Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 8

Dania

Dania erwachte. Auch wenn ihr Kopf schmerzte, war das erst mal eine Erleichterung für sie. Davon konnte sie nach einer solchen Begegnung nicht ausgehen. Die Miliz war nicht gerade zimperlich, wenn man sie verarschte.

Und immerhin war Dania Kronzeugin dafür, dass der Soldat Prostitution in Anspruch genommen hatte, worauf die Todesstrafe stand – andere hätten sie nicht am Leben gelassen. Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass sie aussagte. Immerhin wollte sie nicht selbst von den Inquisitoren gereinigt werden.

Sie war dennoch beunruhigt, der Ort gefiel ihr nicht; im Versteck eines Diebes aufzuwachen, beunruhigte die meisten Leute. Und sie als freie Prostituierte ganz besonders. Sie betastete ihr Gesicht. Ihr tat immer noch alles weh, doch das gröbste schien verheilt, und sie würde wohl keine sichtbaren Narben davontragen. Das war ganz gut für ihre Karriere. Wenn es nach dieser Begegnung noch eine geben würde.

In diesem Moment kam ein Mann ins Zimmer und unterbrach ihre Selbstbetrachtung. Er sah ein wenig finster aus. Dieser Mann hat noch nie jemandem eine Freude gemacht. Er war um die dreißig, schlecht rasiert und hatte etwa kinnlange schwarze Haare, die anscheinend von einem nicht sehr talentierten Straßenkind geschnitten worden waren. Er trug einen langen, schwarzen, abgewetzten Ledermantel, der schon ein paar Klingen abgekriegt hatte, und unter dem eine ganze Waffenkammer verstecken konnte. Auf seinem Kopf ruhte eine schwarze Ballonmütze, das Markenzeichen der ehrbaren Diebe.

„Ah, du bist aufgewacht, wie ich sehe.“ sagte er mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

Dania schnaubte. „Soll ich mich jetzt vielleicht bedanken?“

Sein Lachen war zynisch. „Wie wir uns jeden Morgen bei J‘zharr bedanken sollten, dass er uns wieder in Ruhe gelassen hat und uns seine ewige Reinheit für noch nen Tag erspart bleibt“, sagte er sarkastisch. „Ich habe dir ja keinen Kaffee ans Bett gebracht. Dafür würde ich Dankbarkeit verlangen. Für alles andere verlange ich nur eine Gegenleistung.“

Dania sah sich um. „Wo ist meine Tasche?“ Sie versuchte angestrengt, sich zu erinnern, doch ihre Kopfschmerzen hielten sie bald davon ab. „Ohne die habe ich keinen müden Flammling mehr in meinen Taschen.“ Sie erinnerte sich an ihren Beruf. „Wie kann ich dich denn sonst so belohnen, mein tapferer Held? Wenn du dir das nicht bereits alles genommen hast, während ich schlief.“

„Nein, daran bin ich nicht interessiert… meine Währung sind zwar Gefallen, doch mir fällt eine bessere Verwendung deiner Talente ein. Du weißt ja, dass man die Gefallen eines ehrbaren Diebes besser zurückzahlt, und einen Gefallen habe ich dir erwiesen. Mich nennt man Marcin, hast du auch einen Namen?“

„Ich heiße Sonia.“ log sie.

„Guten Tag, ich bin Q‘holi, der unheilige Gott des Wassers“, erwiderte er sarkastisch. „Du brauchst gar nicht erst versuchen, mich zu verarschen, das haben schon klügere versucht. Wie heißt du wirklich?“

„Wie auch immer, dann bin ich eben Dania. Seit wann zählt der echte Name einer Hure? Du bist wohl einer von den Sentimentalen. Was willst du von mir?“

Marcin ignorierte ihre Bemerkung, auch wenn seine Züge klar verrieten, dass er keine Spur sentimental war. „Mit deinen Talenten kommt man doch bestimmt ganz gut an gewisse Informationen, richtig? Ich brauche eine Spionin, die sich nicht zu mir zurückverfolgen lässt. Ich habe da einen gewissen Konkurrenten namens Gabor, weißt du, der hat den Fehler gemacht, sein Revier direkt neben meinem zu haben…. erzähl mir, wo er schläft, und der Gefallen ist vergolten.“

Dania wagte sich vor. „Der Aufwand und das Risiko ist aber um einiges höher als der, den du hattest, als du mich gerettet hast…“

„Na gut, ich stelle dir ein sauberes Kleid und etwas Geld. Du hast vier Tage Zeit. Außerdem hast du noch nie meinen Namen gehört, mich noch nie gesehen, vergessen, wo sich dieses Versteck befindet und zwar auch, wenn meine Leute dich fragen. Du hast hier keine Rückendeckung, verstanden? Keine Spur darf zu mir führen. Ich hole dir ein Ersatzkleid.“

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Nach ein paar Minuten kam er mit einem schmucklosen Kleid zurück, dass zwar neu, aber kaum für eine Hure geeignet war. „Damit fällst du, wenn du ihn beschatten musst, wenigstens nicht auf wie eine Horde dreiköpfiger Inquisitoren.“ Er warf ihr noch ein paar Münzen zu. „Hier, für deine Arbeitsmoral. Du verlässt und betrittst das Haus durch dieses Fenster, niemand soll dich sehen.“ Damit verschwand er wieder.


Dania konnte sich den Namen der Hure nie merken. Doch sie konnte es vermeiden, dass die Ältere es merkte. Niemand kannte die Straße so gut wie sie, doch ihre Gegenwart war Dania doch etwas unangenehm.

Wie lange muss ich das noch machen? Wie lange kann ich das noch machen? Wie lange, bis ich so werde, wie die da? Solche Gedanken plagten sie immer wieder, doch diese Frau stieß sie geradezu mit dem Kopf darauf.

„Gabor? Das ist doch dieser komische… der hat aber nicht unbedingt das beste Zeug gerade, das ist dir auch klar, oder?“ Die Hure, die ein paar Jahre älter als Dania war, hatte gerade noch genug Zähne, damit sie verstehen konnte, was sie sagte. „Ich meine, es ist nett, dass er sich so um die Kinder kümmert, immerhin gibt er ihnen eine Arbeit. Ich glaube, von meinen habe ich ihm auch mal zwei gegeben. Ich hoffe, er hat ihnen schöne Namen gegeben.“

Dania stutzte. „Kinder? Was für Kinder?“

„Ach, du glückliche hattest noch nie welche, nicht wahr?“ Dania war stolz darauf, dass sie das bisher immer hatte vermeiden können. Sie glaubte, dass ihr reiner Wunsch, keine zu bekommen, ausreichte. Vielleicht hatte sie auch einfach nur Glück, oder in einem Körper, der so viel Brocken zu sich nahm, wollte sich niemand einnisten. „Nun, er nimmt sie immer auf, die Jungs, die keine Familie haben. Ist wie ein Vater für sie. Hm, manchmal auch die, deren echten Vater er kurz vorher abgestochen hat. Aber zugegeben, danach brauchen sie nun mal nen neuen, oder nicht?“

Dania konnte sich dieser Logik nicht erwehren.

„An sich ist er aber ein kleiner Fisch. Du weißt ja, wie die Männer sind – die nehmen einen nicht ernst, der so komische Kinder hat. Keiner will bei ihm arbeiten. Deswegen machen bei ihm alles die Jungen, klauen, verkaufen, auch abstechen, soweit ich das gehört hab. Unterschätze die Bälger nicht.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Und versuch nicht, einen von den Kleinen zu verführen. Da steht Gabor gar nicht drauf. Schmutzig, sagt er. Auch wenn ich nicht glaube, dass er besonders gläubig ist.“

Nicht, dass sie darauf Lust gehabt hätte. Sie hoffte, dass sie ihren Auftrag auch ohne so etwas erledigen konnte. Kinder waren ja generell etwas vorlaut, vielleicht würden sie von selbst reden.

„Also drei seiner Jungs stehen immer in diesem Hof, ein paar Blocks in die Richtung. Nicht zu verfehlen, die malen immer so Blumen an die Wände, wenn ihnen langweilig ist. Hässliche Blumen, allerdings. Und ihr Brocken schmeckt auch nach Blumen. Also wenn ich du wäre, würde ich mein Zeug eher im Osten holen.“

Dania bedankte sich und ging los. Die Straße fühlte sich heute leichter an, und die Münzen, die sie in der Tasche hatte, nahmen ihrem Schritt die Schwerfälligkeit, die sie sonst durch die Gassen trieb. Wenn man für die Diebe arbeitet, verdient man sein Geld wohl leichter. Die ehrbaren Diebe, korrigierte sie sich. Denn Marcin hatte sie gut behandelt, alles in allem. Sie war nicht einmal vergewaltigt worden, er hatte ihr sogar noch ein paar Münzen gegeben. Obwohl er nicht mit ihr geschlafen hatte.

Dass sie absolutes Stillschweigen bewahren sollte, gab ihr zu denken. Hoffentlich will er mich nicht nach getaner Arbeit loswerden. Damit ich seine Geheimnisse nicht verrate oder so etwas. Vielleicht sollte sie die Münzen nehmen und verschwinden; doch das spärliche Geld reichte nicht, um den siebten Bezirk zu verlassen. Das Leben war teurer im Rest der Stadt, und Dania bezweifelte, dass sie in einem der anderen Bezirke vor ihm sicher gewesen wäre.

Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als mitzuspielen. Vielleicht kann ich mich ja beweisen, und er lässt mich weiter für ihn arbeiten. Sie hätte ihre Unabhängigkeit ungern aufgegeben, doch so wie es aussah, blieb ihr vielleicht keine andere Wahl.

Immerhin hat er mich nicht angefasst. Unter diesen Umständen war es schon angenehmer, für einen Dieb zu arbeiten. Einen ehrbaren Dieb.

„Süßkram! Schokolade, Honiggebäck! Nur einen Flammling pro Stück!“ Eine Kinderstimme riss sie aus ihren Gedanken. Ein kleines Mädchen stand am Straßenrand und verkaufte Leckereien aus einem Bauchladen heraus.

Etwas Süßes! Perfekt. Damit kann ich sicher einen von den Kleinen bestechen.

Sie sprach sie an. „Schokolade, sagst du? Davon würde ich eine nehmen.“ Dania hielt inne. „Ist das Gabors Qualität?“

Das Mädchen sah aus, als hätte sie auf etwas bitteres gebissen. „Gabor? Nein.“ Sie spuckte auf den Boden. „Dem sein Zeug ist Schund. Meine sind viel leckerer!“

Dania fragte sich, ob sie etwas gegen Gabor hatte, so wie sie sich aufführte… „Was ist denn mit Gabor? Ich meine, so wie du guckst… wollte er dich etwa nicht in seiner Familie?“, bohrte Dania nach.

Die Miene des Mädchens verfinsterte sich. „Und darüber bin ich froh! Er nimmt keine Mädchen. Mein Bruder allerdings… er ist jetzt ein halbes Jahr bei dem Schuft und ich habe ihn seitdem kein einziges Mal ohne blaue Flecken gesehen.“ Sie deutete auf die Süßigkeiten. „Damit verdiene ich zwar nicht viel, aber wenigstens werde ich selten geschlagen und muss auch nicht bei so einem komischen Typen wohnen.“

Dania bezahlte und nahm sich eine Tafel Schokolade aus dem Bauchladen. „Er verdient mehr? Verkauft er Brocken?“

Die Kleine nickte. „Nicht weit von hier, ich besuche ihn oft. Er hat jetzt ganz viele Brüder, doch mich mag er immer noch am liebsten.“ Sie grinste schelmisch.

Dania fragte sich, was wohl ihren Eltern passiert war, doch sie schob den unangenehmen Gedanken beiseite. „Besuchst du ihn nur bei der Arbeit, oder auch mal zuhause?“ Langsam wagte sie sich näher an die Informationen, die sie wollte.

Das Mädchen schüttelte traurig den Kopf. „Ich weiß nicht mal, wo er wohnt, und wenn er mal länger weg ist, kann ich ihn nicht finden und mache mir tagelang Sorgen. Einmal habe ich ihn gefragt. Er hat mich nur erschrocken angesehen und gesagt, er darf mir das nicht sagen… und als ich nachgebohrt habe, hat er nur auf seinen Kumpel gezeigt. Der hatte einen gebrochenen Arm, und hat trotzdem noch weiterverkaufen müssen. Da habe ich lieber den Mund gehalten. Und mir noch mehr Sorgen gemacht.“

Dania nickte verständnisvoll. „Das tut mir leid. Naja, ich muss weiter. Nett, dich kennenzulernen! Pass auf dich auf. Und viel Glück mit deinem Bruder!“ Sie verabschiedete sich und ging.

Ein Stück Schokolade würde ihr wahrscheinlich nicht viel weiterhelfen, wenn die Kinder Gefahr liefen, geschlagen zu werden. Doch vielleicht würde sie ein paar andere Sachen erfahren. Sie ging zu dem Hof, der wie die meisten dieser Höfe nur einen Eingang hatte und komplett von Hütten umschlossen war. Der Eingang war leicht zu erkennen – an die Wand der gegenüberliegenden Straßenseite waren gelbe Sonnenblumen aufgemalt. Sie waren nicht so hässlich, wie Danias Kollegin behauptet hatte; die Pinselführung zeugte von einiger Übung. Die Farben waren jedoch sehr billig gewesen und blätterten von dem alten Holz ab, aus dem die Hütte gebaut war.

Im Eingang lehnte ein Junge, etwa elf Jahre alt. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und musterte sie mit abgebrühtem Blick. Es war klar, dass er diesen Job nicht erst seit kurzem machte. Dania beschloss, erst einmal etwas zu kaufen.

„Fünf Flammlinge. Für dreizehn kriegst du das dreifache, klar? Ist im Angebot.“ Der Junge spuckte auf den Boden.

Dania beschloss, die Freundliche zu spielen. „Oh, das ist aber nett von dir. So viel habe ich allerdings nicht dabei, ich nehme eine einfache Dosis. Für hier, nicht zum Mitnehmen.“ Er hielt die Hand auf und Dania legte die Münzen hinein. „Nach hinten“, sagte er. In den Hof hinein rief er: „Jungs, macht mal eine Nase für die Lady bereit!“

Dania beschloss es weiter zu treiben und machte einen Knicks, woraufhin der Junge kichern musste. Sie ging an ihm vorbei. „Guten Abend, Jungs!“

Im Hof waren zwei andere Jungen. Der eine war ein gutes Stück älter als der Junge am Eingang und groß für sein Alter. Er lehnte an der Wand und hatte ein Kurzschwert an seiner Seite baumeln. Er war wohl für die aufdringlichen Kunden zuständig. Der andere konnte kaum acht Jahre alt sein und legte auf dem Tisch in der Mitte eine Line für Dania zurecht. Hier verstehen sie sich wohl auf guten Service, dachte Dania.

Sie verbeugte sich gegenüber beiden, was der ältere mit einem irritierten Blick hinnahm. Der jüngere jedoch fand das ausgesprochen witzig und grinste sie an. „Die Dame“, sagte er und deutete auf den Tisch. Er war niedrig und Dania musste sich ziemlich herunter beugen, um das Brocken ziehen zu können.

Freude. Es schießt ihr durch die Nase und sofort in den Kopf. Wohlerzogen. Sie hebt den Kopf in den Nacken und genießt das Kribbeln. Kribbeln. Kribbeln. Senkt den Kopf wieder und sieht den Kleinen selig an. „Danke“, sagt Dania aus vollem Herzen.

Der Junge macht eine wohlwollende Geste und antwortet mit „Gern geschehen. Haben sie vielleicht noch einen Wunsch?“ und Dania muss sich sehr beherrschen, um nicht zu ehrlich zu sein und mit all den Fragen herauszuplatzen, die ihr wahres Anliegen verraten würden.

Dankbar.

„Gib mir nur ein paar Minuten“, sagt sie stattdessen, setzt sich mit wackligen Beinen auf den Boden und schließt die Augen. Ruhe. Sitzt eine Weile. Sieht sich schließlich um.

Jetzt erst bemerkt sie, dass auch der Innenhof mit Zeichnungen voll geschmiert ist. „Von dir?“, fragt sie den Jungen, der sich kaum bewegt hat.

Er zuckt mit den Achseln. „Wir haben hier viel Zeit“, sagt er. „Und nicht viel zu sehen, außer dem, was wir selber malen.“

Sie lacht. „Ja, schon schade, dass nicht alle Wände im siebten so aussehen.“

Er fühlt sich sichtlich geschmeichelt. Schön. Dania fühlt sich schön.

Zeit für den nächsten Schritt.

„Willst du eigentlich ein Trinkgeld?“ Sie zieht die Tafel Schokolade hervor. „Wir könnten uns die hier teilen, wenn du willst, ihr behandelt mich so nett…“

Der Kleine stutzt misstrauisch. „Für mich? Nur, wenn meine Brüder auch etwas bekommen.“ Dania blickt kurz hin und her, der Große mit dem Schwert ist plötzlich auf die Unterhaltung aufmerksam geworden, als sie die Schokolade hervorgeholt hat.

„Sicher! Es ist genug für alle da.“ Sie nimmt die Schokolade und bricht sie in vier Stücke. Verteilt sie. Lecker. „Und ihr seid alle Brüder?“

„Sicher“, sagt der Kleine mit vollem Mund. Macht eine Pause beim Kauen. „Blutsbrüder.“

Dania lacht. „Habt ihr dann auch Blutseltern? Oder seid ihr nur eine kleine Familie?“

„Nein, eine riesengroße!“ Er ist mit Kauen fertig. Bevor er noch einmal abbeißt, sagt er: „Unser Vater gibt uns was zu tun. Mutter keine. Vater kommt auch später vorbei, um Hallo zu sagen!“ Dania sieht aus dem Augenwinkel, wie der Älteste das Gesicht verzieht. Er hat wohl auch schon andere Erfahrungen mit den Besuchen gemacht. „Er macht immer abends seine Runde, bevor wir alle heimgehen.“ – „Und besucht noch mehr Brüder?“ – „Klar, muss überall nach dem Rechten sehen! Die Pferde, die Gebeine, die Blumen und die Steine, sagt er immer. Wir sind die Blumen!“ Der Kleine beißt noch einmal enthusiastisch von der Schokolade ab. Dania ist nicht sicher, ob er über den Besuch so begeistert ist, über die Schokolade, oder weil sie mit ihm redet.

„Und wo sind die Steine?“, fragte sie.

Da wird sie von dem Großen unterbrochen. „Du stellst ganz schön viele Fragen, Fräulein. Ich glaube, du solltest dich langsam mal verpissen.“ Er hat seine Schokolade aufgegessen.

Wut. Undankbarer Bastard. Sie sieht verletzt zu dem Kleinen, und auch er schaut perplex.

Da stößt sich der große von der Wand ab. „Verstehst du mich? Soll ich mich wiederholen?“ Er legt die Hand auf sein Schwert. Dania weiß, es ist Zeit, zu gehen. Sie wirft ihm noch eine Beleidigung hinterher, als sie den Hof verlässt.

Kaum ist sie um eine Ecke, beginnt sie, Leute nach einer Wandzeichnung von Steinen zu fragen.


Mittlerweile war später Abend. Sie lehnte an einer Ecke und tat so, als würde sie nach Kunden suchen. Tatsächlich lehnte sie aber alle ab, die fragten; der viel bessere Grund für diesen Ort war, dass sie von hier aus einen guten Blick auf einen gewissen Hofeingang hatte, der von gemalten Steinen umgeben war.

Mehr als Steine hatten die Kinder hier wohl nicht hin gekriegt, und eigentlich waren es auch nur Kreise. Kein Wunder, dass Dania so lange gebraucht hatte, um den Eingang zu finden. Niemand hatte von einer Steinmalerei gewusst. Irgendwann war sie zufällig darüber gestolpert; wer nicht wusste, wonach er suchen sollte, hätte die Kreise niemals für ein Bild gehalten.

Gabor würde gleich wieder herauskommen, da war sie sich sicher. Ein Mann mit einer Diebesmütze war vor wenigen Minuten plötzlich aufgetaucht, hatte dem Jungen am Eingang über den Kopf gestreichelt und war hineingegangen. Nun wartete sie nicht mehr so geduldig wie vorher. Nervös konnte sie ihren Blick gar nicht mehr von dem Eingang nehmen. Erst als der Junge am Eingang in ihre Richtung starrte, wendete sie hastig den Blick ab.

Wie auffällig. Wie dumm von mir.

Die Kinder hier hatte sie bisher nicht angesprochen. Sie wollte Fragen vermeiden, warum sie sich genau hier herum trieb. Als das Brocken nachließ und das Verlangen nach einer zweiten Line immer größer wurde, war das zwar schwieriger gewesen, aber sie schaffte es, sich einzureden, dass sie doch wohl mal einen halben Tag ohne Brocken aushalten würde. Dass sie nur ein paar Meter von einer neuen Line entfernt war, machte es ihr nicht einfacher.

Er kam um die Ecke. Tätschelte dem Jungen am Eingang abermals den Kopf, der missmutig zu ihm auf sah. Und ging in die andere Richtung weiter, von Dania weg.

Sie löste sich aus dem Schatten der Ecke, in der sie gewartet hatte, und heftete sich auf seine Fersen. Nicht zu nah dran gehen, dachte sie. Aber zu weit hinter ihm durfte sie auch nicht bleiben.

Er ging etwa zweihundert Meter geradeaus. So konnte Dania in weitem Abstand folgen, doch immer, wenn er sich einer Ecke näherte, wurde sie schneller; nicht, dass er abbog und sie ihn hinter der Ecke verlor.

Er sah sich um, ließ seinen Blick einmal über die fast leere Straße zwischen Dania und ihm schweifen und bog nach links ab. Jetzt musste Dania sich beeilen. Sie überbrückte die paar dutzend Meter, die zwischen ihr und der Ecke lagen und bog in dieselbe Straße ein. Er war noch da. Dania seufzte erleichtert.

Sie folgte ihm weiter in einem gesunden Abstand, durch ein paar verwinkelte Gassen. In denen musste sie nah dran bleiben, zu lange durfte sie ihn nicht aus dem Blick verlieren.

Schließlich bog er noch einmal links ab, einige dutzend Meter vor ihr. Sie musste sich beeilen. Im Laufschritt war sie schneller. Außer Atem durfte sie jedoch nicht sein. Und unauffällig.

Sie bog um die Ecke und hastete am ersten Hauseingang vorbei… aus dem plötzlich jemand trat, sie von hinten packte und ihr die Hand auf den Mund hielt.

„Warum folgst du mir?“, fragte Gabor.

Verdammt.

Dania stockte. Versuchte etwas zu sagen. Er nahm die Hand von ihrem Mund.

„Wie bitte? Folgen?“

„Du brauchst mir nichts vorzumachen. Ich bin im Kreis gelaufen. Jemand, der den ganzen selben Weg gelaufen ist, hat sich entweder ganz zufällig genauso verlaufen wie ich oder führt was im Schilde. Also antworte!“

Dania räusperte sich verlegen. „Nun ja, du bist mir aufgefallen.“ Sie musste sich auf ihre Fähigkeiten besinnen. „Wie du so stattlich gegangen bist.“

„Aufgefallen sagst du? Für ein bisschen stattlich gehen rennen Frauen wie du einem Mann nicht durch den halben Bezirk hinterher.“

Ihrer Erfahrung nach reagierten alle Männer auf Schmeicheleien, aber für diesen musste sie tiefer in die Trickkiste greifen. „Und wie freundlich du mit den Kindern umgegangen bist. Da bin ich gleich auf dich aufmerksam geworden. Das tun hier nicht viele für die Kleinen.“ Dania schmierte ihm ordentlich Honig um den Bart. Und Gabors Bart hätte etwas Honig gebrauchen können, so wie er sie im Nacken kratzte. Wenn etwas Dania nervte, dann war es ein Kratzen im Nacken, von dem so viele Männer glaubten, dass keine Frau dem widerstehen könnte.

„Meine Kleinen gehen dich nichts an. Ich habe geschworen, dass ich sie vor Huren wie dir beschützen werde.“

Verdammt, ist das so offensichtlich? Dieses Kleid ist doch um Längen keuscher als jeder andere Fummel, den ich je besessen habe.

Dania musste improvisieren. „Huren sind nicht gut für Kinder, sagen sie! Mich fragt dabei natürlich wieder niemand.“ Sie schnaubte. „Wer, glaubst du, bekommt die Kinder denn? Trägt sie neun Monate mit sich herum? Verluste, wenn man nicht arbeiten kann… und dann muss man sie weggeben, weil man sie nicht ernähren kann. Bevor sie verhungern, verstehst du!“ Sie fing an zu schluchzen, und war froh, dass er ihr Gesicht nicht sah. Da wäre schnell aufgefallen, dass sie keine Tränen weinte, und es ihr schwer fiel, nicht zu grinsen.

Sein Griff wurde unwillkürlich sanfter. Wahrscheinlich merkte er es kaum. „Du hattest… eigene Kinder?“

Sie zog die Nase hoch. „Zwei. Aber ich habe nicht viel von ihnen gesehen, bis mein Vater sie weggegeben hat. Damit ich weiterarbeite, und nicht einen auf Mutter mache.“

Warum gehen mir Lügen leichter von der Hand als Ehrlichkeit? Berufskrankheit?

Er ließ ihre Arme los. „So habe ich das noch nie gesehen.“

Sie war dankbar, dass sie wieder frei war. Sie rieb sich die Augen, bevor sie sich umdrehte, und legte ihm die Hand auf die Brust. „Das ist in Ordnung, ich sehe ja, dass du es nicht so gemeint hast.“ Er ist im Herzen ein häuslicher Typ… mal sehen, was sich damit machen lässt. Sie ergriff sein Hemd, zog es nach vorne, und roch daran. „Puh! Den Kleinen fehlt eine Mutter, oder? Das hier müsste dringend mal gewaschen werden.“ Er protestierte, doch sie zog ihn einfach an seinem Hemd weiter. „Los, lass uns zu dir gehen, ich werde sehen, was ich tun kann.“ Sie ergriff seine Hand, und bald zog nicht mehr sie ihn weiter, sondern er sie. Von der Seite sah sie ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht.

Das wird einfach.


Aufgerissen, geplündert wie eine Packung Bohnen, und jetzt nur eine leere Tüte. Allerdings eine Tüte, die sich immer noch in seiner Hand befindet.

Wird er mich vielleicht behalten? Mich wollte noch nie jemand…

Ein Hauch von Harmonie.

Ist es gut bei jemandem?

Zuhause.

Brocken gibt es wohl auch genug… oder ist das nur die Dosis, die mich mich das fragen lässt?

Auf dem Tisch liegt noch eine kurze Line. Sie kriecht unter der Decke hervor, hält ihre Nase über das Pulver und zieht es ein. ZOG ZOG ZOG BIS ER IN IHR EXPLODIERTE? WO WAR ER?? LASST IHN MICH NEHMEN, BIS ER MICH ZURÜCK NIMMT ist er der ominöse Richtige?

Er sieht aus wie mein Vater, frage ich mich das gerade oder BUNT BUNT ekel? BUNT gerade nicht.

Sie entscheidet sich, ihn sanft zu wecken.

„Willst du mich auch zu dir nehmen, schlagen, versorgen, hassen, lieben!? Ficken, wenn dir danach ist? Was glaubst du, dass ich dich einfach wie meinen Vater aussehen lasse? Du wärst nicht mal gut für mich, wenn du zwanzig Jahre älter wärst!!!“

Gabor rappelt sich von ihrem gemeinsamen Nachtlager hoch. Er schaltet relativ schnell, dafür dass er kaum zwei Stunden Schlaf genossen hat. „Warte, komm runter, Brocken und Wut sind keine gute Kombination!“ Eine alchemische Entladung lässt ein Weinglas auf dem Tisch zerspringen. „Krieg dich lieber wieder ein!!“

Worte dringen aus seinem Mund, die ihn schmutziger und schmutziger erscheinen lassen. Was hat sie sich eingebildet? Ruhe. Nie könnte er einem Wunder wie ihr das Feuer reichen. Ruhe. Nichtmal ihr Vater war schlimm genug, als dass er an ihn heran reicht. Wofür auch immer er sich hält, er hat ausgespielt. Er soll schweigen. Ruhe.

Er verstummt mitten im Satz, seine Augen kneifen sich zusammen. Seine Konzentration scheint zu schwinden, einen Augenblick später sinkt er in sich zusammen und beginnt zu schnarchen. Habe ich ihn in den Schlaf geschickt? So müde und erschöpft, wie er ist, wäre er wohl auch von selbst bald umgefallen.

Da erst bemerkt sie den kleinen Jungen, der im Raum sitzt. Seine Lumpen und sein Gesicht sind so dreckig, dass er sich überhaupt nicht von der Holzwand abhebt, an der er sitzt. Er hat sie während der gesamten Auseinandersetzung angeschaut. Bei J‘zharr, wie lange sitzt der schon da? Er ist vielleicht sechs, was hat er alles gesehen? War er schon da, als es mit dem Wein los ging? Als wir die erste Line gezogen haben? War er schon da, als wir gefickt haben? Gute Güte.

Je länger sie ihn anschaut, desto mehr kommt sie zur Überzeugung, dass er gar nicht sie anguckt, sondern nur ins Leere starrt. Er hat wohl nichts bemerkt. Wenn er nicht auf ihr Geschrei reagiert hat, würde er auf ihre Orgie vom Vorabend auch nicht reagiert haben. Erleichterung.

Hunger. Ob hinten noch etwas zu Essen ist? Sie geht ins Nachbarzimmer, es hat keine Tür. Der Raum ist komplett mit Matratzen ausgelegt, über ein Dutzend Kinder und Jugendliche schlafen hier. Einige sind aufgewacht und starren sie jetzt an, wie sie in der Tür steht.

„Du bist doch…“, fängt einer an, verschlafen zu murmeln. Oh.

„Es ist alles in Ordnung“, sagt sie. „Geht wieder schlafen.“ Sie verlässt das Zimmer wieder.

Es muss mitten in der Nacht sein. Warum bin ich aufgewacht? Schock. Ich bin so was von drauf, verdammt. Sie glaubt, dass da hinten noch ein Zimmer ist.

Dort hat sie mehr Glück. Auf der Ablage liegt ein Brot. Es war ziemlich hart, und liegt dort schon etwas länger. Aber der Junge braucht etwas zu essen, so abgemagert wie er aussieht. Ob er den ganzen Tag nur ins Leere starrt? Und die ganze Nacht?

Sie ist ein Wunder, sie ist die beste, sie ist Dania. Daran erinnert sie sich, und an das Brocken. Und dass man sich auf Brocken immer so fühlt.

Jemand, der so gut wie sie ist, würde dem Kleinen etwas Brot geben. Sie hält ihm das Brot vors Gesicht, doch er reagiert nicht. Erst, als sie es ihm praktisch in den Mund schiebt, hebt er im Schneckentempo die Hand und ergreift das Brot. Langsam beginnt er daran herumzuknabbern. Sein Blick bleibt die ganze Zeit starr ins Leere. Gruselig.

Vom Bett her dröhnte ein lautes Schnarchen. Ekel.

Sie entschließt sich, den Jungen anzusprechen. Er kann ihr ohnehin nichts anhaben. „Warum bist du so?“, sagt sie.

Das… war kein richtiger Satz. Sie probiert es nochmal und stupst den kauenden Jungen an. „Warum starrst du so ins Nichts?“

Der Junge zuckt zusammen und sein Blick fährt hoch. Er braucht ein paar Momente, sieht sich um, und hat irgendwann begriffen, wo er ist. Dania wiederholt ihre Frage: „Was ist los mit dir?“

Der Junge blickt zwischen dem Brot und ihr hin und her. Nach einer Weile scheint er sich zurecht gefunden zu haben, und scheint ihr Vertrauen zu schenken. Er öffnet den Mund, wie um etwas zu sagen… doch statt zu sprechen, fängt er nur an zu schluchzen.

Dania legt ihm einen Arm um die Schulter und spricht ihm gut zu, bis er sich beruhigt. Schließlich ist er bereit zu sprechen.

„Mein Bruder… mein Bruder ist tot. Er sollte jemanden töten, für Vater. Er kam nicht wieder… ich habe ihn gefunden…“ Seine Stimme wird von Schluchzern unterbrochen, bis Dania gar nichts mehr versteht. Doch sie hat genug gehört. Sie lässt den Jungen sitzen, geht zum Tisch, und zieht noch eine Line von dem Brocken, das dort liegt. Das hat dieser Bastard nicht verdient.

Angewidert verlässt sie Gabors Verschlag und tritt auf die Straße. Es ist noch dunkel, doch im Osten ist die Dunkelheit etwas weniger dunkel. Zwei Stunden noch. Heute könnte der erste Tag sein, an dem sie der Welt zeigt, wozu die Dania, die sie immer verabscheut haben, wirklich fähig ist. Oder ist das nur, was das Brocken ihr immer einredet, wenn sie einem dieser Morgen beiwohnt?

Sie atmet die kalte, frische Luft tief ein und lässt sich ihre Lungen füllen. Mut. Los geht‘s. Sie blickt sich um, sieht in beiden Richtungen niemanden, geht los.

Nur eine Straße weiter begegnet sie einem Mann. Er macht ihr klar, dass es doch kein so guter Tag werden wird.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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