Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 18

Dania

Dania wurde vom Schlagen der Tür wach. Sie schreckte auf – doch es war nur Marcin, von ihm ging keine Gefahr aus. Von wo auch immer er gerade heimkam. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er gegangen war. Doch das bedeutete nur, dass sie nach gestern einiges an Schlaf gebraucht hatte.

Und sie fühlte sich durchaus ausgeschlafen. Die Sonne, die durchs Fenster strahlte, verriet ihr, dass es bereits Vormittag war. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und streckte sich. Dania war putzmunter.

Marcin öffnete die Tür zu dem anderen Zimmer, steckte den Kopf hinein, und schloss sie wieder. Dania fragte ihn, was los war.

„Nur, ob der Inquisitor noch da ist. Ich bin vorsichtig, wie du weißt. Und er hat offenbar zu schnarchen aufgehört.“

Dania musste kichern. Ein Zeichen, wie entspannt sie war. „Davon habe ich nichts mitgekriegt. Ich habe geschlafen wie ein Stein. Gar keine schlechte Idee, nach gestern.“

Marcin ging in die Küche, und kam kurz darauf mit etwas zu essen wieder. Er gab auch Dania ein Stückchen Brot ab – hart und ohne Belag, doch sie war dieses Frühstück gewohnt, und hatte Appetit.

„Wenigstens deinen Auftrag hast du ausgeführt? Du verbrocktes Stück hast mir ja eine Scheiße ins Haus geschleppt… könnte irgendeine Spur zu mir führen? Jedenfalls darf dich niemand zusammen mit mir sehen. Und Thorn am besten auch nicht.“ Rastlos schritt Marcin im Zimmer auf und ab. „Wie auch immer, da müssen wir jetzt durch.“ Er biss von seinem Brotkanten ab.

„Ach was, Thorn scheint doch nett zu sein! Er hat mir das Leben gerettet. Davon abgesehen kann er uns beide unglaublich reich und mächtig machen, hat er gesagt! Probleme lösen.“ Dania war nicht halb so beunruhigt wie Marcin. Thorn war jedenfalls bisher um einiges netter zu mir als dieser verdammte Dieb, ehrbar hin oder her, dachte sie.

Marcin schnaubte. „Er hat dir das Leben gerettet? Erzähl.“

Dania ließ sich nicht zweimal bitten, und erzählte von dem ganzen Abend. Wie geschickt sie Gabor getötet hatte, wie sie sich mit seiner ganzen Familie auf einmal angelegt hatte. Wie das Brocken sie gerettet hatte. Als sie behauptete, dass das Brocken noch einen Plan mit ihr hatte, verdrehte Marcin die Augen. Also überspielte sie es mit einem Lachen und tat so, als hätte sie einen Witz gemacht. Als sie erzählte, wie Thorn ihre Verfolger verjagt hatte, hörte Marcin besonders aufmerksam zu.

„Ich hätte dich für klüger gehalten, als einem Inquisitor zu vertrauen“, sagte Marcin. „Du weißt, wie die sind. Es ist ihr verdammter Job, uns zu jagen und zu töten.“

Dania wusste nicht, was Marcins Problem war. Thorn bot ihm Aufstiegsmöglichkeiten, Macht, Geld, immerhin eine Perspektive! Ihrer Ansicht nach war Marcin viel zu intelligent, um weiter irgendein niederer Leutnant zu sein, das hatte er schon mehrfach bewiesen. Und er wäre der erste Dieb gewesen, dem es an Ambitionen mangelte.

„Er hat doch gesagt, er braucht dich. Ihr ergänzt euch. Und ich will nur mal anmerken, dass er damit Recht hat. Bedenke doch mal, auf welche Ressourcen er Zugriff hat, von denen du nicht mal etwas ahnst… Er ist öffentlich anerkannt! Wenn wir es richtig anstellen, müssen wir keine alten Säcke mehr ficken oder Brocken verkaufen, wir können einfach verdammte Steuern einnehmen! Organisiertes Verbrechen quasi! Das machen doch Leute wie er. Bei J’zharr, hast du denn gar keinen Ehrgeiz?“

„Ehrgeiz ist eine ziemlich tödliche Eigenschaft unter Dieben.“

„Erzähl mir nicht, dass du nicht ehrgeizig bist. Mit Thorns Hilfe musst du nicht dein Leben lang Dieb bleiben, bis eines Tages eine Klinge auf dich wartet. Mit Thorns Hilfe wirst du am Ende noch jemand ganz anderes – nicht bei jeder Tätigkeit muss man damit rechnen, jederzeit abgestochen zu werden. Vielleicht bist du eines Tages der Dieb, der überlebt hat. Nicht, dass jemand von deiner Existenz wüsste“, schob sie nach.

„Ich war mein Leben lang Dieb, das ist das, was ich am besten kann!“

„Ich muss dir nicht erzählen, wie du deinen Job machst. Aber eins weiß ich – Kenin macht ihn beschissen, so lange wie ich in seinem Bezirk arbeiten konnte, ohne dass er davon Wind gekriegt hat. Du bist wie alt? Dreißig? Etwas älter? Und immer noch jeden Tag Angst haben müssen, dass plötzlich eine der Klingen trifft?“

Marcin verlor die Geduld, er sah aus, als hätte er kaum geschlafen. „Was soll ich denn machen? Hauptmann werden? Es ist schon jemand Hauptmann, das weiß niemand so gut wie ich. Und ich bringe Kenin ganz sicher nicht um.“

Dania stand auf und setzte Marcin einen Finger auf die Brust. „Nein, du nicht.“ Dann deutete sie auf sich. „Aber ich.“ Sie lächelte. „Das ist mein Job.“

Ein Zucken war durch Marcins Miene gegangen, als sie ihn berührt hatte. Dania dachte sich nichts dabei. Was sie ihm vorschlug, war wagemutig, war ein tödliches Risiko. Einen Konkurrenten auszuschalten war die eine Sache – aber den Hauptmann des siebten Bezirks, des härtesten Bezirks Lagons… ist das die Kragenweite eines Mädchens, das gestern ihren ersten Mord begangen hat? Ein bisschen zweifelte Dania an sich selbst, doch nie hätte sie das zugegeben.

Marcin sagte lange nichts, er musterte sie. Schien nachzudenken, sah nach unten. Dania meinte, einen Hauch von Schmerz über sein Gesicht blitzen zu sehen. Schließlich antwortete er.

„Kenin umzubringen wird aber nicht so einfach wie Gabor, er ist nicht umsonst Hauptmann geworden. Er hat mehr als ein paar Kinder zum Schutz. Er wittert Verrat an allen Enden. Und er ist sich seiner Schwächen bewusst.“

Dania lächelte. Ein gefährliches Lächeln. „Ja, der Schwächen, die ihn schon einmal etwas gekostet haben. Die er kennt. Aber auf Alchemie hat er keine Antwort. Woher soll er so etwas ahnen? Das ist die Trumpfkarte in unserem Ärmel. Thorn ist die Trumpfkarte in unserem Ärmel. Wir haben einen verdammten Inquisitor.“

Beide fuhren herum, als sie die Tür knarren hörten. Thorn steckte seinen kahlen Kopf aus dem Zimmer heraus. „Habe ich etwa meinen Namen gehört?“

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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