Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 36

Marcin

Marcin saß in seinem Büro, das zuletzt sehr viel geschäftiger geworden war. Diebe aller Art gingen nun ein und aus, gaben Gewinne ab, fanden sich für neue Arbeit ein oder suchten Unterschlupf. Immer öfter brauchte jemand Unterstützung wegen Messerstechereien.

Die anderen höheren Diebe wollten die Fähigkeiten des neuen Hauptmanns testen. Doch Marcin war ein erfahrener Stratege und koordinierte seine Verteidigung. Sein immer größer werdendes Netzwerk von Spionen meldete ihm potenzielle Angreifer rechtzeitig, sodass ihm oft noch Zeit blieb, Kommandos in einen Hinterhalt laufen zu lassen.

Auch normale Bürger sprachen oft bei ihm vor. Sie baten um Unterstützung oder Arbeit, nach dem guten alten Prinzip des Gebens und Nehmens, das bei den ehrbaren Dieben schon immer die Regel gewesen war. Marcin legte viel wert darauf, sich einen besonders guten Ruf in dieser Hinsicht zu schaffen. Er wusste, er konnte jeden Spion gebrauchen, den er kriegen konnte. Er hatte aus Kenins Zeiten noch eine Menge Geld übrig, um den Leuten zu helfen. Wenn er sich einen gewissen Ruf verschafft hatte, würde er den Leuten auch über Vermittlung und Kontakte helfen können, doch erst mal musste ihm die bare Münze Sympathien kaufen.

Immerhin, es funktionierte. Die Bedürftigen des Bezirks ließen durchscheinen, dass er als Hauptmann um einiges besser war als Kenin. Der hatte auch mehr auf seinen Ausschweifungen bestanden. Marcin war weit professioneller. Es fiel ihm leicht, die Geschicke der Leute hier zu steuern, und die seiner Bande. Er fragte sich, warum er diesen Schritt nicht schon viel früher gegangen war.

Der Brockenhandel kam wieder in Schwung, und Marcin führte ein paar Neuerungen ein, die Kenin versäumt hatte. Zum Beispiel wurde das Brocken jetzt nicht mehr in Marcins Hauptquartier gelagert, sondern er lagerte es auf verschiedene Bordelle verteilt. Da wunderte es niemanden, wenn häufig Leute ein und aus gingen. Wenn jemand einen Überfall wagte, stand nun weit weniger auf dem Spiel.

Außerdem wollte er eigene Brockenküchen aufbauen. Nur die Wombats fehlten ihm noch. Er hatte bereits mehrere abgelegene, schwer zugängliche Hütten für Gehege und Küchen organisiert. Die Versorgung sollte nicht einbrechen, wenn eine davon mal gereinigt oder überfallen werden würde. Er würde allerdings einige weitere Wombats brauchen, und die waren nicht so einfach aufzutreiben. Er würde wohl eine fremde Brockenküche überfallen müssen.

Doch fürs Erste standen die normalen Tagesgeschäfte an. Einer seiner Spione rannte gerade ziemlich abgehetzt durch die Tür seines Büros.

„Hauptmann, deine Leute sind in Gefahr! Ein Attentäter treibt hier sein Unwesen, er hat schon zwei Diebe erwischt, zwei Straßen weiter von hier – und zwar hinterrücks, nacheinander!“

„Verdammt, das hat mir gerade noch gefehlt. Klingt nach einem Professionellen. Führ mich hin.“

Marcin musste sich ansehen, ob Bor im Spiel gewesen war, oder ob er vielleicht anhand seines Verhaltens den Attentäter bereits in der Menge erkennen würde. Ihm war klar, dass er sich damit selbst in Gefahr begab, aber er wollte nicht noch mehr unerfahrene Leute an so einen verlieren, und er hatte mit seinen Überlebenskünsten noch die besten Chancen.

Der Spion führte ihn auf die Straße hinaus. Es war gegen Nachmittag. In der Gasse, in der Marcins Hauptquartier lag, waren fünf Leute unterwegs. Ein Junkie schlief, an eine Hauswand gelehnt.

„Hier entlang, folge mir!“

Marcin setzte sich hinter dem Spion in Bewegung. Nach ein paar Minuten hatten sie die Gasse erreicht. Die beiden Toten lagen im Abstand von fünf Metern auf dem Boden, beiden hatte man die Kehle durchgeschnitten. Sie waren wohl hintereinandergegangen. Das Ganze konnte nicht lange gedauert haben.

Erst hatte sich der Mörder um den hinteren gekümmert, als der andere bereits weiter in Richtung anderes Ende der Gasse ging. Dann hatte er sich den vorderen vorgenommen.

Marcin kniete sich nieder, um sich die Leiche des einen anzuschauen. Die beiden mussten irgendeinen Grund gehabt haben, plötzlich in die eine Richtung zu laufen – zum Beispiel, weil jemand ihnen gesagt hatte, dass dort ein Angriff –

Marcin hechtete zur Seite. Gerade in dem Moment wurde die Luft von einem Messer durchstochen, an der Stelle, an der er eben noch gesessen hatte. Er sprang sofort auf und zog sein Schwert. Der vermeintliche Spion stand in Kampfstellung da, das Messer immer noch in der Hand. Doch er hatte seine Chance verpasst, und in seinen Blick schob sich die Erkenntnis, dass er dem Schwert nichts entgegenzusetzen hatte.

„Ich habe Wurfmesser, denk gar nicht daran, wegzurennen.“ Marcin schnaubte. „Du scheinst ein intelligenter Mann zu sein, meinen Respekt. Ich Idiot hätte dich nicht als Spion, sondern als Attentäter anheuern sollen. Wer hat dir mehr gezahlt?“

„Du bist ein genauso intelligenter Mann, fürchte ich. Intelligent genug, um zu verstehen, wie viel mehr ich dir lebendig wert bin?“ Er spuckte aus. Außerdem bewegte er sich mit kleinen Schritten von Marcin weg, doch der ging mit.

„Intelligent genug, um zu verstehen, wie wertvoll so ein Mann in meinen Diensten wäre.“ Er zog ein Wurfmesser. „Und wie verheerend in den Diensten eines anderen.“

„Okay, ich sehe, ich habe keine Wahl. sagt dir der Name Hakun etwas?“

„Von welchem Bezirk ist der denn bitte? Hier im siebten nicht, davon hätte ich gehört.“

„Vergiss die Bezirke. Vergiss die Diebe. Ich hatte gerade als Spion bei dir angeheuert, als ein verdammtes Ratsmitglied auf mich zukam und meinte, dass er mehr Geld zur Verfügung hat als du… und Talent besser erkennt. Hakun ist im Rat, der Lieblingsspion des Patriziers. Der hat seine Augen und Ohren überall. Und du bist ihm als Dieb wohl etwas zu gut, um über so viel Macht zu verfügen…“

Marcin war beunruhigt. Er ließ das Wurfmesser sinken. „Verdammt, meinst du den Stadtrat? Jemand im Rat weiß über mich Bescheid?“

„Ja, natürlich. Glaubst du, die Diebe könnten hier schalten und walten, wie sie wollten? Hakun weiß so ziemlich alles was in dieser Stadt vor sich geht, glaube ich… und er hat ganz andere Mittel.“ Er räusperte sich. „Weißt du, ich werde nicht mit Geld bezahlt – für deinen Tod hätte er meine Schwester aus einem Bordell im achten Bezirk befreit, wo sie zum Arbeiten gezwungen wird. Das ist wohl jetzt nicht mehr so einfach.“

Er hat aus Loyalität gehandelt, ist gewitzt und kennt sich aus. Den sollte ich nicht noch mal verlieren.

„Danke für die Information. Und ich denke, um deine Schwester kann ich mich vielleicht kümmern, keine Sorge. Wenn das bedeutet, dass du mir nicht noch einmal in den Rücken fällst. Aber wir sollten vielleicht deinen Tod vortäuschen, nicht, dass Hakun deiner Schwester noch etwas antut, als Strafe für deinen Verrat. Ich werde dich jetzt gut verschnüren, und für alle sichtbar in einen meiner Keller schmeißen, dir passiert dort nichts, aber du bist da wohl sicherer. Und dann sehen wir weiter. Wie heißt du?“

„Mein Name ist Toman. Und vielen Dank für deine Gnade.“

Sie machten sich auf den Weg in Marcins Hauptquartier, Marcin hatte Toman den Arm auf den Rücken gedreht. Marcin wies zwei seiner Leute an, ihn gut zu behandeln. „Ich habe noch ein paar Fragen an ihn, bevor ich sein Gesicht entferne.“ Marcin stellte sicher, dass alle Leute in seinem Hauptquartier diesen Satz gehört hatten.

Dann winkte er einem Dieb, den er schon seit Jahren kannte, und wies ihn flüsternd an, heimlich eine Leiche in den Keller zu schaffen. Zwei Straßen weiter lagen ja welche…


Als Marcin hoch in sein Büro kam, saß Thorn bereits im Gästesessel.

„Hallo, mein Freund, und, genießt du deinen neuen Job?“ Thorn hatte sein typisches kaltes Lächeln aufgesetzt.

„Ja. Sogar das Attentat, dass ich gerade überlebt habe, war irgendwie… erfrischend.“ entgegnete Marcin sarkastisch. „Was nicht halb so problematisch ist, wie die Tatsache, dass ein Mann namens Hakun es anscheinend auf mich abgesehen hat. Sagt dir der Name was?“

Thorn runzelte die Stirn. „Verdammt, wollte er dich nur testen oder…“

„Bezweifle ich, dafür hat er zu viel Aufwand betrieben, der Attentäter war sehr gut ausgewählt und keiner von der Wegwerf-Sorte.“

„Hm, vielleicht hat er es lieber, wenn die Hauptleute der Diebe in seiner Stadt nicht zu erfahren und fähig sind. Seine Taktik ist wohl, das Verbrechen zu akzeptieren, und dafür zu sorgen, dass es nicht zu gefährlich wird. Zumindest das ist für heute fehlgeschlagen. Aber wer weiß, wie es morgen aussieht? Dieser Mann ist einer der mächtigsten Leute in Lagon, praktisch direkt hinter dem Patrizier und dem Großinquisitor, schätze ich – wobei ja niemand wissen kann, was er wirklich alles unter Kontrolle hat. Und der ist hinter dir her?“

„Ja, scheint so. Hast du eine Idee?“

„Hm, wenn er es auf dich abgesehen hat, ist das eine krasse Beeinträchtigung für unsere Pläne… und wenn bisher er die Stadt unter seiner Fuchtel hat, ist er definitiv ein Hindernis für uns, wenn wir Lagon kontrollieren wollen. Wir müssen ihn aus dem Weg räumen, denke ich… nur, dass das nicht einfach wird.“ Thorn runzelte die Stirn. „Wir können höchstens unsere Chancen verbessern… aber eigentlich haben wir nur ein Gebiet, in dem wir ihm überlegen sind, und das ist Bor. Dafür ist er wahrscheinlich nicht gewappnet, wenn wir ihn mit einem alchemischen Attentäter angreifen… aber die brauchen wohl noch ein bisschen Übung. Wir müssen Zeit gewinnen.“

„Zeit? Der kommt bei der nächsten Gelegenheit noch selbst vorbei, um sicherzugehen, dass ich diesmal draufgehe.“

„Hm, mir kommt langsam eine Idee… du könntest doch Hakun aufsuchen, ihm anbieten, dass du ihm gegen die anderen Diebesgangs hilfst und sein Mann werden willst, die Diebe in Lagon zu kontrollieren… das passt auch ganz gut zu meinem Plan, vielleicht können wir hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“

Marcin war verblüfft. Thorn hatte ein Händchen für Strategie. „Okay, und was ist dein Plan?“

„Wusstest du schon, das vor dir der neue Magister von Bezirk Sieben steht? Oder einem der anderen Slums, such dir einen aus. Am besten einen, in dem du dir vorstellen könntest, mit den dort ansässigen Diebesgangs einen Aufstand zu organisieren.“

Was zur… ich bin schwer beschäftigt, meinen Bezirk unter Kontrolle zu kriegen, mich gegen Attentate zur Wehr zu setzen, muss den gefährlichsten Mann Lagons von mir loskriegen, und du willst, dass ich eine verdammte Revolution anzettele? Dieser Mann macht mich fertig… Marcin war all das nicht geheuer. Aber Thorn hatte zumindest Grips und den richtigen Sinn für Intrigen. „Naja, die drei Clans im achten Bezirk ließen sich wohl auf so etwas ein… die schaffen es, relativ friedlich zu koexistieren, und ich kenne einen von ihnen noch von früher. Aber Bezirk acht hat schon einen Magister.“

„Ja, Alliser Darn, nicht wahr? Eine schöne Übung für Dania, ihn seines Amtes zu entheben. Der ist ja ziemlich verweichlicht, das dürfte nicht besonders schwierig werden. Auf Arghan Howls Empfehlung beim Patrizier werde ich sein Amt übernehmen. Dann wird der achte Bezirk erst mal mit etwas härterer Hand regiert, weil wir den Rat glauben machen werden, dass die Diebe Darn umgebracht hätten. Daraufhin gehst du zu den Dieben des achten Bezirks, machst ihnen klar, dass sie sich wehren müssen, und dass ich noch nicht besonders gut im Amt sitze, da ich ja erst frisch bin, und die Chance nicht verstreichen darf. Jetzt können sie sich dort ihren eigenen Staat der Diebe einrichten. Der würde basieren auf allen möglichen Arten, auf illegale Weise Geld zu verdienen, demokratisch organisiert, und ohne die nervigen Steuern, die ganz Lagon auf Kosten der korrupten Magister ausbluten. Verteidigt werden soll das ganze mit Guerilla-Taktiken, so würden die Milizen den achten Bezirk nie zurückbekommen.“

„Aber was helfen uns ein paar Diebe, die ihren eigenen Staat in Lagon errichten? Vor allem, wenn du der arme Typ bist, auf dessen Kosten die Revolte geht?“

„Da kommen deine Probleme mit Hakun ins Spiel – Du gehst zu Hakun hin -“

Marcin unterbrach ihn. „Was? Das ist doch lebensmüde Scheiße! Einer seine Männer hat mich heute fast umgebracht! Wofür soll das jetzt gut sein!?“

„Lass mich ausreden, der Clou kommt noch. Du erzählst ihm, dass du sein Mann bei den Dieben sein willst, im Gegenzug dafür, dass er dich leben lässt, erzählst du ihm von der Revolte und hilfst ihm, sie zu kontrollieren. Denn wenn der Tag gekommen ist, werden wir den kleinen Aufstand mithilfe deiner Leute, der Milizen und Hakuns Hilfe niederschlagen, die werden ja nur denken, dass sie den Überraschungsmoment auf ihrer Seite haben. Du bist Hakun erst mal los, um den kümmern wir uns später. Du hast weniger Konkurrenz für deine Geschäfte. Und ich bin der große Volksheld, der den achten Bezirk befriedet hat, und komme mit dieser Heldentat und Hakuns Tod, den wir auch noch herbeiführen müssen, in den Rat von Lagon – und wir haben um einiges mehr Macht und sind nur noch eine Stufe vom Patrizier entfernt, während wir beide Hakuns Job als Meisterspion übernehmen. Was sagst du dazu?“

Marcin fiel die Kinnlade herunter. Das kann er nicht ernst meinen, der träumt doch. So einfach kann es doch nicht sein. Und doch, es gibt keinen Grund, warum jemand Verdacht schöpfen könnte, und keinen Grund, warum es nicht funktionieren sollte. Thorn hat verstanden, wie Lagon funktioniert. Er fing sich, räusperte sich kurz und schwieg einen Moment. Er war sich nicht sicher, ob der Plan das Risiko wert war. Und doch, irgendwie muss ich Hakun ja loswerden. Da klingt das sogar nach einem ziemlich vernünftigen Plan. „Hakun umzubringen ist denke ich das schwerste an dem Plan.“

„Nicht so schwer, wie du glaubst. In seinen Diensten wirst du schon ein paar Sachen über ihn herausfinden, die wir irgendwie gegen ihn verwenden können. Und du musst bedenken, dass wir den Vorteil der Alchemie haben. Keiner rechnet damit. Hakun hat jedenfalls nicht das nötige Wissen, wie man ein Borlabor betreibt. Er hat keine Kontakte zur Loge, weil er denen zu konservativ ist. Es ist schon unglaublich, dass wir die ersten sind, denen so etwas einfällt. Aber du musst bedenken, dass außer uns niemand diese Kompetenzen auf so vielen verschiedenen Feldern miteinander vereint. Und dieser Vorteil wird uns den Erfolg bringen.“

Verdammt, der Plan ist nicht nur gut, sondern sogar notwendig. Anders werde ich diesen Hakun nie los. Und ich muss zugeben, dass Thorn unsere Stärken sehr gut einschätzt und einsetzen will. Marcin seufzte. „In Ordnung, ich bin dabei. Ich muss zugeben, der Plan gefällt mir. Auch wenn es unrealistisch ist, Hakuns Platz einzunehmen… zumindest ruhigstellen können wir ihn nur auf diese Art und Weise.“

Thorn lächelte, und diesmal erreichte es sogar seine Augen. Er sieht immer noch nicht, naja, nett aus – immerhin planen wir gerade ein paar Morde – aber zumindest sieht man, wie viel Spaß es ihm macht, solche Komplotte auszutüfteln.

„Ach, wer weiß, wie sich die Dinge entwickeln“, sagte Thorn geheimnisvoll.

Author: Nami

Nami is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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