Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 6

Thorn

Unter Gebildeten, wozu Thorn sich als Inquisitor stolz zählte, was der vierte Bezirk als der „Textilbezirk“ bekannt. Der Rest Lagons nannte ihn anders; viele hielten „Giftbezirk“ für passender. Unter anderem deswegen, weil er im Begriff war, einen langsamen, qualvollen Siechtod zu erleiden.

Jahrzehntelang war es den Menschen im Textilbezirk gut gegangen. Gesunde Familien, die sich gut damit ernähren konnten, dass sie für arm und reich Kleidung fertigten; vom Weben, den Schnitt, über das Nähen bis zum Färben blieb die gesamte Fertigung eines Outfits in der selben Familie. Viele hatten sogar noch einen Gerber in der Verwandtschaft; Leder war besonders lukrativ, weil die Reichen Lederelemente in der Kleidung schätzten, und natürlich, um billige Rüstungen zu fertigen, die in Lagon immer gefragt waren.

Die Tiere, deren Haut die Gerber zu Leder verarbeiteten, wurden jedoch nicht im vierten Bezirk gehalten. All die Chemikalien, die die Bäche verseuchten, die sich durch den Bezirk zogen, machten es schon für Menschen schwer erträglich, hier zu wohnen; doch die Kühe, die keine Wahl hatten, als von dem spärlichen Gras zu probieren, das hier wuchs, lebten meist nicht lange genug, um ihr erstes Kalb zu werfen.

Wasser war nicht nur für die Menschen im vierten Bezirk tabu – auch der Rest Lagons mied Wasser wie die Pest. Nur in Notfällen wusch man sich mit Wasser. Vom Trinken ganz abgesehen; das wäre Frevel gewesen. Der Wassergott Q‘holi war immerhin für J‘zharrs Tod persönlich verantwortlich. So musste der Durst Lagons über Säfte, Kaffee, und in Notfällen durch abgekochtes und gesegnetes Wasser gestillt werden. Bei abgekochtem Wasser gab es eine theologische Interpretation, die erklärte, dass das Wasser durch J‘zharrs Flamme gereinigt werden würde. Dennoch trauten die wenigsten sich daran heran und griffen zu den Alternativen.

Eine Ausnahme bildeten die neumodischen Fabriken des fünften Bezirks. Seit der Erfindung der Dampfmaschine nutzen sie die Energie, die im kochenden Wasser wohnte. In der Öffentlichkeit beriefen sie sich darauf, dass sie nur den Dampf nutzten, nicht das Wasser. Doch man sagte ihnen nach, dass sie sich weniger um göttliche Gesetze, und mehr um den Profit scherten. Die Unternehmer des fünften Bezirks wurden allgemein komisch angesehen; das hinderte jedoch niemand daran, ihre Produkte zu kaufen.

Der andere Grund, aus dem der vierte Bezirk langsam starb, war ein weiterer Begriff, der nur den Gebildeten Lagons ein Begriff war: die sogenannte Industrialisierung. Seitdem die Loge der innovativen Eliten und andere findige Unternehmer im fünften Bezirk mit neumodischer Technik eine Fabrik nach der anderen in den Himmel zogen, ging es dem vierten Bezirk sehr viel schlechter. Textilproduktion war eine der ersten Branchen gewesen, die automatisiert worden waren, nachdem ein Erfinder den automatischen Webstuhl erfunden hatte. Was vorher eine Familie tagelang beschäftigt gehalten hatte, wurde jetzt von einer Weberin in wenigen Stunden erledigt.

Die Menschen des vierten Bezirks wussten noch nicht, dass die „Industrialisierung“ über sie hereinbrechen würde, und Thorn war sich sicher, dass die Loge der innovativen Eliten es ihnen nicht verraten würde. Sie zogen es vor, aus dem Elend anderer zu profitieren, statt sich ehrlicher Konkurrenz auszusetzen.

Außerdem – auch wenn sie es nie zugeben würden, trotz ihrem intellektuellen Anspruch nach Reflektion, es gefällt Arghan Howl, Goran Witten und den anderen, wenn sie Wörter kennen, mit denen andere nichts anfangen können. Am Ende ist all diese Wissenschaft und Forschung doch nur ein schöner Weg, sich überlegen fühlen zu können. Thorn hatte kein Problem damit, dass sie sich überlegen fühlen wollten; damit konnte er sich identifizieren. Aber sie hätten dabei wenigstens ehrlich zu sich selbst sein können.

Nachdem sie Joran mit dem Stiel von Vargs Beil schlafen geschickt hatten, waren Varg und Thorn Stunden unterwegs gewesen, um in den vierten Bezirk zu kommen. Lagon war ein riesiger Moloch, der fast die gesamte Insel bedeckte; und der vierte Bezirk lag weit außen am Stadtrand, um nicht den gesamten Rest der Stadt mit seinem Gestank zu vergiften. Der Kutscher wollte sie nur an den Rand des Bezirks bringen, und sie hatten nicht genug Flammlinge dabei, um ihn zur Weiterfahrt zu bewegen.

Ein Nachteil des frommen Lebens im Orden. Es wird von uns erwartet, sparsam und arm zu sein. Oder wenigstens geizig. Nichts störte Thorn mehr, als wenn er zu falscher Demut gezwungen war, doch er hatte nicht erwartet, heute noch so weit reisen zu müssen, und kein Geld mitgenommen.

So ging die Sonne bereits auf, als sie in die Straße einbogen, in der die Adresse war, die Joran ihnen verraten hatte. Das Haus war nicht schwer zu finden; Steinhäuser waren im sumpfigen vierten Bezirk ziemlich ungewöhnlich, auf lange Sicht pflegten sie einzusinken. Holz hingegen wurde meistens von unten her zerfressen. Die meisten Häuser im vierten Bezirk standen einfach nicht besonders lange, und wurden nach einigen Jahren woanders neu aufgebaut.

Die Roben der beiden, deren Farben eigentlich unterschiedliche Grade der Reinheit symbolisieren sollten, waren bis zu den Schienbeinen nass und schlackerten unangenehm um die Beine. Thorn hoffte, dass sie sich nicht verfärbten. Auch wenn er den Gedanken, dass ein Kleidungsstück ihm etwas von seiner Unschuld wiedergeben konnte, ziemlich lächerlich fand, und die braune Robe, die er trug, abgrundtief hässlich war, erfüllte sie ihren Zweck. Sie flößte Respekt ein und ließ ihn moralischer wirken, als er war. Eine farbfleckige Robe wäre im Orden nicht nur aus theologischen Gründen inakzeptabel gewesen, sondern hätte auch einiges von ihrer Wirkung eingebüßt.

Diesmal verzichteten sie auf das Anschleichen. Die ehrbaren Diebe hatten im vierten Bezirk nie auf dieselbe Art Fuß fassen können wie im achten; zu dicht waren die Solidaritätsnetze der vielköpfigen Familien in einem Bezirk, in dem über ein paar Ecken jeder mit jedem verwandt war. Varg nahm seine Axt und hieb auf die Tür ein, die bereits morsch von der schlechten Luft war, während Thorn seinen Flammensplitter herausholte.

Er schenkte dem Splitter einen kurzen Blick – sie hatten viel miteinander durchgemacht. Thorn war egal, ob der Splitter wirklich einmal ein Teil J‘zharrs gewesen war. Wichtig war, dass er seine Wirkung tat. Und das hatte Thorn sichergestellt; die Freizügigkeit, die sich andere Inquisitoren erlaubten, hatte Thorn immer vermieden. Er hielt sich rein, und der Splitter behielt seine Kraft.

Der zweite Axthieb verfing sich in der Tür, und Varg musste ein bisschen rütteln, um sie wieder freizubekommen. Wertvolle Sekunden verstrichen, während er sich mit der Tür abmühte. Thorn war ungeduldig, von innen ertönte ein Fluchen. Er trat ein paar Schritte zurück, zur Sicherheit.

Varg trat die Fetzen der Tür beiseite. Prompt wehte ihm etwas ins Gesicht, und er taumelte – scheinbar orientierungslos. Thorn fluchte. Er hatte wohl eine Ladung Blindheits-Bor abbekommen. Thorn konnte nur hoffen, dass nicht mehr genug übrig war, um auch ihn zu blenden.

Thorn sprang auf den Türabsatz, darauf bedacht, Varg nicht zu nahe zu kommen, der mit seinem Beil wild um sich hackte. Kaum war er auf dem Türabsatz aufgekommen, sprang er wieder zurück – und prompt wehte eine zweite Prise Pulver durch die Luft, verfehlte Thorn jedoch.

Das effektivste Pulver dürfte er damit losgeworden sein.

Da schoss ein Speer aus dem Eingang des Hauses, auf Varg zu. Der lenkte die Spitze wie durch ein Wunder von sich ab, indem er mit der Rückseite des Beils den Schaft des Speers traf; der Speer durchstieß die Luft hinter Vargs Rücken.

„Lass dich fallen!“, rief Thorn ihm zu, in der Hoffnung, dass der Novize sich so außer Reichweite brachte, und Thorn endlich eingreifen konnte. Der Flammensplitter juckte in seiner linken Hand, und er bezwang sich selbst, um seine eiserne Willenskraft in die Hitze fließen zu lassen, die sich in seiner Hand konzentrierte.

Ein Arm wagte sich aus der Hütte; der Alchemist versuchte wohl, Varg auch auf dem Boden zu erstechen, solange er noch geblendet war. Thorn beschwor seine innere Leere, um reine Flammen in Richtung der Tür zu schicken, den Stoß zu unterbrechen. Der Alchemist schreckte zurück, und der Finger aus Flammen, den Thorn kurzzeitig entfesselt hatte, hinterließ einen schwarzen Fleck aus Ruß am Türrahmen.

Ermutigt drängte Thorn nach vorne, um die Hütte zu betreten. Den Mut durfte er sich eigentlich nicht erlauben, wenn er innerlich rein bleiben wollte, doch in die Leere würde er im Türrahmen wieder wechseln. Er konzentrierte sich, und ein weiterer Finger aus Feuer schoss aus seinem Splitter, durch die offene Tür und steckte mit seiner puren Hitze innen etwas in Brand.

Er durfte die Hitze nicht sein Herz ergreifen lassen. Die reine Wärme weckte die Emotionen mindestens genauso wie ein Kampf es tat, doch Thorn musste die Distanz zu allem bewahren.

Eine Explosion knallte innen. Anscheinend hatte das Feuer etwas leicht entzündliches erreicht. Thorn nutzte den Moment der Ablenkung und ließ seine Konzentration fallen, ließ sich durchfluten von der Wut darüber, dass Varg außer Gefecht war, und der Ungeduld, und der Lust, etwas in Brand zu stecken, bis er im Raum stand und registriert hatte, was er vor sich sah. Das flackernde Feuer erhellte den fensterlosen Raum und zeichnete Sekunde für Sekunde neue Bilder. Der Alchemist stieß mit dem Speer nach ihm. Er konnte noch ausweichen, und Thorn sprang nach rechts von der Tür weg, auf der Suche nach seiner Konzentration.

Nathan, wie der Alchemist hieß, wenn sich Thorn recht erinnerte, griff mit der einen Hand nach einem weiteren Pulver, das im Zimmer herumlag. Thorn raffte seine Robe und brachte sich in Ordnung.

Mit einer Feuerwelle hatte er nicht gerechnet. Anscheinend hatten nun auch die Alchemisten eine Mischung für Feuer entdeckt. Doch Thorn merkte, dass es nur sehr schwach war. Die Feuerwelle erreichte ihn zwar, doch er spürte es kaum. Auf Thorns kahlen Schädel waren keine Haare zum versengen mehr. Um ihn rum gingen Papiere in Flammen auf.

Er ruhte in sich. Das Feuer frisst alles gleichermaßen, ohne Unterschiede. Nichts ist besser als etwas anderes. Nichts ist gut. Ich will nichts. Nichts. Die aufwallende Hitze des Kampfes, die Furcht, die Wut, wich der reinen Indifferenz gegenüber allem und jeden, bis kein Gefühl mehr seine reine Seele befleckte.

Andere hätten jetzt eine Show daraus gemacht. Hätten den Flammensplitter im Kreis geschwungen, und versucht, die Umstehenden und sich selbst mit der Kraft J‘zharrs zu beeindrucken. Thorn wusste, dass nichts davon eine Bedeutung hatte. Alles war ihm egal. Es interessierte ihn nicht, dass Nathan mit einem Mal Feuer fing. Er interessierte sich nicht einmal für die Schreie, die irgendwann vom Feuer erstickt wurden, und er musste sich nicht dazu zwingen, Mitleid gegenüber dem Mann zu unterdrücken, der gerade am lebendigen Leib verbrannte.

Thorn war absolut leer. Absolut rein.


Varg hatte er im vierten Bezirk zurückgelassen. Der Novize war genug damit beschäftigt, den Tatort zu protokollieren, und aus den Überresten des Labors abzulesen, was Nathan dort getrieben hatte. Berichte mussten geschrieben werden, Beweise gesammelt, Anwohner beruhigt werden, und all das war für Varg eine sehr gute Übung, um die Pflichten eines Inquisitors in ihrer ganzen Fülle kennenzulernen.

Außerdem war es eine gute Ablenkung für den jungen Mann, während Thorn wirklich wichtige Dinge zu tun hatte. Dinge, von denen der Novize nichts wissen musste. Thorn war für Varg das absolute Vorbild und wahrscheinlich würde der Junge für ihn im wahrsten Sinne des Wortes durchs Feuer gehen; doch der Junge war ein Idealist, und hatte einige Prinzipien, die mit Thorns Methoden nicht vereinbar waren. Wenn er eines Tages ein gutes Werkzeug werden sollte, würde er ihm die Wahrheit Stück für Stück schmackhaft machen müssen.

Howl Industries hatte seinen Sitz im fünften Bezirk. Vorhin, als er mit Varg mit der Kutsche unterwegs gewesen war, hatte er die Unterlagen überflogen. Dass Joran sich ganz legal eine Laborausrüstung zusammenkaufen konnte, hatte er sogar noch geschluckt, und auch das Geständnis mit Nathan war ehrlich gewesen; doch dass er so viele Gutscheine von Howl Industries besaß, und eine Liste mit Geräten, auf der Arghan Howls Unterschrift persönlich prangte, ließ Thorn auf eine tiefer verwickelte Geschichte hoffen.

Ein Glückstreffer. Heute wird ein großer Tag für mich. Heute ist der Beginn von etwas Großem.

Arghan Howl war ein mächtiger Mann. Er war nicht nur Mitglied im Rat der Stadt Lagon, sondern auch eine einflussreiche Figur der Loge; er besaß mehrere der neuartigen Fabriken und hatte sich für seine Arbeiter eine ganze Siedlung aus dem Boden stampfen lassen. Unter anderem eine Waffenfabrik zählte zu seinem Portfolio. Er war nicht nur mächtig, sondern auch gefährlich.

Ich sollte herausfinden, was er will. Was hat er davon, Alchemisten zu beschäftigen? Er beliefert sogar die Miliz mit Waffen. Warum so ein Risiko eingehen, wenn man vor allem gefeit ist, außer vor dem Orden der heiligen Flamme?

Der fünfte Bezirk befand sich nicht so weit draußen wie der vierte Bezirk, doch er war immer noch am Stadtrand. Weit waren sie nicht voneinander entfernt, doch Thorn hatte kein Geld mehr für eine Kutsche. Er lief zweieinhalb Stunden; doch er nutzte die Zeit zum nachdenken. In seinem Kopf breitete sich ein Schachbrett aus, und er schob die Spielfiguren hin und her, wo auch immer er sie gerade brauchte.

Arghan Howl mochte kein Bauer sein. Doch er würde die Figur nach seinem Willen bewegen, oder ihn schlagen.


Die Leibwächter, die vor der Tür standen, waren ihrem Herrn nicht nur verpflichtet, sie waren ihm ergeben. Nicht nur ein Vertrag band sie an ihren Arbeitgeber; sie rühmten sich, dass sie für Howl auch einen Pfeil kassieren würden oder einen der neumodischen Bolzen. Sie waren stolz darauf, einen Sinn im Leben zu haben. Sie fühlten sich der Macht umso näher; er mochte der Leitwolf sein, doch sie fühlten sich im selben Rudel.

In den Spelunken, in denen sie von ihrem Job schwärmten, wurden sie natürlich dafür verachtet, ihr Leben an einen reichen Wichtigtuer verkauft zu haben. Am Ende des Tages hatte er mit ihnen so wenig gemeinsam wie ein Braunbär mit Waschbären.

Sie hätten ihre besten Kumpels für ihren Boss verraten, sie hätten sich wahrscheinlich auch gegenseitig für ihren Boss verraten. Doch als Thorn in seiner braunen Robe vor ihnen stand, sahen sie stumm zu Boden und traten beiseite, noch bevor er seinen Flammensplitter herausholen musste. Lagon war eine gläubige Stadt, und in seiner Robe kam er ihnen wie J‘zharr höchstpersönlich vor. Niemand, den sie kannten, würde sich J‘zharrs Willen widersetzen. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, ihn nicht durchzulassen.

Ein schönes Büro, dachte Thorn, als er durch die schweren Doppeltüren trat. Etwas unordentlich vielleicht. Doch hier klebt Macht in den Spinnenweben in den Bücherregalen. Sie summt hier durch die Gegend, und dieser Mann fängt sie ein wie ein kostenloses Abendessen.

Thorn hatte Howl bisher nur aus der Ferne gesehen. Er hatte sich nicht verändert, er kleidete sich nach wie vor so, wie ein innovativer Unternehmer, dessen Erfolg auf diesen neumodischen Erfindungen beruhte, aussehen musste, mit dem gewissen professionellen, seriösen Touch. Ein Zylinder unterstrich die Seriosität, genauso, wie sein Anzug nicht zu gewagt war, ohne Lederelemente, ohne zu viele Knöpfe. Doch den Zylinder schmückte eine kompakte, kleine Apparatur, die im Notfall einen Fallschirm auslöste. Eines dieser neuen Uhrwerke in Taschengröße, das aus seiner Brusttasche ragte, durfte nicht fehlen, und sein rechtes Auge schmückte ein Okular. Das war eine sehr moderne Apparatur, die Howl Industries erst kürzlich entwickelt hatte, mit der man weit in die Ferne sehen konnte, und mit einem Mikroskop zum Beispiel kleine technische Apparate und winzige Getriebeinnereien gut auf Fehler, Macken, Fehlgüsse und die vielen kleinen Tücken der Technik untersuchen konnte.

Obwohl er nicht älter als vierzig war, konnte man Howl bei bestem Willen nicht gutaussehend nennen – das Leben im Labor, insbesondere eine gefährliche Explosion, die Howl nur knapp überlebt hatte, hatte Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, welche das Okular nicht ganz verdecken konnte. Nach dieser Explosion hatte er die erfinderische und experimentelle Arbeit seinen kreativen Erfindern überlassen und sich voll und ganz der Organisation und Verwaltung gewidmet. Doch er war nach wie vor ein Mann, der sich dem Fortschritt, der Forschung und der Wissenschaft verschrieben hatte – und den es bis aufs Blut wurmte, wenn ein Forschungsgegenstand, beispielsweise Bor, verboten war.

Arghan blickte von seinen Unterlagen auf und schraubte an seinem Okular, um den Mann, der gerade in sein Büro geplatzt war, deutlich ansehen zu können. „Was wollen Sie?“

Thorn grüßte respektvoll. „Keine Sorge, ich will Sie nicht festnehmen. Aber wir sollten vielleicht im Privaten weiter sprechen.“

Falls Howl von der wenig subtilen Drohung betroffen war, konnte Thorn das nicht erkennen. Er wies die Leibwächter an, die Tür zu schließen und sie alleine zu lassen.

„Mein Name ist Thorn von Hartlingen. Ich jage Alchemisten.“

„Ich bin Arghan Howl, aber das wissen sie ja bereits. Kommen Sie zum Punkt, meine Zeit ist knapp bemessen und Sie haben keinen Termin. Was wollen Sie?“

Thorn registrierte, dass er nicht auf dem adeligen „von“ bestand. Anscheinend hatte er nichts gegen die Reformen, die auch ihn seine Adelsprivilegien gekostet hatten. Natürlich hatte er immer noch einen Nachnamen, im Gegensatz zum gemeinen Volk, mit dem Leute wie Thorn und er jetzt auf eine Stufe gestellt wurden; und allein ein solcher Name flößte bereits Respekt ein. Ein Grund, warum Thorn sich stets mit dem vollen Namen vorstellte, von dem er fand, dass er ihm gebührte.

Außerdem merkte er, dass Howl seiner Robe nicht das leiseste bisschen Respekt schenkte. In diesem Ausmaß konnte Thorn sich dafür nur einen Grund vorstellen; er stand einem beinharten Atheisten gegenüber, der nicht einsah, Inquisitoren als etwas besseres zu behandeln.

Hier werde ich mit meinem Status nicht weiterkommen. Umso besser. Dann kann ich ja klar und offen sprechen.

„Der Name Nathan sagt Ihnen sicher etwas?“ Howl hatte seine Reaktionen außergewöhnlich gut im Griff, doch Thorn war ein Verhörexperte. „Dann muss ich Ihnen mein Beileid aussprechen. Er wurde der Alchemie für schuldig befunden und hatte sich gegen die Festnahme gewehrt. Doch seien Sie beruhigt. Seine Seele ist nun gereinigt.“

Thorn hatte gegen Ende immer langsamer gesprochen – und Howls Augen hatten sich im selben Rhythmus verengt. Ich wüsste gerne, ob sie sich nahe standen. Sicher konnte er das nicht sagen. Dafür waren die Signale, die Howl aussandte, zu ungenau.

„Und nun habe ich Dokumente, die nahelegen, dass Sie in seine Machenschaften involviert waren. Was für ein Skandal wäre das – Arghan Howl, langjähriges Ratsmitglied und stadtweit als exzentrisch bekannter Fabrikant, lässt sich mit der Alchemie ein? Hat er zuviel Wasserdampf abgekriegt?“

Thorn wollte gerade zum nächsten Gedankenpunkt seiner ausgeklügelten Ansprache ansetzen, da unterbrach Howl ihn abrupt. „Ja, ja. Sparen sie sich die blumige Rede, davon höre ich im Rat schon genug. Sie wollen mich ja offensichtlich nicht festnehmen. Was wollen Sie? Nochmal frage ich nicht.“

Er wird nicht offenbaren, was er will. Dafür ist er zu klug. Nun, nicht, dass das für mich wichtig wäre. Wenn wir nicht zufällig in dieselbe Richtung rennen können, werde ich ihn eben einfach erpressen.

Thorn änderte kurz die Stoßrichtung und fuhrt fort. „Ich habe im Orden noch eine lange Karriere vor mir. Ich würde sie gerne beschleunigen, und ich glaube, Sie können mir dabei helfen.“ Er machte eine Kunstpause. „Raft.“ Er spie den Namen aus wie einen schlechten Schluck Bier.

Howl zuckte mit den Schultern. „Der Ratsinquisitor. Was ist mit ihm?“

„Das wissen Sie selbst. Populär, ohne Frage. Eine scharfe Zunge – doch was hat er schon vollbracht? Er isoliert sich von der Zusammenarbeit im Rat, um ein gutes Bild abzugeben. Ein Populist, wie er die Sorgen des Volkes und die Hoheit der Sitten betont. Er hält sich weit genug von der Macht fern, um niemandem gefährlich zu werden, aber seine hübsche Position zu behalten. Rafts Beliebtheit steht in direktem Gegensatz dazu, dass er nichts weiter tun kann, als wie eine nervige Fliege um den riesigen Scheißhaufen herumzufliegen, der sich Rat der Stadt Lagon nennt.“

Howl schmunzelte. „Was, sind sie nur neidisch auf seinen Ruf? Oder warum glauben Sie, dass ausgerechnet Sie besser für seinen Posten geeignet sind? Ist es, weil Sie ach so stolz darauf sind, wie rhetorisch ausgeklügelt die Ansprache ist, die sie mir gerade halten? Oder glauben Sie, dass der Orden im Rat einen Mann ohne Skrupel braucht? Einer, der keine Probleme damit hat, mächtige Leute wie mich zu erpressen? Keine Frage, dass Sie in Ihrem Kopf der bessere Kandidat sind.“ Er seufzte. „Und natürlich können nur Sie die Stadt von der Alchemie reinigen. Ihr Inquisitoren seid so durchschaubar.“ Fügte er bitter hinzu.

Thorn verdrehte die Augen. „Ich glaube nicht, dass ich besser bin, weil ich gut rede. Ich glaube auch nicht, dass ich skrupelloser als Raft bin. Ich glaube, dass ich besser bin, weil ich Thorn von Hartlingen bin. Ich bin besser, weil ich es mir nehme. Ich habe das Wissen, und damit die Macht, Ratsinquisitor zu werden. Was bringt einem Talent – nach oben zu kommen ist die einzige Voraussetzung, um oben zu sein. Einem Mann wie Ihnen muss ich das sicher nicht erklären.“

Howl winkte gelangweilt ab. „Ganz wie Sie meinen. Und nun glauben Sie, mich erpressen zu können, um die Leiter zu erklimmen.“

Thorn setzte nach. „Ja, weil ich nicht viel verlange, und es für Sie viel einfacher ist, zu tun, was ich will, als sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, die ich Ihnen sonst bereiten würde. Alles, was ich verlange, ist, dass Sie Raft im Rat schlecht aussehen lassen. Zerbrechen Sie seinen Ruf wie einen dünnen Zweig, bis ich ihn ersetzen kann.“ Er holte Luft. „Natürlich werden Sie das nicht tun, weil sie mich für den besseren Kandidaten halten. Sie tun das, weil Sie nicht anders können.“

„Ein geringer Preis für eine große Drohung.“ Howl hätte niemals klar ausgesprochen, dass er verloren hatte. Diese Demütigung würde sich das stolze Ratsmitglied niemals von einem einfachen Inquisitor einfangen, das wusste Thorn. Deswegen wartete er nicht darauf, dass Howl seine Niederlage eingestand. Es würde genügen, ihm seine Aufgabe klarzumachen und zu gehen. Die Bedingungen hatte er ja bereits erklärt.

„Immerhin müssen sie ein praktisches Arrangement dafür aufgeben; noch können Sie im Rat schalten und walten, wie sie wollen, und die Inquisition tut so, als würde sie etwas dagegen tun, dass Sie unsere hoch geliebten Sitten so mit Füßen treten. Mit mir an seiner Stelle müssten Sie damit rechnen, dass ich die Gesetze J‘zharrs im Notfall mit aller Macht der Flamme verteidige. Kein Wunder, dass Ihnen meine Bedingungen nicht gefallen.“

Howl zeigte sich unbeeindruckt. „Dann werden Sie mich eben aus dem Verkehr ziehen, wenn Sie erst einmal Ratsinquisitor sind. Wenn ich ihr Angebot annehmen würde, würde ich mir höchstens Zeit kaufen. Dafür mache ich mich nicht zu Ihrem Vasallen.“

Jetzt begann Thorn selbstgefällig zu lächeln. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mein Leben lang Ratsinquisitor bleiben will.“ Er war ein bisschen beleidigt, dass er unterschätzt wurde, doch er gleichzeitig war er dankbar für den Vorteil, der ihm daraus erwuchs. „Einen Gegenspieler wie Sie im Rat zu haben, macht es mir sehr viel leichter, mich zu profilieren. Ein lebendiger Ketzer ist mir viel nützlicher als ein Häufchen Asche. Und deswegen können Sie beruhigt sein. Ihnen steht noch ein langes Leben bevor. An meiner Kette ist es nicht so unangenehm. Und selbst wenn meine Erfolge auf der Straße und im Rat mich zum Großinquisitor gemacht haben, werden wir zwei uns als Gegenspieler viel eher an der Macht halten, als wenn wir unsere öffentlichen Versprechen wahr machen könnten.“

Ich habe ihn an der Angel. Nicht nur, dass ich ihn unter Druck setze, er weiß jetzt, was ich will, und kann mich berechnen. Er ist im Herzen Wissenschaftler, er wird rechnen. Und die Rechnung wird zu meinen Gunsten ausfallen.

Hinter Howls Okular rumorte es, Thorn konnte es beinahe spüren. Erwägungen wurden gezogen, Bedingungen abgewogen, Wahrscheinlichkeiten berechnet. Pläne wurden verworfen und neu geschmiedet. Das narbendurchzogene Gesicht blieb still wie Glas, auch wenn hinter der Apparatur, die Fleisch und Messing in Kontrast setzte, eine Maschine rumorte und ihre Berechnungen anstellte.

Mit einem Mal standen die Zahnräder still und fast wäre zum Zeichen der abgeschlossenen Aufgabe etwas Dampf aus den Ohren Howls geschossen.

„Habe ich denn eine Wahl?“

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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