Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 28

Varg

„Die Stadt wird bald einen erheblichen Aufschwung erfahren!“ verkündete Thorn erfreut. „Und du kannst dazu beitragen, wenn du willst!“

Thorn und Varg saßen wieder in ihrem Stammcafe. Varg war von Thorns neuem Anzug ziemlich beeindruckt, der stand ihm tatsächlich viel besser als die braune Inquisitorenrobe, die auch ihn erwartete, wenn er das Gewand der Novizen ablegte.

„Etwas dazu beitragen? Endlich etwas tun? Das wäre mal was anderes, als nur in der Schule zu sitzen, wo sich alle nur für die Vergangenheit interessieren. Was hast du denn im Auge?“ Varg brannte darauf, zu hören, was sein Mentor mit seiner freien Zeit so anstellte – er hatte nicht viel Ahnung, wie das Leben außerhalb des Ordens war.

„Ich bin nicht untätig gewesen seit unserem letzten Treffen. Ich habe begonnen, ein paar Agenten um mich zu versammeln, Verbündete, mithilfe derer wir das Elend der Armen in Lagon ausmerzen können… sie selbst haben das oft am eigenen Leib erfahren müssen, und brennen darauf, mir zu helfen, die nötige Macht zu erlangen, um endlich in dieser Stadt etwas verändern zu können.“

„Das ist hervorragend! Schön zu hören, dass es außerhalb dieser Blase, in der ich lebe, noch tatkräftige Leute gibt. Was sind denn das für ‘Verbündete’, von denen du sprichst?“ Varg war gespannt, was Thorn getrieben hatte.

„Nun – es sind definitiv Leute, wie du sie bisher eher selten getroffen hast. Aber wenn wir den Schwachen helfen wollen, müssen wir auch mit den Schwachen zusammen kämpfen! Und ich habe einige neue Perspektiven auf das Leben bekommen, wie sie im Orden, in dieser Schule der alten Schriften und vertrockneten Lehren, nie vermittelt werden.“

Er hat sich verändert, seit er nicht mehr im Orden ist. Zum Guten oder zum Schlechten? Schwer einzuschätzen. Aber er sprüht vor Leben.

Thorn war in seinem Redefluss nicht zu stoppen. „Ich habe das Leben dort draußen jetzt auch gesehen, und mit Dieben, Huren, Ausbeutern und Mördern gesprochen – sogar mit Alchemisten. Und jeder von ihnen hat letztendlich eine so vollkommen eigene Sicht auf sein Leben, sein persönliches Überleben; ein Dieb stiehlt ja nicht, weil er jemandem etwas böses will. Er stiehlt, damit er selbst eine Chance hat, in diesem Dschungel zu überleben. Das Leid produziert das Böse: obwohl das Böse nicht einmal böse sein will. Deswegen ist es auch legitim, mit ihnen zusammen gegen das Leid zu kämpfen.“

Varg staunte über die Dimensionen, in denen sein Mentor sprach. Das Böse ist doch schuld an dem Leid, oder nicht? „Aber der reine Kampf geht doch nur von guter Seele aus! Nur die reine Flamme kann das Böse vernichten, auf dass aus der Asche neues, gutes entsteht!“

Thorn seufzte. „Varg, wovon ich spreche, sind Menschen, die nie die freie Wahl hatten, böse oder gut zu sein. Marcin zum Beispiel, ich habe mit ihm zusammengearbeitet, ist ein ehrbarer Dieb. Und er ist einer geworden, weil er sonst als kleiner Junge jämmerlich verhungert wäre.“

„Marcin? Für den hat doch dieser eine Dieb gearbeitet, den wir gereinigt haben…“

„Ja, aber was hatte er schon verbrochen, außer in Armut aufzuwachsen? Leute, die aus freien Stücken einfach nur viel Geld machen wollen, und dafür diese Armut produzieren, sind viel boshafter. Denn die haben es sich ausgesucht, und produzieren letztendlich viel mehr Leid als Diebe, die bei all ihren Verbrechen zu ihren Gefallen und Ehrenschulden stehen. So gibt Marcin seine ergaunerten Flammlinge auch an die Armen ab, wenn sie ihm im Gegenzug ein paar Informationen über die Vorgänge in dieser Stadt verschaffen. Und mit diesen kann er wiederum uns dabei helfen, die Position zu erlangen, mit denen wir den Armen langfristig helfen können! Durch dieses System sorgen seine bösen Taten am Ende sogar dafür, dass wir Gutes tun können. Das erzählen sie einem in der Schule natürlich nicht. Denn wer bestimmt die Lehrpläne? Die korruptesten Inquisitoren, die sich entsprechend an die Spitze geschachert haben! Und die werden von den Bestohlenen bezahlt. Natürlich erzählen sie dir, dass auch ehrbare Diebe böse sind.“

Varg musste zustimmen, dass die Lehrpläne schlecht waren. Was Thorn sprach, trug mehr Wahrheit in sich. Und nicht nur das – es war auch so viel sinnvolleres Wissen, handfester, näher an der Realität. Er brauchte keine theologischen Abhandlungen darüber, warum die Anhänger Q’holis böse waren und einem toten Gott huldigten. Er wollte wissen, wie er Lagon besser machen konnte, wen er reinigen sollte und wen nicht. Er fragte sich, was Thorn gesehen hatte, dass er jetzt so sprach.

„Eine andere, die schon viel geholfen hat, unsere Sache voranzubringen, ist Dania, eine Hure, die vom Brockenfluch heimgesucht wird. Ohne Familie musste sie das einzige Auskommen wählen, dass einer Frau aus dem siebten Bezirk noch bleibt. Und um dieses Elend ertragen zu können, ist sie dem Brocken verfallen, was man nicht mehr so einfach loswird. Doch sie strengt sich an, dort herauszukommen, indem sie für uns arbeitet, als einen Weg, ihre Schuld zu bereinigen, und einen sauberen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie hat bereits einen skrupellosen Verbrecher gereinigt, der diese Stadt mit seinem Brockenhandel nur weiter in den Abgrund führen wollte.“

„Das klingt ja nach einer armen Seele, die endlich ihr Schicksal in die Hand nehmen will, auch noch im Dienste des Rechts! Und das, obwohl sie eine Frau ist.“ Varg war gespannt auf diese Dame des Glaubens.

„Naja, sie würde nie zugeben, dass sie eigentlich eine gute Seele hat, sie ist da sehr bescheiden. Seit ihrer Zeit als Prostituierte offenbart sie ihr inneres nicht gern. Aber mit ihr wirst du hauptsächlich zusammenarbeiten. Ihr beide seid für unsere Außenaktionen verantwortlich, ihr dürft hinaus in die Welt und Informationen sammeln, Wissen retten und unsere Feinde vernichten.“

Darin bin ich am besten. Varg war zufrieden, dass Thorn dabei an ihn gedacht hatte. Er war zur Untätigkeit verdammt, seit man Thorn aus dem Orden geworfen hatte. Das klang vielversprechend.

„Und zu eurem Glück haben wir euch einen großen Vorteil im Außeneinsatz verschafft, damit ihr diese großen Aufgaben zu zweit bewältigen könnt: wir haben euch Bor aufgetrieben! Außerdem in Formeln und Mischverhältnissen, in denen ihr es gefahrlos für Unschuldige einsetzen könnt, und wir besorgen euch gerade einen Lehrer, der euch einen sicheren Umgang damit beibringen kann, so dass wir diese Waffe für uns einsetzen können, ohne J’zharrs Zorn zu erregen.“

Varg stutzte. Thorn hat sich verändert. „Alchemie? Darauf hast du dich eingelassen? Das ist doch vom Teufel! Alchemie ist schuld, dass J’zharr in tausend Splitter zerbrach!“ Varg war baff, er schüttelte den Kopf. Klang Thorn deswegen so anders? War er in Verführung geraten?

„Wer hat das gesagt? Inquisitor Orfan im Mythologie-Unterricht? Nun er hat sicher auch gesagt, dass Alchemie auch schuld daran war, dass Q’holi in Tausend Splitter zerbrach. Und wir können mit seinen Splittern J’zharrs Willen noch ausführen. Bor hat den grausamen Krieg der Götter beendet. Bor ist gar nicht so schlecht, oder?“

Varg grummelte zustimmend.

„Nicht nur das: Alchemie kann noch erheblich mehr. Hast du dir einmal die Formeln durchgelesen, die wir damals in dem Labor konfisziert haben? Davon waren vielleicht zwanzig Prozent für irgendeinen bösen Zweck zu missbrauchen – aber die meisten waren tatsächlich entwickelt worden, um den Menschen zu helfen, mehr Sicherheit zu schaffen, gegen den Hunger, für ruhigen Schlaf auch ohne Dach über dem Kopf, für industrielle Anwendung… Alchemie kann das wunderbare Mittel des Fortschritts gegen das Leid sein. Wie ein Messer ist Alchemie weder gut noch böse: ein Messer kann töten, klar, aber mit einem Messer kann man auch Kranke operieren, Abszesse beseitigen, einfach nur einen Kuchen schneiden. Lass es uns doch benutzen, um das Krebsgeschwür der Korruption aus dieser Stadt zu schneiden!“

Das klingt wirklich gut, dachte Varg. Immerhin hängt mir auch schon zum Hals heraus, was sie mir im Orden ständig erzählen. Und diese Stadt hat eine Kur dringend nötig, vielleicht ist Bor ja das Mittel, das Lagon braucht.

„Okay“, sagte er, „ich mache mit. Wenn wir Bor tatsächlich nur zum Guten einsetzen, bin ich bereit, für dich zu kämpfen.“

„Prima! Ich bin froh, dich dabei zu haben. Deine Anwesenheit wird mir genug Rückgrat geben, dass ich in der Gegenwart der Schwachen nicht auch schwach werde und unsere Ideale nicht vergesse.“

Varg war sich da nicht so sicher.

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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