Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 17

Marcin

Marcin konnte nicht schlafen, und das aus gutem Grund. Schlaf war gefährlich. Er wusste, jederzeit könnte jemand durch das Fenster steigen, die Tür eintreten, die Hütte anzünden – verdammt, ich bin nicht mehr vorsichtig, ich bin ängstlich. Ich werde noch paranoid, wenn das so weitergeht.

Nun es sah allgemein nicht unbedingt gut aus. Ein Zimmer weiter lag ein verdammter Inquisitor und schnarchte, diese verdammte Hure schlief auf dem Boden und murmelte im Schlaf immer nur „Nein, nein, nein“… und wie war er in diese Situation gekommen?

Er hatte in den letzten Tagen einige Attentate überleben müssen, und sein Versuch, mit dem Problem umzugehen, führte zu nur noch mehr unberechenbaren Faktoren.

Er drehte sich auf die andere Seite, doch das schmale Sofa war hier bereits zu Ende – und auch diese kleine Handlung gab ihm das Gefühl der Kontrolle nicht zurück, dass er so dringend brauchte, um klar denken zu können. Jeder klare Gedanke wurden von Danias Murmeln unterbrochen.

Er musste hier raus. Er war ein Dieb, in der Nacht war er aufgehoben. Gut, die meisten nahmen Brocken, um in den Nächten noch Energie zu haben – doch er fürchtete den Kontrollverlust, er verließ sich lieber auf sich selbst. Hastig zog er sich Hose, Hemd und Ledermantel an. Seine Waffen saßen, ohne die fühlte er sich schon viel weniger nackt. Und nun nichts wie an die frische Luft.

Marcins Stiefel machten sich daran, die Herrschaft über die Straße zu erlangen, doch Straßen waren breit, und waren lang. Ein kurzer Sprint, um in Form zu bleiben. Am Ende des Blocks hielt er an, blickte um die Ecken. Stieß die Luft aus, als er sicher war, dass ihn niemand hören konnte. Dann lief er weiter, doch diesmal zwang er seine Stiefel, keinen Laut von sich zu geben. Marcin spielte verstecken mit sich selbst.

Er hastete voran, und für eine Weile überließ er seinen Instinkten die Kontrolle über sich. Er war ein Raubtier, und als solches kannte er sein Revier. Er wusste, wo die beiden Leute ungefähr Wache schoben, die für ihn auch nachts die Kontrolle behielten – die würde er jagen.

Die ersten paar Straßen rannte er, um jedem seiner Muskeln zu zeigen, wer hier das sagen hatte. Es waren seine, also gehorchten sie ohne nachzudenken, und ohne auch nur einen Befehl falsch zu verstehen. So hatte er es am liebsten. Wenn alles berechenbar war.

Erst als er sich dem Bereich näherte, in dem er seine Nachtwache vermutete, begann er, den Schritt zu mäßigen, und verschmolz wieder mit dem Schatten. Langsam ging er weiter, bis er zu einer kleinen Lichtung kam, einem natürlich gewachsenen Platz, auf dem nur wenige leere Marktstände standen, die sicher nicht legal waren. Morgen würde es hier wieder geschäftig zugehen, doch jetzt war der Platz ausgestorben. Zwei Minuten blieb er stehen, und seine Augen betrachteten jeden Schatten haargenau, bis sie die Dunkelheit gewohnt waren und er ausschließen konnte, dass jemand hier war.

Zwei Sprünge, einmal festhalten, hochziehen, den Körper über die Kante wuppen – Marcin wusste, wie man auf eine Hütte kletterte, ohne ein Geräusch zu machen, und auf welchen Dächern das Mondlicht einen nicht offenbarte.

Er drückte sich in den Schatten eines Schornsteins. Wieder zwei Minuten, die ihm reichten, um die Dächer um sich zu erfassen, zu verstehen.

Da stand er. Der Schatten eines Schornsteins war an einer Seite nicht glatt, sondern ergab menschliche Umrisse. Auch wenn Marcin den Mann selbst nicht sehen konnte, der Schatten verriet seinen Aufenthaltsort, nur wenige Dächer weiter. Er hatte den Blick bestimmt auf den Platz gerichtet, seine Position war dafür perfekt. Ein bisschen zu perfekt, ein bisschen zu leicht war zu erahnen, wo man sich am besten hinstellte.

Marcin fand eine Kante, wo das Nachbarhaus ein wenig höher war. Hinter dieser konnte er entlang huschen, ohne gesehen zu werden. Eine weitere brachte ihn direkt zu dem Dach, wo sein Mann stand – diese bot leider nur Schatten, keine Deckung. Nichtsdestotrotz huschte er in ihrem Schutz entlang, das Risiko musste er eingehen.

Mit einem metallischen Geräusch bohrte sich plötzlich ein Wurfmesser in die Wand direkt vor ihm – im nächsten Moment wäre er dort gewesen.

Marcin erschrak, doch schaltete sofort. „Gute Arbeit, Ugo“, sagte er schnell, bevor das nächste Messer fliegen konnte. „Ich bin‘s, Marcin. Was glaubst du, wie ich deine Position erraten habe?“

In der Dunkelheit atmete jemand auf. „Gut, Boss, ich dachte schon. Keine Ahnung, ich dachte, ich wäre gut versteckt. Wie?“

Marcin zog das Messer aus der Wand und richtete sich auf. Er war erleichtert, dass keiner von ihnen beiden sich verletzt hatte. Was hatte er sich eigentlich gedacht? „Nun, einmal – siehst du diesen Schatten dort? Der bedeutet, dass du von da drüben im Licht bist; und dass man von jeder anderen Position deinen Schatten sehen kann. Außerdem bist du genau da, wo jeder sich hinstellen würde, wenn er den Platz am besten im Blick haben wollen würde. Wenn du berechenbar bist, bringt dir dein Vorteil nichts. Lieber hat man einen toten Winkel, als dass man berechenbar ist.“

Ugos Schatten nickte. „Verstanden, Boss. Danke für die Lektion.“

Marcin zuckte mit den Achseln. „Du hast dich gut geschlagen.“ Er ging ein paar Meter übers Dach, um ihm sein Wurfmesser wiederzugeben. Nichts passierte. Sie waren allein, alles war sicher.

Marcin ließ Ugo allein, sprang vom Dach, und sprintete davon.

Verdammt. Er hatte es Ugo gegenüber noch überspielen können, aber er war alles andere als beruhigt. Hätte er nicht verschätzt, wie schnell ich husche, hätte mich das Wurfmesser getroffen.

Er würde heute nicht mehr zur Ruhe kommen. Marcin wusste, was er brauchte. Kein Wunder, dass er so aufgewühlt war. Das letzte Mal war bereits ein bisschen her. Er hatte Kenin lange nicht besucht – und besuchen sollte er ihn sowieso. Er musste über die Attentate sprechen.

Kenin und er teilten ein Geheimnis, dass sie zu einem guten Team machte. Die wahre Verbindung zwischen ihnen musste geheim bleiben – doch sie sicherte ihnen einige Macht über den siebten Bezirk, denn sich mit ihnen beiden anzulegen, konnte sich niemand leisten.

Marcin war allerdings besorgt, dass sie nicht mehr so oft miteinander schliefen wie früher. In den letzten Monaten hatte Kenin sich seltener bei ihm blicken lassen, und sie hatten mehr über geschäftliches geredet, als andere Sachen getan. Marcin bereute das – unter anderem deswegen, weil es nicht einfach war, mit Kenin über geschäftliches zu reden. Aber auch, weil er die Nähe vermisste, die sie einmal gehabt hatten. Nun, wenn Kenin etwas daran störte, dann sagte er es zumindest nicht.

Er achtete darauf, im Schatten zu bleiben, bis er bei Kenins Haus war. Kenin hatte zwei eigene Nachtwachen, einen an der Tür, einen in der Umgebung, bereit, jederzeit einzuschreiten. Marcin wusste das, er hatte die Männer ausgewählt. Erst als er nahe an dem Haus war, trat er aus dem Schatten und ging mit erhobenen Armen und langsamen Schrittes auf die Tür zu. Ein ehrbarer Dieb, an der Mütze klar erkennbar, löste sich aus der Dunkelheit und sprach ihn an: „Ah, Marcin. Du willst Kenin sehen?“

Marcin nickte und nahm die Arme herunter.

Der Dieb trat zur Tür und klopfte. Er öffnete die Tür einen Spalt und rief „Marcin ist hier!“ ins innere des Hauses.

Marcin drängte ihn beiseite, trat ein und schloss die Tür hinter sich. Die Szenerie vor ihm gefiel ihm ganz und gar nicht. Kenin war kaum zu sehen, zwei nackte Frauen saßen auf ihm – eine auf seinem Gesicht, eine auf seinem Schwanz. Zwei der Huren, die für ihn arbeiteten, nahm Marcin an. Sie sahen ihn kurz an, aber verloren das Interesse, als sie sahen, wer er war.

„Kenin. Wir müssen reden.“ Marcin bemühte sich, die Wut nicht in seiner Stimme zu zeigen. Er klang jedoch immer noch ziemlich genervt.

Kenin befreite sein Gesicht für kurz aus dem Griff der beiden Schenkel. „Das kann warten. Komm, mach mit! Die beiden sind großartig.“ Eines der beiden Mädchen kicherte.

Marcin spürte Wut in sich aufsteigen, und diesmal sah er keinen Grund, sie zu zügeln. Er trat einen Schritt nach vorne, und zog das Mädchen, das es sich auf Kenins Unterleib bequem gemacht hatte, an den Haaren von ihm herunter. Sie kreischte, bis Marcin ihr ins Gesicht schlug und das taumelnde Mädchen mit beiden Armen umfasste und in Richtung der Tür schleuderte. Kenin schob die andere Hure, die sich erschrocken umgedreht hatte, empört von sich herunter.

„Nichts ins Gesicht, Mann! Komm mal runter. Kannst du denn nie ein bisschen Spaß haben?“

Marcin holte tief Luft. „Komm mir nicht so. Hör mir zu. Und schick diese Huren raus hier.“

Kenin grummelte wie ein kleines Kind, doch er deutete mit einer Handbewegung nach draußen.

„Die Klamotten könnt ihr euch auch draußen wieder anziehen“, schob Marcin noch nach, und sie verschwanden durch die Tür. „Was glaubst du, warum ich so wütend bin?“, fragte Marcin seinen Hauptmann. Auch wenn Kenin fast zehn Jahre jünger war als Marcin, hatte er ihm doch den Vortritt in der Hierarchie gelassen. In Momenten wie diesen bereute er das.

Kenin grinste verschmitzt. „Weil du ein kleines Bisschen eifersüchtig bist?“ Er trat näher. Seine Haut, die sich über die Muskeln eines Kämpfers spannte, war von Schweiß bedeckt.

Er versuchte, Marcin zu küssen, doch der drehte den Kopf weg. „Du stinkst nach Frau“, sagte er abschätzig.

Kenin trat einen Schritt zurück, fasste Marcin an den Schultern und blickte ihn besorgt an. „Nun sag schon. Was macht dich so fertig? Du weißt doch, du kannst mir alles erzählen.“

Marcin schluckte. Senkte den Kopf. „Ich habe Angst“, gab er zu.

Kenin kicherte. „Naja, wenn du so mit Frauen umspringst, brauchst du dich nicht wundern, wenn Leute reden.“

Marcin schaute verletzt hoch. „Nein, das ist es nicht.“ Er steckte die Hände in die Taschen seines Mantels. „Ich wurde allein in den letzten Tagen zwei Mal angegriffen. Leute, die mich umbringen wollten. Was glaubst du, warum?“

Kenin zuckte mit den Schultern. „Und, du lebst doch, oder? Und stellst mir Fragen, deren Antwort du besser kennst als ich.“

Marcin fuhr fort: „Die Leute sagen, ich hätte zu viel Einfluss auf dich. Ich wäre zu mächtig geworden. Ich bin zu einer laufenden Zielscheibe geworden – ich habe so viele Feinde wie ein Hauptmann, aber nur die Mittel eines Leutnants. Ich bin froh, dass ich die letzte Woche überlebt habe. Aber wie sieht es mit der nächsten aus?“

„Natürlich hast du viel Einfluss auf mich.“ Kenin grinste anzüglich. „Bis tief in mein Herz hinein. Die sind nur eifersüchtig!“ Er legte eine Hand auf sein Herz, und die andere auf Marcins Schulter, doch der fand das nicht lustig.

„Na danke für die wertvolle Unterstützung. Willst du überhaupt, dass ich die nächste Woche überlebe?“ Marcins Augen blitzten.

Kenin senkte den Kopf. „Du bist unfair.“

Marcin rollte mit den Augen. „Unterstütze mich endlich ausreichend. Gib mir eine Leibwache, eine vertrauenswürdige. Nicht meine unfähigen Leute, die Elite. Oder lass uns zusammen Hauptmänner sein. Wäre nicht das erste Mal, und die anderen würden wissen, dass sie sich mit uns nicht anzulegen brauchen. Wir könnten den siebten Bezirk zusammen regieren. Vielleicht auch den achten. Den neunten. Du weißt, dass wir das könnten, aber du lässt mich hier verhungern, bis ich eines Tages abgestochen werde. Ich bange um mein verfluchtes Leben.“

Kenin hob langsam den Kopf. „Du bist… ängstlich? Der große Marcin, der Schrecken des siebten Bezirks? Das ist nicht der Mann, den ich kenne.“

Marcin spuckte auf den teuren Teppich, direkt zwischen Kenins nackte Füße. „Hörst du mir überhaupt zu!?“

Kenin fasste ihn an der Hand, und strich ihm mit der anderen über den Kopf. „Du bist doch ein so viel besserer Mann als ich, das wissen wir beide. Du zweifelst daran, dass du für dich sorgen könntest?“

Marcin spürte, dass er kurz davor war, jede Geduld zu verlieren. „Und ich soll wohl jeden Tag um mein Leben bangen, während du es hier mit irgendwelchen Flittchen treibst? Du kümmerst dich einen Scheiß um mich.“

Kenin sah ihm ernst in die Augen. „Was willst du – dass wir beide Hauptmann sind und beide Zielscheiben sind? Oder willst du, dass wir zusammenziehen? Dass alle Welt sieht, wie sehr ich mich um dich sorge? Dass wir zwei Tage offizielles Liebesglück haben, bis die Inquisitoren uns reinigen, oder, noch wahrscheinlicher, unsere eigenen Leute uns im Schlaf abstechen? Willst du ein romantisches Ende?“

Das war das Ende von Marcins Geduld. Er brüllte jetzt nur noch, schüttelte Kenins Hand ab, ballte seine Fäuste. „Du liebst mich nicht! Du stehst doch nicht einmal auf Männer, so wie du deine Huren jede Nacht bewirtest! Willst du mir erzählen, dass du das nur machst, damit niemand etwas ahnt? Damit dein schöner Ruf gewahrt bleibt? Ich erzähle dir was -“

Doch er konnte nicht zu Ende sprechen, ein Mund presste sich auf seinen, eine Zunge bahnte sich den Weg durch seine Zähne, fand seine. Hände umfassten seine Fäuste und brachen den harten Griff. Es schmeckte abscheulich. Er gab sich hin. Die Hände knöpften sein Hemd auf. Er ließ es geschehen.

Es hörte auf, als Kenins Mund nach unten wanderte, um Marcins haarige Brust abzuküssen. Marcin wischte sich den Mund ab. Kenins Worte wurden von Küssen unterbrochen. „Lass mich – dich – beruhigen. Das – wird alles noch – gut werden. Keine Angst.“

Marcin war nicht steif, doch Kenin nahm ihn dennoch in den Mund. Er konnte nichts sagen, wollte nichts sagen. Seine Hände waren keine Fäuste mehr, doch schmerzten dennoch, leicht verkrampft. Er konzentrierte sich auf das angenehme Lutschen, die Zunge, die ihn umspielte.

Marcin hasste es, dass er hart wurde. Marcin hasste, dass es ihm so gefiel, dass Kenin so einfach davon kam. Marcin hasste, dass er nichts sagte. Marcin hasste sich dafür.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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