Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 1

Thorn

Die harte Holzbank drückte ihm in die Knie, der kalte Stein um ihn herum ließ ihn frieren, und Thorn hatte es satt.

Das gemeinsame Gebet ging nun schon eine halbe Stunde. Die anderen Inquisitoren neben ihm hatten ihren Blick demütig nach unten gerichtet, schaukelten ihren Oberkörper mit verschränkten Armen vor und zurück. Die langen braunen Roben aus groben Stoff fielen schlaff an schlaffen Körpern herunter. Bei denen, die seit Jahren die heiligen Hallen nicht mehr verlassen hatten, war es am schlimmsten.

Ob sie sich bewusst sind, wie lächerlich sie dabei aussehen? Das fragte er sich nun schon fast sein ganzes Leben.

Das Gebet fand in einer der heiligen Hallen des Ordens statt, mit ihren hohen Decken und dicken Säulen aus kaltem Stein war der Raum majestätisch. Jeder hätte sich hier klein gefühlt, von alles umfassenden Stein und Massen von braunen Roben umgeben, in denen der Einzelne völlig unterging. Alles im Orden versuchte, einem Demut beizubringen, einen klein zu halten. Thorn von Hartlingen betrachtete das seit seiner Jugend, seit sein Vater ihn zum Dienst im Orden verdammt hatte, als Angriff auf seine innere Größe.

Die anderen mögen sich damit begnügen, nur eine Robe unter vielen zu sein. Ich kenne meinen Wert, ich weiß, was die Welt an mir hat. Ohne mich würden in Lagon überall Alchemie, Unzucht und Drogenprobleme herrschen, doch niemand hier ist auch nur ein bisschen dankbar für meine Arbeit. Sie scheinen das einfach nicht zu sehen.

Thorn war nicht wie die meisten anderen Inquisitoren hier, die Jahre in den Katakomben der Hallen verbrachten und die Schriften der heiligen Flamme studierten. Thorn war nicht gerne vom Stein umgeben, sein Kampf fand draußen statt, auf den Straßen von Lagon, wo eine braune Robe und ein Flammensplitter noch Respekt einflößten.

Die Inquisition hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die ganze Stadt von dem Schmutz zu reinigen, den Brocken, Bor und Prostitution in ihrer wässrigen, fauligen Korruption auf die Straßen spülte. Brocken war die gängige Droge in Lagons Elendsbezirken, und Bor eine alchemische Substanz, die man aus Brocken gewinnen konnte, und mit der Alchemisten widernatürliche Experimente durchführten. Und J‘zharrs heilige Flamme würde sie alle ausbrennen. Zumindest solange Thorn diese Flamme führte.

Thorn war der beste Ermittler, den der Orden zu bieten hatte. Rücksichtslos spürte er einen Alchemisten nach dem anderen auf und übergab ihn dem heiligen Feuer.

Nun, er war nicht der beste in seinem Job, indem er nach den Regeln spielte. An die Gebote des Ordens glaubten doch sowieso nur die Bankdrücker, die gerade neben ihm so demütig herum wippten und nichts von wahrer Größe verstanden. J‘zharr, der Gott der sie erlassen hatte, und den sie alle verehrten, war seit einigen hundert Jahren tot – und trotzdem hielten diese Idioten sich noch an seine Regeln. Von ihnen war nichts großes zu erwarten.

Thorn war der beste, weil er das beste Netzwerk hatte. Er wusste Bescheid, wer die besten Zutaten verkaufte, wo man an das reinste Bor kam, welches Brocken gerade besonders beliebt war. Keiner der anderen Inquisitoren wusste so gut über Bor Bescheid wie er. Die Substanz interessierte ihn, brennend sogar.

Eine Bor-Mischung, mit der man jemanden blenden, ein Verbrechen vergessen oder sich selbst schützen konnte, erforderte immer eine Portion reines Bor, und eine Zutat, die den genauen Effekt bestimmte. Das was der Orden gemeinhin als Alchemie bezeichnete, war eine einfache Bor-Verbindung, mystisch aufgeladen durch die ketzerische Einbeziehung unheiliger Tiere, Halluzinogener Substanzen und gesellschaftlichem Tabu.

Indem Thorn wusste, wer die anderen Zutaten verkaufte, und sie dann erpresste oder mit ihnen kooperierte, um ihnen mit der Konkurrenz zu helfen, kam er immer an genug Bor-Fabrikanten heran, um Erfolge vorweisen zu können. Sogar ein wenig Schutzgeld hatte er so durch seine Arbeit beiseite legen können.

Er machte sich keine Illusionen. Der Orden verdammte Alchemie natürlich und versuchte seit Jahrhunderten, sie auszurotten. Aber für Thorn war Bor nicht der Feind, es war viel mehr ein Mittel. Je mehr er im Kampf gegen Bor glänzen konnte, desto eher würde er in der Hierarchie des Ordens aufsteigen. Und je mehr Bor tatsächlich umgeschlagen wurde, je mehr Untergrundalchemisten ihr Glück wagten, desto mehr konnte er glänzen.

Und so konnte er innerlich nur noch lachen, wenn er all die Inquisitoren um sich herum sah, wie sie fromm hin und her wippten. Abschätzig musterte er die steinernen Gesichter, die sie in ihrer Demut bewahrten, und aus denen jeder Impuls verschwunden war.

Kein Impuls, kein Ehrgeiz. Ich werde mir meine Größe jedenfalls nicht nehmen lassen. Eure Demut ist Schwäche, keine Zurückhaltung. Ihr wollt nicht heraus stechen, weil ihr es nicht könnt. Und so werdet ihr nie führen. Nicht, dass es ihn störte, dass sie keine Konkurrenz darstellten; so konnten sie einen Thorn von Hartlingen an ihrer Spitze umso besser gebrauchen.

Er hieß nicht wirklich Thorn von Hartlingen. Seitdem die Privilegien des Adels abgeschafft worden waren, musste er sich mit Thorn Hartlingen zufrieden geben, doch er nahm diese Demütigung nicht hin. Er erlaubte seinen Untergebenen nicht, dass „von“ wegzulassen. Sie sollten mit jedem Satz spüren, dass er wichtiger war als sie.

Um den Namen seiner Familie ging es ihm dabei nicht. Er war der letzte seiner Familie, der noch am Leben war, und würde seine Blutlinie wohl kaum weiterführen. Den Inquisitoren war es verboten, Sex zu haben. Thorn vermisste es nicht. Er zog es vor, seine Macht anders auszuüben.

Wenn sie nur etwas von Macht verstanden hätten. Er ließ seinen Blick schweifen. Einer von ihnen war inkompetenter als der andere. Harnag? Sein weiches Herz in allen Ehren, doch auf der Straße Brot zu verteilen würde nicht eine Seele mehr vor der Kriminalität retten. Hungrige Mäuler arbeiteten besser. Nicht, dass Thorn viel Erfahrung mit Arbeit hatte.

Oder Raft? Der Ratsinquisitor saß in der vordersten Reihe, und gegen ihn hatte Thorn eine besondere Abneigung. Alle im Orden lobten seinen Eifer, wenn er den Rat der Stadt Lagon immer wieder mit seinen kritischen Einwürfen zur Frömmigkeit rief. Eine moralische Instanz, nannten sie es immer. Auf der Straße hätte er mit all seinen Prinzipien nicht eine Minute überlebt; und Thorn bezweifelte, dass er den Einfluss des Ordens im Rat wirklich mehrte. Er mochte ein schönes Gesicht nach außen darstellen – doch wenn man sich im Rat nicht die Hände schmutzig machte, konnte das nur heißen, dass man nichts bewegte.

Vor allem ist er mir im Weg. Solange seine würdevolle Miene dem Orden ein Gesicht leiht, wird kein Hahn nach meiner wertvollen Ermittlungsarbeit krähen. Schein schlägt Erfolge, und meine Hände sind zu schmutzig, um in den oberen Rängen gut auszusehen. Nun, vielleicht sind sie nur nicht schmutzig genug.

Der Inquisitor, der das Gebet anleitete, kam zum Ende seiner Litanei. Thorn spürte die Last von sich abfallen. Die gemeinsamen Gebete waren bedrückend, doch Thorn konnte sie nicht überspringen. Sie waren ein notwendiges Übel des Weges, den sein Vater ihm damals aufgezwungen hatte.

Die Ränge leerten sich, und Thorn eilte zurück zu seinem Arbeitszimmer. Er nickte Inquisitor Orfan zu, als er an ihm vorbei eilen wollte – doch der sprach ihn an.

„Entschuldige, Thorn. Hättest du für einen Moment Zeit?“

Orfan war mit Abstand der langweiligste, gutgläubigste Narr, der im Orden so herumlief. In seiner naiven Frömmigkeit war es seine Aufgabe, den Novizen Unterricht in Mythologie zu erteilen. Thorn hatte dafür nichts übrig. Die Novizen, die für ihn arbeiteten, wussten besser nicht genug über die Theorie ihres Glaubens, um seine Methoden zu hinterfragen. Doch Thorn konnte ihm ein Gespräch nicht abschlagen. „Selbstverständlich, Orfan. Worum geht es?“

Orfan rang mit seinen Händen. „Ihr betreut doch diesen Novizen, Varg. Er ist heute abermals nicht zum Unterricht erschienen… ich mache mir ein wenig Sorgen um ihn. Seid ihr sicher, dass ihr ihm nicht zu viel eurer gefährlichen Tätigkeit aufladet? Er scheint seine anderen Pflichten zu vernachlässigen.“

Thorn blickte ernst drein. „Er hat den Unterricht versäumt? Das ist natürlich nicht tragbar. Dann war er mit dem Auftrag, den ich ihm erteilt habe, offensichtlich nicht schnell genug. Er sollte einen Bor-Lieferanten beschatten… ich werde ihn tadeln, dass der Kriminelle nicht schnell genug an sein Ziel gelangt ist, dass Varg noch seinen Unterricht erreichen konnte. Das nächste Mal soll er seine Zielperson lieber zur Eile drängen!“ Sarkasmus troff aus seinen Worten, tropfte auf Orfans Selbstwertgefühl und zersetzte es binnen Sekunden.

Orfan beeilte sich, sich für die Störung zu entschuldigen und versicherte, dass Thorns wichtige Tätigkeit natürlich Vorrang gegenüber dem Unterricht hatte. Thorn murmelte etwas und eilte weiter. Er hatte zu tun.

Sein Arbeitszimmer war zentral in den Arbeitsräumen der heiligen Hallen gelegen. Seine Erfolge waren allgemein angesehen, und Thorn hatte viel Arbeit hineingesteckt, sie im richtigen Licht erscheinen zu lassen. So war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie ihm ein vorteilhaftes Arbeitszimmer gewährt hatten.

Als er die Tür öffnete und den Raum betrat, grüßte Varg ihn mit einem schelmischen Lächeln. Eigentlich hätte er seine Robe tragen müssen, in einem dunklen schwarz, im Gegensatz zu der braunen Robe, die Thorn trug. Doch er trug normale Alltagskleidung. Immerhin war er gerade inkognito im siebten Bezirk unterwegs gewesen. Seine kurzen blonden Haare passten perfekt zu dem Stolz, der auf seinen Wangen stand.

Der Grund für sein stolzes Lächeln war wohl der dritte Mann im Raum: auf einem Stuhl saß ein schlecht rasierter Mann Anfang zwanzig. Er schien nicht ganz bei sich zu sein, starrte ins Leere, und murmelte irgendetwas vor sich hin. Er war ähnlich gekleidet wie Varg, mit einem Unterschied: seine Hände waren gefesselt.

Thorn tadelte Varg. „Ich habe nur davon gesprochen, ihn zu beschatten. Von einer Festnahme habe ich nichts gesagt. Kannst du nicht einmal klare Befehle befolgen?“

Das Lächeln wich sofort aus Vargs Gesicht. „Aber, Meister… ich habe ihn nicht einmal festgenommen. Er ist freiwillig mitgekommen! So sehr auf Brocken ist er, er wollte, dass ich ihn irgendwo hinbringe. Er fühlt sich verfolgt, hat er gesagt, und dass es ihm nicht gut geht, ob ich ihm vielleicht helfen könnte? Naja, geholfen habe ich ihm. Ich glaube nicht, dass er weiß, wo er ist. Und die Fesseln habe ich ihm auch erst angelegt, als er anfing, nun… er öffnete… ich habe ihm gesagt, dass es eine Sünde ist! Glaub mir, Meister, es ist besser, dass er gefesselt ist.“

Thorn verdrehte die Augen. „Du weißt, was ich meine. Jetzt können wir ihn nicht mehr beschatten, um an seine Hintermänner zu kommen. Wir müssen wieder von vorne anfangen.“

Varg kratzte sich verlegen im Nacken. „Ja, ich weiß – aber was hätte ich machen sollen? Er hat mich um Hilfe gebeten. Ist es nicht eine Tugend des Ordens, denen in Not zu helfen?“

Thorns Stimme war leiste, doch vernichtend. „Ich wünschte, du würdest deine Pflicht so gewissenhaft erfüllen, wie du dir die Gesetze des Ordens zurechtbiegst.“

Das Privileg, die Gesetze des Ordens zu biegen, liegt bei mir. Du tust gefälligst, was ich dir auftrage, dachte Thorn.

Varg zuckte mit den Achseln. „Nun, zumindest redet er wie ein Wasserfall. Wenn du ihm die richtigen Fragen stellst, solltest du mindestens so viel aus ihm herauskriegen, wie wenn ich noch einen Monat hinter ihm her gerannt wäre.“

Das genügte Thorn. Er stellte sich vor den Mann, griff ihm ins Gesicht und hielt ihn am Kinn fest. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als Thorn anzuschauen. Sofort hörte er damit auf, unverständliches Zeug vor sich hin zu murmeln. „Wer bist du?“, fragte Thorn.

Der Mann stockte, als er versuchte sich daran zu erinnern, wie man log. Es fiel ihm nicht ein. „Ich… ich bin Mutt. Ein ehrbarer Dieb, glaube ich.“

Varg fiel dazwischen. „Ja, du hast so eine Mütze in deiner Jacke. Dass du ein Dieb bist, wissen–“, doch Thorn brachte ihn mit einer Handbewegung zum verstummen.

„Gut. Und für wen arbeitest du?“ Thorn begann, weicher zu sprechen. Er wollte ihn nicht verunsichern. Sein berauschter Geist war offensichtlich in Aufruhr; Thorn wollte, dass die richtigen Dinge an die Oberfläche sprudelten.

„Für Marcin natürlich. Der ist der beste im siebten Bezirk. Und er zahlt am besten. Du denn nicht?“, fragte er zurück, doch Thorn lächelte nur als Antwort. Ein Lächeln, das nicht bis zu den Augen reichte.

„Marcin, soso. Du lieferst Brocken für ihn, nicht wahr?“

Mutt lachte. „Aber das weißt du doch schon, oder? Marcin braucht viel davon. Dabei nimmt er es nicht einmal selbst! Eine Schande, er sollte es versuchen.“

Thorn ließ ihn geduldig ausreden. „Eine Schande, aha. Kannst du mir denn mehr über Marcin erzählen? Er scheint ja gut drauf zu sein.“ Die nette Schiene schien hier besser zu funktionieren, in Sekundenschnelle wechselte Thorn seine Strategie. Er ließ Mutts Kinn los.

„Man glaubt gar nicht, dass er nur Leutnant ist! Er kennt eigentlich jeden. Der Hauptmann, Kenin, ist viel jünger als er, doch Marcin macht nichts dagegen, dass er über ihm steht.“

„Ist das denn ungewöhnlich?“ Thorn bohrte nach.

„Natürlich! Marcin wäre ein viel besserer Hauptmann. Kenin ist ziemlich viel drauf und genießt das Leben, während seine Leutnants die ganze Arbeit machen. Aber vielleicht ist das ja der Job eines Hauptmanns.“

„Du lieferst also nicht an Kenin, sondern direkt an Marcin?“

Mutt lachte berauscht. „Ja, wie gesagt, Kenin hält sich da voll raus. Kümmert sich mehr um Prostitution, wenn du verstehst, was ich meine.“ Er lachte immer lauter, es wirkte unnatürlich.

Thorn war beunruhigt. „Und von wem kriegst du dein Zeug?“, fragte er, um Mutt wieder auf die richtige Spur zu bringen. Doch Mutt lachte nur weiter und weiter.

„Ihr wisst schon, wer würde nicht lieber mit den Huren, na?“, und es wurde schriller.

Thorn nickte Varg zu. Der trat vor und gab Mutt eine Ohrfeige. „Wirst du wohl seine Frage beantworten?“

Mutt war wie vom Donner getroffen. Er wollte zurückschlagen, doch seine Hände waren gefesselt. Sein Gesicht fror ein, als er feststellte, dass er seine Hände nicht bewegen konnte.

Oh. Das wird wohl nichts mehr mit der Frage.

„Du… warum hast du mich gefesselt? Und, warum hast du da eine… eine Robe an?“ Mutts Augen wurden groß, als ihm eine Erkenntnis kam.

Thorn sah, wie Mutt wütend wurde.

Oh, er ist auf Brocken. Das ist gar nicht gut, vor allem bei der Dosis, die er genommen hat. Brocken war die beliebteste Droge Lagons, doch sie hatte einige Nachteile – zum Beispiel, dass emotionale Ausbrüche auf Brocken zu alchemischen Entladungen führten. Vorsorglich zückte Thorn seinen Flammensplitter – vielleicht würde er eingreifen müssen.

Varg war nicht so vorsichtig. Er griff Mutt am Kragen und schrie ihn an. „Das hat dich einen Scheiß zu interessieren. Woher kriegst du deine Lieferungen!?“

Varg kreischte auf, als sein Hemd plötzlich in Flammen aufging. Sofort ließ er Mutt los und taumelte nach hinten. Thorn handelte schnell – er versetzte sich in einen Zustand geistiger Leere. Leidenschaft schwächte die Verbindung zwischen ihm und seinem Flammensplitter nur, also rief er sich in Erinnerung, wie wenig er sich für seinen Novizen interessierte.

Die Flammen erstarben, als Thorn den Flammensplitter hob und das Feuer lenkte. Varg rollte sich noch ein bisschen auf dem Boden hin und her, riss sich die immer noch heißen, verkohlten Fetzen seiner Kleidung vom Körper. Seine Haut war gerötet, doch ernsthafte Verbrennungen hatte er nicht davon getragen. Zum Glück hatte Thorn so schnell eingegriffen. Außerdem schien das Feuer nicht besonders heiß gewesen zu sein, zu schwach war die Wirkung des Brockens.

Der Dieb war aufgesprungen, und gegen die Tür gerannt, doch öffnen konnte er sie mit gefesselten Händen nicht. Er blickte über die Schultern und starrte intensiv auf seine Fesseln – bis Rauch von ihnen aufstieg, und sie zu schmoren begannen.

Er benutzt wieder Feuer? Ihn werde ich leeren. Thorn hob seinen Flammensplitter.

Mutts Augen wurden groß, als die Fesseln plötzlich dunkelrot aufflammten. Das war nicht mehr die leichte Glut, die er sich herbeifantasiert hatte. Er riss die Hände auseinander, teils um sich zu befreien, teils, weil er die Hitze nicht ertrug.

Die Überreste der Fesseln fielen zu Boden, doch seine Handgelenke brannten weiter.

Die meisten legen keine Fantasie in ihre Flammen. Doch jeder Brand war ein Kunstwerk.

Mutt schrie auf und stürzte zur Tür, doch das Feuer ergriff unaufhaltsam seine Arme, kroch in Sekundenschnelle über den Oberkörper, bis es keine Grenzen mehr kannte und der gesamte Mann in Flammen stand. Die laufende Fackel stürzte auf die Knie, der Schrei wurde unförmig und verlor seine Menschlichkeit, als sich die Flammen durch das junge Gesicht fraßen.

Varg drängte sich erschrocken an die Wand. Der Ärmel von Thorns Robe schmiegte sich an seinen erhobenen Arm, die den Flammensplitter hielt, mit dem er das Feuer kontrollierte, das den Dieb verbrannte. Thorn und Varg warfen lange Schatten an die Wand. Nur Mutt würde nie wieder einen Schatten werfen.

Diese Macht.

Die Schreie hörten irgendwann auf und der verkohlte Körper stürzte zu Boden. Thorn ließ die Flammen ersterben, doch Varg begann zu husten und stürzte zum Fenster, um den Rauch nach draußen zu lassen. Die Tür wurde ebenfalls aufgerissen, und einige Inquisitoren mit erhobenen Flammensplittern standen vor dem Zimmer – kopflos rein rennen wollten sie allerdings nicht, vor allem, da die Rauchwolke, die ihnen entgegen schlug, die Sicht verhinderte.

Thorn ließ den Arm sinken, während er wartete, dass der Rauch sich verzog. „Hier ist Thorn von Hartlingen, die Lage ist unter Kontrolle.“

Von draußen rief jemand. „Was ist passiert? Braucht jemand einen Segen?“

Varg hatte zu husten aufgehört. „Nein, er wurde bereits gereinigt. Alles in Ordnung, wir sind okay.“

„Wer?“

Thorn räusperte sich. „Ein Dieb, des Brockenschmuggels angeklagt. Er leistete Widerstand gegen sein Verhör und das Brocken in ihm setzte Novizen Varg in Brand. Ich musste eingreifen. Der Angeklagte wurde gereinigt.“

Es war ein guter Tag, ein Inquisitor zu sein.

Author: compl4xx

complÄxx schreibt beruflich Blogposts; und freiwillig Songtexte sowie ein Buch. Als Aktivist kämpft er dafür, den Zugang zu Kunst, Kontinenten, und U-Bahnen für alle zu ermöglichen. Eigentlich wäre er gerne Hacker.

2 thoughts on “Das Geheimnis des Inquisitors – Kapitel 1”

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