Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 30

Thorn

Thorn sah Arghans Arbeitern dabei zu, wie sie die Kutschen beluden. Seine Stimmung stand auf Triumph – endlich ging es los. Mit der Ausrüstung, die hier vorbereitet wurde, konnten sie einen geheimen Stützpunkt einrichten, und mit der Ausbildung von Varg und Dania beginnen. Der Grundstein für Thorns Erfolg war gelegt.

Viel Ausrüstung war nicht nötig, besonders viel brauchte man für ihre neue Basis nicht. Thorn sah ein paar Tische, Regale, und kleine Schränke, und ein, zwei Kisten, die verdächtig klirrten, wenn die Arbeiter sie absetzten. Ein Vorarbeiter brüllte Befehle, wischte sich den Schweiß von der Stirn – wenige Dinge gaben Thorn so ein gutes Gefühl, wie wenn andere Leute in seinem Namen Befehle brüllten.

Er musste sich nicht einmal selbst darum kümmern.

Die Dinge liefen wirklich gut. Alle hatten sie sich zur Zusammenarbeit bereit erklärt. Dass Leute wie Dania, Varg, Arghan und Marcin gemeinsam in einer Mannschaft spielten, war sein Verdienst.

Sie sind so unterschiedlich. Aber genau darin liegt ihre Stärke, dachte Thorn.

Thorn hatte einiges aufbringen müssen, um diese ungewöhnliche Mischung zusammen zu bringen. Erfolg bekam einen gewissen fatalistischen Touch, wenn man vierundzwanzig Stunden am Tag versuchen musste, den eigenen Lügen nicht zu sehr zu glauben.

Verdammter Idealismus, dachte er. Aber nur solange Leute wie Varg mir so etwas abkaufen, kann ich ihnen ihre verdammte Aufgabe näher bringen.

Fluchen war ein guter Weg, um nicht in die Illusion zu verfallen, dass er tatsächlich einen besseren Ort aus Lagon machen wollte. Zu viel gute-Seele-tun verwirrt einem die Sinne. Wie sollte er seine Pläne verwirklichen, wenn er anfing, sich tatsächlich so sehr mit moralischen Fragen zu plagen, wie seine Schützlinge?

Amüsant, wie Varg, Dania, sogar Arghan sich irgendwo an ihre Ideale klammern. Schwächere Geister brauchen das wohl, um nicht den Verstand zu verlieren.

Er konnte sich das nicht leisten. Um überzeugend zu lügen, muss man das, was man sagt, zu einhundert Prozent glauben – und zwar genau so lange, wie man es sagt. Er musste jedoch zwischen zu vielen verschiedenen Lügen hin- und herwechseln – wenn er etwas nur eine Sekunde länger glaubte, als er es brauchte, um seine Leute zu überzeugen, lief er Gefahr, darüber seinen eigentlichen Plan zu vergessen.

Doch jetzt liefen die Geschehnisse langsam an, die Überzeugungsarbeit war fürs erste getan. Endlich ging es ans Eingemachte. Das Labor wurde eingerichtet. Marcin hatte eine Hütte im abgelegenen elften Bezirk organisiert, wo die Miliz nie vorbeischaute. Es gab dort nicht einmal ehrbare Diebe. Nur ein einsamer braver Inquisitor predigte hier ab und zu. Er war wegen zuviel Idealismus in dieses Loch versetzt worden, und fristete hier sein Dasein. Beste Vorraussetzungen für ein Geheimlabor.

Selbst wenn sie in das Labor hineinschauen würden, die Hinterwäldler, die hier von ihrer Schweinezucht lebten, hätten keine Ahnung, womit sie es zu tun hatten. Thorn kannte den elften Bezirk noch aus seiner Kindheit. Der Bildungsstandard lief hier auf nichts hinaus, bis auf das Bisschen, das man für Landwirtschaft brauchte. Diese rückständigen Idioten waren nicht einmal für Verbrechen zu gebrauchen.

Umso bessere Bedingungen für uns, dachte Thorn.

„Thorn! Da bist du ja. Und, gefällt dir, was du siehst?“ Arghan eilte herbei, er war spät dran.

Nun, er wird hier ja auch nicht wirklich gebraucht. Alles, was wir von ihm benötigen, ist die Unterschrift, die das hier ermöglicht.

„Ja, ich stelle sicher, dass alles nach Plan verläuft. Dass nichts wichtiges vergessen wird.“ Natürlich hatte Thorn keine Ahnung, was sie eigentlich alles benötigten. Schlafplätze, schätze ich. Vielleicht ein paar Waffen. Der alchemische Kram ist mir fremd.

Arghan war sehr freundlich zu ihm, seit er klargestellt hatte, welche Macht er über Thorn hatte. Er hatte ihm das Du angeboten. Für Arghan war alles bester Ordnung, endlich ging es los. Seine Träume begannen sich gerade, zu manifestieren. Und er hatte das Gefühl der Kontrolle.

Thorn war immer ein bisschen schlecht, wenn er Arghan sah. Da ging der Mann, der ihm seinen Weg aufgezwungen hatte. Der seinen Ruf ruiniert, und seine Machtbasis genommen hatte. Wegen dem er seinen Flammensplitter verloren hatte. Und Thorn konnte nicht auf ihn verzichten, er brauchte ihn, wenn er jemals wieder etwas werden wollte in dieser Stadt.

Arghan trat heran und klopfte ihm auf die Schulter. Solche Berührungen waren Thorn höchst unangenehm. Er war es gewohnt, Macht auszuüben – er wusste genau, welche Botschaft dadurch subtil vermittelt wurde. Gut gemacht. Nicht, dass Arghan zu entscheiden hätte, ob er etwas gut gemacht hat. Arghan hatte nicht zu entscheiden, was Thorn tat.

„Und du? Ist für den Transport wirklich alles abgeklärt? Können wir dem Fahrer vertrauen? Dieses Labor muss geheim bleiben.“

„Selbstverständlich.“ Arghan lachte. „Ist ja nicht das erste Labor, das wir einrichten, wie du weißt. Auch wenn es gut ist, dass das Grundstück diesmal nicht auf meinen Namen läuft. Da hat dein Mann bei den Dieben bestimmt die bessere Infrastruktur.“

Thorn nickte zustimmend. Das war natürlich der Grund, den er Arghan erzählt hatte. In Wirklichkeit war es ihm lieber, wenn Arghan und Marcin nie komplett für etwas verantwortlich waren. Umso weniger verzichtbar war Thorn. Wenn es nach ihm ging, würden die beiden sich nie kennenlernen.

Arghan klopfte ihm noch einmal auf die Schulter. „Ich sehe, du hast alles im Griff. Macht Spaß, mit dir zusammenzuarbeiten. Sehr professionell. Ich kümmere mich dann mal weiter um meine anderen Geschäfte.“

Thorn wollte dem Geschäftsmann zum Abschied ebenfalls auf die Schulter klopfen, doch der neumodische Anzug, den Arghan trug, hatte dort spitze Nieten. Er musste auf diese Geste verzichten, und winkte stattdessen. Winken. So verschaffe ich mir niemals Respekt.

Nun, Respekt war zwischen den beiden wahrscheinlich gar nicht nötig. Letztendlich gab es nur einen Grund, warum Thorn und Arghan sich vertrauen konnten: sie wussten zu viel über einander.

Thorn hätte niemals zugegeben, dass er Arghan dankbar war. Seit der Orden ihn verstoßen hatte, hatte Thorn sich so frei wie noch nie gefühlt – auch wenn er nun ein sehr viel gefährlicheres Spiel spielte. Aber er war zuversichtlich, dass er gut in dem Spiel war. So gut wie kein Anderer.

Von Marcin vielleicht abgesehen. Über ihn wusste Thorn nicht genug. Dass sie zusammen geplant hatten, Kenin zu ermorden, war bereits etwas – aber letztendlich nicht belastend genug. Diebe brachten sich ständig gegenseitig um. Das alleine reichte nicht, um etwas gegen Marcin in der Hand zu haben.

Er hatte Marcin auch noch nicht viel von sich gesagt. Jetzt, wo Thorn der Kontakt zu Arghan war, und das beträchtliche Budget für die Operation kontrollierte, hatte Marcin genug andere Gründe, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Aber das rechtfertigte Marcins Risiko nur bis zu einem gewissen Grad. Für Marcin war Thorn bis jetzt nur eine Chance, nicht unersetzlich. Marcin war nicht abhängig von ihm. Das ist ein Problem.

Nun, jeder hatte seine Schwachstelle. Auch Marcin musste irgendwo verwundbar sein. Thorn würde nur herausfinden müssen, was er brauchte. Es ihm geben. Bis Marcin es sich nicht mehr leisten konnte, wenn Thorn es ihm wegnahm.

Doch dieses Problem würde er an einem anderen Tag lösen. Heute sonnte sich Thorn in seinen Chancen.

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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