Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 19

Varg

Varg war ein gut aussehender Mann, geradezu eine Verschwendung für den Orden. Schon als er langsam in die Pubertät kam, hatten sich die Freundinnen seiner kleinen Schwestern mehr für seine goldblonden Haare interessiert als für seine Schwestern selbst.

Er war wie durch ein Wunder von den typischen Hautkrankheiten verschont worden, die im neuntem Bezirk die gesamte Bevölkerung plagten; als hielte J’zharr schon damals sein schützendes Feuer über ihn und hielte ihn rein. Feuer sprühte aus seinen Augen. Sie waren heller, als überhaupt möglich schien, ein fast schon gelbes weiß. Und eine Kindheit und Jugend, geprägt von harter Arbeit in der Metzgerei seines Vaters, hatte seine Muskeln früh wachsen lassen.

Sein Vater war ein Tyrann ohnegleichen gewesen. Er war herrschsüchtig und gierig, ehrgeizig ohnegleichen und was er an harter Arbeit erbrachte, erwartete er auch von allen anderen, seinem Sohn und seinen beiden Töchtern. Und wenn jemand seinen Ansprüchen nicht genügte, würden seine Fäuste ihn schon formen, bis er seine Aufgabe gebührend erledigte.

Nachdem Vargs Mutter sich unter all dem Druck und den Schlägen das Leben nahm, wurde er, wenn das überhaupt ging, nur noch härter. Irgendwann zwang er seine Töchter dazu, ihr Geld mit ihren Körpern zu verdienen, obwohl der Ertrag seiner Metzgerei zum überleben gereicht hätte. Er war ein Mann mit Vision gewesen, er wollte nicht den Rest seines Lebens in dem Loch fristen, dass seine Frau immer Zuhause genannt hatte.

Als eines Nachts, Varg war etwa siebzehn, die Metzgerei während der üblichen Überstunden mitsamt Vater abbrannte, war Varg dem großen und heiligen J’zharr unendlich dankbar, sein heiliges Feuer hatte Vargs Leben und dass seiner Schwestern gereinigt. Nur einen Tag später trat Varg in den Orden der heiligen Flamme ein, um sein Leben in Keuschheit dem Kampf der Gier und der Unreinheit zu widmen, in die sein Vater seine Schwestern gezwungen hatte.

Und niemand hat je erfahren, wieso das Feuer sich so schnell ausgebreitet hat, dachte Varg. Er war ein gläubiger junger Mann, doch er war der Ansicht, dass man J’zharr in seinem Wirken wo es nur ging unterstützen sollte.

Der Abschied von seinen Schwestern war ihm schwergefallen. Doch sie verstanden, dass er nicht nur ihre Zukunft, sondern die von Menschen in ganz Lagon verbessern wollte.

Das ganze war nun vier Jahre her. Seine Ausbildung zum Inquisitor neigte sich dem Ende zu. Nun war er ein vielversprechender Novize voller Ambitionen und mit ersten Erfolgen in der Jagd auf Alchemisten.

Die Inquisitoren konnten sich auf ihre Flammensplitter verlassen, wenn sie im Kampf gegen unreine Verbrechen glänzen wollten. Die Novizen mussten herkömmliche Waffen nutzen. Varg hatte aufgrund seines Körperbaus ein natürliches Talent mit dem Hammer und wegen seines früheren Berufs große Übung mit Hackbeilen und Messern aller Art. Das machte ihn zu einem sehr erfolgreichen Beschützer der Bewohner Lagons vor der Unreinheit der Sünde.

Thorn hatte sein Potenzial früh erkannt, und war sein Meister geworden. Varg hatte einen unstillbaren Drang, gegen das Ungerechte zu kämpfen, und Thorn wusste sehr gut, wo man es finden konnte. Sie waren ein gutes Team gewesen.


Als er die Nachricht von Thorn erhalten hatte, war Varg gerade in seiner Zelle in Meditation versunken gewesen. Thorn wollte sich mit ihm treffen. Varg war glücklich darüber, dass sein Mentor noch lebte, und ließ ihm eine Antwort zukommen.

Nun saßen sie in einem Café an einem sonnigen Platz im zweiten Bezirk, wo es viele Geschäfte für den stinkreichen Bruchteil der Lagoner gab. Thorn trug immer noch seine Robe, und seine Miene war wie gewohnt ernst und erhaben, doch das typisch heilige, dass früher sein Gesicht geziert hatte, war einem stolzen Ausdruck gewichen.

Oder kommt es mir nur so vor, jetzt, wo er offiziell kein Heiliger mehr ist? Er wirkt, als hätte ihn das sehr verletzt. Als würde er den Mangel an Heiligkeit nun mit Stolz verdecken wollen.

„Du weißt, dass ich für dich eingetreten wäre, wenn ich bereits ein vollwertiges Ordensmitglied wäre. Eine Schweinerei, dass sie dich raus geschmissen haben, an den Vorwürfen ist doch eh nichts dran, oder? Die glauben wohl, sie könnten auf einen Inquisitor wie dich verzichten!“

„Ich will nicht über die Vorwürfe reden“, sagte Thorn abwesend. Er schien mit den Gedanken woanders.

„Nach dem Tod von Raft ist dieser Nichtsnutz Callen zum neuen Ratsinquisitor ernannt worden… ernsthaft, du sind total aufgeschmissen ohne dich. Du kannst das doch nicht auf sich beruhen lassen, wer sorgt denn noch für die Reinheit in Lagon, wenn du weg bist? Harnag, Orfan? Die würden doch nicht mal erkennen, wenn ihr eigener Novize auf Brocken wäre. Und Callen wird am Ende noch zulassen, dass das neue Gesetz zur Duldung von Prostitution durchkommt, der notgeile alte Sack. Lagon braucht dich, fechte das Urteil an oder so! Großinquisitor Isigor ist ein weiser Mann, er hat einen Fehler gemacht, aber vielleicht zeigt er Einsicht.“

Thorn riss sich zusammen. „Du hast Recht, die Lagoner verdienen mehr, als von diesen Tölpeln beschützt zu werden. Varg, vertraust du mir? Ich kann dieser Stadt helfen, doch dafür brauche ich dein absolutes Vertrauen und deine Hilfe.“

„Das hast du, das hast du! Du bist der einzige, der in diesen Zeiten des Verbrechens, der Korruption, der Unreinheit und allgemeinen Sittenlosigkeit noch weiß, was zu tun ist. Ich helfe dir.“

„Okay, aber dafür musst du erst ein paar Sachen verstehen.“ Thorn räusperte sich. „Ich weiß, wie sehr du es verabscheust, wenn jemand seine Prinzipien verrät. Du weißt, dass auch ich da immer dagegen gewettert habe. Nun, die letzten Tage, in denen ich sozusagen unabhängig war, haben mir ein paar Erkenntnisse gebracht…“

Varg war beunruhigt. „Was meinst du? Erkenntnisse?“

„Was verdient Goran Witten deiner Meinung nach, dafür dass er sich geheimer Labors bedient hat, um alchemistische Waffen zu entwickeln, die Tod und Unheil über das Volk Lagons bringen?“

„Na, er verdient es, vor das Gericht der Inquisition zu kommen und von seinen Sünden und seiner Gier gereinigt zu werden!“

„Und warum konnten wir nie etwas gegen ihn und die anderen Hintermänner tun? Warum lebt er munter weiter und forscht an Alchemie herum, um Massenvernichtungswaffen zu erschaffen?“

„Weil wir ihn nicht festnehmen dürfen… Die Inquisition darf ohne Beweise nicht handeln.“

„Genau. Warum ist Kenin vom siebten Bezirk immer noch Hauptmann der ehrbaren Diebe und verkauft sein Brocken an die armen verlorenen Seelen?“

„Ich wusste nicht einmal, dass der Hauptmann Kenin heißt.“

„Weil der Orden nichts dagegen tun kann! Weil der Orden eingeschränkt ist. Weil der Orden seinen Regeln, Gesetzen und Prinzipien folgen muss. Genau deswegen kann Callen nichts gegen das Prostitutionsduldungsgesetz tun, genau deswegen ist immer noch Brocken auf den Straßen, eröffnen geheime Labore mitten in der Stadt, werden arme Seelen erstochen in den Gassen aufgefunden, ist der gesamte Rat korrupt, weil der Orden seinen Regeln und Prinzipien folgen muss. Nur deswegen. Verstehst du mich?“

„Stimmt, der Orden tut viel zu wenig, diese Stadt ist immer noch voll mit Leid.“

Thorn ließ Vargs Satz noch ein bisschen nachklingen, und beugte sich dann zu ihm hin. „Wie haben wir dieses Labor gefunden? Das von diesem schmächtigen Assistenten?“

Varg zuckte mit den Schultern. „Wir haben alle beschattet, die bei einem Händler Zutaten kaufen, den wir gewähren lassen.“

„Und wie hat er uns zu diesem Alchemisten geführt hat, den wir gereinigt haben? Sag‘s mir.“

„Naja, wir haben ihm ein bisschen weh getan, obwohl wir keine Beweise gegen ihn hatten…“

„Genau, wir haben ihn mit der direkten Anschuldigung konfrontiert, dass wir wissen, was er tut und er ist sofort zusammengebrochen und hat uns davon erzählt. Wir mussten ihn laufen lassen, aber den schlimmeren Alchemisten konnten wir hoch nehmen. Und all das wäre nicht möglich gewesen, wenn?“

„…wenn wir uns an die Vorschriften gehalten hätten?“ sagte Varg unsicher.

„Exakt. Und nun überlege… wie viel gutes muss in Lagon noch getan werden? Eine Menge. Du siehst das Elend jeden Tag auf den Straßen, auch du bist davor in den Orden geflohen, eine sehr noble Entscheidung. Doch auch ich habe eine Entscheidung getroffen; der Orden ist nicht länger der richtige Platz für mich. Du hast recht, die Stadt braucht mich – und ich werde nicht ruhen, bis Lagon rein, gesund und gerecht ist.“

Varg jubilierte innerlich. „Ich wusste, du würdest verstehen, dass man etwas tun muss!“

Thorn sah ihn ernst an. Er schien nun wieder vom heiligen Feuer erfüllt zu sein, und Varg war glücklich, dass sie zusammen für ein besseres Lagon kämpfen konnten. „Stimmst du mir also zu, dass wir alle Mittel verwenden sollten, um J’zharrs Willen für Lagons Bewohner zu erreichen?“

„Ja! Ich bin dabei und zu allen Schandtaten bereit!“ Varg war überglücklich, dass er für ein besseres Lagon kämpfen konnte.

„Gut, sind die konfiszierten Gegenstände noch im Lager der heiligen Hallen? Es fällt bestimmt nicht auf, wenn die Rezepte für Bor-Mischungen fehlen. Der Orden kann doch eh nichts damit anfangen.“

Hätte Varg mehr Übung darin gehabt, sich zu hinterfragen, hätte er es vielleicht verdächtig gefunden.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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