Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 16

Stepanie

Natürlich hatte Stepanie schon lange akzeptiert, dass das Aufräumen der Wohnung ihre Arbeit war. Hunnar war dafür zuständig, das Geld reinzubringen, sie kümmerte sich um den Haushalt. Und vor allem um Mia. Aber jedes Mal, wenn sie an den Flecken herum schrubbte, die nur seine Schuld waren, und die ihr niemals passiert wären, verfluchte sie, dass die Dinge so waren, wie sie waren.

Die Hütte, die die kleine Familie bewohnte, war relativ gut ausgestattet. Es war genug Platz da, dass Mia ein eigenes Zimmer haben konnte – was im Umkehrschluss bedeutete, dass Hunnar und Stepanie ein Zimmer für sich hatten. Dazu kam noch eine Küche, und eine Toilette. Die Toilette zu putzen, damit kam sie klar, doch die Küche war immer ein Saustall. Hunnar hatte sogar noch schlechtere Essmanieren als ihre kleine Tochter.

Kein Wunder, ich habe ihn ja nicht erzogen.

Mia spielte heute wieder zuhause – alleine, und Stepanie versuchte, sich keine Sorgen zu machen. Früher, als sie noch im siebten Bezirk gewohnt hatten, war es ihr sehr schwer gefallen, Anschluss zu finden; Stepanie stach es bis heute.

Nun, sie kann nichts dafür, dass sie mein Gesicht geerbt hat. Ich habe Glück, dass Hunnar mich für meine anderen Seiten liebt – aber Mia muss so jemanden eben erst noch finden. Und die Welt ist hart zu hässlichen Frauen.

Stepanie dachte an Dania – und ihr fiel ein, dass die Welt auch hart zu hübschen Frauen war. Am Anfang hatte sie Dania beneidet, doch je mehr sie über Danias Leben erfahren hatte, desto weniger wollte sie in ihrer Haut stecken.

Doch Prostitution war nun einmal für viele Frauen in Lagon die einzige Möglichkeit, alleine klar zu kommen. Abermals war Stepanie froh, dass Hunnar für sie sorgte. So musste sie ihren Bruder nicht enttäuschen, und konnte das sittsame Leben führen, das Dania nicht vergönnt gewesen war.

Orst, ihr Bruder, war Inquisitor. Nicht viele Inquisitoren hielten Kontakt zu ihrer alten Familie, nachdem sie in den Orden eintraten, und Orst hatte es zu Beginn ähnlich gehalten. Doch zwei Wochen nach seinem Eintritt in den Orden, in denen Stepanies Familie nichts von ihm gehört hatte, hatte es ihr gereicht; sie war in die Heiligen Hallen gestürmt, in eine Schulklasse voller Novizen geplatzt und hatte ihm vor all seinen Kameraden vorgeworfen, warum er sich denn nie meldete. Bis heute teilten die beiden eine enge Verbindung.

Das war auch der Grund, warum sie ihre Hütte ausgerechnet heute putzte – Orst würde sie heute besuchen kommen, um auf eine Tasse Tee darüber zu quatschen, was sie zur Zeit jeweils bewegte. Diese Tradition pflegten sie schon lange, länger als Stepanie mit Hunnar verheiratet war.

Die Meinung ihres Bruders bedeutete ihr viel, und sie fragte ihn oft um Rat – auch wenn sein Glaube ihn manchmal ein bisschen stur machte. Stepanie kannte niemand anderen, der so viele Bücher gelesen hatte. Stepanie kannte niemanden, der überhaupt lesen konnte. Als lehrender Inquisitor hatte er täglichen Umgang mit Kindern. Dadurch, und durch seine Bildung, hatte er ihr auch für die Erziehung von Mia schon einige gute Ratschläge geben können.

Sie hätte Mia gerne in eine der Schulen des Ordens gegeben, doch leider unterrichteten sie dort keine Mädchen. Sie machte sich ohnehin ein wenig Sorgen, was Mia den ganzen Tag über tat; immerhin war sie schon acht Jahre alt.

Hunnar sparte schon länger darauf, ihr ein Musikinstrument kaufen zu können, und manchmal gab sie ihr etwas im Haushalt zu tun, damit sie etwas lernte. Doch zu viel wollte sie nicht von ihr verlangen. Der Ernst der Welt würde früh genug über sie hineinbrechen, und wenn sie jetzt ein wenig harmlos spielte, tat das niemandem weh.

Sie wurde von einem lauten Klopfen aus den Gedanken gerissen. Das musste Orst sein. Wirklich sauber war die Küche noch nicht, doch daran konnte sie nun nichts mehr ändern. Sie rief Mia zu, dass ihr Onkel da war und öffnete die Tür.

„Na, meine Lieblingsschwester, wie geht es uns denn heute?“, begrüßte Orst sie.

Stepanie musste lächeln. „Ich bin deine einzige Schwester, du Idiot. Und mir geht es prima, wie immer. Wie geht es dir?“, fragte sie.

Doch er konnte nicht antworten – eine kreischende kleine Masse stürzte sich auf ihn und riss ihn fast um. Er hob seine Nichte hoch und wirbelte sie einmal um sich herum. Irgendwann bettelte sie ihn an, sie wieder herunterzulassen. Er ließ sie noch ein bisschen betteln, bevor er ihrem Wunsch schließlich nachkam.

Stepanie ging erst einmal in die Küche, um heißes Wasser aufzusetzen. „Orst, kannst du mal kommen? Ich könnte etwas Hilfe mit dem Feuer hier gebrauchen“, witzelte sie.

Orst trat hinter ihr in die Küche und lachte. „Ich kann doch J‘zharrs Geschenk nicht für so etwas Banales wie Tee kochen verschwenden. Das wäre Frevel. Aber gib mal her“, sagte er, und nahm ihr die Schwefelhölzer aus der Hand.

Mia zog an seiner Robe, doch davon ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Bald war der Herd angefeuert, und Stepanie fuhr fort, den Tee vorzubereiten, während Mia ihrem Onkel unbedingt zeigen musste, was sie Schönes gemalt hatte.

Stepanie merkte, wie Orsts Ankunft den Raum sofort erhellte – ihre Tochter schien besonders begeistert zu sein, Orst zu sehen. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, erklärte Mia ihrem Onkel, was auf ihren Bildern geschah.

„…und hier kämpft mein Papa mit den bösen Leuten, die ihm etwas antun wollen. Er hat ein großes Schwert, und mit dem ist er vor allen sicher!“

Stepanie merkte, was Mia da erzählte, und fühlte sofort eine leichte Beklemmung. Mia wusste genauso wenig wie Orst, womit Hunnar sein Geld verdiente – ihre Tochter wollte sie nicht damit belasten, und Orst nicht vor einen Gewissenskonflikt stellen. Er hätte wahrscheinlich gesagt, dass auch ein noch so ehrbarer Dieb für seine Schwester eine große Gefahr darstellte, und dass er für seine Sünden gereinigt werden müsste. Niemals würde er sehen können, wie gut Hunnar für sie war, und dass er ihr tatsächliche Sicherheit versprach.

„Dein Papa ist wirklich einer der stärksten, nicht wahr?“ Orst hielt es offenbar für normal, dass sich Töchter ihre Väter als starke Krieger vorstellten. Zum Glück.

Hunnar war der, der ihre kleine Familie beschützte – und in den seltenen Fällen, wo sie nachts aufwachte, voller Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte, dann weil sie Angst vor Orsts Kameraden hatte – der Inquisition, die Männer wie Hunnar jagte. Stepanie war eine gläubige Mutter, doch manchmal wünschte sie, die Inquisitoren wären etwas mehr mit J‘zharrs Gnade gesegnet worden.

Der Tee war fertig, und Stepanie machte sich daran, zwei Tassen bereitzustellen. Die reinigenden Kräuter würden das abgekochte Wasser reinigen, und zum Glück war Orst da, um seinen Segen über den Tee zu sprechen. Sonst wäre Tee trinken für eine fromme Frau wie sie nicht in Frage gekommen.

„Der Tee wäre dann soweit. Kommst du rüber?“, fragte sie ihren Bruder. Der ließ sich das nicht zweimal sagen, entschuldigte sich bei Mia, dass er sie mit ihren Gemälden alleine lassen musste und kam in die Küche. „Hier ist der Tee, willst du ihn absegnen?“

„Selbstverständlich“, sagte Orst. Er hielt die Hände über die beiden Tassen, sodass der Dampf seine Handflächen berührte, und murmelte mit geschlossenen Augen ein paar Worte.

Stepanie setzte sich ihm gegenüber an den kleinen Tisch, der in ihrer Küche stand. „Vielen Dank“, sagte sie und nahm sich ihre Tasse. Das Keramik brannte heiß in ihren Handflächen.

„Eine verrückte Welt, in der wir leben“, fing Orst ohne Umschweife an zu erzählen, „der Wahnsinn macht nicht einmal vor dem Orden halt. Hast du gehört, was gerade bei uns los ist?“

Stepanie verneinte, auch wenn sie natürlich vage Gerüchte gehört hatte. Die anderen Frauen redeten, aber sie wollte es aus Orsts Mund hören. Bis jetzt kannte sie drei verschiedene Versionen, und die Chance, eine wahre Geschichte zu erfahren, wollte sie sich nicht entgehen lassen.

„Ratsinquisitor Raft ist tot, das musst du doch mitgekriegt haben. Er war ja ziemlich beliebt, vor allem hier in den ärmeren Bezirken, oder nicht?“ Er trank einen Schluck, aber verbrannte sich sofort die Zunge. „Schien ein Unfall zu sein, aber ein hässlicher. Ein anderer Inquisitor hat alchemische Substanzen gelagert – und als Raft davon erfahren hat, wollte er dem nachgehen. Nun, alchemische Substanzen sind gefährlich. Die Explosion hat den Raum komplett verwüstet…“

„Explodiert also? Das war zumindest eines der Gerüchte, neben einem eingeschleusten Alchemisten und Dämonen, die aus dem Nichts erschienen seien.“

„Ja, meine Schüler erzählen sich den größten Müll. Wenn sie im Unterricht aufpassen würden, dann wüssten sie, dass es so etwas wie Dämonen nicht gibt – und dass die Dämonen in den Menschen lauern. Aber das ist wohl ihre Art, damit umzugehen.“

Stepanie unterbrach ihn. „Du unterrichtest keine Novizen, oder? Nur Jungs von außerhalb?“

Orst nickte. „Nur selten. Letztendlich brauchen sie die selbe Ausbildung wie jeder andere in dem Alter, aber Novizen habe ich nur eine einzige Klasse – es gibt ja viel mehr normale Kinder.“

Stepanie kicherte. „Normal würde ich die Jungs hier im Bezirk ja nicht nennen.“

Orst musste grinsen, fuhr aber fort. „Ja, die Novizen reden nicht so viel Schwachsinn. Die sind auch ganz anders betroffen, immerhin war Raft für einige hier ein großes Vorbild. Er war einer der beliebtesten Inquisitoren, die am lautesten für unsere Ideale eintraten. Und dann nicht zu vergessen die beiden Novizen, die bei der Explosion dabei waren, die sind ziemlich am Ende.“

„Da waren noch zwei Novizen? Leben sie noch?“

„Ja, keine Sorge. Sie standen direkt vor dem Raum, als es passiert ist. Sinya, der Novize von Raft, war danach am Boden zerstört. Sein Meister ist gestorben, kein Wunder. Aber nicht nur das – bevor er zu uns kam, ist seine Mutter an Brocken gestorben, einer dieser Unfälle, wo danach alles verbrannt ist. Jetzt wurde auch noch sein Meister von der Alchemie umgebracht, das hat niemand verdient. Aber auch was Varg zur Zeit durchmachen muss…“

Stepanie wusste, wann man Nachfragen stellte, um Interesse zu zeigen. „Varg ist der andere?“

Orst nickte abermals. „Ja, Varg ist der Novize von Thorn gewesen, dem Inquisitor, der jetzt für das ganze verantwortlich gemacht wird. Er hat Raft erst in die Kammer geführt, und manche beschuldigen ihn genauso wie seinen ehemaligen Meister. Nicht nur, dass er jetzt auch ohne Meister dasteht, weil Thorn exkommuniziert wurde, er kriegt jetzt auch noch die Feindseligkeiten der anderen Novizen ab… das wünsche ich nach so einer Erfahrung niemandem. Wenn es nach mir geht, ist er unschuldig, Raft hat von ihm verlangt, dass er ihn zu der Kammer führt. Er hat nur seine Befehle befolgt. Und trotzdem kriegt er jetzt alles ab.“

Stepanie schüttelte sich. „Du weißt ja wie das ist, Jungs in dem Alter können grausam zu einander sein. Du warst ja damals nicht viel anders, nicht wahr? Mit deinen Jungs hier im achten…“

Orst lächelte, ein bisschen verschämt. „Ich habe Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin, klar. Aber ich habe es wieder gerade gerückt, und jetzt kümmere ich mich um genau die Jungen, die jetzt so sind, wie ich einmal war. Das bin ich J‘zharr schuldig.“

Stepanie klopfte ihm mütterlich auf die Schulter. „Klar, kein Vorwurf. Du machst einen großartigen Job, da bin ich mir sicher. Deine Schüler werden die Gesetze J‘zharrs achten lernen.“

Orst blickte demütig drein. „Nun, das kann nur die Zeit sagen.“

Stepanie lachte. „Und ich. Ernsthaft, wenn ihr Mädchen nehmen würdet, Mia würde ich sofort zu dir in den Unterricht schicken. Ich will, dass sie lernt, wie man in der Welt zurecht kommt – wo könnte sie das besser lernen als in deinen Klassen?“

Orsts Blick wurde hart. „Schwester, du kennst doch die Regeln. Warum kommst du immer damit? Frauen brauchen nicht lesen zu können. Ich bin sicher, alles was sie braucht, kannst du ihr viel besser beibringen. Woher soll ich wissen, was ein Mädchen wissen muss? Ich bin mir sicher, das kriegst du viel besser hin.“

Stepanie zuckte mit den Schultern, sie wollte nicht streiten. Stattdessen hob sie die Tasse und stieß mit ihrem Bruder an. „Vergiss es, natürlich kenne ich die Regeln. Ihr habt sicher eure Gründe, ich will mir gar nicht vorstellen, was die ganzen Jungs dann – wie gesagt, vergiss es. Lass uns das Thema wechseln.“

Orst trank einen Schluck. „Ich weiß nicht, wie – wie findest du das Wetter?“

Sie mussten beide lachen, und die Anspannung war wieder wie weggeblasen. Stepanie erlaubte sich ein „könnte mal mehr regnen, meine Blumen würden sich nicht beschweren“, und Orst kommentierte das nicht, obwohl er unter normalen Umständen wohl sicher komisch geguckt hatte. Aber er wollte genauso wenig einen Streit anfangen.

Er trank noch einen Schluck. „Mal wieder zu dir, Schwesterherz – wie geht es Hunnar zur Zeit? Was arbeitet er im Moment, kommt ihr über die Runden?“

Stepanie hatte gelernt, auf solche Fragen zu antworten, und ließ sich ihr plötzliches Unwohlsein nicht anmerken. „Nun, wie immer, mal dies, mal das. Hier im Viertel werden immer ein paar starke Arme gebraucht, wenn es darum geht, ein Häuschen zu bauen. Es ist hart, klar – aber wir nagen nicht am Hungertuch. Und wenn es eines Tages mal schlechter aussieht, könnte ich ja auch mal etwas anpacken. Vielleicht Kinder von Freundinnen betreuen, das würde mir Spaß machen, denke ich. Oder in einer dieser neuen Fabriken, die suchen immer Leute.“

„Das wird nicht nötig sein, Schwesterherz“, sagte Orst in verschwörerischem Ton. Er griff in die Taschen seiner Robe, und holte ein paar Flammlinge heraus. „Für die Familie.“

„Für die Familie“, erwiderte Stepanie lächelnd, während sie das Geld entgegennahm. Ihr Bruder war wahrlich ein Schatz, das zusätzliche Geld, dass er ab und zu vorbeibrachte, konnten Hunnar und sie gut gebrauchen. Zu dem Instrument, das sie Mia schenken wollten, würden diese Münzen einiges beitragen können.

„Nun, ich muss noch ein bisschen was vorbereiten, für den Unterricht morgen. Ich lasse euch besser mal allein.“ Orst erhob sich.

Stepanie bedankte sich abermals, für die Spende, für das Gespräch, und er dankte ihr für den guten Tee. Mia verabschiedete sich ausführlich.

Dennoch war Stepanie ein bisschen froh, als er weg war. Sie wusste nicht warum.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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