Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 27

Marcin

Als er sich entschied, doch mal wieder das Bett zu verlassen, hatte er sechsundsiebzig Stunden lang das Tageslicht nicht gesehen. Zwei Mädchen, die er früher öfter mit Kenin gesehen hatte, hatten ihm regelmäßig etwas Nahrung ans Bett gestellt. Er hasste ihren Anblick. Zu sehr erinnerten sie ihn an seinen früheren Freund.

Außerdem hatten sie einige Kräuter gebracht. Sie dachten, er hatte sich eine Grippe eingefangen, zu fragen hatte sich keine getraut. Doch nur die Unlust aufzustehen fesselte Marcin ans Bett. Er hatte Angst vor dem Alltag, er hatte Angst vor seinem neuen Job. Vor allem aber hatte er Angst vor sich selbst.

Er hätte nicht gedacht, dass Kenins Tod ihn so mitnehmen würde. Sie hatten ihre guten Zeiten gehabt, doch Marcin war nie sentimental gewesen, und Kenin war ihm schon zu lange im Weg gestanden. Doch wenn nicht einmal Kenin ihm hatte vertrauen können, würde das sonst je jemand können, würde er sich jemals wieder selbst vertrauen können?

Genug davon jetzt. Ich muss mich wiederfinden, das Grübeln bringt mich auch nicht weiter.

Und sich wiederfinden, das konnte er nur draußen. Immerhin war er jetzt seit drei Tagen Hauptmann des siebten Bezirks, und er musste sich endlich zeigen. Seine Männer waren schon verunsichert genug von dem Führungswechsel, wenn er noch länger Trübsal blies, würde am Ende noch jemand anders putschen, und dann wäre Kenins Tod umsonst gewesen. Ganz davon abgesehen, welche Arbeitsmoral sich so verbreitete, was für Gerüchte, und wozu eine Meute ehrbarer Diebe noch so imstande war, wenn man sie drei Tage allein ließ.

Die Füße aus dem Bett zu hieven war noch relativ einfach, sich aufzusetzen bekam er auch noch gut hin, für das aufstehen brauchte er schon mehr Willenskraft. Er riss sich am Riemen und zwang sich mit einem Ruck hoch.

Na toll, ein Schwächeanfall, das war ja klar. Will mir mein Körper jetzt sagen, Hey, geh lieber wieder ins Bett, ist doch scheiße hier draußen? Fick dich, wenn ich nicht bald meine Gang unter Kontrolle kriege, bin ich in einer Woche tot.

Er zwang sich, stehen zu bleiben und machte ein paar Schritte, ein paar Kniebeugen, um wieder Blut durch seinen Körper fließen zu lassen. Die körperliche Betätigung tat ihm gut, er erinnerte sich an seine alten Instinkte. Ich habe seit drei Tagen niemanden mehr getötet. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, sich zu verstecken.

Er suchte sich seine Klamotten aus den Ecken des unordentlichen Zimmers zusammen, und streifte sie sich über. Nur sein Mantel hing an seinem angestammten Platz. Der war ihm heilig. Den schwarzen Ledermantel wieder zu spüren, die Schwere auf den Schultern, erinnerte ihn daran, wer er war. Auch wenn er nicht mehr ganz heil war, Jeder Flicken zeugte davon, dass sein Träger sich auf ihn verlassen konnte.

Seine Waffen. Hundertfach hatten sie ihm gedient, wenn es nicht ausgereicht hatte, sich versteckt zu halten, zu manipulieren, auszuweichen und hinters Licht zu führen. In all den Jahren hatte er gelernt, meisterhaft mit seinen Klingen umzugehen. Er fragte sich nur, wie lange das noch ging – noch kam er klar mit all den Kämpfen, aber mit fortschreitendem Alter würde er bei dem nächsten vereitelteten Attentat bald mehr als nur einen Kratzer davontragen.

Er musste sich rechtzeitig aus der Schusslinie bringen – dafür war er ja auch erst kürzlich zum Hauptmann aufgestiegen. Und wenn Thorn tatsächlich einen sichereren Posten für ihn hatte, wo er vielleicht sogar aus seinem Dasein als ehrbarer Dieb herauskam, in dem er langfristig wohl nur den Tod finden würde…

Stimmen.

Draußen vor seiner Zimmertür hörte er Stimmen. Wenn er seine Instinkte schon wieder auf Vordermann brachte, wollte er gleich mal hören, was dort denn gesprochen wurde.

„…auch wenn er jetzt drei Tage sein Zimmer nicht verlassen hat, wenn du darauf bestehst, kannst du ihn sicher sprechen… ob er antwortet, ist halt nicht sicher.“

„Das geht in Ordnung, Dania, wenn er hört, was ich zu sagen habe, wird er schon zuhören. Das wird ihm gefallen.“

Das müsste Thorn sein. Klingt zumindest nicht nach einer Bedrohung.

Marcin öffnete die Tür, um seine Besucher willkommen zu heißen. „Ihr redet über mich? Ich höre alles, immer. Das ist mein Job. Also werde ich dir auch zuhören, Thorn, keine Angst.“

Endlich mal wieder ein eindrucksvoller Auftritt.

Thorn sah nicht beeindruckt aus, er hatte ihn wohl in dem Aufzug erwartet und nicht als das Häufchen Elend, das er in den letzten Tagen gewesen war. Immerhin hatte er so seine vorrübergehende Schwäche nicht bemerkt. Er trug schon wieder einen neuen Mantel. Das ließ ihn gleich noch ein gutes Stück arroganter wirken.

„Ah, mein Lieblingsdieb. Die Ausbildung unserer eigenen Alchemisten geht in die nächste Stufe. Ich habe uns einen weiteren Verbündeten besorgt, das weißt du vielleicht schon. Kannst du uns einen geheimen Raum zur Verfügung stellen, für ein Labor, und ein paar Wombats für Bor-Produktion? Dania und einer meiner Novizen werden wohl von Arghan Howls Leuten in den alchemistischen Künsten unterrichtet werden.“

„Cool, ich kann noch mehr über Alchemie lernen? Lustige Pülverchen? Ein bisschen Brocken fällt da doch auch sicher für mich ab, oder?“ jubelte Dania voller Vorfreude.

„Kommt darauf an, ob wir einen Raum für ein Labor finden, aber ich bin sicher, Marcins Organisation hat dafür genug Ressourcen. Marcin?“ Thorn sah ihn erwartungsvoll an.

Marcin holte tief Luft. „Okay, ich muss erstmal mein neues Amt etwas festigen und mir einen Überblick über die Kompetenzen verschaffen. Ich war bisher nicht für Brockenproduktion, Wombats und Küchen und so verantwortlich, aber ich rede gleich mal mit den Leutnants.“

„Ich wusste, du bist mein Mann!“ sagte Thorn herzlich. „Bald können wir mit der ernsthaften Arbeit anfangen.“

„Und darf ich fragen, wer dein Novize ist?“ fragte Marcin misstrauisch.

„Er hat noch nicht zugesagt, aber ich werde gleich losgehen und ihn überzeugen. Mach dir wenigstens darum keine Sorgen, kümmer dich einfach um deine Aufgaben.“ Thorns neumodische Anzugjacke flatterte im Wind, als er sich umdrehte und ging.

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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