Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 7

Joran

Joran erwachte und sofort war ihm schlecht. Nicht, weil er etwas falsches gegessen hätte. Oder weil er gefoltert worden war. Sondern weil das gesamte teure Labor um ihn, mitsamt Reagenzien, alchemistischen Instrumenten, Möbeln, teuren Geräten komplett verwüstet und zerstört war.

Joran hatte viel Hoffnung in diesen Raum gesteckt. Er hatte gehofft, hier könnte er endlich seine unendliche Neugier befriedigen. Die Mysterien erkunden, die in dem verflixten Wirkstoff zu finden waren.

Diese Hoffnung war endgültig zerstört. Die Inquisitoren hatten ihn zwar leben lassen, doch Joran machte sich keine Illusionen, dass er nach wie vor in Gefahr war. Und diesen Ort kannten sie nun auch. Er musste hier weg.

Muss ich noch irgendwelche Beweise vernichten? Er sah sich um. Nein, kein Bor. Ich bin auf der sicheren Seite. Und die Unterlagen haben sie ja sowieso schon alle mitgenommen. Ich denke aber nicht, dass man auf ihnen einen klaren Hinweis auf Bor findet. Nun ja.

Dann hielt ihn hier nichts mehr. Er konnte hier nichts mehr retten, und die Geräte hatte dieser Novize allesamt mit einer gründlichen Grausamkeit zerstört, dass es Joran glatt wieder schlecht wurde.

Wie kann man nur so mit Instrumenten des Wissens umgehen? Wenn er wüsste, was sie kosten, und welche Geheimnisse man damit enthüllen könnte? Arroganter Zelot.

Wenigstens konnte er noch ein paar der Klamotten retten, zumindest die, die nicht von Scherben durchlöchert und dubiosen Flüssigkeiten angeätzt worden waren. Die ließen ihm zumindest noch ein bisschen Würde. Würde hatte ihn nie besonders interessiert, aber wenn man sich einer Macht wie der Inquisition gegenübersieht, wurden solche Dinge plötzlich wichtig.

Und die können das einfach machen. Tür eintreten, Gewalt verursachen, wieder gehen. Er hielt inne. Leute foltern, Geständnisse erpressen.

Joran wusste, dass er sich etwas vormachte. Er hatte die Wahl gehabt, ob er Nathan verpfeifen würde – und er hatte seine Haut retten wollen. Er hatte nicht gezögert, den Alten ans Messer zu liefern.

Immerhin hat er dir doch schon alles beigebracht, was er wusste, und das war nicht viel. Er hatte seinen Wert bereits verloren. Joran versetzte sich selbst eine Ohrfeige. So durfte er nicht denken, das wusste er.

Doch nun musste er Howl das Schlamassel erklären. Mit dem Argument, dass er gefoltert wurde, konnte er ihm nicht kommen. Er hatte ja nicht mal Wunden, sein Gesicht war nur etwas heiß geworden. Konnte man da überhaupt von Folter sprechen?

Verdammte… bei J‘zharr.

Das war der schlimmste Fluch, den Joran kannte; einfach normal J‘zharr anzurufen. Die Gläubigen taten das natürlich den ganzen Tag, doch er hoffte, er spottete dem toten Gott damit. Vielleicht sollte ich nicht seinen Namen rufen, immerhin kamen nach meinem ganzen Gefluche diese beiden Schergen. Er musste lachen. Jetzt glaubte er schon an übernatürliches.

Er würde sich etwas anderes einfallen lassen müssen.

Doch für jetzt konnte er den Gedanken nur beiseite schieben. Er packte seine Kleidung vom Boden auf, zog sich eine schlichte Garnitur an, von der er hoffte, dass sie Schuldbewusstsein ausstrahlte, und verließ das Steinhaus, um seinem Schöpfer entgegenzutreten. Oder zumindest seinem Arbeitgeber.


„Du wirst erwartet.“ Die Sekretärin sah von ihrem Schreibtisch auf. „Auch wenn ich mich wundere, dass du schon da bist. Der Botenjunge ist erst vor fünf Minuten los.“

Joran sah zu Boden. „Ich sollte das besser nur mit Howl besprechen.“

Sie nickte. „Das ist sicher das beste.“ Sie drehte sich zu den beiden Leibwächtern um. „Lasst ihn rein, Jungs!“

Die beiden Schränke hielten ihm die Tür auf und er betrat Howls Büro, unordentlich wie immer, nur dass Howl, der sonst einen Ruhepol in der Raummitte bot, heute selbst aufgewühlt wirkte. Er blickte auf und musste wieder einmal sein Okular ausrichten.

„Du bist schnell da, dafür dass ich dich eben erst habe rufen lassen.“

Joran räusperte sich verlegen. „Nun, es ist etwas passiert. Aber warum hast du mich denn rufen lassen? Es scheint wichtig zu sein.“

Howl legte den Papierstapel zur Seite, den er gerade in der Hand hatte. „Nathan ist tot. J‘zharrs bekloppte Schergen.“

Auch wenn er das bereits erwartet hatte, es zu hören, war erschütternd. „Oh- oh scheiße.“ Joran schluckte. „Dem bin ich wohl nur knapp entgangen.“

Howl hatte nun eine ruhigere Stimme. „Umso besser, dass du hier bist. Vielleicht musst du untertauchen, die anderen auch. Keine Sorge, darum kümmern wir uns. Wieso bist du überhaupt schon so früh hier?“

„Mein Labor wurde auch verwüstet“, sagte Joran kleinlaut. Und spontan entschied er sich, zu lügen. „Zum Glück war ich gerade draußen, beim Spazieren kann ich besser nachdenken. Doch die Ausrüstung ist komplett hinüber, die Reagenzien kann man vergessen, und alle Unterlagen haben sie mitgenommen. Ich hoffe nur, die führen nicht auf dich zurück…“ Er log nicht gerne; aber in dem Chaos hier sah es so aus, als könnte er gut damit davonkommen.

Howl hielt inne und stieß einen komplizierten, langen Fluch aus, der Joran beeindruckte. „Nun gut, aber etwas in der Richtung hatte ich bereits erwartet. Ich schicke ein Team zum aufräumen vorbei.“ Howl trank einen Schluck aus einer dampfenden Tasse. Kaffee wahrscheinlich, vermutete Joran. „Mehr hast du nicht mitgekriegt?“

Joran sah schuldbewusst zu Boden. „Nein, nur den angerichteten Schaden. Es hatte auch niemand was gesehen…“

„Ist egal, wir wissen eh genug. Ich kenne den Inquisitor, der dafür verantwortlich ist. Er hat uns hier auch schon einen Besuch abgestattet.“ Joran konnte einen erschreckten Laut nicht zurückhalten. „Keine Sorge, lass das mein Problem sein. Ich werde schon mit ihm fertig, da lass ich mir etwas einfallen. Und dann kommen wir vielleicht noch mit ein paar blauen Flecken aus der ganzen Affäre heraus. Und ohne, dass hier lauter Roben mit ihren göttlichen Leichenteilen herum spazieren und alles in Schutt und Asche legen.“ Howl fluchte abermals.

Joran blickte ihn niedergeschlagen an. „Dann ist die Forschung…“

Howl lachte. „Was glaubst du? Wir können jetzt nicht einfach weitermachen. Zu großes Risiko, wir werden beobachtet. Ganz zu schweigen davon, dass Nathan tot ist, der von allen das beste Verständnis von Bor hatte.“ Jorans Schultern sackten noch ein wenig weiter herab. „Nein, du erfindest mal besser nur noch mundane, technische Sachen. Du hast doch das letzte Mal etwas über einen Schraubendreher gesagt?“

Joran seufzte. „Ja, habe ich… aber Metall ist so langweilig.“

Howl wies ihn zurecht. „Nun, gereinigt zu werden und den Rest deines Lebens mit einem toten Gott in seinem Reich zu verbringen ist sicher weniger langweilig. Grüß Nathan von mir.“

Joran schluckte. „Ähm…“, doch Howl winkte ab und drehte wieder an seinem Okular.

„Geh mir aus den Augen. Ich muss diese Operation schnell und unauffällig abwickeln, bevor wir noch mehr Probleme bekommen. Los, geh und erfinde irgendetwas oder so. Um den Rest kümmern wir uns, dein Teil ist getan.“


Joran trat ins Freie und wurde von der Vormittagssonne verspottet. Sein Kopf schmerzte immer noch ein bisschen. Er war froh, dass er mit der Lüge durchgekommen war, und sich andere ums aufräumen kümmerten.

Ist meine Verantwortung dann hiermit vorbei? Er brauchte sich nichts vormachen. Für Nathans Tod trug er die volle Verantwortung, auch wenn niemand davon wusste. Außer den Inquisitoren.

Ich kann das nicht länger verleugnen. Joran gab sich einen Ruck, und stürzte die Reue wie einen randvollen Becher hinunter, ließ das saure Gefühl seine Kehle herab rinnen und spürte, wie sie sich ätzend in seinem Inneren verbreitete. Ich habe Nathan getötet. Ohne mich wäre er noch am Leben. Ich habe ihn getötet.

Seine Würde, die er sich mit den restlichen Klamotten heute morgen wieder angezogen hatte, und ihn bisher vor dem Gefühl der Ohnmacht halbwegs beschützt hatte, wurde von der Reue innerhalb von Sekunden zersetzt. Sein Selbstbild, sein mickriges bisschen Stolz, das Vertrauen in seine Fähigkeiten, zerflossen in kürzester Zeit zu einem dampfenden Haufen undefinierbare Grütze.

Sie haben mir nur mit Folter gedroht, dachte er. Nathan wäre vielleicht noch am Leben, wenn ich nur ein bisschen mehr vertragen würde. Wenigstens könnte er noch weitermachen, so kann es keiner von uns. Er schluckte. Ich bin es nicht wert, ich hätte nicht gerettet werden dürfen. Nathan hat sicher gekämpft, wenn sie ihn direkt gereinigt haben, ohne Verhandlung. Sonst schlachten sie solche Scheinprozesse ja immer ganz gerne bis zum Ende aus. Gibt ein besseres Exempel ab. Warum sollte man jemand still und heimlich umbringen, wenn man es auch vor aller Augen tun konnte. Und diese Götzendiener können sich alles erlauben in Lagon.

Joran verfluchte die Stadt, er verfluchte den Orden, er verfluchte die Insel, auf der alle Lagoner seit dem dummen Götterkrieg fest saßen, er verfluchte die Angst, die alle hier hatten.

Angst? Wenn ich keine Angst gehabt hätte, wäre Nathan jetzt noch am Leben. Nun, vielleicht waren an dieser Angst wenigstens auch alle anderen Schuld.

Die Inquisition! Die waren schuld. Nicht nur an dem Klima der Angst. Hatten die nicht Nathan ermordet? Joran hatte den Flammensplitter ja nicht geführt. Niemand hatte den glatzköpfigen Inquisitor und seinen beschränkten Novizen dazu gezwungen, Nathan zu ermorden. Joran ganz bestimmt nicht, Joran zwang niemanden.

Vielleicht hätte ich zumindest ein bisschen Folter ertragen. Das wäre ich Nathan schuldig gewesen. Nicht, dass es etwas geändert hätte, sie hätten es so oder so aus mir heraus bekommen. Wie viel Folter muss man ertragen, um einen Verrat wiedergutzumachen?

Er hoffte, dass Philosophie von seiner Reue befreite, doch gegen das lauernde Gefühl half alle Gedankenakrobatik nichts.

Eines Tages werde ich keine Angst mehr haben. Eines Tages habe ich mehr Bor im Gepäck. Dann werden mir diese Hornochsen mit ein bisschen Feuer nichts mehr anhaben können. Ich komme wieder.

Jorans Schritt wurde fester, und er ging in Richtung der Baracke, in der er wohnte. Erstmal ausschlafen.

Ich komme wieder, mit mehr Bor, als ihr vertragen könnt. Und ich werde euren Starrsinn zerstampfen, die Überreste eures Gottes, euren Glauben und euren gesamten Orden.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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