Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 5

Varg

Varg drückte sich an die Steinwand. Seine schwarze Robe eignete sich perfekt für die Nacht. Dennoch achtete er darauf, nicht in das Mondlicht zu geraten, als er um die Ecke linste.

Thorn war gegenüber in einer Seitengasse, stand im Schatten, und wartete darauf, dass Varg die Situation sicherte. Varg wusste, dass er seinen Mentor nicht enttäuschen durfte, doch die Razzia würde einfach werden. Das war genau sein Metier. Die Heimlichkeit und das rumgeschleiche waren zwar nicht sein bevorzugter Stil, er war der Meinung, dass die Gerechtigkeit sich auch bei Tageslicht sehen lassen konnte. Doch da er die Vorteile eines Überraschungsangriffes begriff, vor allem, wenn man die Fähigkeiten seines Gegners nicht einschätzen konnte, fügte er sich.

Nachts im achten Bezirk herumzuschleichen war gefährlich. Sie sollten sich beeilen. Die ehrbaren Diebe, die hier das Sagen hatten, waren nicht davon begeistert, dass der Orden auf ihrem Gebiet operierte; und auch wenn Diebe mit Verlusten zu rechnen hatten, wenn sie einen flammenbewehrten Inquisitor angriffen, wusste Varg, dass sie auf Feindesland nicht lange überleben würden, wenn sie erst einmal entdeckt waren.

Vielleicht war es eine schlechte Idee gewesen, in Roben hier her zu kommen. Doch wenn sie einen Flammensplitter benutzten, mussten Inquisitoren eine Robe tragen. Da hatte es für Varg auch keinen Sinn gemacht, inkognito zu erscheinen. Wieder einmal verfluchte Varg die Vorschriften, die sie manchmal tatsächlich von den guten Taten abhielten, die sie sich zur Aufgabe gemacht hatten.

Er entschied sich, nicht länger zu fackeln. Seine Aufgabe war ohnehin nicht so brisant wie Thorns – er sollte nur den Überblick behalten, Rückendeckung bewahren und sich um die Tür kümmern, mit dem Alchemisten musste Thorn sich auseinandersetzen. Im Ernstfall war nur ein Flammensplitter den Substanzen eines gewitzten Alchemisten gewachsen.

Er gab Thorn ein Zeichen und eilte um die Ecke. Die Tür war aus Holz, ging nach innen auf und war klar die Schwachstelle des ganzen Gebäudes – der einzige Punkt, an dem sie eine Chance hatten, einzubrechen. Er schien noch nicht entdeckt worden zu sein, also beschloss er, sorgfältig vorzugehen.

Das kunstvolle Schloss sprach Bände zu Varg. Es war viel zu auffällig für den achten Bezirk; der Alchemist schien viel Geld mit seinen Machenschaften zu verdienen. Varg schauderte bei dem Gedanken, was ein so erfolgreicher Alchemist im Untergrund Lagons anrichten konnte. Wenn die falschen Leute Bor-Pulver in die Finger bekamen…

Tja, ein Schloss ist nur so sicher, wie die Tür, in die es eingefasst ist. Weder Varg noch Thorn konnten Schlösser knacken; doch durch die meisten Türen kam man viel einfacher. Er holte sein Beil aus der Robe und zählte mit den Fingern herunter, für Thorn sichtbar. Drei, zwei, eins.

Dann hieb er mit der vollen Wucht seiner gestählten Arme gegen die Tür, dreimal, viermal, bis sich ein riesiger Riss durch die Tür zog. Ein Tritt hinterher, und die Tür brach in einige große Teile; die Bruchstücke, die an den Angeln hingen, schwangen nach innen.

Varg zog sich sofort zurück und lief mehrere Schritte von der Tür weg, während Thorn den Schutz des Schattens verließ und majestätisch auf das Haus zu schritt. Aus seiner Tasche sah Varg ihn seinen Flammensplitter ziehen, und er fing zu leuchten an, als Zeichen, dass er sich aufwärmte. Thorn trat in das Haus. Als kein Kampflärm von innen ertönte und die Situation sicher schien, stieg Varg hinterher, das Beil immer noch in der Hand.

Der glühende Flammensplitter tauchte die groteske Szenerie in dunkelrotes Licht. Es flackerte kaum, was von der Konzentration Thorns zeugte. Er hatte seinen Splitter beinahe vollkommen unter Kontrolle. Der Raum war noch nicht fertig eingerichtet, Gerümpel und einige noch nicht ausgepackte Kisten standen herum. In der einen Ecke stand ein Bett, doch es war leer.

Der Junge, der darin geschlafen hatte, drückte sich in die andere Ecke und blickte panisch zwischen Thorn und Varg hin und her. Seine Haut, seine Haare schimmerten rötlich in dem schummrigen Licht, dass den Raum in eine unwirkliche Atmosphäre versetzte. Thorns Finger, die den Splitter hoch erhoben hielten, warfen lange Schatten auf den Boden; einer von ihnen reichte durch Zufall gerade bis zu den Füßen des Verdächtigen, und schien auf ihn zuzukriechen. Er war noch ein Junge, bei so einem Hänfling wollte Varg nicht von einem Mann sprechen. Eine kurze Hose war alles, was er trug, und Varg fragte sich schon, wann er sie durchnässte.

„Auf den Boden!“, brüllte Thorn ihn an. „Hinsetzen, mit dem Rücken an die Wand. Schneidersitz.“ Der Junge überlegte wohl, ob er fliehen sollte, und gehorchte nicht gleich. Varg blockierte den einzigen Ausgang, und seine Lage war hoffnungslos. Doch erst als Thorn den Splitter drohend aufleuchten ließ, gehorchte er und setzte sich.

Thorns strenge Stimme donnerte durch den Raum. „Wo ist das Bor? Wir können das alles erheblich verkürzen, wenn du kooperierst.“

Der Junge überschlug sich fast beim Antworten. „Ich habe, ich habe keins! Ehrlich.“

Thorn lachte trocken. „Durchsuchen.“, wandte er sich an Varg.

Varg machte sich sofort ans Werk. Thorn ließ das Licht heller leuchten, sodass er es gut sehen konnte. Er suchte rücksichtslos und gründlich, riss Kolben, Destilliergeräte, Reagenzgläser, Metallteile und Ständer aus den Kisten und warf alles, was ihm bereits durch die Hänge gegangen war, in eine Ecke. Einiges ging zu Bruch, und Varg jubilierte jedes Mal, wenn das Klirren erklang. Selten hatte man solchen Spaß, wenn man die Gerechtigkeit durchsetzte.

Nachdem er in den Kisten nichts fand, wandte er sich dem Zeug zu, dass auf den Tischen herumlag. Einiges kam ihm sehr seltsam vor; einige Blumen beispielsweise, oder etwas, das nach Augen kleiner Tiere aussah und sich auch so anfühlte. Er ließ sie sofort fallen, und sie verteilten sich über den gesamten Boden.

„Hier, das sollte es sein!“ Er reichte seinem Mentor eine Schale mit einem rötlichen Pulver.

Thorn schüttelte den Kopf. „Du Narr, das ist Zucker. Bor sähe im Flammenschein ganz anders aus. Weitersuchen.“

Varg begann, die Papiere, die über den Tisch verteilt waren, von der Oberfläche zu fegen, um zu sehen, ob darunter vielleicht noch etwas lag, doch Thorn unterbrach ihn sofort.

„Bist du irre? Die Unterlagen sind das beste Beweismaterial, das wir kriegen können. Hier zum Beispiel, eine Angestelltenurkunde.“ Thorn hob ein Dokument auf, dass nun auf dem Boden herumlag. „Na bitte. Joran heißt du, hm? Wärst du mal bei deinen Leisten geblieben.“ Er wandte sich wieder Varg zu. „Los, steck die alle ein. Wir brauchen jeden einzelnen Zettel.“

Sonst fand Varg nichts auf dem Tisch, und auch das Bett auf den Kopf zu stellen war nutzlos. Joran hatte die Wahrheit gesagt; es befand sich in der ganzen Hütte kein Bor. Varg war fast ein bisschen enttäuscht, dass er vielleicht unschuldig war. Hatten sie den falschen erwischt?

Thorn stellte sich bedrohlich, breitbeinig über ihn. „Wo hast du die Rattenaugen her? Die ganze alchemische Ausrüstung? Raus damit.“

Joran schien langsam seinen Mut wieder zu fassen. „Kein Bor! Ihr könnt mir gar nichts, ich bin unschuldig! Nichts davon ist verboten, und das wisst ihr.“

Thorn kniff die Zähne zusammen. „Beantworte meine Frage.“ Keine Reaktion, doch im schummrigen Licht sah Varg, wie der Junge sich verzweifelt bemühte, Thorn nicht ins Gesicht zu sehen.

„Nun, viel Bart kann bei dir ja noch nicht schmoren“, sagte Thorn, als er den Splitter etwas dunkler dimmte, sodass er die Farbe heißer Glut annahm. Dann bückte er sich und näherte ihn langsam an das Jorans Gesicht heran. Dem Träger eines Flammensplitters tat die Hitze nichts, doch jeder andere würde durch die Hitze versengt werden.

„Nein, genug! Ich sage euch alles.“ Er brach in Tränen aus und ratterte Namen und Adresse des Händlers herunter, der ihm die Zutaten verkauft hatte.

Thorn seufzte. „Verrate uns etwas, was wir noch nicht wissen. Was ist mit dem Laborzubehör?“

Soweit Varg es in dem Licht sehen konnte, wurde Joran erheblich blasser. „Naja, so ein Fabrikverkauf eben. Die sind ja legal erhältlich. Keine… keine große Sache.“

Daran, dass sich die Schatten im Rest des Raumes verschoben, merkte Varg, dass der Flammensplitter näher an Jorans Gesicht rückte.

„Howl, Howl Industries! Da kann man die kaufen.“

„Und wo, wo wolltest du Bor her kriegen? Soweit ich weiß könnt ihr Ketzer so etwas ja nicht einfach mit einem Fingerschnippen beschwören oder so. Namen, Adressen.“

„Ich…“ Er schien fieberhaft zu überlegen, was gar nicht so einfach war, wenn man gleichzeitig darauf achten musste, sich die Haare nicht zu versengen.

„Varg, was meinst du? Wenn er das Bor am Körper trug, als wir ihn reinigten, könnte man das hinterher feststellen?“

Varg schmunzelte. „Oh, ich bin mir sicher, dass er Bor hatte. Er hat uns damit angegriffen. Doch im Kampf sind die Beweise leider verbrannt.“

„Aber, aber, Novize. Wäre das nicht gegen die Vorschriften?“, fragte Thorn spöttisch.

„Nun, nicht so wie ich die Vorschriften auslege.“ Varg fand das überaus witzig.

„Nathan!“ Der Name purzelte aus dem von Todesangst erfüllten Jungen heraus, bevor er ihn zurückhalten konnte. Erst wollte er die Worte ungesagt machen, sie herunter schlucken wie herauf gespülte Galle. Er hätte Kotze gegessen, um diesen Fehler rückgängig zu machen, ohne Zweifel. Doch zu spät, er hatte den Namen aus gespien, und nun klebte er am zerbrochenen Instrumentarium wie ungebührliches Verlangen an der Seele eines Inquisitors.

„Nathan wer?“

„Nur Nathan. Kein Nachname. Ich bin nicht mehr als sein Gehilfe. Das soll sein neues Labor werden. Noch arbeitet er im alten. Vierter Bezirk.“

Varg war beeindruckt. Joran schien die Wahrheit zu sagen.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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