Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 9

Stepanie

Stepanie war selten um diese Zeit wach. Und niemals freiwillig. Doch wenn sie einmal geweckt wurde, halfen all die Gebete an J‘zharrs Barmherzigkeit und der beruhigende Tees nicht viel – sie konnte einfach nicht wieder einschlafen.

Heute war es besonders schlimm. Mitten in der Nacht von einer pochenden Tür geweckt zu werden gehörte für die Frau eines ehrbaren Diebes natürlich zu den schlimmeren Albträumen. Es war zum Glück weder Miliz noch Inquisition gewesen. Nur ein Kollege von ihm, der Hilfe brauchte.

Sie hatte nicht nachgefragt, worum genau es ging. Sie tat es nie; fest überzeugt, dass sie es nicht wirklich wissen wollte. Doch in ihrem Kopf gaben sich verschiedene Szenarien die Klinke in die Hand. Sie konnte sich nicht davon abhalten, die Gefahren auszumalen, in denen ihr Hunnar schwebte; an Schlaf war nicht mehr zu denken.

Ich muss hier raus, dachte Stepanie. Ein bisschen spazieren. Ein paar Stunden würde sie noch haben, bis Mia aufwachte und ihre tägliche Tasse Morgenkakao erwartete.

Sie zog sich etwas wärmere Klamotten an. Ich hoffe, die Straßen sind sicher. Wer weiß, warum Hunnar raus musste. Doch Stepanie hatte keine Angst; sie hatte ein Grundvertrauen in die Welt und alle Menschen und war sich sicher, dass niemand einen Grund hatte, ihr etwas anzutun.

Sobald man mir einmal ins Gesicht gesehen hat, will man mich doch nicht einmal mehr vergewaltigen, dachte sie. Auch wenn sie wusste, dass es bei so etwas nicht um Sex ging, sondern um Gewalt. Und Männern dieser Sorte solche Dinge egal waren. Ich bin die Frau von Hunnar. Eines ehrbaren Diebes. Ich brauche vor so etwas keine Angst zu haben.

Sie wünschte, das könnten mehr Frauen von sich sagen. Ihr war eine solche Tat noch nie passiert – aber einige ihrer Freundinnen reagierten ziemlich komisch, wenn die Sprache auf dieses Thema kam, und sie hatte schon manch ein lebhaftes Gesicht von einem Moment auf den anderen einfrieren sehen. Frauen, die sie für ihre Fröhlichkeit schätzte, die plötzlich in sich gekehrt ins Leere starrten. Wenn sie mit den anderen am Marktplatz quatschte, und das Gespräch zufällig auf diese Angelegenheiten kam, wurde das Thema immer schnell gewechselt.

Möge J‘zharr sie beschützen.

Ihre Stiefel waren schmucklos und praktisch. In diesem Teil der Stadt war man froh über feste Stiefel; Wasser war nicht einmal das schlimmste, was auf den Straßen herum schwamm. Auch wenn Stepanie Wasser natürlich verabscheute und jedes Mal zu J‘zharr betete, wenn es regnete oder ihre Haut aus anderen Gründen mit Wasser in Berührung kam; vor der unangenehmen Mischung der Kloake des achten Bezirks hatte sie einen natürlicheren und ursprünglicheren Ekel.

Sie öffnete die Tür und trat nach draußen. Die dicke Jacke war eine gute Idee gewesen, es war mittlerweile ziemlich kühl. Es würde bald hell werden.

Sie begann, ziellos durch die Straßen zu wandern. Sie hätte gerne gesungen, aber sie wollte niemanden wecken; die Leute, die hier wohnten, hatten die letzten Stunden ihrer Nachtruhe redlich verdient. Also summte sie nur ein wenig vor sich hin. Ihr fiel auf, dass es eins der Kinderlieder war, die sie Mia vorgesungen hatte, als sie noch ganz klein war, und wurde ein bisschen nostalgisch.

Ist ein Kind genug? Es ist schwer genug, eine Tochter alleine durchzubringen, aber eigentlich… Sie fragte sich, ob J‘zharr nicht mehr von ihr erwartete. Sie erwartete auf jeden Fall mehr von sich. Ihr Mann hingegen… Verdammt, wir haben schon seit Mias Geburt nicht mehr… sie errötete bei dem Gedanken. Sie sah beschämt zu Boden, bevor J‘zharr es sah. In einer Pfütze auf dem Boden sah sie ihr Gesicht. Und war plötzlich niedergeschlagen.

Wenn sie ehrlich zu sich war, vermisste sie es.

Darf ich es vermissen? Sie wusste die Antwort.

Sie besann sich, formulierte ein kurzes Gebet und schob den Gedanken an ihren Mann und an ihr Aussehen dann beiseite.

Ihr Blick tastete die vertrauten Häuser ab; da stand ein Steinhaus, das erst kürzlich errichtet worden war, doch die Tür war seit ein paar Wochen kaputt, und es stand leer. Sie hatte gehört, dass die Inquisitoren die Tür eingetreten hatten, und einen Alchemisten gefasst hatten. Oder schlimmeres. Die Spekulationen liefen heiß, und ihre Freundinnen liebten es, über ketzerisches Zeug nachzudenken. Stepanie versuchte, sich davon fernzuhalten. Auch wenn sie zugeben musste, dass ein Teil von ihr davon auch fasziniert war, und sich fragte, wer wohl in diesem Haus gewohnt hatte.

Die Farbe des Himmels hatte mittlerweile von Schwarz zu einem dunklen Blauton gewechselt. Bis jetzt war sie noch niemandem begegnet, und sie war froh über die Zeit alleine. Stepanie machte einen Bogen, um über einen anderen Weg zurück nach Hause zu gehen.

Als sie um die Ecke bog, sah sie jemanden am Straßenrand liegen. Im achten Bezirk war das nicht so alltäglich wie im siebten Bezirk; dennoch kümmerten sich die meisten nicht darum. Stepanie war jedoch anders; sie konnte jemanden nicht einfach so liegen lassen, ohne zumindest nachzusehen, wie es ihm ging.

Sie trat an die Gestalt heran und ging in die Knie. „Entschuldigung? Ist alles in Ordnung?“

Trotz der Dunkelheit erkannte sie nun, dass es sich um eine Frau handelte, die ihr den Rücken zudrehte; das schmucklose Kleid war verdreckt und klebte ihr am Körper.

„Brauchst du Hilfe?“ Stepanie beschloss, sie sanft wachzurütteln. Nicht, dass sie zu viel getrunken hatte und jemanden brauchte!

Die Frau regte sich. Mit unverständlichem Murmeln schüttelte sie sich. Sie schien Schwierigkeiten zu haben, sich aufzurichten, und stützte sich schließlich auf ihren Ellenbogen. „Wa- was?“ sagte die Stimme verschlafen.

Stepanie sprach ruhig und fürsorglich. „Du wirst dir noch eine Erkältung holen, wenn du in so dünnen, nassen Klamotten auf der Straße rumliegst. Du brauchst eine Flamme, um dich zu wärmen.“

Die Frau hustete. Dann sprach sie brüchig weiter. „Flamme… verachtet mich.“

Plötzlich erkannte Stepanie die Stimme der Frau, auch wenn sie den Sinn ihrer Worte nicht verstand. Die Verlorene auf dem Boden war Dania! Gut, dass Stepanie sie gefunden hatte, bevor ihr jemand anders begegnet war, der vielleicht weniger wohlwollend war.

„Dania? Bist du das?“

Die Frau drehte ihren Kopf nach hinten, um Stepanie anschauen zu können, doch in ihrer Position kam sie nicht weit. Ihr Ellenbogen rutschte weg und sie fiel auf den Rücken. Jetzt konnte Stepanie klar sehen, dass es sich wirklich um Dania handelte.

„Bei J‘zharr, was machst du im achten Bezirk! Und was ist mit dir passiert?“

Dania versuchte, sich abzustützen und rappelte sich schließlich auf. „Ich… verlaufen, glaube ich…“

Stepanie grinste. „Natürlich, du bist ja voll auf Brocken! Da brauchst du dich nicht wundern, wenn du dich verläufst und in irgendeiner Gosse endest. Ich sage dir immer, dass das Zeug nicht gut für dich ist.“ Sie umarmte die vollkommen verdreckte Freundin ohne zu Zögern. „Komm wir bringen dich ins Warme. Du zitterst ja! Und etwas zu essen und einen Kakao könntest du vielleicht auch gebrauchen.“ Stepanie zog ihren Mantel aus und legte ihn Dania um die Schultern, die sich mit brüchiger Stimme bedankte.

Dania schien noch nicht ganz auf der Höhe zu sein, ließ sie jedoch machen. Stepanie ergriff sie bei den Schultern und führte sie sanft in die richtige Richtung.

„Wie ist dir das denn passiert?“, fragte Stepanie besorgt. „Du solltest endlich mal lernen, auf dich aufzupassen.“

„Es war nicht das Brocken oder so, falls du das denkst“, murmelte Dania.

Nicht, dass Stepanie Dania dafür verurteilte. Sie war im allgemeinen der Ansicht, dass die schlechten Entscheidungen anderer Leute sie nichts angingen. J‘zharr missbilligte Drogen und Prostitution, sicher – aber genauso wenig wie Hunnar für seinen Job etwas konnte, konnte man Dania vorwerfen, dass sie ihren Beruf nur mit Drogen aushielt. Stepanie war sich klar, dass die beiden das nur taten, weil es in dieser Gegend Lagons nun mal nicht viele andere Möglichkeiten gab. Hunnar hätte Mia und sie beispielsweise nie mit einem Fabrikjob ernähren können, und jemand wie Dania wurde im fünften Bezirk nicht mal angenommen.

„Was war denn dann los?“, fragte Stepanie, und bereute es sogleich.

Dania schluckte, kämpfte kurz, und brach dann in Tränen aus. Stepanie streichelte ihr zärtlich über den Kopf und sprach ihr gut zu: „Keine Sorge, wir sind gleich bei mir in Sicherheit. Du musst nicht drüber reden, wenn du nicht willst. Alles deine Sache“, und geleitete sie sanft nach Hause.

Dania sagte nichts mehr, bis sie angekommen waren, und auch Stepanie schwieg. Sie hoffte, dass sie damit Ruhe ausstrahlte. Es half tatsächlich, nach ein paar Minuten hörte Dania zu weinen auf, vollkommen erschöpft.

Kurz darauf kamen sie bei Stepanie an. Der Himmel war mittlerweile ziemlich hell, mit roten Streifen im Osten. Dania pflanzte sich auf ein Sofa und lehnte sich zurück, während Stepanie Kakao machte. Mia schlief noch, aber für sie würde Stepanie später noch einen kochen, wenn sie in zwei Stunden aufstand.

Sie brachte Dania ihre Tasse Kakao. „Hier, bitteschön“, sagte sie.

Dania blickte sie nicht an, als sie die Tasse entgegen nahm. Ein „Danke.“ brachte sie immerhin heraus. Sie wärmte ihre Hände an der Tasse und schlürfte immer wieder etwas von der heißen Flüssigkeit, während sie weiter schwieg. Auch Stepanie blieb respektvoll still.

Es dauerte eine Weile, bis Dania wieder das Wort ergriff. „Ich will diesen Scheißjob nie wieder machen müssen“, war das einzige, was sie sagte.

Stepanie schluckte. „Das ist sicher in J‘zharrs Sinne“, sagte sie. „Aber hast du eine Alternative? Von irgendetwas musst du doch leben. Ich muss schon eine Familie durchfüttern, tut mir leid.“

Dania lachte bitter. „Das hier ist Lagon. Wer nichts zu verlieren hat und zu allem bereit ist, wird in Lagon immer für jemanden nützlich sein.“

Stepanie sagte nichts. Wird sie damit nicht in noch schlimmeren Kreisen landen, als sie es bereits ist? Das wird nicht gut ausgehen.

Dania trank ihren Kakao in einem Zug leer. „Danke für die Unterstützung, Stepanie. Doch ich muss endlich mal mein Leben selbst in die Hand nehmen. Ich weiß, was ich zu tun habe.“ Sie stellte die Tasse auf den Tisch und stand auf. Stepanie erhob sich ebenfalls, doch Dania war bereits bei der Tür. Sie sah Stepanie nicht einmal an, bevor sie ging.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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