Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 31

Dania

Dania saß vollkommen mit sich und der Welt im Einklang in einer Ecke. Das verwunderte sie auch nicht weiter, sie verwunderte gar nichts. Immerhin war sie mit sich selbst und der Welt im Einklang. Da hatte sie doch eine harmlose Ecke nicht zu beachten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich… das war schwer zu sagen, Dania kannte dieses Gefühl nicht. Für ein verlorenes Mädchen des siebten Bezirks blieben nicht allzu viele Metaphern übrig, um Reinheit und Unschuld zu beschreiben. Eine wie sie musste auf Konzepte wie Reinheit und Unschuld vollkommen verzichten – ums Überleben willen.

Sie fühlte sich satt, aufgehoben und rundum wohl. Und ziemlich zugedröhnt, natürlich. Sie hatte in den letzten Wochen sogar genug Schlaf abgekriegt. Ein Gefühl genoss sie ganz besonders – es war ungewohnt trocken zwischen ihren Schenkeln.

Unklebrig, dachte sie, und trotzdem satt. So fühlt sich wohl eine fabrikneue Packung Hoover Beans. Wenn man im siebten Bezirk aufwuchs, blieben einem nicht viele Metaphern.

Am Rande war ihr bewusst, dass das Brocken ihr wohl einfach einen Schub an Selbstbewusstsein gab. Sie fühlte sich toll, weil sie sich toll fühlen wollte… so funktionierte die Droge. Doch irgendwie ging dieses Gefühl viel tiefer.

Als sie an sich herunterblickte, merkte sie, dass ihre Kleider sich vor ihren Augen verwandelten. Sie war vollkommen verblüfft, aber dann erinnerte sie sich an ihr alchemistisches Talent, Brockenauswirkungen zu steuern. Sie trug zwar keine Lumpen (das musste sich eine Hure leisten können), doch das Kleid das Marcin ihr vor einigen Wochen geschenkt hatte war schon damals steif und grau vor Dreck gewesen. Es war ein für die Arbeit etwas zu langes Kleid und oberschenkellange Strümpfe, die es irgendwie schafften, sehr durchsichtig, aber trotzdem sehr warm zu sein. Davon abgesehen war die Farbe der Strümpfe undefinierbar.

Das Kleid das sie davor getragen hatte, hatte sie jahrelang getragen – sie hatte es direkt am Anfang ihrer Karriere gefunden.

Die Erinnerungen schmerzten weniger, wenn Dania auf Brocken war. Außerdem hatte sie gerade einen wirklich guten Tag. Und sie war vollkommen davon abgelenkt, was mit ihrem Kleid passierte: das Graubraune vollkommen harte Stück „Stoff“, dass sie am Körper trug, änderte sein Farbe.

Eine Welle ging durch das Kleid, sie bewegte sie von oben, von ihrem Kopf aus, in Richtung ihrer Füße (naja, in Richtung Knie) – und überall, wo die Welle durch den Stoff gefahren war, schwebten graubraune Schwaden, Nebelschwaden, sie trieben von ihrem Kleid weg, und verdunsteten nach einer Weile in der Luft. Was übrig blieb, war ein wundervolles, blitzsauberes, dunkelgrünes Kleid aus gar nicht so schlechtem Stoff.

Als sie es anfasste, fühlte es sich plötzlich viel weicher an, als es je gewesen war – anscheinend bestand es aus Baumwolle. Dania war fasziniert. Sie hatte wochenlang solch ein schönes Kleid angehabt, und es erst jetzt gemerkt?

Sie sprach ein kurzes Dankgebet an J’zharr, dass es Brocken gab, und dass sie die Möglichkeit hatte, Reinheit auch einmal zu erfahren. Der einzige, der ihr je etwas über Theologie beigebracht hatte, war ihr Vater gewesen, als er gesagt hatte: „Du musst wie eine Flamme sein. Stell dir vor, du musst den Mann vor dir mit deinem Feuer erfüllen – ach was, mit J’zharrs gottverdammter heiliger Flamme! Strecke deine Brust noch ein bisschen raus, oh ja, genau so, und guck noch ein bisschen heiliger!“

Die Erinnerungen begannen, etwas wehzutun, und sie merkte, dass sie wohl langsam runterkam. Sie begann sich schnell einzureden, dass es jetzt gut sei, und dass sie ja jetzt ein neues Leben anfange – mit etwas Glück musste sie nie wieder so arbeiten. Und mit Thorns Hilfe, natürlich.

Sie dachte lieber wieder an Kenin oder an Gabor, und die Macht, die sie gespürt hatte. Die Macht, die sie plötzlich gehabt hatte, und dass sie kein harmloser Spielball dieses Universums mehr war. Sie überprüfte noch mal die Klinge, die an ihr Bein geschnallt war, und fühlte sich gleich viel sicherer. Seit dem Mord an Kenin hatte sie immer bei sich.

Selbst wenn mein Vater mich finden würde – heute hätte ich eine Antwort darauf.

Eines Tages war sie mit sich übereingekommen, dass sie ihren Vater nicht mehr brauchte. Es war eine gute Entscheidung gewesen, ihn zu verlassen. Sie bereute sie keinen Tag. Für eine Weile musste sie sich in einem anderen Bezirk herumtreiben – doch eines Tages hörte sie, dass er aufgehört hatte, nach ihr zu fragen. Da machte sie sich keine Sorgen mehr. Da er selten das Haus verließ, hatte sie keine Angst, ihm zufällig zu begegnen.

Soll er sich doch sein eigenes Geld erficken, dachte sie. Ich werde das jedenfalls nicht mehr tun. Nicht mal mehr für mich selbst – ich ermorde es mir ab jetzt!

Drei Wochen waren seit dem Mord an Kenin vergangen. Sie hatte seitdem nicht mehr arbeiten müssen, Marcin hatte sie bei sich wohnen lassen, und ihr sogar eine tägliche Dosis Brocken bereitgestellt.

Jetzt, wo die Wirkung nachließ, begann sie erst, sich zu fragen, wo sie eigentlich war, Ecke reichte ihr nicht mehr als präzise Ortsbeschreibung aus. Sie sah sich ein wenig in dem Raum um – in Marcins Versteck war sie jedenfalls auch nicht, sie erinnerte sich dunkel, dass Marcin sie in eine Kutsche gesetzt hatte. Sie wusste allerdings nicht mehr, wie lang sie gefahren waren. War sie vielleicht nicht einmal mehr im siebten Bezirk?

Der Raum sah allgemein ziemlich seltsam aus. Er war rechteckig, und zwar ziemlich exakt. Nicht diese ungenaue „Hauptsache eine Wand steht da und es regnet nicht rein“-Bauweise, die sie aus dem siebten Bezirk so kannte, wo eine Wand gut und gerne in vier verschiedene Richtungen gehen konnte, und mit verschiedenen Beulen versehen war.

Er hatte auch keine Tür und keine Fenster; nur eine Falltür an der Decke, mit einer kleinen Leiter, die nach oben führte. An einer Wand hing eine große Tafel. Sie kannte das noch, als sie einmal zum Schlafen in eine Schule des Ordens eingestiegen war. An den restlichen Wänden standen Tische voller rätselhafter Instrumente, irgendwelche Glaskolben mit Flüssigkeiten, die sie lieber nicht zu genau kennen wollte.

In der Ecke stand ein Käfig. Darin schlief das süßeste kleine haarige Wesen, das ihr je untergekommen war. Sie kniete sich hin und presste ihr Gesicht an die Gitterstäbe. Sie hätte das Tier gerne gestreichelt, doch die Gitter waren zu eng. Dania wusste sofort, dass es ein Wombat war, auch wenn sie noch nie einem begegnet war. Wofür sollte man ein Tier in einem Labor halten, wenn nicht, um Brocken herzustellen?

Dann klopfte es an der Decke.

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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