Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 10

Marcin

„Hier ist alles in Ordnung, Boss. Keine besonderen Vorkommnisse. Der neue Stoff geht gut weg, auch wenn die Kunden ein wenig unhöflicher wirken als sonst.“ Der Dieb, der vor Marcin stand, hatte einen niedrigen Rang, doch Marcin hatte ihn für eine Ecke verantwortlich gemacht, wo er jetzt mit seinen Jungs Brocken für Marcin verkaufte.

Marcin schnaubte. „Das Brocken soll die Leute doch nicht aufmümpfiger machen! Da hat wohl wieder ein besonderer Koch den Wombats Chilischoten zu essen gegeben.“

Brocken wurde hergestellt, indem man die Exkremente von Wombats abkochte. Die Brockenköche erlaubten sich manchmal den Spaß, mit dem Brocken herumzuexperimentieren. Marcin hatte noch nie einen nüchternen Koch getroffen. Die Wombats produzierten genug Brocken, um die Köche den ganzen Tag berauscht zu halten. Da kam man schnell auf die Idee, die Wirkung zu modifizieren, indem man den Wombats etwas anderes zu essen gab.

„Also es hat uns niemand gefährdet oder so. Die Leute wissen, wo sie ihr Zeug her bekommen. Uns fasst niemand an.“

„Ja, aber wenn das ganze Viertel aggressiv ist und sich gegenseitig absticht, ist das trotzdem schlecht für unser Geschäft. Ich werde mit den Leuten reden.“

Warum erzähle ich ihm das eigentlich?, dachte Marcin. Je mehr meine Leute über die ganze Operation hier wissen, desto leichter bin ich ersetzbar. Ich werde leichtsinnig.

Der niedere Dieb ahnte jedoch nichts von Marcins Gedanken. „Gute Sache“, sagte er und nickte eifrig. Er schien nicht klüger zu sein, als er für diesen Job sein musste. Das beruhigte Marcin.

Seine erste Runde war fast zu Ende, und es war beinahe Mittag. Die Ecke, an der seine Leute hier verkauften, war tatsächlich sehr ruhig. Die anderen beiden Diebe, die hier ihre Schicht schoben, dösten in der Sonne. Es war ein warmer Tag. Sie trugen nur dünne Hemden zu ihren schwarzen Ballonmützen, die sie als Diebe zu erkennen gaben. Ihre Waffen waren offen sichtbar. Auf diese Weise wussten alle, die Brocken wollten, wen sie ansprechen konnten; und dass sie sich keine Dummheiten erlauben sollten.

Marcin trug ebenfalls eine solche Mütze. Es war wichtig, dass man im Viertel Präsenz zeigte. Es sorgte dafür, dass die Leute zu ihm kamen, wenn sie ein Problem hatten. Sie gingen nicht zum Magister des siebten Bezirks, um Konflikte beizulegen, die in einem Bezirk wie diesem an der Tagesordnung waren. Marcin wusste das zu schätzen; je mehr Leuten er so einen Gefallen erwies, desto mehr Gefallen konnte er einfordern. So war sein Netzwerk immer weiter gewachsen, und ungefähr jeder Zehnte, der auf seinem Gebiet lebte, war ihm auf irgendeine Weise verpflichtet.

Zu der Mütze trug er trotz der Hitze seinen schwarzen Ledermantel. Er machte ihn unnahbar und hob ihn heraus. Marcin war sich bewusst, wie wichtig er war. Außerdem schätzte er die Möglichkeit, Waffen, und auch seine Mütze im Zweifelsfall verstecken zu können.

Hier war es friedlich, und er entschloss sich zu gehen. Es wurde Zeit, zu Mittag zu essen. Er grüßte die Verkäufer und wandte sich zum gehen, als er eine Gruppe Männer aus der Ferne auf die Ecke zukommen sah.

Die Miliz? Es waren fünf, einer mehr als sie. Sollen sie doch kommen.

Marcin warnte seine Männer, die sofort aufstanden, ihre Waffen aber erst einmal stecken ließen. Die Passanten, die in der Nähe herumlungerten, entfernten sich unauffällig, als sie die Miliz entdeckten – schnell war die Kreuzung entvölkert, bis auf die Diebe.

Marcin steckte demonstrativ die Hände in die Manteltaschen, als die fünf Soldaten mit grauen Uniformen und geschulterten Speeren näher kamen. Als noch etwa zehn Meter zwischen ihnen waren, streckte er die Hand aus.

„Halt, das ist weit genug. Was wollt ihr?“

Die Milizionäre hielten tatsächlich an. „Das Gesetz des Rates von Lagon umsetzen. Diebstahl ist unter Kerkerstrafe verboten; ihr tragt Diebesmützen und seid offensichtlich Diebe. Also seid ihr festgenommen.“

Sie erinnerten sich daran, dass sie ihn ja festnehmen wollten und setzten sich wieder in Bewegung; doch eine Geste von Marcin unterbrach sie. „Wie offensichtlich wir Diebe sind, und was wir gestohlen haben, soll der Magister entscheiden. Er ist für Rechtsprechung zuständig, und er wäre sicher nicht so dumm, mir eure Bande von Grünschnäbeln entgegenzuschicken. Habt ihr Beweise, dass ich etwas gestohlen habe? Dann verantworte ich mich gerne in einem Prozess vor dem Magister.“ Marcin schmunzelte, und Verunsicherung ergriff die Milizionäre.

Der Wortführer ließ sich jedoch nicht beeindrucken. Vielleicht konnte er sogar lesen. „Wir haben einen Beweis. Deine Mütze. Und die wirst du uns jetzt aushändigen.“ Damit machte er einen Schritt nach vorn.

Marcin steckte die Hände wieder in seine Taschen. „Nur zu, nimm sie dir! Ich warte.“

Schritt für Schritt wagte sich der Soldat vor. Er war etwa einen halben Kopf kleiner als Marcin und je näher er kam, desto mehr sah man das. Marcin rührte sich nicht ein Stück; er hatte gar nicht vor, dem Soldat einen Vorwand zu geben, seine Waffe zu ziehen. Nur sein Lächeln wurde immer breiter.

Wenn ich sonst so vorsichtig bin, warum liebe ich dann solche Situationen so sehr? Ich weiß es doch besser, als mich an scheinbarer Überlegenheit zu ergötzen.

Der Mann stand nun direkt vor Marcin. Seine Uniform war neu, höchstens ein paar Wochen alt. Er kam offensichtlich direkt aus der Akademie und wollte sich wohl ein paar Lorbeeren verdienen. Und niemand seiner Freunde hatte ihn gewarnt.

Der Soldat streckte seinen Arm aus und griff nach Marcins Mütze. Mehr brauchte Marcin nicht. Blitzschnell fuhr seine rechte Hand aus der Tasche – sie führte ein kleines Messer. Noch bevor der Soldat die Mütze erreicht hatte, hatte er das Messer im Hals stecken. Röchelnd torkelte er, griff nach dem Messer, zog es heraus, fiel. Niemand machte Anstalten, eine Waffe zu ziehen.

Seine Kameraden lachten nervös. Einer ging langsam rückwärts, die anderen folgten ihm nach. „Der war eh komisch. Zu ehrgeizig.“, hörte Marcin sie sagen, als sie sich entfernten.

Einer der Diebe lachte seine Anspannung weg. „Keine Eier, diese Milizdeppen! Dass die ihren Freund so im Stich lassen.“ Er setzte sich wieder. Marcin bückte sich, hob das kleine Messer auf, wischte es an der Uniform des Toten ab und steckte es wieder in sein Geheimfach.

„Unterschätzt sie nicht“, sagte Marcin, während er sich umdrehte und ging.


Ich nehme mir zu viel vor, dachte Marcin, während er zu seinem Versteck ging, um die Runde zu beenden. Die kommen wieder. Mit mehr Leuten. Ich muss mich fast jeden Tag gegen irgendeinen Verrückten verteidigen. Wie lange, bis sie jemanden schicken, der besser ist als ich? Ich habe zu wenige Leute, um mich gegen die ganze Stadt zu verteidigen. Ich bin zu bekannt geworden, ohne dass ich Macht gewonnen hätte.

Bisher hatte Marcin sich immer im Schatten gehalten, geduckt, kein Aufsehen erregt. Das war auch der einzige Grund, warum er noch Leutnant war. Nun zweifelte er, ob dieser Ansatz noch funktionierte. Die Milizionäre hatten gewusst, nach wem sie suchten; der kleine Junge sicher auch. Wobei ihm der minderjährige Meuchelmörder größere Bedenken einflößte als die Miliz, die im siebten Bezirk herumstolperte wie ein Novize auf Brocken.

Die falschen Leute kennen mich mittlerweile. Sie wissen wo sie suchen sollen. Ich habe nicht die Macht, sie langfristig auf Abstand zu halten. Ich muss mir etwas einfallen lassen. Ich will doch nicht als ein schäbiger Leutnant in der Gosse enden. Dafür habe ich zu viel geopfert.

Seine Gedanken wichen zu Hauptmann Kenin ab, seinem Freund. Die beiden teilten einige Geheimnisse und arbeiteten eng zusammen, doch hier würde er ihm nicht helfen können. Das Problem hatte mit Marcins Position zu tun. Ich brauche mir nichts vormachen: unsere Verbindung besteht nur, weil ich sein Leutnant bin. Sie würde anders nicht funktionieren.

Außerdem ist er doch mehr mit diesen Huren beschäftigt. Wenn Marcin ehrlich zu sich selbst war, bedrückte ihn, dass Kenin an beiden Ufern fischte. Manchmal bezweifelte er, dass Kenin wirklich zu ihm stand. Nicht, dass das in einer Stadt wie Lagon möglich gewesen wäre. Doch während Kenin auf Brocken in den Tag hinein lebte, war Marcin damit beschäftigt, dieses Brocken zu beschaffen, und den Bezirk in Ordnung zu halten, den Kenin regierte. Und die Zeit, die sie deswegen nicht zusammen verbringen konnten, verbrachte Kenin stattdessen mit den Frauen, die für ihn arbeiteten.

Der Gedanke tat ein bisschen weh, und er wischte ihn beiseite, über Kenin wollte er nun wirklich nicht nachdenken. Er hatte andere Sorgen.

Vielleicht war Dieb zu sein nicht mehr das Richtige für ihn? Normalerweise beendete man eine Diebeskarriere nicht einfach. Zumindest nicht freiwillig. Es gab keine Pension und keine Ausstiegsperspektive, einfach weil es keine Überlebenden gab. Je älter Marcin wurde, desto mehr störte ihn das.

Nein, aussteigen ist keine Option. Auf dieser verdammten Insel kennen mich zu viele, über die ich zu viel weiß. Ab dem Tag, wo mein Schutz verschwindet, bin ich ein toter Mann. Ich muss mich einfach endlich besser schützen. Meine Feinde ausschalten. Und dann endlich wieder im Hintergrund bleiben und andere Leute auf die Straße schicken.

Marcin dachte wieder an Kenin – es war beunruhigend, in welche Richtung seine Gedanken gingen. Nun, als Hauptmann hat Kenin es definitiv leichter als ich. Für den Moment.

Im Kopf arrangierte Marcin die Personen, die er um sich hatte. Auf die er sich verlassen konnte. Warum er sich auf sie verlassen konnte. Wie kann ich sie nach vorne schieben und selbst in den Hintergrund treten?

Doch eine gute Idee kam ihm nicht. Wirklich fähige Leute hatte er kaum. Gut fürs Tagesgeschäft, ja. Aber er hatte darauf geachtet, dass niemand ihm gefährlich werden konnte – dementsprechend waren die meisten seiner Untergebenen Fachidioten, die exzellente Spione, Brocken-Verkäufer oder Soldaten waren. Alle, die etwas konnten, was über ihren Beruf hinausging, hatte er sorgfältig aussortiert.

Vielleicht war das ein Fehler, dachte Marcin.

Er war an seinem Versteck angelangt. Er wollte gerade die Tür öffnen, als ihm etwas auffiel – jemand hatte das Fenster geöffnet. Der Wachstropfen, mit dem er Fenster und Rahmen verbunden hatte, war gebrochen.

Vielleicht ist er noch da drin. Marcin reichte in seinem Mantel hinein und zog ein Kurzschwert heraus. Es hatte genau die richtige Länge, um in der engen Hütte zu kämpfen. Jede dieser Begegnungen könnte meine letzte sein. Er atmete tief durch und trat die Tür ein.

Kein Kampfschrei, keine drohende Gebärde, dafür war Marcin zu erfahren. Anfänger stießen Drohungen und Rufe aus, vor allem, um ihre eigene Unsicherheit zu dämpfen. Doch Marcin kannte sich hier aus, das war seine Domäne. Er wusste, dass er im Vorteil war.

Das Schwert vor sich ausgestreckt, schätzte sein Blick alle verfügbaren Ausgänge ab. Eine Tür ging in die Küche, eine zum Abort – es gab ein weiteres Fenster. Im Raum vor sich ein abgeranztes Sofa und ein Tisch. Auf dem Sofa saß jemand –

Doch bevor Marcin die Person klar erkennen konnte, sah er plötzlich nichts mehr. Mit einem Mal war der ganze Raum mit Qualm gefüllt. Es hatte nicht mal einen Wimpernschlag gedauert.

Was zum – etwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu. Marcin fluchte und sprang vom Eingang zurück.

„Alles klar, Boss, ich bin nur ein bisschen drauf, du weißt schon“, erklang eine Stimme von innen. Weiblich. Marcin stand wenige Meter vor der Hütte, das Schwert immer noch nach vorne gerichtet. „Du hast mir nur ein bisschen Angst gemacht, deswegen der Qualm, tut mir leid!“, fuhr die Stimme fort.

Marcin blickte misstrauisch auf den Eingang, konnte aber immer noch nichts erkennen. Er bezweifelte, dass das eine der alchemischen Entladungen war, die für Brocken so typisch waren. Wollte ihn hier jemand in einen Hinterhalt locken? Er blickte rasch um sich, doch die Gasse war leer.

Da trat eine Frau aus dem Türrahmen, zwischen Schwaden aus Qualm hervor. „Warum trittst du denn die Tür zu deinem eigenen Haus ein? Mann, hast du mich erschreckt.“

Stimmt, Dania. Marcin steckte das Schwert weg. Ich hatte ganz vergessen, dass sie nicht die Tür benutzen sollte. Vergesslichkeit darf ich mir genauso wenig anmerken lassen.

„Scheiße, reagierst du immer so auf Brocken? Man sollte dir vielleicht nichts von dem Zeug geben. Was ist, wenn mal was in Flammen aufgeht, wenn du drauf bist? Der ganze Block könnte abbrennen.“ Die Schwaden verflüchtigten sich mittlerweile wieder, Dania schien beruhigt zu sein. „Nichts wie rein, wir sollten nicht noch länger auf der Straße herumstehen.“

Kein Wunder, dass die Inquisition das Zeug für gefährlich hält, wenn die Leute so verantwortungslos mit Brocken umgehen. Gefühlsausbrüche wurden auf Brocken besonders schnell zu unberechenbaren alchemischen Entladungen – und auf Brocken geriet man schnell in aufreibende Situationen. Marcin hatte gute Gründe, seine Finger von dem Zeug zu lassen.

Er trat ein, um die Tür hinter sich zu schließen. Ein letzter Blick auf die Straße sagte ihm, dass niemand den Lärm mitbekommen hatte – oder sich zumindest niemand darüber wunderte.

Er zeigte auf das Sofa, um Dania einen Sitzplatz anzubieten, auch wenn sie dort bis eben ohnehin gesessen hatte. „Du bist schon etwas früher zurück, wie ich sehe. Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass du einen Aufschub willst.“

Marcin hatte zu viele schlechte Spione gesehen, und seine kräftigen Hände hatten ihre Anzahl schon oft verringert. Dania konnte die Informationen unmöglich schon gesammelt haben, um den Unterschlupf eines vorsichtigen Diebes aufzuspüren, waren tagelange Observationen, Bestechungsgelder und Nächte auf brüchigen Dächern nötig.

Dania sah sich auf die Fingernägel. „Im Gegenteil, ich bin fertig. Er wohnt in einer Hütte im siebten Bezirk, mit seiner Heerschar von Kindern zusammen. Sie schlafen dort auf engem Raum und es sieht nicht so aus, als würde er auch woanders schlafen, die können ja nicht immer alle zusammen umziehen.“

Marcin verzog keine Miene. „In vierundzwanzig Stunden hast du ihn aufgespürt? Erzähl. Wie?“

Dania zuckte mit den Schultern. „Rum gefragt. Er hat eine Bande aus Kindern, ausschließlich Jungs. Habe die ausgefragt, wusste aber, dass die den Schlafplatz nicht verraten würden. Bin also zu einer anderen Stelle, hab dort auf Gabor gewartet, bin ihm hinterher.“

Marcin runzelte die Stirn. „So unvorsichtig kann er doch nicht gewesen sein, dass du ihm einfach folgen konntest.“

Dania lachte. „Nein, er hat mich erwischt. Aber Männer sind so leichtgläubig – ich habe ihm erzählt, dass ich was von ihm wollte, ihn etwas bezirzt, und schon hat er mich zu sich nach Hause eingeladen.“ Ihr Blick verfinsterte sich. „Boss, was Gabor mit den Kindern macht, der Schweinehund… er richtet diese Jungs zum töten ab. Ich habe mit einem gesprochen, der war total fertig – sein Bruder ist vor ein paar Tagen bei einem Attentat drauf gegangen. Kinder, verstehst du? Schweinerei.“

Marcin blickte verärgert. Ich wusste es. Gabor hat diesen kleinen Wichser geschickt. Ich muss ihn loswerden. Gerade, wenn er noch mehr von diesen Blagen in der Hinterhand hat. Und mir gehen die Leute aus, die so etwas durchziehen könnten…

Er riss sich zusammen. „Also weiß er, wer du bist? Ahnt er was? Verdammt, du solltest doch unauffällig bleiben.“

Dania winkte ab. „Nein, nein. Der hält mich für eine Hure. Ich bin weggekommen, indem ich einen Streit mit ihm angezettelt habe, der verschwendet keinen zweiten Gedanken an mich.“

Nun, ich muss zugeben, sie hat einen ordentlichen Job gemacht. Ihr Vorgehen zeugt von Kreativität. Von meinen Leuten hätte das niemand so schnell hin gekriegt. Ich hoffe nur, Gabor ahnt nichts.

Marcin kratzte sich an seinem schlecht rasierten Kinn. „Nun, du scheinst keinen schlechten Job gemacht zu haben. Ich betrachte meinen Gefallen hiermit als abgegolten.“ Er drehte sich um und öffnete die Tür. „Du kannst wieder gehen. Mach in Ruhe, was ihr Huren auch immer so macht.“ Er musste einen Plan schmieden, wie er Gabor loswerden konnte.

Doch Dania zögerte, als sie aufstand. Sie suchte ihre Tasche, die neben ihr auf dem Sofa lag. Eine Frage schien ihr in der Kehle festzustecken. Marcin drehte sich eine Strähne seiner kinnlangen schwarzen Haare um den Zeigefinger, während er mit der anderen Hand die Tür aufhielt.

Sie faltete die Hände, entfaltete sie wieder. Verschränkte die Arme hinter ihrem Rücken. „Du… Gabor aufzuspüren – ich war gut darin. Das Leben einer Hure ist nichts für mich.“

Was will sie?, dachte Marcin. „Komm zum Punkt.“

Sie stockte. „Du hast nicht zufällig einen Job für mich? Ich habe mehr drauf, als die Leute von mir denken. Du hast das heute erst erlebt.“

Das musste Marcin zugeben. Niemand hatte je einen anderen Dieb so schnell aufgespürt. Er schloss die Tür hinter sich und ging zum Tisch. „Setz dich.“ Sie leistete seinem Befehl sofort Folge. „Erzähle – was kannst du denn noch so?“

Sie zögerte. „Nun, ich kenne den siebten Bezirk wie meine Westentasche. Ich kann Männer bezirzen, sie verstehen, ablenken, sie nach Informationen ausquetschen. Ich habe überlebt, ich kann weg rennen, klauen, klarkommen. Und niemand erwartet etwas von mir, ich bin nur so eine dumme Hure. Das ist ein Vorteil.“

Wenn ich nur noch so unauffällig wäre, dachte Marcin. Dann säße ich jetzt nicht in dieser Bredouille. Doch das war Marcin nicht genug. „Hast du schon mal jemanden getötet, kannst du mit Waffen umgehen?“

Dania wurde bleich, auch wenn sie sich bemühte, die Fassung zu bewahren. „N-Noch nie, nein. Auch wenn ich wenn möglich ein Messer dabei habe. Die Leute schrecken immer schon zurück, wenn man nur damit droht.“

Ob das reichte? Marcin hatte genug Männer, die mit einer Klinge umgehen konnten. Doch nur ein oder zwei davon würden bis zu Gabor vordringen können, um eine Chance zu haben, ihn abzustechen. Und jeder von ihnen würde immer noch den Eindruck erwecken, dass ich dahinter stecke. Nicht die Form von Unauffälligkeit, die ich gerne wieder hätte.

Er fasste einen Entschluss. „Einen Job willst du?“, sagte er. Er griff in seinen Mantel und holte einen Dolch heraus, ging in die Küche, und kam mit einer Stange Wetzstahl wieder. Die Klinge musste scharf sein, um beim leichtesten Kontakt durch Haut schneiden zu können. „Nun, wie du sagtest. Gabor schickt Kinder, und so etwas mache ich nicht. Das gehört sich nicht.“ Er fuhr fort, die Klinge zu schärfen. Dania sagte nichts. „Ich schicke keine Kinder, ich schicke dich. Schneide Gabor die Kehle durch, und du musst nicht mehr an den Straßenecken herumlungern und auf Kunden warten. Keine Kinder mehr, die gezwungen werden, so einen Job zu machen. Und du wirst gut bezahlt. Zwanzig Dosis Brocken für einen Mord und deine Verschwiegenheit.“ Er ging in die Küche und legte den Wetzstahl ab, schnitt sich zur Probe mit dem Messer in die Fingerkuppe. Dann reichte er ihr das Messer.

Marcin konnte lesen, was in ihrem Gesicht vorging. Er hatte es dutzende Male gesehen. Für die meisten Menschen war es schwierig, zu töten. Für ihn nicht – war es nie gewesen. Dania gehörte jedoch zu den meisten. Dania seufzte und nahm das Messer entgegen.

Marcin ließ nicht los und fragte nach. „Hm? Hast du was gesagt?“

Dania zerrte an dem Messer. „Ist gut, ich tus. Ich habe so oder so keine Wahl.“

Wenn das das ist, was sie sich einreden muss, sei‘s drum. Hauptsache, sie würde es erledigen. „Schneid ihm am besten die Kehle durch, wenn er dir den Rücken zuwendet. Wenn er das nicht tut, warte, bis er sich sicher fühlt und stoß es ihm ins Herz. Denk daran, du musst ihn überraschen. Der erste Mord ist der schwerste. Nimm etwas Brocken vorher.“

Dania packte ihre Sachen zusammen, während Marcin in der Hütte nach einer Scheide für das Messer und etwas Brocken für Dania suchte. Sie sah ihm nicht in die Augen, als sie es einsteckte. Die Scheide schnallte sie an ihrem Oberschenkel fest, wo das Kleid darüber fallen würde. Das Messer zitterte in ihren Händen, als es die Öffnung der Scheide suchte, und sich in dem dunklen Leder verbarg.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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