Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 22

Dania

Dania fühlte sich leicht ungeschützt.

Überall um sie herum waren grimmige Diebe und übermäßig aufgedrehte Prostituierte unter Drogeneinfluss. Der Saal im zweiten Bezirk war schön geschmückt. Kellner liefen mit kostenlosen Getränken umher.

Die Feier hatte keinen genauen Anlass, doch Kenin war der Meinung, dass es nie schadete, ab und zu ein Firmenfest für die Belegschaft auszugeben. Es trug angeblich zum Zusammenhalt bei.

Und so sehr alle Anwesenden diese Veranstaltungen hassten, niemand traute sich, auch nur eine zu verpassen. Niemand trug Waffen, bis auf die vier Leibwächter Kenins. Den anderen waren sie am Eingang abgenommen worden, damit kein „Unfall“ die Feier störte. Zwei der Leibwächter standen vor einer Tür, hinter der sich wohl Kenins Hinterzimmer verbarg.

Dania trug nur einen viel zu kurzen Minirock sowie ein so gut wie durchsichtiges Oberteil. Die Puderdose mit der Bormischung war in ihrer Handtasche. Keine der Leibwachen kannte sich gut genug damit aus, um sie über blaues Puder wundern zu können. Darum machte sie sich zumindest keine Sorgen.

Die Party wäre unter anderen Umständen sicher amüsierend gewesen, doch Dania konnte sich nicht ganz entspannen. Man könnte meinen, Marcin wäre keine gute Gesellschaft für eine Party, aber damit tat man ihm etwas Unrecht. Er war zwar rund zehn Jahre über dem Durchschnittsalter, doch gab sich gelassen und stellte sie niemandem vor, netterweise.e

„Also, das Gerücht ist schon im Umlauf, dass Tomor etwas gegen Kenin hat. Das ist die grimmige Leibwache mit dem roten Bart dort.“ Er deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf einen breitschultrigen Mann mit einem roten Kinnbart. „Er wurde neulich vom Leutnant zur Leibwache degradiert, er verdient jetzt nur noch ein Drittel wie früher. Aber er ist eben schlicht und ergreifend nicht helle genug, um Leutnantsgeschäfte zu führen.“

„Dann lass doch ihn die Arbeit erledigen, wenn er ihn eh töten will!“ flüsterte Dania zurück.

„Das will er nicht, glaubst du, dann wäre er Leibwächter? Selbst wenn er wollte, er ist viel zu unfähig.“

„Wie praktisch, mit unfähigen Leibwächtern kann ich etwas anfangen.“

„Und dem schiebst du nach dem Mord die Schuld in die Schuhe, wenn er mit den anderen Leibwächtern in den Raum kommt. Mit etwas Glück wird er am Ende selber glauben, dass er Kenin umgebracht hat.“

Sie näherten sich Tomor.

„Tomor, darf ich dir diese reizende junge Dame vorstellen?“


Nachdem sie ein, zwei Pflichtgespräche geführt hatten, setzten sie sich in eine Ecke des Raumes.

„Wir sollten noch etwas warten, bis alle Anwesenden ein bisschen betrunkener sind. Das macht es wahrscheinlicher, dass sie die Geschichte glauben. Die Leibwächter trinken leider nichts. Aber die sind eh nicht die hellsten Lichter, da wird das Pulver schon seinen Teil tun.“

So saßen sie angespannt in der Ecke herum und sahen den Dieben beim betrunken werden zu. Kenin war immer noch in seinem Hinterzimmer und vergnügte sich wohl mit Brocken und vielleicht ein oder zwei von Danias früheren Kolleginnen.

Alle Diebe sahen grimmig drein, aber Dania merkte nach einiger Beobachtung, dass niemand so finster aussah wie Marcin. Er brütete über einigen Gedanken, das war deutlich zu sehen. Man sah Marcin eigentlich nie eine Gefühlsregung an. Dania fragte sich, was ihn wohl so belastete. Bekam er Angst, so kurz vor dem Ziel? Sie traute sich nicht, ihn zu fragen.


Als sie etwa zwei Stunden nichtstuerisch herumgesessen waren, kam eine Frau aus Kenins Zimmer. Sie hatte zersauste Haare und einen unsicheren Blick. Marcin stand mit einem Ruck auf.

„Zeit, dir den Gastgeber vorzustellen, meine Liebe.“

Dania bekam plötzlich einen leichten Anflug von Panik, den sie sofort bekämpfte.

„Öhm, okay, ich lerne ihn gerne kennen.“ Ihre Stimme klang ziemlich dünn. Sie gingen auf die Tür zu, vor der Tomor und ein anderer Leibwächter standen. Marcin ging wie selbstverständlich zwischen ihnen durch, und sie ließen ihn auch ohne Probleme passieren. Das machte Dania wieder etwas Mut.

Das Zimmer war erheblich kleiner als der Saal, klein und gemütlich. Nichtsdestotrotz fasste es zwei farbenfrohe Sofas und einen schmuckvollen kleinen Glastisch dazwischen. Ein paar Brösel bezeugten, dass er sich anscheinend wunderbar zum Brockennehmen eignete. Rechts ging ein Fenster in einen schmutzigen Hinterhof hinaus. Kenin saß auf dem Sofa. Er war Anfang zwanzig, nicht schlecht aussehend, und trug neben der Diebesmütze einen Bademantel, der die Mütze ein bisschen deplatziert wirken ließ. Wie Reißzähne an einem Kaninchen. Am Bademantel prangte die Anstecknadel, die ihn als Hauptmann auszeichnete.

„Hallo, mein Lieber, du hast auch endlich zu mir gefunden?“

„Hauptmann“, sagte Marcin förmlich.

„Ach, lass doch das förmliche Gehabe. Wofür bist du denn bitteschön hier? Sie ist eingeweiht, nehme ich an?“ fragte Kenin mit Blick auf Dania.

„Nein“, sagte Marcin etwas schnell, was Dania stutzig machte. Hatte er ihr etwas verschwiegen?Etwas, das wichtig für die Mission war? Sie schaute Marcin überrascht an.

„Hm“, sagte Kenin, „Das wird aber keinen großen Unterschied machen. Wie ist dein Name, schöne Frau?“ fragte er sie.

„Ich heiße Dania.“

„Interessant…“ er legte sich eine Brocken-Line auf dem Tisch zurecht. „Sag mal,“ er zog sie durch die Nase, „bist du schon mal von zwei Männern gleichzeitig verwöhnt worden?“

„Das klingt allerdings interessant…“ sagte sie verführerisch. „Und was schwebt euch da vor?“ sie trat hinter sein Sofa. Und fing an, ihm wie selbstverständlich die Schultern zu massieren. Jetzt bin ich in meinem Element, dachte sie.

Marcin regte sich. „Dania, würdest du vielleicht… das Fenster aufmachen? Die Luft ist hier drinnen nicht so gut.“

Dania nickte. „Selbstverständlich“, sagte sie, während ihre Finger sich unwillkürlich verkrampften. Sie hoffte, dass Kenin das nicht bemerkte. Sie ließ ihn los, und öffnete das Fenster. Strich die schmucken Vorhänge beiseite, und siehe da… Marcin hatte nicht gelogen. Draußen auf dem Fensterbrett lag eine schmucklose, kurze Klinge. Sie sah über die Schulter, und griff sie sich.

Marcin trat einen Schritt voran. „Hauptmann, ich fühle mich heute nicht so gut, meinen Sie nicht, dass…“

Ah, er lenkt Kenins Aufmerksamkeit von mir ab!

„Marcin, warum duzt du mich? Nach all den Jahren? Das machst du auch sonst nicht. Im Gegenteil, sonst le…“

Der Rest des Wortes verschwand in einem Gurgeln. Eine Messerklinge lugte vorne aus seinem Hals. Sie zog sich wieder zurück, kam wieder. Dania stach immer und immer wieder in seinen Hals. Dann hielt sie ihm den Mund zu, beugte sich über seine Schulter und rammte die Klinge mehrmals in sein Herz.

Sicher ist sicher, dachte sie. Oh Gott, dass da soviel Blut hinauskommen kann. Sie ließ ihn los, das Messer ließ sie stecken. Sein Kopf baumelte fast waagrecht zur Seite, so wenig war noch von seinem Hals übrig, um ihn zu stützen. Er hatte gar keine Zeit zum reagieren gehabt, einer der ersten Stiche musste die Nerven erwischt haben.

Sie pulte die Dose aus ihrem Ausschnitt.

Dann fing sie laut an zu kreischen.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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