Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 3

Joran

„Verdammter J‘zharr!“

Joran fluchte. Er schlug nochmal zu. Er fluchte wieder. Diesmal ließ er sich etwas kreativeres einfallen. „Bei J‘zharrs rauchendem Bart!“

Noch ein Nagel. „Kannst. Du. Nicht. In. J‘zharrs faltigem Arsch stecken bleiben!“

Doch egal, mit welchen Worten er die Nägel antrieb, die steinerne Wand wollte sie nicht aufnehmen. Kein Wunder, Worte bewirkten nichts. Weder würde J‘zharr dem Stein befehlen, die Nägel abzuweisen, aus Zorn über die einfallsreichen Freveleien, die Joran sich ausdachte, noch konnte er mit Zaubersprüchen den Stein erweichen, wie manche Poeten das Herz eines frigiden Inquisitors.

Joran wusste das. Magie gab es nicht, nur Alchemie – und die würde ihm hier nicht helfen. Diese ganze Hütte diente keinem anderen Zweck, als mit Alchemie herumzuexperimentieren. Sie aus Stein zu bauen, war eine schlechte Idee gewesen. Nicht mal das Regal für seine Ingredienzen konnte er nun an die Wand nageln. Er fluchte abermals, die Ideen gingen ihm jedoch aus. „J‘zharrs Splitter!“

Die einzigen Flüche, die Joran Spaß machten, lästerten dem Gott der Flamme. Er hatte es verdient, da war sich Joran sicher. Das Fluchen hatte er in der Fabrik gelernt, in der er früher gearbeitet hatte. Die anderen Arbeiter fluchten selten über Götter, meistens fluchten sie über ihre Frauen oder darüber, dass sie sich wieder auf die Finger gehauen hatten.

Doch Joran hatte nichts gegen Frauen, und er war zu sorgfältig, um sich auf die Finger zu hauen. Die Inquisition und ihr Feuergott gingen ihm jedoch gehörig gegen den Strich. All die nützlichen Dinge, die sie verboten hatten. Joran tat es im Herz weh, wenn er daran dachte.

Joran erfand verbotene Dinge. Joran war ein guter Erfinder. Und in dieser Eigenschaft lebte er in ständiger Angst vor der Inquisition.

Natürlich war das der Grund gewesen, das Labor aus Stein zu bauen. Nicht nur Experimente konnten in Flammen aufgehen, auch neugierige Forscher waren leicht entzündlich. Stein schütze vor Feuer. Das Labor hatte auch keine Fenster. Niemand durfte wissen, was in dem Bau vor sich ging. Dabei hätte Joran es am liebsten der ganzen Welt gezeigt! Wie gerne hätte er all seine Formeln und Pläne veröffentlicht, all seine Rezepte abgedruckt und verteilt. Ganz Lagon sollte davon profitieren, alle Menschen sollten seine Erfindungen nutzen können!

Doch er wusste, was ihm blühte, wenn auch nur ein Laut über seine Kreationen an die Öffentlichkeit drang; ein grausamer Mann in einer hässlichen Robe würde einen Splitter der Leiche seines toten, dummen Gottes nehmen und ihn damit in ein Häufchen Asche verwandeln. Vor nichts hatte Joran mehr Angst.

Er besah sich die Macken, die er in der Wand hinterlassen hatte. Eins der Löcher war sogar gesplittert, feine Risse zogen sich über die Oberfläche des Gesteins. Joran staunte. Er hatte gar nicht gewusst, dass solche Kraft in ihm steckte. Er hätte gedacht, dass nur ein Hebel, oder ein Drehmoment eine solche Kraft freisetzen konnte… ein Drehmoment! Damit könnte er ein Loch bohren.

Er überdachte seine Optionen und überschlug die Kosten an Material und Zeit. Ein neues Labor aus Holz zu bauen kam nicht in Frage, und andere Materialien fielen ihm nicht ein. Ein Bohrer, wie er in seinem Kopf begann, Form anzunehmen, würde nicht viel Materialien verbrauchen, nur etwas Mechanik… aber er würde auch andere Nägel brauchen, die er erst gießen lassen müsste, und dafür fehlte noch eine Gussform. Verglichen damit war ein Regal aus Holz einfacher.

Joran seufzte. Gerne hätte er einen solchen Bohrer erfunden, doch er wollte die Zeit und Ressourcen seines Arbeitgebers nicht auf Mechanik verschwenden, wenn er eigentlich Bor-Mischungen erforschen und Bor-Rezepte entwickeln sollte. Immerhin war er nicht der einzige Alchemist, der in den Diensten Arghan Howls stand, und er wollte den anderen nicht das Budget streitig machen.

Er schrieb seine Idee für einen Prototyp kurz auf, dieses Projekt würde warten können. Dann schrieb er ein Holzregal auf seine Wunschliste. Sein Arbeitgeber hatte ihm weitestgehend freie Hand gegeben, ein Labor einzurichten und zu betreiben. Arghan Howl hatte Joran zu verstehen gegeben, dass er Hoffnungen in sein Potenzial setzte. Und Joran wollte sich bemühen, die Erwartungen eines so reichen und gebildeten Mannes zu erfüllen, auch wenn er ihn immer ein bisschen einschüchterte.

Die Liste mit Anforderungen wurde länger und länger. Einige alchemische Apparate musste er noch bestellen. Die Zutaten hatte er selbst besorgen müssen, die gab es nicht in Howls Fabriken. Sie waren also bereits hier, weswegen ein Regal, um sie aufzubewahren, umso wichtiger war.

Das Bor selbst war auch noch nicht geliefert worden. Joran fragte sich, wo Howl es her bekam… doch bei genauerer Betrachtung wollte er das gar nicht so genau wissen. Die Wombatzucht war fest in der Hand irgendwelcher Krimineller, die die armen Tiere für so etwas banales wie Drogenproduktion missbrauchten. Wenn Howl sich mit solchen finsteren Gestalten eingelassen hatte, stand für Joran fest, dass es ihn nichts anging.

Er erinnerte sich daran, dass er auch etwas essen musste, wenn er tagelang hier drin eingeschlossen war, und setzte einige Konservendosen auf die Liste. Neben den vielfältigen Dingen, die in Howls Fabriken produziert wurden, zählten diese zu den praktischsten, und Joran war stolz, dass er einen praktischen Verschluss beigetragen hatte, mit denen man diese Dosen auch ohne eine Waffe auf bekam.

Howl hatte ihm erklärt, dass ihm das nur wenig brachte, wenn er jetzt seine Waffen nicht mehr verkaufen konnte, doch Joran hatte nur mit den Achseln gezuckt. Sein Geschäft war das Erfinden von Erfindungen, nicht sie zu verkaufen. Davon verstand er nur so viel, dass er wusste, dass er lieber nichts davon verstehen wollte. Seine Erfindungen sollten den Menschen von Nutzen sein, nicht nur möglichst viel Profit abwerfen. Howl zwang ihn wenigstens nicht, Waffen zu erfinden; dafür hatte er genug Leute.

Vergnügt steckte er die Liste ein, verließ das Labor und rief sich eine Kutsche herbei, die ihn in den fünften Bezirk bringen sollte. Hier befand sich Howls Firmensitz, seine Fabriken, sogar die Baracken, in denen die meisten seiner Arbeiter wohnten. Joran war froh, dass er sich um Geld keine Gedanken mehr machen musste, seit Howl seinen Wert erkannt hatte. Also ließ er sich von der Kutsche direkt vor dem Firmensitz absetzen.


Vor Howls Büro musste Joran warten. Er musste nur die Liste unterschreiben lassen, eigentlich keine große Sache, doch die Sekretärin wies ihm einen Platz zu und versenkte den Blick wieder in ihren Unterlagen.

Die beiden Leibwächter, die vor der Tür von Howls Büro aufgebaut waren, musterten ihn wie immer abschätzig von oben bis unten. Joran kannte diese Art von Blick; sie hielten jeden, der kleiner war als sie, automatisch für einen minderwertigen Menschen. Früher hätte Joran das etwas ausgemacht. Heute wusste er, dass er seinen Wert auf andere Weise beweisen konnte.

Nach einer Weile wurde er herein gerufen.

Arghan Howl saß in seinem riesigen, runden Büro hinter seinem Schreibtisch und sah nur kurz von seinen Unterlagen auf, als Joran hereinkam. Joran hatte kein Gefühl für Mode, deswegen konnte er nur ahnen, dass Howl angemessen stilvoll für seine Position gekleidet war.

Er war einer der reichsten Unternehmer Lagons und hatte sogar einen Sitz im Rat inne, dem höchsten politischen Gremium der Stadt. Sein vernarbtes Gesicht zeugte davon, dass er für die Wissenschaft einiges riskiert hatte, bevor er begann, sich auf das geschäftliche zu konzentrieren. Seine Narben waren größtenteils von einem Okular verborgen, einem Sichtverbesserungsgerät, auf das Joran sehr stolz war und dass die rechte Gesichtshälfte Howls größtenteils verbarg.

Vielleicht werde ich auch eines Tages ein Okular brauchen. Für den Umgang mit Bor ist es vielleicht auch gar nicht so schlecht, die Sicht so weit vergrößern zu können.

„Du hast eine Liste mit Anforderungen zusammengestellt?“, fragte Howl.

Joran erinnerte sich rechtzeitig daran, sich zu verbeugen. „Ja, Herr, sie ist nicht allzu lang. Das Regal ließ sich leider nicht an der Wand befestigen, ich benötige ein anderes. Es sei denn…“

Howl hielt kurz beim Schreiben inne und hob den Kopf. „Es sei denn was?“

„Mit einem Drehbohrer könnte man eine spezielle Form von Nägeln in einer Steinwand befestigen. Der Bohrer wäre einfach zu konstruieren, die Nägel wären noch am umständlichsten herzustellen. Sie müssten geringelt sein.“

„Geringelte Nägel?“ Howl kratzte sich am Kopf. „Ich weiß ja, dass du mich in so einer Angelegenheit niemals aufs Kreuz legen würdest, aber das klingt ungewöhnlich.“

Joran nickte. „Ja, sie würden besser halten und wären nicht einfach gerade herausziehbar. Mit einem sogenannten Drehbohrer könnte man sie in die Wand drehen. Sie müssten aber erst gegossen werden, und ich habe noch keine Gussform oder ähnliches entwickelt.“

„Also lösen sie nicht dein aktuelles Problem mit dem Regal, sondern sind nur so eine Idee?“

Joran schluckte. „Ja, Herr, eine Idee, nur so eine… Idee.“

Howl steckte sich den Stift hinters linke Ohr und winkte Joran herbei, auf seinem vernarbten Gesicht ein wohlwollender Ausdruck. „Gib mal her, deine Liste.“

Joran entspannte sich und trat nach vorne. Howl drehte an einem Rädchen seines Okulars, um die Linse genauer einzustellen und überflog die Liste. „Das ist ja nichts ausgefallenes oder so.“ Er griff sich den Stift und setzte seine Unterschrift drunter. „Gut, dass du dieses Mal an Essen gedacht hast. Wenn du noch etwas brauchst, Kaffee, Substanzen, Arbeitskräfte, melde dich. Gib die Liste meiner Sekretärin, sie wird sich um deine Wünsche kümmern.“

Joran bedankte sich.

Howl drehte an seinem Okular. Joran war es, als würde er ihm umso tiefer in die Augen sehen, als er plötzlich ernst wurde. „Joran, du bist der jüngste meiner Ingenieure, den ich mit der Alchemie betraue. Du legst eine Kreativität an den Tag, die ich von einem Mann, der vierzig Jahre mehr auf dem Buckel hat, nicht erwarten kann. Für die Sorgfalt, die die Alchemie erfordert, fehlt es dir jedoch an der Erfahrung; also wenn ich dir schon dein eigenes Labor finanziere, bringe dich nicht übermäßig in Gefahr und sprenge nicht die gesamte teure Ausrüstung in die Luft.“ Er holte Luft, bevor er seine Ansprache vollendete. „Verschwende mein Geld nicht.“

Joran nickte eifrig. „Nur eine Frage: wann kommt das Bor an? Je früher es kommt, desto schneller kann ich anfangen.“

Howl sah kurz auf seine Unterlagen. Wieder musste er das Okular scharf stellen. „Wenige Tage. Mein Kontakt hat Schwierigkeiten, aber du wirst schon merken, wenn wir es liefern.“

Joran bedankte sich und machte, dass er herauskam. Er wusste bei den meisten Menschen nicht, wie er sich richtig verhalten sollte, bei Vorgesetzten war es jedoch noch schlimmer. Da hatte er unter Umständen mit Konsequenzen zu rechnen.

Hätte ich nicht von dem Bohrer anfangen sollen? Joran war sich unsicher.

Er wusste auch nicht genau, wie er die Sekretärin um die Gegenstände auf der Liste bitten sollte. War es in Ordnung, einfach zu fragen? War sie in der Firmenhierarchie eher über oder eher unter ihm? Immerhin belegte die Liste, dass er ein Recht auf diese Dinge hatte. Er überwand sich und sprach sie an.

„Entschuldigen Sie, ich habe hier eine Liste mit Howls Unterschrift. Er meinte, Sie können mir diese Dinge auf Firmenkosten auftreiben.“

Ohne große Worte nahm sie die Liste entgegen. „Ich stelle dir einfach ein paar Gutscheine aus. Damit gehst du zu den Lagern der jeweiligen Fabriken, sie händigen dir das Material einzeln aus.“ Sie nahm einige Zettel von einem Stapel und begann zu schreiben. „Du wirst wohl eine Kutsche brauchen, um all das zu transportieren. Hier hast du ein paar Flammlinge. Das sollte genügen.“

Joran bedankte sich, nahm die Gutscheine und das Geld und verließ das Vorzimmer.

Der schwierige Teil war getan. Bald konnte er endlich anfangen, zu forschen.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

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