Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 35

Varg

Tschak, Tschak, Tschak, Tschak.

Durchatmen, umkreisen.

Vorpreschen.

Tschak, Tschak.

Holz auf Holz, Monoton, immer gleich.

Und sie macht sich ziemlich gut, sie ist sehr beweglich.

Varg und Dania hatten entschieden, dass sie fürs erste genug über Bor gelernt hatten. Sie brauchten eine Pause. Joran war auch nicht unglücklich darüber gewesen. Es war eine ziemlich nervenaufreibende Arbeit, ihnen die ganze Zeit dabei zuzusehen, wie unfassbar blöd sie sich anstellten. So hatte er endlich mal etwas Freiheit für sich und konnte sich im Labor so richtig austoben. Varg und Dania gingen an die frische Luft, um mit Stöcken zu trainieren.

Varg war schockiert gewesen, als er gehört hatte, dass Dania noch nie ein Schwert in der Hand gehabt hatte. Aber Frauen hatten nun mal am ehesten noch ein Messer einstecken. Varg wunderte sich höchstens über Thorns Meinung, dass jemand ohne Schwertkampferfahrung ein ernstzunehmender Attentäter sein konnte.

Nun hatte er aber Gelegenheit, das zu ändern. Er brachte ihr nicht den hackartigen Schwertkampf bei, den die meisten Männer benutzten. Er brachte ihr vielmehr bei, ihren Stock wie einen Degen einzusetzen – zierlich, wie sie war, war sie mit Stichen wohl erfolgreicher als mit dem stumpfsinnigen Gehacke, dass die meisten Männer anstellten, die sich keine Gedanken darüber machten, wie sie sinnvoll mit ihrer Kraft umgingen.

Eine andere Taktik beherrschte sie ebenfalls sehr gut – mit einer dünnen Klinge und wenig Körperkraft hatte es keinen Sinn, sich im Abblocken und Parieren zu üben, aber er zeigte ihr, wie sie frühzeitig erkennen konnte, in welche Richtung ein Gegner schlagen würde, und wie sie dem geschickt ausweichen konnte.

Aber bis es gut genug funktionierte, um einen echten Kampf zu überleben, musste sie noch viel üben.

Tschak, Tschak, und ein dumpfer Schlag von Holz auf dämpfenden Stoff.

„Du machst dich sehr gut, Dania! Aber dieser Schlag hätte dich getötet, wenn ich eine Klinge benutzt hätte. Bleib konzentriert!“

Sie hatte Talent, das konnte man nicht leugnen. Und Varg sah, wie viel Spaß es ihr machte. Auch die Schmerzen hielten sie nicht davon ab, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen, wenn sie getroffen worden war. Ihre Motivation schien von einer tiefen Wut zu kommen, zu der oft nur Frauen in der Lage waren – Varg wusste nicht, woher sie kam, dafür hatte er zu wenig Frauen kennengelernt in seinem kurzen Leben. Doch bei den meisten Männern waren die Aggressionen nur kurze Entladungen von Adrenalin und Testosteron, bevor man wieder seine Sprüche riss.

Dania würde nie einfach Sprüche reißen. Da war Varg sich sicher, Naja, ein bisschen. So gut kenne ich sie ja noch nicht. Aber für einen Junkie scheint sie ganz okay zu sein, das hatte ich mir immer schlimmer vorgestellt.

Sie hatte kein Brocken mehr genommen, obwohl sie stundenlang gelernt hatten. Wie sie das Bor auch spontan zusammenmischen konnten, was sich mischen ließ und was nicht, welche Rezepte funktionierten, wie sich das Bor aus Wombats gewinnen ließ.

Auch wenn Dania oft etwas schwer von Begriff war (immerhin hatte sie nie eine Schule besucht) und Varg sich eigentlich für gar nichts interessierte, was mit irgendwelchen dunklen Laboren, Substanzen und Pulvern zusammenhing, kamen sie voran. Alle drei verstanden, was auf dem Spiel stand, und wie wichtig es für jeden von ihnen war, dass sie sich zusammenrissen und zusammenarbeiteten, auch wenn sie schon sehr verschieden waren.

Dania hatte ihn am Anfang ein bisschen von oben herab behandelt. Das hatte sich nach kurzer Zeit verflüchtigt, als klar wurde, wie dringend auch sie den Unterricht brauchte. Und jetzt, im Zweikampf, bauten die beiden eine ganz andere Verbindung auf. Alles, was zählte, waren die Bewegungen des anderen.

Schläge, Holz auf Holz, Muskeln, die sich streckten, um den Körper in eine Richtung zu federn. Verwundbare Stellen, die es zu treffen und zu schützen galt, Schenkel, die die ersten Anzeichen einer Bewegung darstellten. Die Brust, auf die er sich fixierte, um sein Ziel im Blick zu haben, die Augen, die ihm verrieten, wo sie hinschlagen würde. Ihre Farbe konnte er von hier aus in der Hitze des Gefechts nicht erkennen, doch er tippte auf ein funkelndes Grün. Das von Wimpern eingerahmt wurde, die ihn fast aufzuspießen schienen, Augen, die intensiver blickten, als alles, was ihn je angeblickt hatte…

Da tauchte sie geschickt unter einem schlecht gezielten Schlag von ihm hindurch. Sie preschte links an ihm vorbei, schlug ihren Stock in seine Kniekehle und zwang ihn auf die Knie. Sie stand nun hinter ihm, hielt ihm ihren Stock an die Kehle und den Mund zu.

„Na, du wirst doch wohl nicht unaufmerksam werden?“, flüsterte sie in sein Ohr, sie hielt den Kopf so, dass er sie nicht sehen konnte. Langsam zog sie den glatten Stock an seinem Hals entlang. „Das hätte dich getötet, wenn ich eine Klinge benutzt hätte. Bleib konzentriert!“ Dania kicherte noch einmal und ließ ihn los.

Varg war fassungslos, wie er sich in diese Falle hatte ziehen lassen. Dieses Miststück hatte ihren eigenen Kampfstil, das musste er ihr lassen. Aber er war hier der Lehrer, er musste sich nur wieder fangen. Und er war ein Novize J’zharrs, das durfte er auch nicht vergessen, egal, wie hübsch sie war.

„Sehr gut, Dania, ich freue mich, dass du meine Lektionen beherzigst. Ich sehe, dass du schon beginnst, das Wissen anzuwenden.“ Er räusperte sich. „Als nächstes solltest du ein Gefühl für eine echte Klinge bekommen.“ Varg ging zu dem Bündel mit seinen Sachen, die er abgelegt hatte, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben, und holte sein Schwert heraus. Er gab ihr das Schwert. „Spüre das Gewicht. Mach ein paar Probeschwünge.“

Neugierig wog sie die Klinge in ihrer Hand. Es war ein relativ großes Schwert, definitiv zu schwer, als dass sie damit gut hätte kämpfen können. Sie nahm es zweihändig und schwang es über ihren Kopf, drosch es gegen die Hauswand. Es prallte ab, doch sie hatte es unter Kontrolle, auch wenn sie es noch ein bisschen schwerfällig lenkte. Varg ließ sie noch ein bisschen in der Luft herumschlagen.

„Spüre, wie du den Schwung ausnutzen kannst. Dann musst du nicht so viel Kraft investieren.“

Varg war sich nicht sicher, ob sie das gehört hatte, ihr Gesichtsausdruck zeigte keine Veränderung, sie war vollkommen konzentriert, fasziniert von der Macht, die sie da in den Händen hielt, und vom Gedanken, diese Macht lenken zu können. Doch er sah, dass ihre Bewegungen eleganter wurden, und die schwere Waffe sich langsam ihrem Willen unterwarf.

„Okay, das reicht fürs erste mit Luft zerhacken. Suchen wir uns eine nette Vogelscheuche, auf die du ein bisschen einstechen kannst?“

Author: Nami

Nami is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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