Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 26

Joran

Joran starrte deprimiert auf das leere Blatt Papier vor ihm.

Es konnte doch nicht sein, dass ihm die Ideen ausgingen.

Als er klein gewesen war, hatte er bereits sein eigenes Spielzeug entworfen. Figuren mit beweglichen Armen und Beinen, Fahrzeuge, einmal ein Buch-Haltegerät, mit dem er im liegen lesen konnte.

Er hatte einmal Kisten mit Rädern versehen, mit denen man den Berg hinunterrollen konnte, um sich mit den Kindern in seiner Straße anzufreunden. Da hatten sie ihn tatsächlich einmal beachtet, und zwei hatten sogar nach seinem Namen gefragt. Doch leider hatte er dafür zwei Monate Hausarrest bekommen, und als er wieder nach draußen durfte, hatten die beiden seinen Namen schon wieder vergessen.

Er war im sechsten Bezirk aufgewachsen, wo viele etwas wohlhabendere Leute wohnten. Vorarbeiter, Kleinunternehmer teilweise, alles gläubige Menschen, die pflichtbewusst ihrer Arbeit nachgingen. Joran konnte sich nie vorstellen, einen der üblichen Berufe hier zu ergreifen, Maßschneider, Butler, Eigentümer eines netten Cafes im zweiten Bezirk, in dem stets beschäftigten Dienstleistungssektor. Joran war grundsätzlich stinkfaul, es sei denn, es ging darum, etwas zu entwerfen, zu entdecken, zu konstruieren. Er wollte der Welt ihre Formen abpressen, die überall in der Materie steckte; jedes Brett, jeder Felsbrocken, jeder Stahlträger enthielt tausende interessante Formen, die man nur hervorlocken musste.

Irgendwann hatten seine Eltern keine Lust mehr, ihn durchzufüttern, und seine Konstruktionen zu finanzieren. Mit der Zeit hatten sie sich von Spielzeug zu nicht allzu viel nützlicheren Instrumenten entwickelt, doch niemand interessierte sich für sie.

Jorans Eltern besorgten ihm einen Job in einer der neumodischen Fabriken, von denen alle so schwärmten. Dort stellten sie die ganzen nützlichen Verbesserungen für den Alltag her, die sie im ersten Bezirk hatten. Der Bezirk, zu dem seine Eltern immer aufgeschaut hatten.

Die Maloche in der Fabrik war allerdings nicht das Wahre für Jorans zartes Gemüt; mit seinen Kollegen hatte er kaum Gemeinsamkeiten. Die redeten immer so abfällig über Frauen. Die, die Joran kannte (seine Mutter), waren immer nett zu ihm gewesen. Die Arbeiter waren ziemlich raue Gesellen. Die meisten konnten nicht mal lesen. Er blieb lieber für sich allein.

Außerdem benahmen sie sich alle so unpraktisch. Jorans Fabrik stellte Kutschenteile her, und alles wurde umständlich von Hand geschliffen, gesägt und mit vollkommen verschiedenen Schnittstellen eingebaut. Davon abgesehen waren viele der Einzelteile so sperrig, dass sie nur sehr schwer von einer Halle in die nächste transportiert werden konnten.

Im Handumdrehen baute sich Joran daheim ein paar Hilfsmittel, mit der er Schrauben leichter anziehen konnte, und entwarf dabei auch noch schnell einen Klappbaren Seitenflügel, den man leichter durch die engen Fabriktore tragen konnte, sowie ein halbes dutzend anderer Mechanismen, die den Produktionsvorgang stark vereinfachten.

Als er damit auf der Arbeit erschien, war sein Vorarbeiter erst ziemlich skeptisch. Doch als er sah, wie viel schneller Joran seine Arbeit tun konnte, wo er doch eigentlich ein eher schmächtiger Bursche war, rannte er seinerseits zu seinem Vorgesetzten. Wenig später besuchte Arghan Howl persönlich Joran in seiner Fabrik.

Von da an schraubte Joran nicht mehr stupide Kutschenteile zusammen, sondern entwarf sie. Das lag ihm sowieso viel besser. Er standardisierte die benutzten Schrauben und die Schnittstellen zwischen den Konstruktionsmodulen und teilte die sperrigen Kutschenteile in handlichere Einzelteile auf. Wo das nicht ging, entwarf er Transportmittel zum Transport der Teile in die nächste Halle, so zum Beispiel ein Band, auf dem sich Dinge gleichmäßig in eine Richtung bewegten. Er nannte es „Fließband“.

Er lernte die Errungenschaften der Dampfmaschine schnell zu nutzen. Eine dauernde Energiequelle zu haben, war unendlich wertvoll. Schnell lernte er, wie man den Impuls lenkte, den der Dampf freisetzte.

Die größte Beschränkung war, dass die Dampfmaschine unbeweglich und sperrig in der Mitte der Fabrik stand; den Impuls wo anders einzusetzen, war die große Kunst. Es durfte nicht zu viel Energie verloren gehen. Und Joran kannte sich damit aus, Aufwand einzusparen. Dafür war er faul genug.

Nachdem es in der Kutschenfabrik nichts mehr zu entwerfen gab, versetzte Arghan ihn nacheinander in eine Lebensmittelverpackungsfabrik, die er frisch gekauft hatte, in eine Schraubenfabrik, zeitweise in seine Waffenfabrik für Armbrüste und Schwertermassenware. Bis er Joran schließlich ein neues interessantes Projekt ermöglichte, das ihn in neue wissenschaftliche Gefilde vordringen ließ: die industrielle Verwendung von Alchemie. Mit seinem hervorragenden analytischen Verstand eignete Joran sich das nötige alchemistische Grundwissen im Handumdrehen an, und begann, alchemistische Substanzen, die bislang höchstens etwas für die Giftmischer der Diebe und ein paar Tüftler gewesen waren, für den Hausgebrauch zu standardisieren.

So entdeckte er, dass das Destillat von speziellen Schweineinnereien gemischt mit hochgefährlichem Phosphor und ein wenig Asche, Kleider von Schmutz reinigte, wenn man es darüber rieb, und sich dann von selbst unter einem Wohlduft zersetzte. Die reichen Bezirke waren begeistert, und da Arghan ihm die Produktionsmittel für industrielle Fertigung zur Verfügung stellte, wurde Howl noch reicher und Joran noch zufriedener mit seiner Arbeit.

Irgendwann ging er dazu über, nicht ganz so orthodoxe Substanzen in seiner Forschung zu verwenden – die aber eine sehr gute Wirkung hatten. Hätten die reichen Herrschaften des ersten Bezirks gewusst, dass ihre Rasiercreme Wasser enthielt, öffentliche Aufstände hätten den Ruf von Howl Industries zerstört.

Nachdem Arghan dahinterkam, was Joran begann, in seine Mittelchen zu mischen, war er jedoch prinzipiell nicht schockiert oder warf ihn hochkant heraus: Nein, er bot ihm das Du an, stellte ihm ein spezielles Geheimlabor zur Verfügung und bat ihn, doch auch einmal Bor in seiner Forschung zu verwenden.

Joran war überglücklich, dass er die Chance hatte, auch diese unerforschten Zonen der Alchemie zu entdecken. Er wollte das Leben der Menschen aufrichtig verbessern – und eine derartig energetische Substanz bot ihm unerreichte Möglichkeiten.

So forschte Joran munter voran und voran, auf der Suche nach allen möglichen Stoffen, die den Leuten das Leben erleichtern konnten – und vor allem nach einer Möglichkeit, zu verbergen, dass Bor in der Produktion benutzt wurde. Er mischte sich auch mehrere kleine Mittelchen für den Alltag, erhöhte Muskelkraft war sehr nützlich, wenn es darum ging, schwere Bauteile durch die Werkstatt zu schleppen. Und im Dunkeln sehen zu können war praktisch, wenn er kein Licht anmachen konnte, während er mit explosiven Chemikalien hantierte.

Bei manchen Mischungen brauchte er eine Weile, um herauszufinden, was sie bewirkten. Oft benötigte er Testpersonen, die jedoch meistens nicht lange bleiben wollten, obwohl Arghan sie bestimmt fürstlich entlohnte. Wenn sie nicht mehr zur Arbeit erschienen, war Joran jedes mal ein wenig traurig, auch wenn sie ihn immer ein bisschen skeptisch, und teilweise ängstlich anschauten. Joran fragte sich, wie Arghan sicherstellte, dass sie über die Vorgänge im Geheimlabor den Mund hielten. Das Testen der Mischungen war überhaupt ein sehr kompliziertes Verfahren, bei dem Vergissmich-Pulver beispielsweise brauchte er sehr viele Anläufe, bis er herausfinden (und sich merken) konnte, wie die Substanz wirkte.

Seine Arbeit erfüllte ihn und machte Spaß, wenn auch es nicht immer ganz ungefährlich war. Doch Joran ging dieses Risiko bereitwillig ein, wenn er damit die Risiken für die Bewohner Lagons verringerte, die seine Mittel am Ende im Hausgebrauch und der industriellen Anwendung nutzen sollten. Letztendlich verletzte er sich auch nie allzu schwerwiegend, und er hatte immer ein Pülverchen zum Feuerlöschen parat.

Joran hatte sich immer noch nicht verziehen, dass er all das durch seine Schwäche eingebüßt hatte. Dass Nathan sein Leben lassen musste, nur weil Joran nicht einmal eine Drohung mit Folter ertrug.

Dass Arghan Joran wieder in die Konstruktionsabteilung versetzte, wo er an neuen Produkten für verschiedenste Fabriken arbeiten sollte, war noch ganz gut gelaufen. Die Arbeit dort machte Joran durchaus Spaß und war seinem Erfindertalent angemessen.

Doch wo er nun einmal in die Möglichkeiten hineingeschnuppert hatte, die Bor bot, wollte er am liebsten nie wieder mit etwas anderem arbeiten. Das Zusammenschrauben von Kutschenteilen, das Entwerfen von leichteren, universelleren, und unkomplizierter herstellbaren Schrauben konnte seinen Wissensdurst nicht stillen, ganz davon abgesehen, dass die Explosionen nicht halb so spektakulär waren.

Nun saß er hier, spät abends an seinem Schreibtisch, und starrte weiter auf sein leeres Blatt Papier, zwang sich, die Gedanken nicht weiter abschweifen zu lassen und sich aufs erfinden zu konzentrieren.

Er hatte für die steinreiche Oberschicht eine automatische Treppe erfunden, eine Zentralverwaltung für die Rollläden von Villen, Alarmanlagen, Hundehütten, die es einem erleichterten, seinen Liebling zu streicheln, ohne gebissen zu werden. Für die nicht ganz so Privilegierten erfand er klappbare Betten, die beliebig erweiterbar waren und in jede Baracke passten, besonders nahrhafte Dosenbohnen, und letztendlich sogar eine essbare Konservendose.

Diese Erfindungen fand Arghan allerdings nicht halb so nützlich, nicht halb so gewinnbringend wie die Konstruktionen für die Reichen. Gerade Alarmanlagen und Verteidigungsanlagen gingen weg wie warme Semmeln, angesichts Lagons Verbrechensrate.

Doch Joran hatte es satt. Wenn er eine neue Einbrecherfalle entwarf, wem half das schon? Ein dutzend Bonzen, Verwalter oder Fabrikführer mussten sich etwas weniger um ihre Flammlinge sorgen. Während geschätzt zwanzig Prozent Lagons auf den Straßen lebte und sich nichts sehnlicher wünschte als ein billiges und praktisch verpackbares Zelt. Oder Sozialwohnungen, oder Möglichkeiten, ohne viel Sachverstand eigenes Geld verdienen zu können.

All diese Menschen ließ die ach so tolle „industrielle Revolution“, von der Arghan immer sprach, außen vor. Um seine Maschinen zu bedienen, musste man mindestens lesen können, und das war immer noch ein Privileg der Leute, die in ihrer Kindheit nicht um ihr Überleben hatten kämpfen müssen, und Zeit gehabt hatten, in eine der Schulen des Ordens zu gehen.

Joran nahm sich vor, eine Maschine zu entwerfen, die einem das Lesen beibrachte.

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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