Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 14

Marcin

Marcin konnte wertschätzen, dass sie zumindest am Fenster klopfte. Es war bereits dunkel, und Marcin war für heute fertig – aber die Sache mit Gabor war zu wichtig, um sich bereits schlafen zu legen. Man riskierte nicht einfach so einen Krieg mit einem konkurrierenden Leutnant. Da konnte er sich es nicht leisten, bis morgen zu warten.

Wenn sie gescheitert war, wenn man sie erkannt, vielleicht verfolgt hatte… dann würde er unter Umständen noch heute Abend verschwinden müssen. Und einen Gegenschlag planen.

„Ich komme ja schon“, rief er nach draußen, und machte sich daran, das Fenster zu öffnen. Das Licht, das im Raum brannte, fiel auf Danias gerötete Wangen.

„Hallo Marcin! Schön, dich zu sehen. Du wirst dich freuen zu hören, was… du weißt schon.“

Ob ich sie jemals nüchtern antreffen werden? Diese Frau nimmt wirklich zu viel. Oder ist sie nur aufgedreht? Wenn sie gerade ihren ersten Mord begangen hat…

Sie hielt sich am Rahmen fest und stieg durch das Fenster. „Komm erst einmal rein“, versuchte Marcin, sie zu beruhigen. So aufgedreht wie sie war, würde sie vielleicht wichtige Details vergessen – und Marcin musste genau wissen, was passiert war. Er musste sich sicher sein, dass die Gefahr beseitigt war.

Sie streckte sich erst einmal. Marcin wollte schon das Fenster schließen, da fiel ihm Dania in den Arm. „Warte, was ist mit Thorn?“

Marcin runzelte die Stirn und schaute sie an. „Was sagst du?“

In diesem Moment hörte er ein Ächzen – und traute seinen Augen nicht, als eine weitere Person durch das Fenster kletterte. Sich am Rahmen abstützte, erst nicht hindurch passte. Sich die Glatze am Rand des Fensters stieß. Und schließlich in das Zimmer fiel.

Und… warum trägt er eine Robe… des verdammten Ordens der heiligen Flamme?

„Warte mal, wer zur Hölle ist der Typ!?“ Marcin war nicht besonders begeistert, dass er heiligen Besuch hatte. „Was fällt dir ein, jemanden mit hierher zu bringen? Ohne dass er vorher von mir geprüft wurde? Hast du ihn wenigstens nach Waffen durchsucht!? Verdammt, ein Inquisitor!? Du bringst einen Inquisitor zu einem ehrbaren Dieb? Was für eine Auftragskillerin bist du eigentlich!?“

Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus, so überrascht war er. Normalerweise hätte er so etwas nie gesagt.

„Beruhige dich, wir können ihm vertrauen!“ Dania lächelte ihn herzlich an. „Er hat mir das Leben gerettet, als Gabors ganze Familie mich aufschlitzen wollte. Er hat nur ein bisschen geredet, und sie sind Hals über Kopf abgehauen! So ein Inquisitor ist wirklich praktisch.“ Sie kicherte.

Marcin fand nicht halb so lustig, das plötzlich ein Inquisitor in seinem Versteck stand. „Praktisch? Leute wie er töten Leute wie mich!“

Sollte ich ihm eine Waffe an den Hals… nein, am Ende gehe ich noch in Flammen auf. Beruhige dich, Marcin. Er ist durch das Fenster geklettert, er hat dir ja nicht die Tür eingetreten. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass er dich rösten will oder so etwas.

Er starrte Thorn abschätzend an. Sein Kopf war völlig kahl, und die Robe verhüllte die Form seines Körpers. Die meisten Inquisitoren versteckten darunter eine ordentliche Wampe, dieser hier sah eher etwas hager aus. Seine Augen funkelten ein bisschen zu intelligent. Sie nahmen jedes Detail im Raum innerhalb weniger Sekunden auf, verbanden die Puzzleteile, zogen Schlüsse. Das Gesicht des Inquisitors erhellte sich. Er schien einen Entschluss gefasst zu haben.

Thorn räusperte sich. „Du bist Marcin? Ich habe schon von dir gehört. Beruhige dich, Ich bin nicht im Auftrag des Ordens hier. Dein Brocken interessiert mich einen Dreck.“

Mein Brocken was? Davon habe ich noch gar nichts erwähnt. Und er ist der erste Inquisitor, bei dem ich gehört habe, dass er flucht.

Er sah ihn nachdenklich an. Steckte die Hände in die Taschen und prüfte, ob seine Dolche in Griffweite waren. Wenn er plötzlich so einen Splitter raus holt, dann muss ich schnell sein. Und ich bin schnell. Aber erst muss ich mir einen Reim auf diese Situation machen. Und was hat Dania eigentlich erreicht heute? Wenn sie sagt, dass er Gabors Bande vertrieben hat, sind wir die zumindest erst einmal los.

Er wagte sich vor. „Thorn heißt du? Soso. Was hast du denn gehört?“, fragte er Thorn misstrauisch, die Hände in den Taschen. Er hoffte, dass die Mütze auf seinem Kopf einschüchternd wirkte.

Thorn zuckte mit den Achseln und strich seine Robe glatt, um sein würdevolles Auftreten wiederherzustellen. Anscheinend war er es nicht gewohnt, durch Fenster zu klettern.

„Dass du Leutnant bist. Dass du nur Leutnant bist. Dass du ziemlich gutes Brocken verkaufst. Dass du zu gut bist, um Leutnant zu sein. Und dass du Kenin zu viel durchgehen lässt, sodass er sich auf seinem Posten ausruhen kann.“

Marcin zuckte, und fragte sich, wieso. Das hätte er auch kürzer sagen können. Da war eine Botschaft dabei. Mich manipulierst du nicht, Glatzkopf.

Er entschied sich, ihn weiter auszufragen. „Du bist Inquisitor. Müsstest du um diese Zeit nicht auf deiner Pritsche liegen? Was machst du hier?“

Dania lachte. „Ja stimmt, was machst du eigentlich hier?“

Thorn räusperte sich. „Nun, ehrbare Diebe erweisen Gefallen. Gefallen, die auch Inquisitoren wie ich manchmal brauchen. Und viele der Regeln, die Leute wie ich befolgen müssen, brauchen euch nicht zu kümmern.“

Einen Gefallen. Marcin beruhigte sich. Mit Gefallen kannte er sich aus. Der Mann ist geschäftlich hier. Das hatte er nicht erwartet, er hatte auch noch nie davon gehört, dass jemand einem Inquisitor einen Gefallen erwiesen hatte, geschweige denn einen Gefallen von einem Inquisitor erhalten habe. Das waren wohl die Sachen, die sich besser nicht herum sprachen. „Fahr fort.“

Thorn nickte. „Mit Vergnügen. Wie du weißt, brauchen auch ehrbare Diebe Gefallen. Ich bin ein pragmatischer Mensch. Viel pragmatischer, als ich gläubig bin. Ich suche Vorteile, wo ich sie finden kann.“

Der hört sich aber gerne reden, dachte Marcin.

„Denn bedenke: was können sich zwei Diebe schon für Gefallen erweisen? Das ist, wie wenn zwei Bäcker Brote tauschen. Vorher haben beide ein Brot – hinterher haben beide ein Brot. Sie haben nicht viel gewonnen. Ein Metzger und ein Bäcker hingegen…“

Marcin war schnell genug von Begriff, um dieses simple Gleichnis zu verstehen. Und er hatte Vorstellungskraft. „Du suchst also einen Metzger. Damit du die Brötchen, die deine Flamme backt, mit etwas belegen kannst. Wahrscheinlich etwas blutigem.“ Er lachte bitter.

Dania runzelte die Stirn. „Wovon redet ihr? Ihr seid doch keine Bäcker“, doch die beiden ignorierten sie.

Marcin schnalzte mit der Zunge. „Und an was für einen Gefallen hättest du gedacht?“

Thorns Lächeln wurde breiter. „Nun, was kann ich von einem Leutnant schon wollen. Ja, du verkaufst ein bisschen Brocken. Du bist gut, also verkaufst du ein bisschen mehr. Du hast ein paar Männer, die für dich in den Tod gehen würden. Auch eine schöne Sache. Aber eigentlich brauche ich keinen Leutnant. Eigentlich brauche ich einen Hauptmann.“

Marcin lachte verächtlich. „Dann gehe doch zu einem Hauptmann. Du hast ja gesagt, du weißt, wer Kenin ist.“

„Einen richtigen Hauptmann. Nicht so einen Buben, der seine Zeit mit Brocken und Huren tot schlägt.“ Ein Stich fuhr durch Marcins Herz. Ohne etwas davon zu ahnen, hatte Thorn einen wunden Punkt getroffen. „Ich brauche einen Hauptmann wie dich.“

In der Tat, dass ich Kenin damals den Vortritt ließ, war ein Fehler. Er ist nicht ansatzweise der Hauptmann, für den ich ihn hielt. Und auch nicht der Freund, den ich mir wünschte.

Marcin riss sich zusammen. „Nun, ich bin kein Hauptmann.“

Thorn zuckte mit den Achseln. „Deswegen will ich dir ja einen Gefallen erweisen. Und wenn wir dich erst einmal zum Hauptmann gemacht haben, kannst du mir sicher bei den internen Streitigkeiten des Ordens helfen.“ Er wurde schlagartig still und blickte zu Boden. „Du musst wissen, bis vor kurzem war ich der beste Ermittler des Ordens. Ich habe Alchemisten gejagt, und ich war gut darin. Brockenhändler sind dabei wichtig – für beides braucht man Wombats, also sind es meistens die selben Hintermänner. Du ahnst also, wie Beziehungen zu höheren Dieben mir bei dem Job helfen können – sie kennen die Alchemisten. Und schon kann ich Erfolge vorweisen.“

Marcin runzelte die Stirn. „Das würde doch meinem Geschäft schaden.“

„Nicht in dem Ausmaß, in dem ich es tue. Wenn ich von vier Alchemisten, die bei dir Bor kaufen, einen erwische – dann kann ich genug Erfolge vorweisen, um aufzusteigen. Wenn ich wiederum die Ermittlungen kontrolliere, können meine Leute den siebten Bezirk in Ruhe lassen. Was deine Arbeit ungemein erleichtert.“

Das klingt faul. Warum kommen solche Deals nicht öfter vor? Hm, wahrscheinlich gibt es nicht genug Inquisitoren, die die Regeln so auslegen. „Keine schlechte Idee. Du hast allerdings interne Streitigkeiten erwähnt…“

Thorn blickte etwas gequält drein. „Sagen wir, im Moment bin ich nicht mehr der beste Ermittler im Orden. Aber gemeinsam können wir das vielleicht ändern. Und das heißt nicht, dass ich dir nicht im Moment mit deinem Problem helfen kann. Deinem Hauptmann.“

Soll ich Kenin wie ein Problem behandeln? Marcin wurde etwas schwindlig. Nun, wir haben sein Wochen nicht mehr… doch so wollte er über seinen Freund gar nicht nachdenken.

Ich kann ihn nicht zur Treue zwingen. Was soll er schon machen, wir sind in Lagon. Männer wie wir können hier nicht einfach so tun und lassen, was wir wollen. Doch war Kenin wirklich wie er?

Er fuhr aus den Gedanken, als er merkte, dass Thorn immer noch redete. „…welche Chancen du hier hast. Ist dir noch nie aufgefallen, dass Dania alchemistisches Talent hat? Ich habe noch nie gesehen, dass jemand die alchemischen Entladungen durch Brocken so gut kontrollieren kann wie sie…“

Dania, die das Gespräch über auf dem Sofa gesessen und desinteressiert ins Leere gestarrt hatte, fuhr plötzlich dazwischen. „Wirklich? Talent? Ist doch nur Brocken!“ Sie lachte.

Thorn wandte sich Dania zu und nickte. „Ja, aber ich rede nicht von Brocken. Ich rede von Bor. Die Reinform. Hast du schon mal damit zu tun gehabt?“

Dania blickte verdutzt. „Das Wort habe ich schon einmal gehört.“

Thorn lachte sein kaltes Lachen. Er lachte nicht mit Dania, da war Marcin sich sicher. „Kein Wunder, dass du davon nichts weißt, es hat keine berauschende Wirkung. Es ist viel mehr eine alchemische Zutat. Doch all die Sachen, die du manchmal vollbringst, als du vorhin unsere Kleider gereinigt hast, das kann man mit Bor auch, nur gezielter und verlässlicher. Willst du es lernen?“

Marcin wurde aufmerksam. Thorn hatte wahrscheinlich Zugriff auf interessante Mittel.

Dania fragte: „Das kann man lernen?“

Er war offensichtlich genervt, dass sie ihn so beharkte – dumme Fragen schienen ihn zu ermüden. „Ja, kein Problem, das ist einfach. Ich bringe es dir bestimmt mal bei. Was ich sagen wollte -“

Dania plapperte jedoch munter los. „Das hätte mir bei Gabor heute bestimmt viel gebracht. Das Brocken hat auch schon angefangen, hilfreiches Zeug anzustellen, aber wenn ich das gezielter hätte einsetzen können, dann wäre das sicher anders gelau-“

Marcin unterbrach sie. „Kein Wort darüber. Das besprechen wir zu zweit. Morgen. Wenn du nüchtern bist.“

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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