Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 11

Varg

Die Klinge fuhr auf und ab, vor und zurück. Varg holte aus, hackte, stieß und fuhr mit eingeübter Präzision auf alles nieder, was um ihn herum lag. Seine Klinge tanzte durch die Reihen und ließ nur blanke Scheiben zurück, dass Varg nicht umhin konnte, stolz auf sein Geschick zu sein. Niemand konnte mit dem Messer so umgehen wie er.

Doch die Karotten hasste er. Und die Kartoffeln. Und die Tomaten, die Orangen, die Zwiebeln, jedes andere Gemüse, dass sie auf dieser viel zu kleinen Insel anbauten, auf jedem freien Fleck, auf dem keine Häuser stehen mussten. Oft kam er mit Gemüse klar. Er aß es nicht besonders gerne, aber er hatte ohnehin kein Mitspracherecht, was es zu essen gab. Damit hatte er sich abgefunden.

Was ihn jedoch wirklich störte, war der Umstand, dass er das Gemüse schneiden musste. Das war nicht der Zweck, für den sein Geschick mit der Waffe am besten nützte. Verbrecher jagen, dafür waren Vargs Fähigkeiten da; das Gemüse hatte nicht gesündigt, hier war sein Geschick verschwendet.

Demut, Varg. Du weiß es doch besser. Sie hatten ihm den Grund natürlich gesagt. Jeder Novize musste alltägliche Aufgaben übernehmen. Das war keine Bestrafung, sondern gehörte nun mal zu den Pflichten eines jeden Novizen; eine Robe trägt man mit Demut, und die lerne ich bestimmt, wenn ich meine wertvolle Zeit verschwende, um ein bisschen Gemüse zu schnippeln. Kann man dazu nicht irgendwelche Ketzer verdonnern? Haben wir nicht genug Leute in den Kerkern?

Varg hoffte, dass die Demut bald zu ihm kam. Dann konnte er sich endlich wieder wichtigen Dingen widmen. Zum Beispiel Lagon zu einem besseren Ort machen. Meinem Meister dienen. Den richtigen Umgang mit Waffen trainieren, nicht dieses verkrüppelte Verständnis einer edlen Tätigkeit.

Doch was half es. Wann er gehen durfte, hing natürlich davon ab, wann er fertig wurde. Der Inquisitor, der die Küche leitete, und entschied, wann Varg gehen konnte, konnte seine Demut ohnehin nicht messen. So wie er ständig herum brüllte, kannte er sich wohl auch nicht besonders gut damit aus.

So schnippelte Varg in seinem Stumpfsinn eben weiter. Der Berg rechts von ihm wurde immer kleiner, während die Schüsseln links von ihm immer voller wurden. Das war auf seine eigene Weise auch befriedigend.

Varg wurde jäh unterbrochen, als ihn jemand leicht auf die Schulter tippte. Er guckte über die Schulter, doch da war niemand. Das Tippen hörte jedoch nicht auf…

„Ähm, ich bin hier unten“, sagte eine Kinderstimme leise. Tatsächlich, ein kleiner blonder Junge von vielleicht zehn Jahren hatte sich an Varg herangeschlichen. Er trug wie Varg eine schwarze Robe, jedoch in sehr viel kleinerer Ausfertigung. Er hatte sich ziemlich strecken müssen, um an Vargs Schulter heran zu kommen und schien ziemlich schüchtern zu sein.

„Oh, tut mir leid. Habe dich nicht gesehen. Was gibt‘s?“, fragte Varg.

„Ich soll dich holen, ähm, ich meine, du sollst sofort zu Ratsinquisitor Raft kommen.“ Der Junge schien verlegen. Naja, vielleicht ist er immer verlegen.

„Sofort? Ich habe hier noch etwas Gemüse vor mir.“

Der Junge sah auf seine Füße. „Ich möchte dich natürlich nicht von deinen Pflichten abhalten, aber Raft meinte, es sei dringend.“

Ein Grund, hier wegzukommen! Varg legte begeistert die Messer weg. „Chef, ich muss zum Ratsinquisitor, es ist dringend. Jemand anders muss das Gemüse zu Ende schneiden!“, rief er durch die Küche, er erntete ein ordentliches Fluchen, das er großzügig als Erlaubnis interpretierte.

Varg folgte dem jungen Novizen durch einige lange Gänge. Es war nicht viel los, die meisten Novizen hatten ihre Pflichten zu erledigen, und viele Inquisitoren nutzten den Vormittag, um etwas zu lesen, oder vielmehr, in der Sonne zu dösen. Bald waren sie bei der Tür angelangt, die in Rafts Büro führte. Der Junge klopfte, bevor er die Tür öffnete und sie eintraten.

Raft schien mit einigen Unterlagen beschäftigt, als sie eintraten. Sein volles, feuerrotes Haar sah perfekt auf seine rote Robe abgestimmt aus, und wenn Varg nicht gewusst hätte, dass seine Haare zu färben im Orden sicher nicht gut angekommen wäre, hätte er gedacht, dass Raft viel Aufwand in seine Haare steckte. Nun, im Rat schadet es sicher nicht, ein eindrucksvolles Äußeres zu haben.

Varg hatte im vierten Bezirk Leute mit gefärbten Haaren gesehen – selbst die, die um einiges jünger als Raft waren, hatten nach dem Kontakt mit den Chemikalien nicht mehr so volles Haar wie der Ratsinquisitor. Es muss natürlich sein.

„Du hast mich rufen lassen?“

Raft sah auf. „Ah, da seid ihr ja. Du bist Varg, wenn ich mich nicht irre?“ Er legte die Unterlagen hin und stand auf.

Varg stellte sich gerade hin. „Jawohl. Novize, ich diene und lerne bei Inquisitor Thorn. Abteilung für Bor-Verfolgung.“

Raft nickte. „Das wurde mir gesagt. Nun, ich wünsche, dass du mich in das Lager der Bor-Abteilung führst. Ich habe einen anonymen Hinweis erhalten, dem ich gerne nachgehen würde.“ Er hob die Hand, um Varg den Vortritt zu lassen.

Varg fühlte, wie er rot würde. „In… in das Lager? Wonach suchen sie denn? Sie haben doch mit unserer Abteilung überhaupt nichts zu tun…“

Raft winkte ab. „Wie ich sagte, ein anonymer Hinweis. Sicher nichts ernstes, aber ich kann solche Angelegenheiten nicht ignorieren, du weißt schon. Das Bild, das wir in der Öffentlichkeit abgeben.“ Raft zupfte an seiner roten Robe. „Außerdem ist das ein Befehl. Sinya, du begleitest uns“, fuhr er fort, an den jungen Novizen neben Varg gerichtet.

Befehlen folgte man, das wusste Varg, und Raft trug die rote Robe eines hohen Inquisitors. Er setzte sich in Bewegung, auch wenn sein Kopf schwirrte. Wenn Thorn hier gewesen wäre, hätte er ihm vielleicht das Gegenteil befohlen?

Nun, Thorn ist nicht hier. Die Frage brauche ich mir nicht zu stellen. Wie von selbst führten seine Füße ihn vorwärts, die beiden anderen folgten ihm. Und ich denke nicht, dass Thorn etwas zu befürchten hat. Er tut ja nur seine Pflicht. Und er ist gut darin, Verbrecher und Ketzer zu jagen. Das weiß Raft auch.

Tief in seinem Hinterkopf klopfte eine unangenehme Vermutung, doch Varg ließ sich nicht auf sie ein. Thorn vollstreckte den Willen des Ordens, Raft vollstreckte den Willen des Ordens, was konnte schon passieren?

Sie kamen tiefer, das Lager lag im Keller. Könnte dort etwas sein, was Raft nicht gefallen würde?, fragte sich Varg. Doch er wusste nicht, was das sein könnte. Ich weiß nicht, ob wir dort Bor aufbewahren. Doch selbst wenn, nur zu Forschungszwecken! Immerhin müssen wir wissen, womit wir es zu tun haben. Und die Rezepte, die wir sammeln, sind natürlich wichtig. Die Alchemisten setzen so etwas ja gegen uns ein! Wenn wir sie nicht kennen, können wir nicht vorhersagen, womit sie uns angreifen. Raft muss das sicher verstehen.

Sie stiegen weiter die Stufen hinab und kamen dem Keller immer näher. Sie gingen an einer Tür vorbei – Varg wusste, dass sie zu den Kerkern führte. Ihm war etwas mulmig; dort saßen auch einige Leute, die er persönlich gefangen hatte. Aber warum wird mir mulmig? Ich habe doch vor den Kerkern nichts zu befürchten.

Hier waren keine anderen Menschen mehr. Sie mussten nur noch um zwei Ecken, bis sie bei dem Lager wären. Hatte Thorn einen Grund dafür, unsere Beweisstücke in einer so abgelegenen Ecke zu lagern? Varg hatte sich immer schon gefragt, warum sie eigentlich immer so weit nach unten mussten, wenn sie nach einer erfolgreichen Razzia die Beweise sicherten. Nun, die Räume werden ja von der Leitung des Ordens vergeben.

Da kam ihnen ein Novize entgegen. Eine schwarze Robe schoss um die Ecke und verlangsamte ihren Schritt deutlich, als sie die Gruppe sah. Er schien nicht älter als Sinya zu sein, der Novize des Ratsinquisitors.

Raft tadelte den Jungen im vorbeigehen. „Novize, auf den Gängen nicht rennen! Das ist diesem Ort nicht würdig.“

Doch der Junge würdigte sie kaum eines Blickes und ging zügig davon. Varg blickte sich im Gehen über die Schulter, doch er war schon um die Ecke verschwunden. Sinya zupfte Raft am Ärmel seiner roten Robe.

„Meister, wenn ich stören darf…“

„Ja, Sinya?“, fragte Raft in fürsorglichem Ton.

„Ich… ich habe diesen Novizen noch nie gesehen. Das wundert mich… ich dachte, ich kenne alle Novizen in meinem Alter.“ Sinya runzelte die Stirn.

Raft tätschelte ihm im Laufen beschwichtigend den Kopf. „Darüber haben wir doch geredet. Du musst mal mehr Zeit mit gleichaltrigen verbringen. Keine Angst, die tun dir nichts. Er ist bestimmt neu, deswegen kennst du ihn noch nicht. Wann hast du das letzte Mal mit den anderen gespielt?“

Sinya zuckte mit den Schultern und antwortete nicht. Damit schien das Thema erledigt. Varg fühlte sich ebenso beruhigt. Alles war hier bester Ordnung. Dieser Mann hatte Verständnis. Und Varg musste sich keine Gedanken machen.

Schon standen sie vor der Tür. Varg holte einen Schlüsselbund aus der Tasche seiner Robe – doch als er aufsperren wollte, fiel ihm auf, dass die Tür nur angelehnt war.

„Seltsam“, murmelte er und drückte die Tür auf. Nun, seit der letzten Razzia waren zwei Wochen vergangen, Varg war seitdem nicht mehr hier gewesen. Bestimmt hatte Thorn vergessen, sie abzuschließen.

Lange Regale erstreckten sich vor ihnen, die den Raum in zwei Gänge teilten. Auf der linken Seite standen allerhand Ordner voller Schriftstücke, Dokumente, Pläne – und auch einen mit Rezepten, wie Varg wohl wusste. Ich habe mich schon immer gefragt, wie legal das eigentlich ist. Aber wie sollten wir sonst wissen, was auf uns zu kommt, wenn wir einen Alchemisten hochnehmen?

Das Regal auf der rechten Seite hingegen war voller beschlagnahmter Waffen, aber auch Reagenzien, Substanzen, die man mit Bor mischte, um eine Wirkung hervorzurufen. Höchst gefährlich, das wusste Varg. Eine gute Erklärung, warum sie diese aufbewahrten, fiel ihm auch nicht ein. Bestimmt, damit sie als Beweismittel in Prozessen verwendet werden können. Doch die Prozesse, in denen sie Ketzer verurteilten, kamen üblicherweise auch ohne Beweise aus…

„Nun, ich würde mich hier gerne umsehen. Wollt ihr beiden bitte draußen warten? Ich wäre gerne ungestört“, sagte Raft. Varg konnte zu einem hohen Inquisitor ohnehin nicht nein sagen. Also standen Sinya und er vor der Tür herum.

Varg fröstelte ein bisschen. Es war kalt hier unten. Und das Warten machte es nicht besser. Sinya hatte die Hände in den Taschen seiner Robe und lehnte an der Wand.

Varg hielt die Stille nicht mehr aus. „Was für ein Hinweis war das denn? Das kommt alles ziemlich plötzlich.“

Sinya zuckte mit den Achseln. „Heute früh lag ein Brief auf dem Tisch, ohne Absender. Mein Meister wunderte sich natürlich, und zweifelte ihn an… doch auf Nachfrage wurde klar, dass in dem Brief einige Details zu eurer letzten Operation standen, also schien er relevant zu sein.“

Varg zuckte zusammen. „Details zu unserer Operation? Dann – ich muss diesen Brief sehen. Diese Verbrecher versuchen uns zu lähmen! Unsere Handlungsfähigkeit – wo ist der Brief?“

Sinya zuckte mit den Schultern und deutete auf die Tür. „Der Ratsinquisitor hat ihn.“

Varg drehte sich um. Energisch öffnete er die Tür. Sie schwang auf, nach innen. Verbarg den rechten Gang jedoch. Er betrat das Lager, um in den rechten Gang sehen zu können. „Raft, auf ein Wort -“

Ein lauter Knall, ein Feuerblitz. Eine Druckwelle, und Varg lag wieder auf dem Gang, nach hinten geworfen.

Sinya stieß einen Schrei aus und rannte nach innen. „Meister!“

Varg wollte aufstehen, doch er war noch zu benommen. Was? Er rätselte – was ist da eben passiert? Wieso – mit der rechten Hand fuhr er sich über die Stirn. Kein Blut. Ich erleide gerade einen Schock.

Von innen hörte er ein Wimmern. Sinya schoss aus der Kammer heraus. Warum blutet er? Die Explosion hat ihn doch gar nicht – oh.

Sinya saß an der Wand neben der Tür, versenkte das Gesicht in den Händen. Wimmerte.

Varg raffte sich auf. „Was… was ist gerade passiert?“ Er stützte sich mich dem linken Arm ab – und ließ das schnell wieder sein. Oh. Wahrscheinlich geprellt. Mit etwas Mühe konnte er aufstehen. „Sinya?“

Der junge Novize antwortete nicht. „Wie Mutter, wie Mutter…“ murmelte er vor sich hin.

Varg ignorierte ihn und öffnete die Tür. Das Regal in der Mitte war umgefallen, lehnte schräg im linken Gang. Reagenzien, Papiere, Waffen, alles lag in einem riesigen Durcheinander auf dem Boden, im gesamten Raum.

Und über das Regal in der Mitte verteilt – es hat ihn… es hat ihn einfach auseinandergerissen. Varg wurde schlecht. Daher das Blut. Das sich mit dem rot der Robe vermischte. Rafts Gesicht war zerfetzt, nicht mehr erkennbar. Die Haare, die eben noch knallrot geleuchtet hatten, verkohlt.

Varg rannte hinaus. Würgte. Und sein Frühstück, halb verdaut, ergoss sich auf den Boden des Ganges, in dem Sinya wimmernd saß.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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