Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 12

Dania

Die Angst trieb sie vorwärts, und ihre Fußsohlen piksten. Ein klares Zeichen, dass sie zu schnell ging. Der Boden wehrte sich gegen ihr Tempo, die Scherben, Holzsplitter, der restliche Müll, der auf der Straße lag, leistete Widerstand gegen ihre Füße. Doch niemand widersteht mir mehr. Jemals.

Als Marcin ihr einen Job angeboten hatte, war ihr schon egal gewesen, worum es dabei ging. Irgendetwas verkaufen, das wäre ihr am liebsten gewesen. Mit Brocken kannte sie sich aus. Mit feilschen ebenfalls. Doch wie er auf den ersten Blick erkannt hatte – mit Grausamkeit kannte sie sich noch besser aus. Für gewöhnlich nur aus der Opferperspektive, doch sie wusste, wie Grausamkeit funktionierte.

Marcin hatte sie durchschaut. Der erste Mord ist der schwerste, der Satz trieb sich immer tiefer in ihre Gedanken. Auf Marcin musste sie aufpassen. Er konnte in Menschen lesen, wie in einem Buch… der erste Mord, es erfüllte sie gleichzeitig mit Hoffnung und mit Schrecken. Natürlich hatte sie Angst – doch offenbar hatte er tatsächlich langfristige Pläne mit ihr. Und alles war besser, als nur noch einmal von so einem widerlichen Mann angefasst zu werden.

Es wäre ohnehin nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ich den ersten von ihnen abgestochen hätte, dachte sie. Hatten sie es verdient? Die, die ihr all das angetan hatten, oder alle Männer? Es spielte keine Rolle. Niemand hatte je gefragt, ob sie das alles eigentlich verdient hatte. So funktionierte das alles nicht, das hatte sie begriffen. Keine Regeln hatten ihr je etwas gebracht, kein Gesetz sie je geschützt. Verdient hat man gar nichts. Verdienen muss man sich schon alles selbst. Und ich werde nie wieder mit so einem Arschloch schlafen. Das hatte sie sich geschworen.

Doch dafür musste sie diesen ersten Mord erst mal hinter sich bringen. Es war beinahe dunkel, bestimmt waren wieder alle zuhause. Die Fassade von Gabors Versteck ragte vor ihr in den Himmel. Heute früh war das Ding doch noch nicht so groß? Das Brocken ist doch schon größtenteils abgeklungen.

Dania fragte sich, wie sie ihren ersten Mord überstehen sollte. Immerhin hatte sie keinen Plan. Wenn sie sich klug anstellen wollte, würde sie ihn flachlegen müssen. Dann waren sie unter sich, und er nicht in Reichweite seiner Waffen. Seine Familie würde ihm nicht rechtzeitig zur Hilfe kommen können. Das war perfekt, doch widersprach dem, was sie sich geschworen hatte – zählte das? Musste man Regeln gehorchen, die man sich selbst gegeben hatte?

Das ist mir alles zu kompliziert. Sie machte halt, holte ihr Messer hervor und zog von seiner Spitze noch etwas Brocken durch die Nase.

Alles. Ich kann alles. Das Brocken klärt ihre Sicht wieder auf. Sie nimmt die Realität und biegt sie ein bisschen. So, nun hat die Hütte wieder die richtige Größe. Alles andere wäre… naja.

Es gibt keinen Grund, nicht noch etwas mehr Brocken zu ziehen. Also zieht sie noch etwas mehr Brocken.

Es gibt keinen Grund, nicht zu anzuklopfen. Also klopft sie.


Gabor sieht irritiert aus, als er die Tür öffnet. Verständlich. Die Hure, die ihn gestern verfolgte, dann eine Familie gründen wollte, ihn verführte und mitten in der Nacht bereits einen ordentlichen Streit anfing, taumelt voll auf Drogen, mit einem Messer in der Hand, in sein Zimmer.

Leute mit Messern sind gefährlich, das weiß Gabor sicherlich. Leute auf Drogen sind eine Spur lächerlich, eine Spur unberechenbar. Kein Wunder, dass Gabor so eine Begegnung lieber vermieden hätte. Er ruft etwas. Nach hinten. Die Kinder, ach ja. Ich vergaß. Dania lacht über den Ernst der Situation. Der kleine Junge, dem sie heute früh Brot geschenkt hat, sitzt teilnahmslos an der Wand, er hat sich wohl seitdem nicht bewegt. Erst als Dania ihn anlacht, lacht er zurück – sie ist ansteckend. Gabor lässt sich nicht anstecken.

Was fällt ihm ein, sich zu wehren. Er zieht ein Schwert. Wie lächerlich. Wie erwartet. Hm, eine mordlustige Brockenhure geht auf mich los, was mach ich bloß? Klar, ich ziehe ein Schwert. Idiot. Wieso muss alles immer wie erwartet ablaufen? Verdammt.

Naja, ein Schwert. Dagegen kann ich echt nichts ausrichten. Gut dass die Zeit gerade so langsam vergeht. Sie wundert sich, dass sie noch lebt. Wundern kommt von Wunder und reimt sich auf – keine Ahnung. Ist das wichtig? Alchemie wäre jetzt gut. Sie kichert.

Aus ihrem Mund kommen Wörter. „Hey, hast du nicht Lust, einfach das Schwert wieder hinzulegen und so zu tun, als wäre ich nicht da? Einfach das Interesse an mir verlieren? Hey, ich bin doch nur ein unwichtiger Scheißteil dieser kranken Stadt. Was gehe ich dich bitte an? Kümmere dich doch um deinen eigenen Scheiß.“

Oh Mann, das klingt ja genial. So rette ich mein Leben. Dania, sogar deine Fantasie verarscht dich.

Eine Horde Jungs kommt aus dem Zimmer, in dem sie schliefen, halb angezogen. Zwei haben Schwerter in der Hand. Sie rufen etwas dazwischen, doch Gabor beachtete sie nicht. Er hat ihr aufmerksam zugehört. Sein Blick klärt sich. „Ja wenn das so ist“, sagt er. Desinteressiert legt er das Schwert weg und dreht ihr den Rücken zu. Es interessiert ihn nicht einmal, wie sie ihm den Mund zuhält und ihm vor den Augen seiner Kinder die Kehle durchschneidet.


Ein Rufen, ein Schreien ertönt. Gabors Körper sackt in Danias fürsorglichen Armen zusammen, warmes Blut rinnt ihr über die Finger. Sie drückt ihn noch einmal fest zum Abschied, bevor er unvermeidlich den Weg zum Fußboden fortsetzen muss. Ein Schluckauf ergießt noch einen Schwall Blut über sein Hemd. Dann ist er weg.

Jetzt lacht Dania nicht mehr. Der Mund, der die Witze erzählt hat, ist verstummt. Sie blickt sich ein bisschen verwirrt um.

Eine Klinge kommt auf sie zu gesaust. Ihr Körper reagiert, bevor ihr Geist es begreift, sie hebt ihr Messer. Das Schert prallt ab, doch sie erzittert von dem Aufprall, von der Energie.

Etwas dreht sich um in Dania. Etwas erwacht, so wie eben, und die Fensterscheibe neben ihr zersplittert. Die Scheiben bohren sich unangenehm in Danias linkes Bein, ungeschützt.

Dem nächsten Hieb kann sie nur ausweichen, indem sie zurückspringt. Der Junge, der an der Wand lehnt, beginnt zu würgen, und erbricht – doch aus seinem Mund kommt nur eine Blume. Eine perfekte, wohl geformte Blume. Ein anderer Junge beginnt, irgendetwas zu rufen, was, interessiert Dania nicht.

Der Tisch erhebt sich, schwebt in der Luft. Der mit dem Schwert staunt, springt zur Seite, als der Tisch auf ihn zu rast. Dania reagiert nicht so schnell, und die Tischplatte saust ihr mit voller Wucht gegen den Oberkörper. Das Messer fliegt ihr aus der Hand, sie wird umgeworfen.

Ich muss hier raus. Stimmt ja.

Sie strampelt mit den Beinen, schlägt um sich, und der Tisch gibt sie frei, fliegt davon. Sie springt auf. Eine Klinge saust vorwärts, kratzt sie jedoch nur leicht am Arm. Sie stürzt aus der Tür hinaus.

Diesmal schau ich nicht zurück beim rennen. Sie rennt vor sich hin, den Blick auf der Straße. Eine Horde Kinder hinter ihr, und sie spürt fast ihren Atem im Nacken. Sie weiß, dass sie schneller sind.

Mein Kleid behindert mich beim rennen, verdammt! Scherben stechen. Ich will gar nicht wissen, was die wohl mit mir anstellen, was ist, wenn die mich erwischen? Panik. Nicht zurückschauen, Da vorne ist eine Ecke, die schaffe ich – Schock – ich habe gerade jemanden umgebracht! Blut. Verdammt, hinterlasse ich eine Spur? Schock. Nicht nach hinten gucken. Habe ich das wirklich getan? Gegenwind. War da hinten nicht die Abzweigung? Da kann ich sie abschütteln! Ecke.

Schnell hier herum, ein Inquisitor.

Ein Inquisitor?

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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