Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 13

Thorn

Der Boden fühlte sich kalt an. Rätselhaft. So war er ihm definitiv noch nie vorgekommen. Er hatte diese Hallen nie als besonders einschüchternd empfunden. Dieser Ort war immer nur eine Chance für ihn gewesen.

Jetzt kniete er auf allen Vieren, und seine Hände spürten diesen lächerlich kalten Boden. Dass es in den sogenannten Heiligen Hallen der Flamme so kalt sein konnte… lächerlich, ebenso lächerlich wie diese lächerlichen Roben, mit denen er sich am Ende fast abgefunden hatte.

Die kratzige Stimme des Großinquisitors holte ihn zurück in die Wirklichkeit.

„…weshalb wir Thorn Hartlingen, Inquisitor der heiligen Flamme, seines Amtes entheben und dem Orden verstoßen. Sein Flammensplitter sei ihm entrissen, sein Titel verblasst, sein Name entehrt. Möge er diese Hallen nie wieder betreten, und J’zharrs gerechte Flamme ihn nicht wieder läutern, auf dass er als schmutziger Ketzer…“

Die ewige Litanei, wer nicht für uns ist, ist gegen uns, Vertrauen missbraucht, was weiß ich.

Es hing ihm ohnehin zum Hals raus, dieses ewige Gebuckel, diese vorgetäuschte Frömmigkeit. Wie viele Jahre hatte er an diesen verdammten Orden verschwendet?

Er hatte den Prozess kaum mitbekommen, so blind vor Wut war er. Die Nachricht hatte ihn wie aus dem Nichts getroffen. Er hatte sich nicht auf den Prozess vorbereiten können. Wie keiner der Verbrecher, die er in den vergangenen Jahren vor das heilige Gericht gezerrt hatte.

„…und er möge ein Leben in Schande führen, das in einem ehrenlosen Tod ende, nach dem er nichts zu erwarten habe außer das endlose Nichts…“

Der genaue Grund war unvorsichtiger Umgang mit illegalen Substanzen gewesen. Eine Lappalie. Wann hatte man das letzte Mal jemanden aus dem Orden entlassen, weil er eine Lagerungsvorschrift missachtet hatte? Dass Raft, dieser Idiot von einem Ratsinquisitor, dabei drauf gegangen war, war ja wohl nicht seine Schuld. Was steckte er auch seine Nase in Dinge, die ihn nichts angingen?

Die Exkommunikation war eine der harmlosesten Strafen, die das Gericht je ausgesprochen hatte. Die meisten wurden nach dem obligatorischen Schauprozess gereinigt. Insofern war Thorn glimpflich davongekommen, sein Leben durfte er behalten, nicht einmal im Kerker schmoren musste er. Doch mit irgendwelchen Verbrechern hätte Thorn sich ohnehin nie verglichen.

„…auf dass das allen eine Lehre sei, die in Zukunft, nun ja, gegen Lagerungsvorschriften verstoßen, dass J‘zharr solche Untaten ernst nimmt…“

Die haben doch nur nach einem Vorwand gesucht. Ich bin ihnen zu gefährlich geworden, ja. Und wer sich nicht mit fairen Mitteln verteidigen kann…

Als sie ihn zum Portal schleiften, versuchte er vor lauter Verachtung gar nicht, sich zu wehren. Er stolperte die steinernen, erhabenen Treppen mehr herunter, als dass er stolzierte. Die ganze Aufregung hatte ihn vollkommen entkräftet. Davon abgesehen war er noch nie von besonders guter körperlicher Verfassung gewesen. Sein Geist war seine Waffe.

Was fällt diesen aufgeblasenen Schwachköpfen eigentlich ein? Denken, sie könnten mich, den großen THORN VON HARTLINGEN aus ihrem Orden werfen? Denen ist wohl nicht bewusst, wie sehr sie mich brauchen…

Er rappelte sich auf, ignorierte die neugierigen Blicke und ging ziellos in irgendeine Richtung.

Keiner von diesen Schlappschwänzen hat auch nur ein bisschen Weitblick. Nicht mehr lange, und ich hätte sie endlich aus ihrer Unwissenheit heraus in eine bessere Zukunft führen können! Aber diese aufgeblasenen wichtigtuerischen Arschgeigen…

Je weiter er sich von den heiligen Hallen entfernte, desto leichter fiel ihm das Fluchen, das er in all den Jahren als heiliger Inquisitor fast verlernt hatte. Eigentlich war es eine Befreiung, dass er endlich frei denken, frei laufen, frei handeln konnte… nur diese verdammte, hässliche Robe hing ihm immer noch wie Blei am Körper, aus dickem, unbequemen braunen Scheißstoff.

Ich werde sowas von zurückkehren, ihr habt euch das jetzt eingebrockt, ihr habt es euch mit mir versaut, das hättet ihr euch wohl vorher überlegen sollen. Und wenn ich wiederkomme, werde ich eure SCHEISShallen mit Blu…

„Entschuldigt, ehrwürdiger Inquisitor, können Sie mir vielleicht den Weg zu…“

Der Mann vollendete den Satz nicht, Thorns Hass hatte sich wie im vorübergehen seiner Faust bemächtigt.

..t streichen, eure Scheißroben allesamt verbrennen, eure ach so keuschen nackten Körper von Huren entwürdigen lassen, eure Eingeweide…

„Hey! Was…“ Der Mann lehnte an der Wand und hielt sich die Nase, doch Thorn war bereits weitergerauscht.

Inquisitor Thorn von Hartlingen, das hatte immer so schön geklungen. Er hatte sich geweigert, dass „von“ aus dem Namen zu streichen, doch als nun auch noch das Wort „Inquisitor“ wegfiel… seit er als Jugendlicher von seinem Vater zum Dienst im Orden der heiligen Flamme verdonnert worden war, hatte er sich nicht mehr so nackt gefühlt. Kein Name, kein Titel, nur eine hässliche Robe, die ihm beim Laufen um die Beine schlackerte.

Doch das Problem würde er beheben. Lagon war groß und voller Möglichkeiten. Er wusste viel über die Leute, die hier wohnten – jahrelang hatte er sie argwöhnisch beobachtet und die ganze Stadt nach Sünde abgesucht. Entweder, um sie auszumerzen, oder für seinen Vorteil zu gebrauchen.

Thorn kannte die riesige Maschine, die Lagon war, kleine Zahnräder, die ineinander griffen, Bolzen, die hin und her zuckten und Öl, dass durch die kleinen, korrupten Ritzen tropfte. Thorn war keins dieser Zahnräder. Er war der Mechaniker, der dieses kaputte alte Ding wieder richten würde. Auf dass es nach seinem Willen stampfte und rackerte.

Über kurz oder lang brauchte er wohl eine Unterkunft. Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag. Außerhalb des Ordens kannte er niemanden. Nun, niemanden, dem er vertraute. Und all die Leute, die er bisher noch mit Drohung und Erpressung von sich abhängig gemacht hatte, würden ihn jetzt wohl nur noch auslachen.

Er hatte eine Tasche mit Geld versteckt, für alle Fälle, aber die war am anderen Ende der Stadt in einem geheimen Postfach versteckt. Wo war er eigentlich? In seiner Rage war er wohl ein kleines bisschen zu ziellos gelaufen. Die Heiligen Hallen waren im zweiten Bezirk, doch das hier war alles andere als der zweite Bezirk.

Wie lange bin ich schon unterwegs? Das sind doch höchstens zwanzig Minuten, dass ich in Gedanken versunken…

Hier kannte er sich nicht aus, auch wenn es nicht gerade nach einer guten Ecke aussah. Windschiefe Hütten, die Straße konnte kaum so genannt werden. Aller möglicher Unrat lag auf dem Weg herum, und die Straße bestand aus Stroh und fest gestampfter Erde, nicht aus Steinen. Er rutschte in einer kleinen Pfütze mit undefinierbarem Inhalt aus.

Was zum…

Thorn hätte sein Gleichgewicht wohl noch gefunden, wenn nicht just in diesem Moment eine ziemlich panische, kühn bekleidete junge Frau mit schwarzen Haaren in ihn hinein gerannt wäre.

„Hilf mir!“ Sie schien ebenso überrascht zu sein wie er, auf einen anderen Menschen zu treffen.„Hilf mir, barmherziger Inquisitor! Reinige sie, was weiß ich, ihr habt doch so eine Robe, habt ihr nicht auch so einen Flammenstein?“

In diesem Moment kam eine Horde Kinder um die Ecke. Thorn hätte fast gelacht, dass die Frau Angst vor ihnen hatte – da sah er, wie schwer bewaffnet sie waren. Und damit um einiges bewaffneter als ich.

Auch sie guckten ziemlich blöd, als sie ihr Opfer in den Armen eines Inquisitors erblickten. Aufeinander liegend. In einer Dreckpfütze. Mühsam rappelte Thorn sich auf.

Sie starrten ihn in seiner Robe an, als würden sie etwas erwarten. Aus purem Reflex fing er an, zu predigen. „Da steht ihr, Blut im Sinn und starrt voll Hass. Hass ist alles, was euch ausmacht, alles was euch antreibt, alles, was euch am Leben erhält. Doch bedenkt, wen hasst ihr wirklich?“

Verdammt, dachte er, warum mussten sie mir meinen Flammensplitter abnehmen, als sie mich rausgeworfen haben! Nun, diese Frage konnte er sich selbst beantworten.

„In eurem verruchten Leben habt ihr vieles zerstört, vieles beschmutzt, und bei jeder einzelnen eurer Schandtaten wurde auch eure Seele ein Stück dreckiger. Der Dreck bedeckt eure Linse und so ist euer Blick für Gut und Böse verwischt. Doch das ist nicht das Ende! Hört mich an! J’zharr kann euch reinigen!“

Eines der Kinder, er war etwas jünger und sein Schwert war länger als sein Arm, schien beeindruckt – er hatte Tränen in den Augen.

Ein anderer schien nicht so überzeugt. „Das mit diesem reinigen sagt ihr immer, kurz bevor ihr euren komischen Feuerball raus holt und uns weg pustet, nicht wahr? Einer von euch Scheißfanatikern hat unseren Bruder getötet!“

J’zharr muss mich wirklich hassen. Wenn er noch existieren würde. Thorn versuchte es mit argumentieren. „Er wurde gereinigt und ist vorangeschritten in ein besseres Leben an J’zharrs Seite. Ein Leben, in dem er nicht ständig fürchten muss, niedergestochen zu werden. Ein gutes, reines Leben. Er mag jetzt wo anders sein, doch dort ist er sauber und es geht ihm gut!“

Der kleine Fromme schaltete sich ein. „Weißt du nicht mehr, wie sehr Mikael sich immer über seine dreckigen Klamotten aufgeregt hat? Wie er immer seine ganze Beute für neue Lumpen verprasst hat, statt für Brocken? Vielleicht wollte er gereinigt werden! Er wollte in diese bessere Welt, deswegen hat er auch diesen Inquisitor mit Dido beworfen!“

Der Wortführer schien noch nicht überzeugt.

„Siehest du, mein Sohn, das war alles im Sinne deines Bruders. Weißt du, jetzt trägt er ein Hemd aus Flammen, das sich fortlaufend selbst reinigt und Dido muss er auch nicht mehr ertragen.“

„Naja, Dido wurde leider auch – und hey, diese Schlampe da hat meinen Vater -“

„Und nun höret mich an! Auch ich kann euch dieses Schicksal schenken! Es wird ein klein wenig schmerzhaft, naja, vielleicht nicht nur ein klein wenig, dafür dauert es nicht länger als, nun ja, man brennt schon eine Weile, bis die inneren Organe angegriffen genug sind, dass man genug gereinigt ist, okay, ihr habt für höchstens eine halbe Stunde unvorstellbare Schmerzen, die euch halb wahnsinnig machen, und der Geruch von verbrannter Haut naja, wenigstens müsst ihr den nicht lange ertragen, wenn eure Nase schnell verbrennt, allerdings werden dann die Schmerzen erst richtig schlimm, weil dort ziemlich viele Nervenzellen….“

Die Frau unterbrach ihn. „Ist ja gut, Inquisitor, sie sind weg.“

Die Kinder hatten es wohl mit der Angst bekommen und entschieden, dass es für ihre Reinigung noch etwas zu früh war. Die Frau schaute ihn aus großen Augen an, und wie Thorn bemerkte, mit noch größeren Pupillen. Dann begann sie unkontrolliert zu lachen.

„Haha, so ein Glück! Das war, hast du das gesehen? Das war bestimmt J‘zharr persönlich, der sie verjagt hat!“

Ist sie auf Brocken? Verdammt. „J‘zharr hatte damit nichts zu tun. Du verdankst deine Rettung Thorn von Hartlingen persönlich.“ Sein Stolz war durchaus angeknackst. Wenn du dich auf Gott verlassen hättest, dann wärst du jetzt Hackfleisch.

Sie wirkte von einem Moment auf den anderen total betroffen. „Oh, ein von im Namen? Entschuldigt, ich habe Euch – das habe ich nicht gewusst. Hochwürden. Oder so.“ Dann kicherte sie wieder. Doch Thorn war sich nicht sicher, ob sie sich über ihn lustig machte, oder es nur an dem Brocken lag. Es ist unwahrscheinlich, dass sie weiß, dass Hochwürden die falsche Anrede ist.

Er besah sich die Flecken auf seiner Robe. Dass die Roben braun waren, hatte seine Vorteile. Es war immerhin die einzige Kleidung, die er besaß. „Du, wie heißt du?“, herrschte er die Frau an.

Sie taumelte etwas, aber stand aufrecht. Die Flecken auf ihrer Kleidung schien sie gar nicht zu bemerken. „Ich… ich bin… Dania.“ Es war unklar, warum sie so lange überlegt hatte, doch es schien, als hätte sie versucht, sich einen falschen Namen auszudenken. Und dass sie daran gescheitert war. Vielleicht hätte ich mir auch einen überlegen sollen. Verdammt.

„Nun, Dania, ich brauche neue Kleidung. Diese Flecken sind eines Inquisitors unwürdig. Kennst du jemanden, der Kleidung in meiner Größe hat? Es muss keine Robe sein.“ Damit fiel er ohnehin nur auf wie ein bunter Hund.

„Woah.“ Jetzt erst sah Dania an sich herunter, und sah die Flecken. Als Thorn genauer hinsah, sah nicht alles davon aus wie Unrat… doch eine Schnittwunde an ihrem Arm erklärte die Blutflecken hoffentlich. „Ich bin… ich bin so schmutzig!“, sagte sie. Thorn seufzte.

Ich kann ja kaum mit ihr reden! Verdammtes Brocken. Nun, ich bin ja kein Inquisitor mehr, kann mir egal sein, was sie nimmt. Und wenn sie nüchtern wäre, würde sie wohl überhaupt nicht so viel preisgeben.

Er entschied sich, die Inquisitor-Karte bis zum Ende auszuspielen. So lange sie glaubte, dass er ein Inquisitor wäre, hatte er bessere Chancen, dass sie gehorchte – und sein Name war so noch etwas länger.

„Ich bin ein heiliger Mann, und J’zharr predigt innerliche Reinheit, und nicht äußerliche. Dennoch… du solltest uns irgendwohin bringen, wo wir saubere Kleidung bekommen. Und etwas zu Essen. Ein Bett.“

Dania schaute betroffen. „Ein Bett? Du willst doch nicht…“

„Du bist schmutzig, ich auch. Wir müssen uns darum kümmern.“ Er redete hier wohl mit einem kleinen Kind. Und Thorn war nicht gerade gut mit Kindern.

Dania lachte. „Aber ich fühle mich gar nicht schmutzig! Ich fühle mich so frei wie noch nie. Heute habe ich mich befreit, heute bin ich jemand geworden! Nie wieder mit schmutzigen Männern schlafen, nie wieder meinen Körper verkaufen. Der Fetzen hier? Das ist doch nicht schmutzig! Das ist – warte, er ist ja wirklich nicht schmutzig, oder?“

Thorn sah noch einmal an ihr herunter – und seine Kinnlade fiel ihm herunter. Tatsächlich, tatsächlich, ihr Kleid ist plötzlich sauber! Kein Blut, keine Scheiße – wie konnte das…

Dania lachte. „Wie du aussiehst! Das gehört sich nicht. Du musst dir keine Gedanken machen! Du hast mich gerettet, du hast deine Freiheit genau so verdient.“ So ehrlich, so aufrichtig wohlwollend war Thorn schon sehr lange nicht mehr angelächelt worden. Nicht, dass er sich etwas daraus machte. „Und siehst du, deine Robe ist jetzt auch sauber. Kein Schmutz, kein Problem. Also, kommst du?“

Thorn starrte an sich herunter. Sie hatte Recht. Wie war… wie war das möglich? Erst als Danias Augen ihn offen anstarrten, mit einem Grinsen, das eine Spur zu breit war, um zu einer geistig gesunden Person gehören zu können, fiel ihm ein, dass sie ja vollkommen drauf war.

Ich habe noch nie gesehen, dass jemand so gezielt mit Brocken-Entladungen umgehen konnte. Oder war das etwa Zufall?

„Wohin?“, fragte er. Immerhin brauchte er einen Platz zum schlafen.

Dania starrte konzentriert vor sich hin. Sie schien nachzudenken.

Dann erhellte sich ihr Gesicht. „Oh ja! Da muss ich eh hin. Komm mit!“

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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