Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 21

Varg

Varg saß auf seiner Schulbank und spielte den eifrigen Zuhörer. Er hatte Mythologie. Dem Pragmatiker Varg war das viel zu theoretisch und altbacken. Er nahm nur Fächer ernst, in denen er beigebracht bekam, wie er diese Stadt verbessern konnte. Wie es zu der Misere gekommen war, brauchte er nicht wissen. ‘Nahkampfwaffen’ war sein unübertroffenes Lieblingsfach.

Doch Novizen des Ordens bekamen eine umfassende Ausbildung auch in Grundwissen, ein Inquisitor sollte sich durch sein Wissen von dem Normalbürger abheben; wer behauptete zu wissen, was richtig und was falsch ist, sollte zumindest eine paar Lektionen aus der Geschichte ziehen.

„…und Q’holi verachtete die Menschen. Sie waren so schmutzig in seinen Augen, und ließen sich durch ihre innere Reinheit nicht zu seinen Spielchen verleiten. So er noch auf der Erde wandelte, suchte er Jungfrau um Jungfrau dazu zu verleiten, zu ihm ins Wasser zu kommen, um mit ihm die Wellen zu liebkosen. Und eine um die andere schändete er dadurch, und sie gebaren abnorme Kreaturen, mit Haut, Schuppig wie die der Fische, und Moral, trüb wie ihre Augen. Er schuf die A’kradizz, die heute ausgestorben sind.“

Orfan war ja reinen und guten Herzens, und ein frommer Inquisitor, doch sein rednerisches Talent glich dem einer feuchten Sumpfkröte.

„J’zharr betrachtete dieses Treiben mit Ekel, denn ein Gott sollte aus gutem Grund nicht mit Irdischen verkehren; er war in seiner Jugend auch oft in diese Versuchung gekommen, doch das hatte bei ihm immer nur zu Leid geführt, und so verzichtete er mit reiner Seele auf das Vergnügen. Q’holi jedoch missgönnte er seine Treiben und er versuchte, ihn zur Vernunft zu bringen.“

„Ja klar, er war einfach nur neidisch, weil die Bräute für ihn nicht so Feuer und Flamme waren!“ Ein mutiger Zwischenruf ertönte aus der letzten Bankreihe. Vereinzelt folgte Gelächter. Doch die meisten der etwa sechzig Novizen im Saal schauten wütend um sich, wer diese Lästerung gewagt hatte.

Varg hatte die Stimme erkannt. Es war Ulpor, ein älterer Novize. Nach Problemen mit den ehrbaren Dieben hatter er beim Orden um Aufnahme und Schutz ersucht. Weil er ein Ausnahmetalent im Kampf mit sämtlichen Waffenstilen war und Informationen zu ein paar Brockenfarmen hatte, wurde ihm die Aufnahme gewährt und er wurde in die Ausbildung genommen.

Er konnte sich einen Kommentar wie diesen erlauben. Er war der Beste in der Kampfausbildung, dank seiner früheren Straßenerfahrung. Er war etwa Mitte zwanzig. Kein Novize würde sich trauen, Hand an ihn zu legen. Und Inquisitor Orfan war viel zu gutherzig, als dass er diesen Frevel bestraft hätte.

„Q’holi war neidisch auf J’zharr, ob seiner inneren Stärke, die Q’holi fehlte. So spann er eine Intrige, und sandte seine Kinder, die A’kradizz, um J’zharrs heilige Feuer, die die Nacht über der See erleuchteten, zu löschen, sodass die Schiffe, die damals noch fuhren, auf Felsen liefen und Männer und Frauen ihm ausgeliefert waren. Darunter befand sich auch ein Schiff des Ordens, der damals noch in den Kinderschuhen steckte. Es sank mit dutzenden Novizen an Bord. Er schändete sie alle einen nach dem anderen und sie ertranken.“

Prompt wurde es still im Saal. Orfan mochte kein guter Redner sein, doch eins vereinte alle in diesem Raum, und in der gesamten Stadt: seit Q’holis Taten hassten sie Q’holi und sein verfluchtes Meer sowie alle Formen des Wassers wie die Pest. Selbst Ulpor lauschte wie gebannt.

„J’zharr war erst unfassbar traurig als er das erfuhr. Und doch weinte er nicht, denn Tränen sind dem Wasser und den Memmen Q’holis gewidmet.“

„Weine nicht, auf dass die Flamme deinen Gram verbrenne!!!“ stimmte jemand an, auch Varg fiel mit ein.

„Und wie es die Natur des Feuers ist, wandte er sich der Strafe zu. Er vernichtete die A’kradizz, wo er sie fand, und löschte sie fast aus. Doch Q’holi beschützte seine Ausgeburten und stellte sich J’zharr entgegen. Sie rangen drei Tage und drei Nächte miteinander, und mit Ebbe und Flut änderten sich die Kräfteverhältnisse – sie gewannen immer abwechselnd die Oberhand, doch keiner konnte den Kampf für sich entscheiden. Der Kampf trug sich auf die Landzunge zwischen Lagon und dem Festland, wo die Wombatherden grasten. Ihr Wirbel erreichte schließlich eine Wombatherde, die nicht rechtzeitig fliehen konnte.“

Varg musste gähnen. Er hatte diese Geschichte natürlich wie alle hier bereits mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Inquisitor musste sie auch nacherzählen können; jedenfalls einer im Schuld- und Gottesdienst. Da er aber in die Reinigung gehen wollte, nicht in die Lehre, wie diese Schlafmütze von Orfan, ging ihn das eigentlich nichts an.

„Ein Funke J’zharrs sprang auf die Tiere über, und das Bor in ihnen entzündete sich in einer einzigen alchemischen Explosion. Normalerweise wäre das für die Götter kaum ein Kratzer gewesen, doch sie waren vom tagelangen Kampf so geschwächt, dass sie in dieser Explosion aufgingen. Sie zerbarsten in hunderte Splitter. Q’holis Splitter flogen aufs Festland, J’zharrs Splitter flogen nach Lagon. J’zharrs Blut verdampfte ob seiner Hitze und ging in die Atmosphäre auf, um unseren Atem zu veredeln, und unsere Lungen zu reinigen. Bis heute atmen wir nicht mehr nur normale Luft, sondern seinen göttlichen Atem.“

Er hatte ohne Pause geredet und musste Luft holen.

„Doch Q’holis Blut, das ewige Wasser, ergoss sich über die Landzunge, nun, da sein Körper es nicht mehr hielt, und schuf das tödliche Meer. Seitdem ist Lagon vom Festland getrennt. Sämtliche Schiffe waren untergegangen, und Q’holis Gunst hielt sie nun auch nicht mehr auf dem Wasser, so brach der Kontakt zum Festland ab. Und uns bleibt nichts, als J’zharrs Andenken zu ehren, und in dem Sinne zu leben, wie er es uns auftrug: innere Reinheit zu heiligen, nicht äußere. Uns nicht zu waschen, außer unsere Seele zu reinigen. Keusch und gut zu lieben, das Bor und Brocken zu verachten und zerschmettern wo immer wir sie finden, weil sie verantwortlich sind für seinen Tod. Wir vermeiden jede Unzucht, die nicht gesunde Menschen hervorbringt, weil Q’holi durch Unzucht die A’kradizz schuf. Wir sind sein Orden und befolgen dies.“

„Wir befolgen dies!“ tönte es durch den Saal.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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