Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 20

Dania

Die Decke des Zimmers war ziemlich morsch, wie alles in Lagon. Der Großteil der Stadt war aus Holz gebaut. Stein war teuer auf der Insel, und seit dem Krieg der Götter benutzte niemand mehr Lehm. Die Lagoner verabscheuten alles, was irgendwie mit Wasser zu tun hatte.

Auch diese Decke war aus Holz, nichts besonderes. Die Slums wurden praktisch ständig abgerissen und wieder aufgebaut. Man konnte den Dieben auch nicht verdenken, dass sie sich für ein Versteck nicht gerade das beste aussuchten.

Es dauerte in der Regel nie länger als ein paar Monate, bis sie von anderen Dieben oder der Miliz entdeckt wurden. Ein Dieb hatte schlimmeres zu fürchten, als dass ihm die Decke auf den Kopf fiel.

Über all diesen hochinteressanten Überlegungen war es kein Wunder, dass Dania nicht so gefesselt zuhörte. Die Konzentration war ihr noch nie leicht gefallen. Eine Schule hatte sie wie alle Mädchen nie besuchen dürfen. So war ihr Konzentrationsmangel noch nie ein Problem gewesen.

In ihrem Kopf passierten nun mal meistens interessantere Sachen als in der Realität. Dafür hatte ein Leben mit Brocken gesorgt. Sie wollte gar nicht so viel davon in der Wirklichkeit verbringen.

Dass sie gerade nüchtern war, und ihre Wahrnehmung wohl gerade funktionierte, machte sie auf rätselhafte Weise stutzig. Denn wenn ihre geballte Erinnerung sie nicht trog, dann redete Thorn mittlerweile seit einer guten Viertelstunde auf sie ein. Das war für sie nur von Bedeutung, da sich daraus Folgen ergeben würden. Er ging wohl davon aus, dass sie den Wortlaut seines Monologs und am besten auch noch den Sinn verstanden hatte.

Er war ein Inquisitor, er hatte jahrelang Zeit gehabt, über den Sinn von einigen Sachen nachzudenken. Unter gar nicht so unwahrscheinlichen Umständen war das nicht nur plausibel, sondern sogar wichtig für sie, was er sagte. Zweifellos war es nützlich. Dania hatte sich schon oft nach dem Sinn einiger Sachen gefragt – in einigen ihrer lichteren Momente. Wieso sich in den höheren Gesellschaftsschichten und mittlerweile auch teilweise in den Slums unnötiger Schnickschnack wie Besteck durchgesetzt hatte, war ihr zum Beispiel schleierhaft.

Es gibt bestimmt Leute, die all diese Sachen verstehen, dachte sie sich.

Doch so eindringlich Thorns kalte blassblaue Augen sie auch anblickten und so süß seine rhetorisch geschulte Stimme war, sie brachte es nicht fertig, Wort für Wort aneinanderzureihen, um seine Botschaft zu erfassen. Sie konnte nur anhand der Stimmung, die in seinen Worten lag, ahnen, was er ihr wohl mitteilen wollte. Er sprach irgendwie eindringlich und autoritär – auch wenn das kein direkter Befehl zu sein schien. Das Wort „Pulver“ kam hin und wieder vor in seinem Sermon – damit konnte Dania am ehesten etwas anfangen, immerhin hatte sie eine Vorliebe für Pülverchen aller Art entwickelt.

Doch schon bei dem nächsten Wort konnte sie die Bedeutung nicht mehr fassen, als wäre ihr Geist mit einem bereits voll. Nicht doch, sie konnte durchaus mehr denken als nur dieses Wörtchen. Ihre innere Stimme kommentierte jeden Gedankenfetzen, der durch ihr Hirn rauschte, und sponn ihn in mit alten Erinnerungen zu abenteuerlichen Träume weiter. Nur dass am Ende eben ein abenteuerlicher Traum herauskam, nicht Thorns Satz.

Nichtsdestotrotz produktives Denken, dachte sie. Thorn muss stolz au-

In diesem Moment traf sie seine Rückhand. Dania würde sich nie an so etwas gewöhnen.

„Hörst du mir überhaupt zu? Ich rede mir hier seit einer halben Stunde auf dich ein, und du zeigst nicht ein bisschen Verständnis! Verstehst du, es ist wichtig, dass du lernst, mit deinem Talent umzugehen!“

„Ja, also das ist ja schon hochinteressant, was du da erzählst… aber etwas zu viel… Naja, Gerede, fürchte ich… ich kann da leider oft nicht so ganz… folgen.“

„Du verdammte Junkie-Braut solltest einfach mit dem Brocken aufhören! Das würde dein kleines Gehirn vielleicht mal entschlacken! Das würde dich vielleicht zu einer fähigen Attentäterin machen! Aber was erzähl ich dir von Würde. Krieg gefälligst mal dein Leben auf die Reihe, damit du mal das Töten auf die Reihe kriegst. Alchemie ist kompliziert und nichts für unbesorgte Gemüter, bei der erstbesten Gelegenheit brennst du dir ein Loch in deine Zukunftspläne, wenn du nicht aufpasst.“

Dania war angegriffen. Wie konnte er Brocken infrage stellen? Diese Ordensheiligen waren doch alle gleich, glaubten, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, nur weil sie eine Schule leiteten oder wussten, wo das Meer herkam. Sie hatte das Meer nie interessiert.

Noch nie Brocken genommen, aber alles darüber wissen. Klar, mein großer weiser Meister, was auch immer.

Thorn sprach nun etwas versöhnlicher. Anscheinend sah man ihre Ablehnung in ihrem Gesichtsausdruck. Ihre Gefühle zu verbergen, das würde sie als Spionin auch noch lernen müssen.

„Na gut, vielleicht ist das etwas theoretisch. Ich zeige dir wohl besser einfach, wie du Bor-Pulver einsetzt.“ Er holte eine kleine Puderdose aus seiner Robe.

Als er sie aufschraubte, konnte sie sehen, dass sie ein feines bläuliches Pulver enthielt, das rätselhaft glitzerte. „Dieses Rezept habe ich dir extra zusammengemischt. Die Wirkung sorgt für vergessen – auf wen auch immer du es anwendest, der wird vergessen, welche Rolle du in seinen letzten fünf Minuten gespielt hast. Das bedeutet, wenn du Kenin vor Zeugen umbringst, und du setzt es gegen ebenjene Zeugen ein, werden sie kurz etwas verwirrt sein, während sie vergessen, dass du die Mörderin warst. Sie werden kurz brauchen, um sich einen Reim darauf zu machen, was wohl in den letzten fünf Minuten passiert ist, und dann wohl einen anderen Schuldigen suchen. Wenn sie allerdings danach feststellen, dass du als einzige ein blutiges Messer in der Hand hast, könnte es schwierig werden, am besten, du steckst erst mal alle offensichtlichen Hinweise, die zu dir führen, weg, und setzt es dann ein, oder so. Das kriegst du schon hin.“

Dania war sprachlos. „Ich kann sie… mich einfach vergessen lassen?“

„Das Pulver hat nur begrenzte Wirkung, unter Umständen, wenn die Dosis zu klein ist, kann es sein, dass Erinnerungsfetzen zurückbleiben und über kurz oder lang wieder zurückkehren. Das hat wahrscheinlich noch nie jemand ausreichend getestet. Wäre immerhin sehr teuer.“

„Kein Wunder, dass ihr das verbieten wollt, dieses Rezept öffnet Kriminellen aller Art ja Tor und Tür… also, Leuten wie uns.“

„Mach dir keine Illusionen, dieses Döschen hat mich bereits meine gesamten Ersparnisse gekostet, und das bisschen, was darin ist, reicht für eine, vielleicht zwei Anwendungen. Hoffen wir, dass unser Plan aufgeht und wir dann entweder genug Kapital haben, oder vielleicht noch etwas übrig, um uns anderweitig etwas zu beschaffen. Außerdem ist die Anwendung nicht ganz unproblematisch.“ Ein zweifelnder Ton lag in seiner Stimme. „Wenn du eine zu hohe Dosis benutzt, könnte es auch bei dir wirken, und dann hoffen wir nur, dass du dich daran erinnerst, wer du überhaupt bist.“

„Ich könnte mich damit selbst vergessen?“ fragte Dania hoffnungsvoll.

„Oh ja, das wird wundervoll, wenn du vollkommen desorientiert und planlos über einer Leiche stehst, mit lauter Wachen um dich herum, bei denen es jedenfalls unwahrscheinlicher ist als bei dir, dass sie ihren Boss ermorden wollen. Sobald einer vorbeikommt, der nicht von der Wirkung des Pulvers betroffen ist, wäre trotzdem relativ schnell klar, wer hier wohl unartig war. Du musst komplett bei klarem Kopf bleiben bei dieser Aktion.“

Dania seufzte. „Spaßverderber… nüchtern bin ich eh zu nichts zu gebrauchen, geschweige denn für einen Mord.“

Thorn beachtete sie nicht. „Und es gibt noch mehr Probleme: als Inquisitor habe ich natürlich keine Erfahrung darin, diese Pulver zusammen zu mischen. Dieses hier besteht aus Bor, das ist die alchemische Essenz, und ein paar zerriebenen Blüten der Myosotis Sylvatica, die für das Spezifikum der Wirkung verantwortlich sind. Allerdings, wenn der Mörser, mit dem ich die Blüten zerstoßen habe, nicht ganz sauber war, oder sonst etwas schief gegangen ist, können Nebenwirkungen auftreten… am Ende hast du noch so etwas wie grün-flimmernde Haare, und der erste Inquisitor, der dich damit erwischt, reinigt dich auf der Stelle.“

Dania tastete panisch ihre Frisur ab.

Thorn ignorierte das. „Ich kann nicht feststellen, welche Substanzen wohl noch in das Pulver mit hinein gekommen sind, ich bin ja kein Alchemist. Eventuell musst du eben improvisieren, und pass auf, dass du nicht Feuer fängst.“

„Und wie wende ich denn jetzt dieses Pulver an?“

„Du nimmst eine gewisse Menge mit deinem Finger auf und pustest ihn von dir. Der Staub dürfte so ziemlich jeden im Raum erwischen. Außerdem ist die Wirkung davon abhängig, was du denkst. Also wenn du die Wirkung sicherstellen und Nebenwirkungen vermeiden willst, denk lieber auch daran, dass sie dich vergessen sollen.“

„Das sollte ich hinbekommen. Wie meine Gedanken auf Brocken Auswirkungen haben, habe ich ja bereits ein, zwei mal bestaunen können.“

Marcin betrat den Raum. Er schien ziemlich angespannt zu sein und trug seine Diebesmütze.

„Habt ihr euren Alchemiekram besprochen? Die Feier geht gleich los, und wir sollten rechtzeitig sein.“

Dania schaute auf. „Oh, ich brauche noch eine Waffe, nicht wahr?“

Marcin winkte ab. „Wir werden durchsucht werden. Gründlich. Da können wir ohnehin nichts hinein schmuggeln… nein, ich habe den Raum organisiert, und ein Messer auf dem Fensterbrett versteckt. Die Waffe ist schon dort, nur wir müssen noch dahin. Gehen wir?“

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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