Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 15

Thorn

Thorn streckte sich auf dem Lager aus, das Marcin ihm gewährt hatte. Es war eine ziemlich abgeranzte alte Matratze, die voller Flecken rätselhafter Herkunft war. Letzte Nacht hatte er noch in seiner Zelle in den heiligen Hallen geschlafen.

Seine Zelle war nicht im Kerker gewesen, sondern im Wohnbereich. Alle Inquisitoren und Novizen, selbst der Großinquisitor schlief in einer solchen Kammer.

Sie wurden Zellen genannt, damit man verstand, dass man in der diesseitigen Welt eingesperrt war, seit J‘zharr in die nächste Welt aufgestiegen war. Doch Suizid, die einzige Möglichkeit, sich aus dieser Welt zu befreien, war natürlich verboten und als Sünde tabuisiert.

Nun, vom Orden befreit habe ich mich dennoch, dachte Thorn. Ich hätte nie gedacht, dass man nach einer Verurteilung freier sein kann als vorher.

Als er gestern Abend zu Bett gegangen war, hätte er niemals gedacht, dass er am nächsten Tag exkommuniziert werden würde. Das ging allerdings schnell. Und unerwartet.

Er schüttelte noch einmal den Kopf bei dem Gedanken, was für ein großer Mann dem Orden mit ihm abhanden kam. Sie können in der Tat kein Potenzial erkennen. Ein herber Verlust. War es ein größerer Verlust für sie als für ihn? Wahrscheinlich nicht. Er hatte fast sein ganzes Leben im Orden verbracht. Für sie war er nur ein weiterer Soldat.

Nun, ich habe deswegen nicht alles verloren. Scheiß auf die Robe – doch ich habe noch einige meiner Kontakte, mein Wissen und das Geld, dass ich beiseite gelegt habe. Auch wenn es nicht lange reichen wird. Und im Gegensatz zum Orden habe ich einige Chancen. Wir mögen beide einiges verloren haben – doch ich werde mir alles zurückholen und noch mehr.

Dass er ausgerechnet auf Marcin gestoßen war, war ein unwahrscheinlicher Glücksfall. Einer der wenigen ehrbaren Diebe, über die er tatsächlich etwas wusste? Damit konnte er arbeiten. Den Ehrgeiz in ihm zu wecken, konnte nicht so schwer sein. Jeder Mensch war manipulierbar, wenn man erst einmal seinen Antrieb kannte. Und dann würde er sich mit seiner Hilfe wieder an die Oberfläche paddeln, wo die Sonne wieder schien. Und noch weiter. Bis er die Sonne ersetzen würde.

Thorn musste ein bisschen kichern, wenn er daran dachte, dass die beiden ihm geglaubt hatten, dass Dania alchemistisches Talent besaß. Bor-Mischungen funktionierten anders als Brocken; sie wirkten unabhängig vom Anwender. Man nahm sie nicht ein. Doch die Lüge würde erst entlarvt werden, wenn die beiden bereits auf seiner Seite waren. Da brauchte er sich keine Sorgen zu machen.

Dania war zum Glück sehr leichtgläubig. Ihr würde er das Blaue vom Himmel versprechen können. Sie zu einem Werkzeug zu machen, würde einfach werden; das Feuer J‘zharrs würde er nicht brauchen, um sie zu schmieden, anders als bei Varg.

Seine Gedanken wichen ab zu Varg und blieben eine Weile dort. Wem er wohl als nächstes unterstellt werden würde? Zumindest nicht Raft, diesem aufgeblasenen Idioten. Dass Raft bei dem Unfall drauf gegangen war, erfüllte Thorn zumindest mit Befriedigung. Auch wenn er bezweifelte, dass es ein Unfall war. Er hatte nämlich entgegen der Anklage durchaus darauf geachtet, dass alle Substanzen sicher gelagert waren. Wer auch immer Raft ermordet hatte, hatte damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, und Thorn gleich mit aus dem Rennen genommen. Thorn musste seinem unbekannten Feind durchaus Anerkennung zollen.

Er konnte wohl damit rechnen, dass er ihm nie wieder in die Quere kommen würde. Der Orden war für Thorn Geschichte. Zu viel Zeit hatte er in den heiligen Hallen verschwendet. Marcin hatte er zwar gesagt, dass er ihm helfen sollte, diesen Konflikt zu bereinigen, doch das war ein Bluff gewesen; seinen wahren Plänen hätte Marcin niemals zugehört. Wenn sie zusammenarbeiten sollten, würde Thorn ihm seine Vorhaben nur Stück für Stück füttern müssen; zu große Bissen würde der Dieb nicht kauen wollen. Dafür war Marcin zu vorsichtig. Mit Recht. Kluger Bursche, dachte Thorn.

Ob Varg ihn vermissen würde? Thorn hoffte es, nur so blieb ihm der Novize erhalten. Es würde nicht einfach werden, ihm zu verklickern, dass Thorn auch außerhalb des Ordens noch J‘zharrs Willen vollstreckte. Nur wenn Varg das glaubte, konnte Thorn auf seine Unterstützung zählen.

Schon das, was ich als nächstes von ihm brauche, könnte schwierig werden. Aber der Junge ist loyal, und denkt nicht zu viel. Und wenn er nicht liefert, werde ich eben andere Wege gehen.

Gestern war er als unfreier Mann eingeschlafen. Die Ketten, die die Inquisition den Sündern Lagons anlegte, fesselten sie auch selbst. Dem würde Thorn sich nie wieder aussetzen. Ab jetzt war er frei, und als Thorn einschlief, kamen ihm triumphale Träume darüber, was er mit Lagon anstellen würde.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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