte seine Arme um Dania und murmelte, sie solle keine Angst haben. Damit konnte er gerade noch am ehesten zur Schlichtung der Situation beitragen. Er streichelte ihr über den Scheitel und sprach beruhigende Worte.

Als er ihr schließlich in die Augen sah, erkannte er seinen Irrtum – da waren keine Tränen. Da war keine Angst mehr. Da war nur ein Messer in seinem Rücken, immer und immer wieder.


Dania stach zu, ein paar Mal, und hoffte, dass sie das Herz traf. Sie spürte, wie er in ihren Armen an Kraft verlor, während sein Gesicht in dieser ungläubigen Maske eingefroren war. Sie legte ihn zu Boden, und schnitt ihm noch die Kehle durch, um sicher zu gehen.

Ich muss mir mal ein Opfer aufheben, damit ich ein bisschen üben kann, wo die wichtigen Stellen sind, dachte sie. Wer weiß, ob ich beim nächsten Mal immer noch so unkontrolliert drauflos stechen kann.

Sie merkte, wie ihr Denken immer rationaler wurde, wenn es um die Morde ging. Seit sie nicht mehr auf Brocken war, hatte sich der Nebel um ihr Gehirn allgemein ein wenig gelichtet. Das Adrenalin, dass ihr jetzt durch die Adern schoss, fokussierte sie weiter. Dania konnte es sich nicht leisten, dass sie jedes Mal so flatterhaft und aufgeregt war wie bei den ersten Malen. Dass sie jetzt professionelles Training bekam, gab ihr aber ein bisschen Sicherheit.

Apropos Sicherheit, hier sind noch drei Soldaten im Raum, ich muss schauen, dass ich hier fortkomme.

Die Milizionäre waren zum Glück schwer damit beschäftigt, den Eingang zu verrammeln. Sie musste sich beeilen, wenn sie hier noch herauskommen wollte. Sie konnte unter Umständen einfach zwischen den Soldaten hindurchrennen, bevor die merkten, was Sache war. Aber sie würden sie wahrscheinlich bald verfolgen, und sie hatte wenig Lust, vor ein paar wütenden, durchtrainierten Soldaten wegzurennen, die sich im Gegensatz zu ihr in diesem Viertel auskannten. Eine andere Möglichkeit war, alle drei umzubringen. Zumindest den Offizier konnte sie erwischen, ohne dass die anderen beiden es merkten, die waren beschäftigt, einen Aktenschrank vor die Tür zu zerren.

Dania entschied sich für die Bor-Variante. Sie holte das Nebelpulver hervor, ging bis etwa zwei Schritte hinter den Offizier und pustete eine gewaltige Nebelwolke in die Türgegend, durch die man absolut nichts sehen konnte, und die extrem dicht war. Dania hatte schon Angst, dass sie etwas zuviel Pulver genommen hatte. Sie schlüpfte hinein und rannte mit ausgestreckten Armen in die Richtung, in der sie die Tür vermutete. Erst rannte sie fast gegen die Wand, doch sie tastete sich nach links weiter, bis sie eine Öffnung erfühlte. Das musste die Tür sein. Sie rannte vorwärts, und nach ein paar Metern tauchte sie tatsächlich wie plötzlich aus dem Qualm auf.

Sie befand sich mittlerweile auf der Straße. Ein paar Leute schauten seltsam – aus dem Amt drang eine gewaltige dunkle Rauchwolke. Allerdings schien es nicht zu brennen. Es war nicht heiß und roch nicht nach normalem Rauch. Die Rufe, die man von innen hörte, klangen verwirrt, nicht gefährdet. Die leichtbekleidete und blutverschmierte Frau, die durch diesen Qualm nach draußen stolperte, wurde auch erst seltsam beäugt. Aber als sie sich nicht darum scherte und in der nächsten Gasse verschwand, verloren die Passanten das Interesse an ihr und versuchten, sich Zugang zum Amt zu verschaffen.

Author: Nami

Nami is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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