Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 29

Joran

Er war schon wieder über seinen Skizzen eingeschlafen. Alles was er noch wusste, war, dass er über einem Luftschiff gegrübelt hatte… aber ihm absolut keine Möglichkeit für den Antrieb eingefallen war.

Im Anschluss hatte er von riesigen Luftschiffen geträumt, die vom Himmel fielen, weil sie gar keinen Treibstoff hatten, und fies guckenden Inquisitoren, die sie auffingen und in Flammen aufgingen. Danach wurde er von Flammen gejagt, und er wollte sie löschen, doch er hatte sein Feuerlösch-Bor nicht mehr, das hatten die Inquisitoren beschlagnahmt. Doch die Inquisitoren lüfteten ihre Roben, und darunter waren sie Frauen, wie er sie sich immer gewünscht hatte, bar jeder Verhüllung, die seine Fantasie eingeschränkt hätte, und er war gefangen im Blick auf diese wunderhaften Wesen, während Luftschiffe aller Art um ihn herum auf den Boden aufprallten. Da schoss ein gigantischer Baum aus dem Boden, der süß duftete und alles um ihn herum verzauberte. Die Inquisitorinnen wandten sich verzückt dem gigantischen Stamm zu und fingen an, ihn überall zu berühren, eine streckte sogar ihre Zunge heraus und leckte an ihm, während Joran nichts blieb, als von außen zuzuschauen. Doch der Baum verwelkte, wie alle Natur verwelkt, und Joran baute einen neuen Baum, aus Stahl, der Früchte aus Flammen und Dampf trug. Der Pollenstaub war reinstes Bor und schwängerte die Luft mit Macht und Energie. Joran fühlte sich so frei wie nie, dieser Baum würde nie verwelken.

Doch die liebreizenden Inquisitorinnen wandten sich ab von seinem mächtigen stählernen Stamm.

„Er fühlt sich so kalt an!“ jammerte eine und einer anderen fror die Zunge fest, sodass sie an dem Baum kleben blieb. Doch sein mächtiger Baum wuchs und wuchs, und Joran saß auf seinem Wipfel und ließ sich in unendliche Weiten den Himmel hinauftragen. Als es zu regnen anfing, war er bereits über den Wolken. Am Ende fand er auf der höchsten Wolke, wo bereits kein Dampf mehr existieren konnte, ein Luftschiff liegen. Es wartete nur auf einen Fahrer, der es weit und frei durch die Lüfte steuerte. Joran stieg ab von dem Baum, der seinen Zweck erfüllt hatte, und trat auf die Wolke, betrat das Luftschiff durch eine Luke und betätigte die Armaturen, auf dass es startete. Und es begann zu ruckeln und zu zuckeln und zu zucken und zu rucken, und dann

zerrte Arghan an ihm und rüttelte ihn an den Schultern, sodass er unsanft erwachte.

„Du bist mir ein wahrer Erfinder! Dass du sogar noch über deiner Arbeit einschläfst, diese Moral würde ich mir von allen meinen Angestellten wünschen, Joran, sehr gut! Aber ich kann dir jetzt keine Zeit lassen, zu dir zu kommen, wir haben einiges zu erledigen, und das wird dir besser gefallen als die schnöde Mechanik! Wahre, komplizierte Aufgaben warten auf dich, wir haben einen Krieg zu gewinnen! Und du bist unser Genie an der alchemistischen Front. Wir haben ein neues Labor organisiert!“

Joran blinzelte verwirrt. Er war offensichtlich vollständig bekleidet eingeschlafen, das ersparte ihm zumindest die Unannehmlichkeit, in Unterwäsche vor seinem Boss zu stehen, vor allem wegen besagtem Stamm, der sich unbequem regte und seine Hose leicht ausbeulte. Verworrene Gedanken schwirrten durch sein Hirn, Inquisitorinnen hämmerten gegen seinen Schädel, und sein Geist brauchte eine Weile, um hinter den Sinn von Arghans Redeschwall zu kommen.

„Was sagst du? Labor? Krieg? Mister Arghan, glaubst du, ein Krieg ist eine gute Idee? Gegen wen überhaupt?“

Howl beruhigte sich ein wenig und lächelte nachsichtig. „Joran, hast du nicht immer davon geträumt, frei mit Bor zu forschen und zu erfinden, sodass du der Menschheit endlich gescheit helfen kannst? Dieses Recht wollen wir uns nehmen! Der Orden tut uns völlig unverständlicherweise die Verwendung von Bor zu verbieten, aufgrund von ein paar Dogmen eines toten Gottes… und wir wollen dieses Verbot aufheben, damit unser Unternehmen endlich den gewaltigen Sprung nach vorn machen kann, auf den wir seit Jahren warten!“

Howl macht eine kurze Pause, um Luft zu holen.

„Keine Sorge, das wird kein offener Krieg, wir wollen unser Ziel auf politischem Weg erreichen. Nur damit wir auf diesem Weg erfolgreich sind, müssen wir unter Umständen etwas nachhelfen. Wir können nicht länger hinnehmen, dass der Orden, mit seinen paramilitärischen Inquisitoren, so ein Machtmonopol in dieser Stadt hat. Du weißt ja, durch meinen Sitz im Rat kriege ich regelmäßig mit, wie Ratsinquisitor Callen die Politik hier in der Hand hat. Wer ihnen nicht in den Kram passt, wird wegen irgendeines fadenscheinigen Verbrechens angeklagt und gereinigt. Da muss man endlich etwas dagegen setzen! Der Orden terrorisiert diese Stadt!“

Joran fand es ein bisschen früh am morgen für politische Gespräche, doch er konnte nicht umhin, Howl recht zu geben. Er hatte die Repression des Ordens ja auch schon am eigenen Leib erfahren müssen, auch wenn Howl das nicht wusste.

„Und deswegen brauche ich deine Künste als Alchemist. Du musst zwei unserer Leute im Umgang mit Bor ausbilden – mache sie zu Attentätern im Dienste der Wissenschaft! Wir bekämpfen den Terrorismus des Ordens mit unseren eigenen Waffen. Die haben die Splitter ihres toten Gottes, und wir haben die Essenz des Lebens – Bor!“

„Ich soll… Attentäter ausbilden? Mörder?“

„Joran, verstehst du nicht? Das ist der einzige Weg, wie du es noch erleben kannst, dass die Menschen in Lagon Bor-Erfindungen im Alltag nutzen können! Und dass sie nicht mehr in ständiger Angst leben müssen, gereinigt zu werden, nur weil sie den skurrilen moralischen Anforderungen eines Haufens verbitterter alter Kastraten nicht genügen. Du hast die Möglichkeit, so eine Welt zu schaffen! Muss ich dich zweimal bitten?“

Die Vision einer solchen Welt war allerdings eine Idee, die Joran mehr als teilte. Er hatte die Kerker des Ordens und ihre Methoden ja bereits erlebt, und sah, wie dringend eine Veränderung nötig war. Der Orden ließ die gesamte Stadt im Winterschlaf vor sich hinsiechen, obwohl der Fortschritt problemlos in der Lage war, Lagons soziale Probleme zu lösen.

„Nicht die Armut ist die Krankheit, Joran, der Orden ist es! Und du bist ein ziemlich guter Chirurg. Lass uns diesen Tumor aus Lagon herausoperieren! Wir bekämpfen Feuer mit Feuer, oder zumindest Flamme mit Wissenschaft. Für eine bessere Zukunft.“

Ich habe immer noch ein etwas mulmiges Gefühl, dachte Joran. Doch dass Fortschritt bei manchen Menschen ein mulmiges Gefühl auslöst, habe ich ja schon öfter erlebt. Vielleicht bin ich ja jetzt an der Reihe. Und nur wegen ein paar mulmigen Gefühlen will ich dem Fortschritt nicht im Weg stehen. Ich bin ja auch nur ein Mensch, mit Naturen, die es zu überwinden gilt, wenn sie dem Ganzen schaden.

„In Ordnung, Mister Arghan, ich bin dabei bei eurem Labor. Ich freue mich schon darauf, weiterzuforschen! Auch wenn es etwas dauern wird, bis wir wieder auf dem Stand der Forschung sind, auf dem wir waren, als das Labor hochgenommen wurde… aber ein paar Sachen habe ich noch im Kopf, gebt mir ein paar Wochen.“

„Das wird nicht nötig sein, Joran… ein paar Köpfe im Orden haben sich nämlich entschieden, dass ihnen die Linie des Ordens auch zu radikal ist; sämtliche Formeln, Notizen und Aufzeichnungen sind erhalten geblieben und wieder in unseren Händen! Du kannst fast schon auf der Stelle weitermachen.“

Auch wenn Arghan begeistert war, Joran konnte sich kaum vorstellen, dass es so einfach werden würde.

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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