Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 4

Marcin

„Ehrwürden, kommt schon, nur ein paar Flammlinge!! Ihr habt doch sicher ein wenig Wechselgeld einstecken! Es ist ja nicht für mich, ich muss für meine Kinder sorgen!! helfen sie mir!“

Marcin ignorierte den Mann, bis dieser ihn an seinem Mantel zog. Er saß zerlumpt am Straßenrand und schien um Almosen zu betteln. Obwohl Marcin zu den ehrbaren Dieben gehörte,war er noch nie in seinem Leben mit Ehrwürden angesprochen worden. Im organisierten Verbrechen erlebte man das nicht oft.

„Was ihr in eurem Leben durch böse Taten erreicht habt, könnt ihr durch Güte vielleicht wieder wettmachen! Die Flamme wird euch eure Güte vergelten und euch beschützen. Doch helft meiner Familie!“

Der Bettler begann zunehmend, Marcin zu nerven. Er hatte lukrativeres zu erledigen. „Deine komische Flamme hat mich noch nie beschützt. Glaubst du, ich wäre ehrbarer Dieb, wenn ich nicht für jedes Almosen eine Gegenleistung einfordern würde? Kampfkraft hast du mir ja wohl kaum anzubieten. Also wenn du nicht irgendeine nützliche Information für mich hast, lass mich in Ruhe.“ Er riss sich los und ging weiter.

Die ehrbaren Diebewaren schon immer die einzige wohltätige Einrichtung in Lagon gewesen. Soweit man eine Bande von Räubern, Mördern, Drogenhändlern, Zuhältern, Schutzgelderpressern, Betrügern und ähnlichem Gesindel als wohltätig beschreiben konnte. Doch für eine verzweifelte Seele fanden die ehrbaren Diebe immer Arbeit, und so funktionierte das Sozialsystem Lagons gegen Gefallen.

Wer immer bereit war, einem Dieb einen Gefallen zu erweisen, konnte sich sicher sein, dass ihm geholfen wurde. Die Diebe hatten einen komplizierten Ehrenkodex, der sie dazu zwang, einen Gefallen zu erwidern, wenn sie ihren Ruf nicht verlieren wollten. Und ein Dieb ohne Ruf war sehr bald entweder arbeitslos oder tot.

Marcin trat eine leere Konservendose aus dem Weg. Er machte dabei einen trügerisch gelangweilten Eindruck, als würde ihn eine Dose Mais mehr interessieren als die Schatten hinter ihm. Auch die Gestalt, die um die Ecke in die Gasse einbog und ihm zügig entgegenkam, war eigentlich keine Aufmerksamkeit wert, nur ein weiterer halbwachsener Junge in der typischen Straßenmode – eine schmutzige Hose und ein Hemd, das wohl früher mal erst eine Tischdecke und dann ein Kissenbezug gewesen war. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und starrte konzentriert auf den Boden. Unter den Haaren, die ihm unangenehm ins Gesicht hingen, sah Marcin allerdings zwei überraschend flinke kleine Augen, die ihn musterten, als sollte er das auf keinen Fall bemerken.

Marcin schenkte ihm ebenso wenig eine Reaktion, als die beiden aneinander vorüber gingen. Beunruhigend war allerdings, dass die Schritte plötzlich aufhörten, kaum dass der Junge ihn passiert hatte. Marcin wirbelte herum und seine Klinge fand wie von selbst in seine Hand. Der Junge hatte ein Messer in einer Bewegung aus seiner Hosentasche gerissen sowie in die Richtung von Marcins Rücken gestoßen. Doch Marcins Bewegung hatte der Junge nicht eingeplant, und noch in der Drehung traf Marcins Kurzschwert seinen Unterarm. Der Schmerz ließ den Jungen ungläubig aufschreien. Durch den Schock ließ er ohne Umschweife sein Messer fallen, drehte sich um und rannte, als wäre ihm der Teufel auf den Fersen.

Weit kam er nicht, nach etwa zehn Metern traf ihn ein Wurfmesser zwischen die Schulterblätter. Er fiel. Als Marcin sich ihm näherte, sah er, dass seine Augen offen standen. Er hatte wohl das Herz getroffen. Er fluchte. So konnte er ihm keine Fragen mehr stellen. Ihm blieb nur, auf den nächsten Anschlag zu warten, um herauszufinden, wer der Auftraggeber des Jungen gewesen war, oder auf eine seiner Vermutungen zu vertrauen. Er zog das Wurfmesser aus dem Rücken der Leiche, strich das Blut von seinen Klingen und machte sich wieder auf den Weg.

Marcin war ein außergewöhnlich guter Dieb. Wobei man gut in dem Fall besser mit am Leben übersetzen konnte. Er war etwa dreißig Jahre alt, was selten war, denn ein Dieb überlebte meistens nicht besonders lange; das Einkommen und der Status der erfolgreicheren Diebe zog die Aufmerksamkeit neidischer und ehrgeiziger Leute auf sich.

Der eine Grund, dass Marcin so lange überlebt hatte, war seine übervorsichtige Wachsamkeit und sein taktisches Geschick; der andere Grund, für den er sich als einzigartig betrachtete, war seine Zurückhaltung in Bezug auf übermäßigen Ehrgeiz. Marcin kannte seinen Platz in der Organisation der ehrbaren Diebe und wusste, dass die Luft oben dünner war. Er hatte den Rang eines Leutnants inne, genauer, er war die rechte Hand von Kenin, Hauptmann des siebten Bezirks. Als solche hatte er durchaus ziemlich großen Einfluss, wenn auch von einer unteren Ebene aus. Doch er wusste, wie man die Fäden unauffällig genug zog.

Anscheinend reichte es für seine Sicherheit nicht mehr, Leutnant zu sein. Attentate gegen Marcin waren nicht alltäglich, doch sie kamen vor. Und in letzter Zeit häuften sie sich beunruhigend.

Für einen Leutnant hatte Marcin ungewöhnlich viel Einfluss, und diese Information schien sich auszubreiten. Sein Einfluss rührte zu großen Teilen aus seiner engen Bindung zu Kenin, seinem Hauptmann. In Wahrheit trafen sie die meisten Entscheidungen zusammen. Marcin unterhielt Kenins Verbindungen in die unteren Ränge, indem er ein Ohr auf der Straße hatte und über jeden unwichtigen Dieb im Bezirk Bescheid wusste. Kenin bezog ihn im Gegenzug in die Geheimnisse eines Hauptmanns mit ein, der einen Bezirk zu steuern hatte.

Das war ein unübliches Arrangement. Für gewöhnlich misstraute ein Hauptmann allen seinen Untergebenen; er musste sich für sie unentbehrlich machen, wenn er Posten und Leben wertschätzte. Doch Marcin und Kenin verband mehr als nur eine Arbeitsbeziehung, und so waren die professionellen Grenzen zwischen ihnen immer weiter verschwommen.

Andere Leute schienen darauf aufmerksam zu werden. Marcin wurde für andere Diebe gefährlicher, wenn er so ein gutes Netzwerk hatte. Anscheinend hatte jemand Angst, übervorteilt zu werden. Sonst hätte Marcin wohl nicht gerade diesen Jungen töten müssen. Marcin hatte sofort drei Leute im Verdacht, konnte einen von ihnen jedoch nach kurzem Nachdenken wieder von der Liste streichen. Der zweite hatte derzeit eigentlich genug Personal, und es war unwahrscheinlich, dass er ihm einen so unerfahrenen Bengel auf die Fersen schickte. Blieb noch der dritte, ein als seltsam verschriener Typ namens Gabor, der ein Motiv und passende Umstände hatte. Und auch andere Gerüchte machten es wahrscheinlich, dass er dahinter steckte.

Marcin beschloss, in Zukunft etwas vorsichtiger vorzugehen. Sein Handeln erregte genug Aufsehen, wenn er jetzt einen weiteren Rivalen ausstoch, würde das nur noch mehr Misstrauen in dem fragilen Ökosystem der ehrbaren Diebedes siebten Bezirks hervorrufen. Eine Gelegenheit würde sich ergeben.

Leutnant zu sein hatte einige Nachteile, unter anderem die ganze Beinarbeit, die von einem Dieb in seinem Rang erwartet wurde. Er konnte nicht für jede Drecksarbeit einfach einen seiner Schergen delegieren, oder die Leute dachten von ihm, dass er sich bereits mit einem Hauptmann verwechselte. Nicht nur seinen direkten Rivalen wäre das missfallen, auch Kenin wäre beunruhigt gewesen.

Und so führte er seine Patrouille fort. Vielleicht stieß er ja noch auf etwas interessantes, oder er konnte wenigstens nachprüfen, ob sich die Baustruktur seines Territoriums schon wieder verändert hatte. Marcin benutzte einige Hütten in der Nähe als Lagerräume, Schlafplätze oder Unterschlupf, und es lohnte sich zu registrieren, ob sie beschädigt waren oder ob eine der robusteren Hütten mittlerweile verlassen war. Eine Aufgabe, die er keinem seiner Untergebenen auftragen konnte, wenn er nicht wollte, dass eine Person alles Wissen über seine Verstecke auf sich vereint hatte.

Viel interessantes entdeckte er nicht, während er so durch seine Gassen schlenderte. Er traf keine Milizen an, die sich in sein Territorium vorwagten. Das war auch unwahrscheinlich, seine Leute waren auf Zack und griffen sie oft mitten auf der Straße aus dem Hinterhalt an. Die leicht erkennbaren Milizionäre hatten gegen einen unsichtbaren Feind nicht viel aufzubieten.

Er hatte genug gesehen und entschloss sich, eins seiner Verstecke aufzusuchen, die nicht weit von hier lagen. Da konnte er immer noch weitere Schritte planen, seine Informanten durchgehen, sich ein Vorgehen zurechtlegen.

Als er um die Ecke bog, fand er jedoch einen ungewöhnlichen Anblick vor sich. Eine Frau, sie lag auf dem Boden. Sie war offensichtlich bewusstlos. Das Kleid war ihr über den nackten Hintern hochgerutscht, und sie schien nichts bei sich zu haben. Ihre langen schwarzen Haare breiteten sich über den schlammigen Boden aus, und allgemein war sie bei dem Sturz ziemlich schmutzig geworden.

Na toll, eine freie Hure. Auch das gehörte zu seinen Pflichten: kontrollieren, wer auf seinen Straßen Geld verdienen wollte, ohne seinen Anteil an die ehrbaren Diebe abzudrücken. Er hatte innerlich bereits Feierabend gemacht. Auf das typische Gespräch, die üblichen Drohungen und sie in ein Bordell zu stecken, hatte er jetzt wenig Lust. Zudem besaß er selbst keines; einer der anderen Leutnants würde sie aufnehmen, und am Ende von ihr profitieren. Keine Aussicht, die Marcin besonders gefiel.

Oder… es gibt noch eine bessere Lösung. Es gab keinen Menschen, den er nicht irgendwie benutzen konnte; und die Situation, in die er heute hineingeraten war, bot dieser jungen Frau tatsächlich eine Gelegenheit.

Marcin hob Dania vom Boden auf und schleppte ihren verdreckten, abgemagerten Körper in seinen Unterschlupf.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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