Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 34

Thorn

Thorn saß in der Eingangshalle von Arghan Howls Bürogebäude und wartete. Er hatte ein Treffen mit Arghan, sie wollten ihr weiteres Vorgehen besprechen, wie sie vorankamen, welche Investitionen getätigt wurden, praktisch ein ganz normales Meeting, wie es in diesem neuen „Kapitalismus“ so üblich war. Thorn war leicht aufgeregt, auch wenn er sich das niemals eingestanden hätte.

Die Aufregung kam nicht daher, dass er noch nie bei einem Meeting gewesen war – Thorn war immerhin schon mit ungewohnteren Situationen klargekommen. Sich vor ehrbaren Dieben als Inquisitor oder als Mitverschwörer auszugeben, war anspruchsvoller. Die hatten erheblich mehr beunruhigende spitze Gegenstände.

Aber hier geht es ja auch nicht um die Übernahme eines anderen Unternehmensoder einer Bande. Hier geht es um die Übernahme einer ganzen verdammten Stadt. Ich weiß, dass ich das hinkriege. Ich hoffe nur, dass auch Howl ein Talent für so etwas besitzt. Aber an seinen Sitz im Rat muss er ja auch irgendwie gekommen sein. Und noch viel mehr hoffe ich, dass er mich nicht bescheißt. Aber eigentlich kann er daraus nichts gewinnen…

Thorn hätte niemals den Fehler gemacht, Arghan zu vertrauen. Er hatte etwas viel besseres – er kannte seine Motivationen, und konnte einschätzen, wie er handeln würde.

Durchschauen ist besser als vertrauen, dachte Thorn.

Da kam Arghan auch schon durch das Foyer auf ihn zugelaufen, seine modischen Lederschuhe hallten auf dem glatten Marmorboden weit durch die riesige Halle auf ihn zu. Wie immer gab er eine leicht exzentrische Erscheinung ab, mit all den Erfindungen, die aus ihm herausragten.

„Hallo, mein Freund! Willkommen in meinen Bescheidenen Hallen!“ sagte er auf seine gewohnt unbeschwert geschäftige Weise, die wirkte, als würde Kaffee ihn rund um die Uhr alle Energie geben, die er brauchte – tatsächlich war es aber nur seine allgemeine Begeisterung für seine Arbeit und alles technische, die ihn auf Trab hielt. „Sieh mal her, dass ist unsere neueste Konstruktion, was sagst du dazu?“ Er hielt Thorn eine Kugel aus Messing hin, die vorne eine runde ziffernblattartige Anzeige hatte. „Das ist unser neuer Höhenmesser! Funktioniert mithilfe von Magnetismus, neueste Kreation. Jetzt kann ich immer ausrechnen, in welchem Stockwerk ich mich gerade befinde! Unsere Kunden aus Distrikt Eins werden das lieben, und sobald wir es erst ermöglicht haben, durch die Luft zu fliegen, werden diese Instrumente unerlässlich sein. Darf ich dir einen zum Fabrikpreis anbieten, Thorn?“

Thorn musste sich beherrschen, um nicht durchzudrehen, beim Gedanken daran, womit dieser Wahnsinnige die Kapazitäten seines Unternehmens verschwendete. Dafür warf Arghan seine gesamte Macht hinaus, damit beschäftigte er sich? Du könntest Waffen herstellen, mit denen du in Nullkommanichts die gesamte Stadt einnehmen könntest, und du verschwendest die Energie deiner Erfinder und Arbeiter auf einen Höhenmesser? Zeig mir drei Häuser in Lagon, die einen zweiten Stock haben!

„Nein, danke, ich kann mir ganz gut merken, in welchem Stockwerk ich bin. Ich hoffe, wir werden in naher Zukunft die Luft bereisen, dann würde ich gerne eins nehmen, aber ich fürchte, bis dahin nimmt es mir nur Platz weg.“

„Na gut, das mag ein Argument sein. So komm mit, Thorn, lass uns in mein Büro gehen, wir haben einiges zu besprechen!“

Kurze Zeit und sehr viele Stufen später saßen sie sich in Howls Büro gegenüber. Eine Sekretärin servierte den beiden Drinks. Howl steckte sich eine Zigarre an, paffte ein, zwei Züge, und sah Thorn an.

„Also, wir wollen den Orden entmachten, und das Verbot für Bor aufheben. Gegen den Glauben der gesamten Stadtbevölkerung. Klingt nach einer Herausforderung! Aber du wärst nicht Thorn, wenn du nicht bereits einen Plan hättest, habe ich Recht?“

„Ich hab mir tatsächlich ein paar Gedanken zu dem Thema gemacht.“ Thorn lächelte, doch im Gegensatz zu Arghans erreichte sein Lächeln seine Augen nicht. „Glaub aber nicht, dass sich das von heute auf morgen bewerkstelligen lässt. Den Orden langfristig zu schwächen, wird vielleicht Jahre dauern. Aber wir sind geduldig, oder? Bei so einem wichtigen Thema ist Zeit schon mal eine Ressource, mit der man freigiebig umgehen kann.“ Thorn beugte sich vor und nahm einen Schluck von seinem Drink. Er erschauderte.

Was trinken die hier bitte für ein widerliches Zeug, dachte Thorn.Ist da Wasser drin?

Thorn fuhr fort: „In all den Jahren beim Orden wurde ich sehr gut mit der Infrastruktur und den ganzen kleinen Machtspielchen im Orden vertraut – und habe ein bisschen verstanden, wie der Orden funktioniert. Die Macht des gesamten Ordens basiert auf drei Säulen: Die erste ist rein politisch, der Ratsinquisitor, der traditionell einen Sitz im Rat innehat. Wenn auf diesem Stuhl ein fähiger Politiker sitzt, hat der Orden natürlich großen Einfluss auf den Rat, aber das Prinzip kennst du aus deiner Arbeit im Rat ja zur Genüge. Die Zweite ist die Bildung der Leute; an sich ist das ja nichts besonderes, es gehen ja nicht alle in die Messen. Aber viel wichtiger sind die Schulen: durch die Bildungshoheit hat der Orden überall bis auf in den ganz armen Bezirken, wo die Leute sich keine Schule leisten können. Und was du Kindern erzählst, dass sie glauben sollen, das glauben sie auch als Erwachsene noch, wenn du es richtig machst. Aber vielleicht können wir eine andere Bildungsinstitution einrichten – eine, die den Leuten erzählt, was wir wollen, dass sie glauben… nein, dass sie wissen, wir sollten es wissen nennen, das klingt seriöser.“

Er nahm noch einen Schluck, mehr aus Durst als aus Appetit. Er stellte fest, dass dieser nun völlig anders schmeckte. Das war wohl der Clou bei diesen neumodischen Getränken. Thorn nahm sich vor, den dritten dann mit Neugier zu trinken.

„Und die dritte Säule der Macht sind natürlich die Flammensplitter, die militärische Macht. Da werden wir uns was einfallen lassen müssen – entweder Angriffe von hinterrücks, sodass die Inquisitoren keine Gelegenheit bekommen, sie einzusetzen, oder wir finden sogar noch eine bessere Lösung… man kann leider keinen ganzen Orden hinterrücks ermorden, mal sehen, Technik oder Bor kann uns hier vielleicht aushelfen, um eine wirksame Waffe gegen die Flammensplitter zu entwickeln.“

Der dritte Schluck erstickte seine Neugier im Keim. Er hustete und schob die Tasse von sich weg. Arghan grinste. „Ja, das wird die Forschung dann zeigen. Je eher wir einen Flammensplitter beschaffen können, desto eher können wir mit den Experimenten beginnen.“

„Darauf achten wir natürlich, ja. Um fortzufahren: das sind jedenfalls die drei Säulen, und sie basieren aufeinander. Der Orden hätte niemals diese politische Macht, wenn sie nicht auch eine ernstzunehmende militärische Macht hätten – sonst würde der Patrizier sie schon lange nicht mehr ernst nehmen. Und ihre Bildungsmacht resultiert aus der politischen – sie können im Rat durchsetzen, dass keine privaten Schulen erlaubt sind. Die militärische resultiert wiederum aus der Bildungsmacht – wenn sie keine Menschen manipulieren könnten, hätten sie bald keinen Zulauf mehr, angesichts der Abstinenz, in der die Inquisitoren leben müssen. Beziehungsweise, wenn die Inquisitoren sich nicht daran hielten, würden ihre Flammensplitter an Macht verlieren, wegen J’zharrs beschissenen Dogmen. Da ist vielleicht auch noch ein Ansatzpunkt für ihre militärische Macht… wenn wir genug von ihnen verführen, werden die Flammensplitter immer schwächer. Aber so viele Huren zu bezahlen, wäre durchaus teuer, gerade wenn man das Risiko bedenkt, einen Inquisitor zu verführen…“

Arghan war begeistert. „Interessant, dann sind die ja gar nicht so unantastbar, wie ich dachte! Wenn wir wissen, wie sie funktionieren, lässt sich das bestimmt untergraben… und wenn wir einzelne Säulen untergraben, stürzt der ganze Orden in sich zusammen! Und einer neuen, freien Gesellschaft steht nichts mehr im Wege!“ Er schien sich das im Geiste bereits auszumalen.

„Warte“, sagte Thorn, „so einfach ist das trotzdem nicht. Wir brauchen ein paar Leute in den richtigen Positionen, dann geht das, aber die einzelnen Säulen sind trotzdem schwer zu stürzen. Fürs erste bräuchte ich einen Sitz im Rat, bis ich anfangen kann, hier sinnvolle Schritte zu unternehmen – dann bringen wir sie Schritt für Schritt zum Einsturz. Meinst du, du kannst mir einen Sitz im Rat verschaffen?“

Arghan war hochmotiviert und sein Verstand lief auf Hochtouren. Gut, dass er nicht misstrauisch wird, wenn man nur auf seiner Partitur spielt. Thorn blickte ihn einfach weiter erwartungsvoll an.

Arghan analysierte erst einmal die Lage. „Nun, der Rat besteht aus Beratern des Patriziers, Vertretern wichtiger gesellschaftlicher Gruppen, hochrangigen Beamten, und auch Menschen, die sich um die Stadt verdient gemacht haben. Der Patrizier hat natürlich das letzte Wort, wer in seinen Rat aufgenommen wird. Aber es ist nicht allzu schwer, ihn in der Hinsicht auch etwas unter Druck zu setzen. Wenn du ein neues Licht bist, dann wird er schon mal keine Einwände haben, weil du zu mächtig wärst. Er wird dich vermutlich für eine Marionette von mir halten – aber da ich eine Menge für Geld, Arbeit und Ordnung in dieser Stadt tue, wird er sich kaum sperren, wenn wir eine gute Begründung haben. Und die Begründung –“

„Ich wollte schon immer mal ein Volksheld sein!“, sagte Thorn hinterhältig grinsend. „Angenommen, ich schlage einen Aufstand nieder, der Patrizier müsste sich erkenntlich zeigen, nicht wahr?“

Author: Nami

Nami is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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