Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 24

Dania

Marcin saß ihr in einer wackelnden Kutsche gegenüber. Er starrte aus dem Fenster, sein Mund zu einem grimmigen Strich zusammengepresst. Er schien mit sich zu hadern.

Dania selbst war für ihre Verhältnisse sehr klar im Kopf. Sie musste ständig daran denken, wie ihre Klinge so simpel immer wieder in diesen Hals gefahren war. Der erste Stich war noch relativ schwierig gewesen, da war noch am meisten Widerstand. Sie hörte noch das deutliches Knacken, als würde es gerade wieder passieren. Die Spitze hatte so unwirklich aus seiner Kehle geragt, als würde sie dort eigentlich nicht hingehören. Doch sie wusste, dass sie nun nochmal zustechen musste, und nochmal, und nochmal. Immer wieder, wieder hatte ihre Klinge seinen Nacken getroffen, wo nach kurzer Zeit schon kaum noch Nacken war. Und erst recht nicht sein Nacken. Der Mensch Kenin hatte schon bald aufgehört zu sein.

Dania konnte nicht sagen, wann der Augenblick gewesen war, in dem Kenin nicht mehr existierte. Richtig aufgefallen war es ihr erst, als sein Kopf so zur Seite hing, sein Hals bot nicht mehr genug Struktur, um ihn aufrechtzuerhalten, sein Hals war nicht mehr genug da.

Unwirklich.

Der Wirklichkeit entrissen.

Sie hatte Kenin, Hauptmann der Ehrbaren Diebe, der Wirklichkeit entrissen. Die Wirklichkeit hatte keinen Preis verlangt und sie hatte nicht bezahlt. Sie hatte sich genommen, was sie nehmen musste – was ihr gebührte. Es war Teil ihrer Existenz, die Legitimation ihrer Existenz, dieses Leben zu nehmen. Es war an ihr gewesen, diese Stiche zu vollführen. Sie war, weil sie tötete.

Und wie der finale Abgang in seiner Brust endete. So nahm sie nicht nur seinem Kopf den Halt in dieser Welt, sondern entzog auch seiner Seele, seinem Herz den Ort zu sein. Verbannte sie aus der Realität. Sie nahm sich das, was ihr nie gewährt worden war. Sie hätte das Herz herausschneiden sollen, sich in ein Regal stellen sollen. Dort wäre es geblieben, hätte gewacht, Ihr Herz.

Sie hatte es sich rechtmäßig genommen. Soweit sie an das Recht glaubte. Das Recht war noch nie auf ihrer Seite gewesen. Wenn es nach ihr ging, hatte niemand das Recht zu irgendetwas. Bis auf sie, sie hatte sich das Recht dazu sogar rechtmäßig genommen.

In Danias Augen war ein Messer schon immer die einzige Macht gewesen, der niemand widersprach, im Recht zu sein.

Marcin sah so seltsam teilnahmslos aus – ihn schien der Tod seines Freundes tatsächlich sehr mitgenommen zu haben. Wusste er, dass sie ihn getötet hatte? Wahrscheinlich schon, immerhin gehörte die Planung des Mordes nicht zu der Zeit, in der er sie vergessen hatte.

Sie hoffte, dass er ihr nicht böse war. Es gab keinen Grund für Kenin, länger zu leben – immerhin war er ein Meilenstein auf ihrem Weg zur Macht.

Das versteht er doch, oder? Sie war sich nicht sicher.

„Du hast den Preis gezahlt, nun kannst du dir nehmen, was dir zusteht.“

Er reagierte nicht.

„Es gehört alles dir. Und ich rede nicht nur vom siebten Bezirk. Der gehört dir doch schon lange. Lagon. Sämtliche Geheimnisse dieser Stadt gehören dir. Du magst Geheimnisse. Sie schützen dich, sie machen dich reich. Du bist nicht überlegen, weil du Hauptmann bist, oder ein guter Kämpfer. Nicht mal wegen deiner Klugheit.“

Marcin schien ihr zumindest zuzuhören, auch wenn er es nicht zeigen wollte. Vielleicht gefiel ihm auch der Gedanke nicht, dass sie das erkannt hatte.

„Du bist sicher, wenn du weißt, wer dir an die Haut will. Du bist mächtig, wenn du weißt, wer in dieser Müllhalde was vorhat. Du isst Geheimnisse zum Frühstück, Mittag und Abendbrot, und jetzt hast du ein weiteres, dass du schützen musst und darfst. Du tust das alles, weil du Geheimnisse erlangst. Was du nicht alles an Wissen angesammelt hast in den letzten Tagen – das war das erste Mal, dass du einen Inquisitor wirklich kennengelernt hast, nicht wahr? Was in diesem ach so diskreten Orden alles steckt…“

„Halt den Mund. Es ist genug.“ Er sah sie immer noch nicht an.

„Thorn ist genau so ein Mann, der eine Menge Geheimnisse hat… und genauso viele Gründe, sie geheim zu halten. Dabei ist er auch noch genau in deiner Nähe. Gib es zu, Kenin war langweilig und durchsichtig geworden.“

Er schaute tatsächlich auf. Obwohl wütend, klang er, als hätte er drei Tage nicht geschlafen. „Hörst du mit dieser Scheiße auf, wenn ich dir ein bisschen Brocken gebe!?“

Dania wollte weiter reden, sie hatte gerade so einen guten Gedankenfluss. Wie als hätte sie Kenins Durchblick geerbt… geerntet. Doch der Gedanke an Brocken zerstörte jedes weitere Interesse an Marcins Beweggründen.

Author: M

M is a Cyberpunk, sysadmin, musician, und writes a lot. As an activist they fight for open access to art, continents, and trains for everyone. But in secret they just want to be a reeaal hacker.

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