Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 32

Joran

Was auch immer die sich gedacht hatten, das Labor in den elften Bezirk zu stellen, eine einfache Anreise hatten sie auf jeden Fall nicht im Sinn gehabt. Der Kutschenfahrer hatte ihn sehr seltsam angeschaut, als Joran ihm sagte, dass er in den elften Bezirk wollte.

Doch die freiberuflichen Kutschenfahrer Lagons hatten sich darauf spezialisiert, keine Fragen zu stellen und ein sehr schlechtes Gedächtnis zu haben. Solange es nicht um Straßen und Orte ging. So konnte Joran sich in Ruhe mental auf seine Arbeit im Labor vorbereiten. Soweit das bei einer Kutschfahrt in Lagon möglich war.

Der fünfte Bezirk, wo Joran wohnte, hatte ausgebaute Straßen und Infrastruktur. Der Ausbau wurde von den Großindustriellen selbst in die Hand genommen. So weit war die Fahrt angenehm, doch der elfte Bezirk lag am völlig anderen Ende der Stadt, und viel rückständiger als diese hinterwäldlerischen Schweinehirten dort ging es kaum. Auch die Slums, durch die er musste, als er durch die urbane Stadtmitte fuhr, hatten nur verwahrloste Gassen. Ab und zu musste der Fahrer aussteigen, um einen Körper aus dem Weg zu räumen. Nicht alle waren Schnapsleichen.

Als sie jedoch den elften Bezirks kamen, der weniger dicht besiedelt war, war meistens nicht mal eine Straße zu erkennen. Sie mussten sich durch die vollkommen löchrigen Pfade zwischen Viehweiden, Feldern und brüchigen Hütten durchkämpfen. Joran hatte darauf geachtet, eine Kutsche mit moderner Federung auszuwählen, doch viel half es nicht.

In Zukunft sollten wir die Federung im elften Bezirk testen.

Als Joran den Blick aus dem Fenster schweifen lies, war er enttäuscht. Er hatte einige Maschinen zur Landwirtschaft entworfen – doch zu seiner Verwunderung sah er kaum eine im Einsatz. Dabei war das hier doch der landwirtschaftliche Bezirk. Anscheinend verkaufte Arghan die Maschinen zu teuer, als dass diese Leute sie sich hätten leisten können. Joran fluchte auf J‘zharr. Wobei er hoffte, dass der Kutscher ihn in seiner Kabine nicht hören konnte.

Irgendwann hörten sogar die Häuser auf. Hier gab es nur noch Felder, und nur in der Ferne ein paar Landhäuser. Die reichsten Familien Lagons, die einen eigenen Namen hatten, konnten es sich leisten, ab und zu dem Dreck und Lärm der Stadt zu entkommen.

In der Ferne zeichnete sich ihr Ziel ab – eine kleine Häusersiedlung, um die weit reichende Felder lagen.

Auf denen sah Joran ein paar vergleichsweise junge Leute mit ein paar seiner eigenen Maschinen arbeiten, was ihn sofort zum Lächeln brachte. Arghan hatte ihm gesagt, dass sie ehrbare Diebe waren, die hier ihr Glück in der Landwirtschaft versuchten. Mehr wusste Joran nicht, mehr wollte er auch nicht wissen.

Joran sollte es recht sein. Durch diese Erfahrungen konnten die Maschinen verbessert werden. Vielleicht waren sie eines Tages billig genug für andere Bauern. Und wenn die Diebe dadurch von der Straße wegkamen und ehrlich arbeiteten, umso besser.

Doch seine Gedanken wurden unterbrochen, sie kamen in der kleinen Siedlung an. Clever, das Labor von ihnen bauen zu lassen, die plaudern bestimmt nicht.

Er stieg aus der Kutsche, bezahlte für die Fahrt und ging auf eins der Häuser zu. Arghan hatte ihm beschrieben, welches das Labor beherbergte. Er merkte, wie er von einem ehrbaren Dieb in Arbeiteruniform beobachtet wurde, als er die Tür aufsperrte. Ein bisschen Angst machten sie ihm schon, aber er wusste, dass sie auf derselben Seite waren.

Innen war das Haus wie eine normale Arbeiterbaracke eingerichtet, so minimalistisch, wie er es selbst entworfen hatte. Mit einem kleinen Unterschied: in dieser Hütte hatte irgendjemand einen gewaltigen Teppich ausgelegt. Joran stampfte auf ihm herum, bis er plötzlich eine Stelle traf, die nach Holz klang, und nicht nach dem Erde-Lehmgemisch, aus dem die Hütten gebaut waren. Er schlug den Teppich um. Dadurch öffnete sich die Falltür, sie war an dem Teppich befestigt. Er kletterte die Leiter herunter, und zog die Falltür wieder zu. Eine durchdachte Konstruktion, der Teppich landete auch wieder an Ort und Stelle.

Unten angekommen, sah Joran sich erst einmal um. Er hatte sich die ganze Fahrt gefreut auf die Kolben, die Reagenzgläser, die Ingredienzen und seinen eigenen Wombat – doch etwas anderes fesselte seine Aufmerksamkeit: eine wunderschöne junge Frau stand mitten in seinem Labor, bildhübsch, mit langen DA STEHT EINE FRAU schwarzen Haaren, einem dunkelgrünen DA STEHT EINE FRAU Kleid, das für Jorans Geschmack fast schon atem- DA STEHT EINE FRAU beraubend kurz war, und einfach perfekt zu ihren Haaren passte. Wie eben alles zu schwarz passt. Nicht dass Joran von Farbkomposition DA STEHT EINE FRAU eine Ahnung gehabt hätte.

Da steht eine Frau… Joran hatte selten mit Frauen zu tun, immerhin hatte er sein ganzes Leben lang nur mit seinen Eltern, und später mit lauter schwitzenden Proleten verbracht. Wenn er Frauen begegnete, dann eigentlich nur in seinen Träumen. Er hatte hin und wieder eine Maschine gebaut, die so aussah wie eine Frau. Er versuchte, nachzustellen, wie so jemand wohl tickte. Doch nach einer Weile hatte er das aufgegeben. Ihm war klar geworden, dass er wohl nie eine kennenlernen würde. Sein Platz war in der Technik, und dort war er noch nie einer begegnet.

Die Träume waren nichtsdestotrotz immer wiedergekehrt.

Und nun steht so ein Traum vor mir? Und durchbohrt mich mit ihren Blicken.

Joran bemerkte plötzlich, wie er da wohl gerade stand, mal wieder hatte er sich nicht unter Kontrolle. Er zwang sich, eine aufrechte Haltung anzunehmen, den Mund zu schließen und wieder einen normalen Menschen zu spielen.

„Hallo“, wollte er sagen, doch er brachte nur ein undefinierbares Murmeln durch seine zusammengepressten Lippen, bis er sich erinnerte, dass man den Mund zum sprechen ja wieder öffnen musste. Allerdings hatte er einen so stark gesteigerten Speichelfluss, dass er direkt Angst davor hatte, seinen Mund wieder zu öffnen, von seinem Schweiß ganz abgesehen. Wie ein schlechtes Klischee von einem Bastler.

Er schluckte, öffnete den Mund und startete einen weiteren Versuch.

„H-Hallo, ich bin Jo- ähm, Joran!“

Verdammt, wie kann man sich bei seinem eigenen Namen verhaspeln.

Die Frau starrte ihn verwundert an, sie schien überrascht, doch dann wandte sie sich einfach ab, ging wieder in die Hocke und betrachtete weiter den Käfig in der Ecke, den Joran erst jetzt bemerkte.

Er war ein bisschen enttäuscht, dass sie ihn nicht beachtete, doch auf der anderen Seite war er auch sehr erleichtert. So fiel erst einmal der Druck von ihm ab und er konnte sich im Raum umsehen. In dem Käfig, den die Frau DIE FRAU gerade beobachtete, drängte sich ein Wombat ängstlich in die Ecke. Eine Tafel für Notizen, und vielleicht für Unterrichtszwecke.

Warte – ist die Frau etwa einer der Mörder, die ich ausbilden soll? Er konnte sie ja nicht einmal normal ansehen. Wie sollte er sie dann erst unterrichten?

Wie kann so ein Wesen überhaupt jemandem etwas zuleide tun? Sie sieht unberührt von dieser Welt aus, als dass sie jemals zu irgendeiner bösen Tat imstande wäre. Im Gegen-

Sie unterbrach seine Gedanken ziemlich abrupt, indem sie sich bewegte. Sie stand unwillkürlich auf, ging zu einem der Tische, und langte sich in den Ausschnitt. Jorans Herz blieb beinahe stehen, von hier aus konnte er fast sehen, was da alles in….

Sie holte ein Tütchen mit einem seltsamen Pulver heraus, langte sich unter den Rock, zog ein Messer hervor. Sie schob das Pulver auf dem Tisch mit dem Messer zu einer Linie zusammen und zog sie routiniert durch die Nase ein.

„Was ist los, Jo-ähm, willste auch was?“

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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